Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 7 (13.2.1936)
- Date
- 1936-02-13
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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dem Betrachter auf kaufmännischem Gebiet.. Natürlich ist es ausgeschlossen, hier sofort eine eigene Firma zu etablieren; ohne genaue Kenntnis der amerikanischen Usancen und Marktverhältnisse im allgemeinen wäre das ein leichtfertiges Wagnis. Dagegen werden dieses Warenhaus und jene Textilfabrik möglicherweise bereit sein, erstklassige deutsche Spezialisten, die auch die Landessprache vollauf beherrschen, zu fairen Bedingungen anzustellen. Des Immigranten Geschicklichkeit rm Umgang mit Menschen wird dabei von entscheidender Bedeutung sein. Wir beobachteten einzelne günstige Fälle, warnen aber dringend vor einem rosenroten Optimismus. Bisher haben wir immer nur von den einwandernden Männern gesprochen. Was wird aus den Mädchen und Frauen? Sie sind etwas besser daran — sofern sie sich bescheiden. In den Berufen, die wir schon streiften, werden sie schwerlich größere Erfolge erzielen als ihre männlichen Mitbewerber. Auch in der sozialen Arbeit werden immer nur einzelne Persönlichkeiten ein neues Wirkungsseld finden. Gymnastiklehrerin? Krankenschwester? In dem einen oder anderen Fall ist da vielleicht eine Hoffnung,^ aber nicht mehr. Dagegen kenne ich verschiedene junge Damen, die sich hier schon hübsche Sekretärinnen-Stellungen errungen haben. Gewandtes Austreten, vorzügliche Sprachkenntnisse, Beherrschung auch der englischen Stenographie sind Voraussetzungen für jeden Erfolg auf diesem Gebiet. Im Notfall kann sich ein junges Mädchen einige Zeit als Kinderfräulein oder Hausgehilfin durchschlagen und sich damit vor dem Hunger schützen. Stellungen dieser Art sind wohl ohne allzu große Mühe zu finden. Das ist, ganz nüchtern betrachtet, die berufliche Situation der deutschen Einwanderer. Sie haben weder einen Anlaß, himmelhoch zu jauchzen, noch brauchen sie zum Tode betrübt zu sein. Hält der starke Konjunkturaufschwung in USA an und bessert sich die Lage aus dem Arbeitsmarkt — der neueste offiziöse Bericht lautet verhältnismäßig freundlich —, so wird unser nächster Aussatz zu diesem Thema vielleicht schon fröhlicher klingen können. Eine jüdische Geschichte Felix A. Theilhaber, Im Kampf um Gott, Volk und Land, Geschichte der Juden in Erez Israel (1300 v. Chr. bis 300 n. Ohr.). Verlag Kedem, Berlin. Ein neuer jüdischer Geschichtsschreiber, der eine jüdische Geschichte in einem oder höchstens zwei Bänden vorlegen würde, die in knappem Stil lebendig geschrieben wäre, aber so, daß nichts Wesentliches entbehrt wird, — das ist ein Wunschbild von vielen. Denn das, was bisher in deutscher Sprache vorhanden ist: Graetz und Dubnow, Kastein und Prinz, genügt nicht. Das eine Werk ist vielbändig, mancher traut sich gar nicht erst heran; das andere ist mehr Hymnus, als Historie; ein drittes, bei aller Klassizität der Darstellung, geht von nicht mehr gültigen Grundansichten der Geschichtsbetrachtung aus. Das Bedürfnis also ist da und ein rühriger Verlag tut recht daran, wenn er darangeht, es zu befriedigen. In diesem Augenblick legt Felix A. Theilhaber, der bekannte Arzt und Sozialstatistiker zwar nicht eine Gesamtgeschichte, aber eine Geschichte der Juden in Erez Israel vor. Auch der Verfasser kann also aus allgemeine Aufmerksamkeit Anspruch erheben, um so mehr, als er in der Vorbemerkung ein übriges tut, indem er in Anknüpfung an die vor 25 Jahren erschienene Schrift, die ihn bekannt gemacht hat, sagt: „Habe ich damals die Einzelheiten zusammengesaßt, um einen großzügigen Blick in die Zukunft zu tun, so habe ich jetzt eine ebenso aufrüttelnde Rückschau auf die Vergangenheit der Juden verfaßt, die ebenso unerbittlich mitreißend die aneinandergereihten interessanten Begebenheiten zu einer großen Sicht vereint . . ." Der aufmerksame Leser wird sich dieser Auffassung des Autors nicht anschließen können. Ist es schon ein gewagtes Unternehmen, wenn man von Medizin und Statistik ohne weitere Vorbereitung zur Historie übergeht, so wird das Wagnis zur Blasphemie, wenn man sein Gesellenstück gerade an dem Stoff zu formen sucht. g" an dem Gott selbst sich den Vätern unserer Väter und durch sie allen Völkern der Welt offenbart hat. Wer sich im Umkreis naturwissenschaftlich gelöster „Welträtsel" einer vergangenen Generation beruhigt hat, ist kein Jude; es ist von jedem jüdisch zu nennenden Standpunkt aus rotesk anzusehen, wenn ein aus seinem Gebiet ochverdienter Mann dieser Art ein Führer zu jüdischer Erneuerung von den Quellen her sein will. Der Erzvater Abraham „spukte" nicht in der Geschichte (S. 12), er ist der Träger der Verheißung; nicht „aus der Froschperspektive der Beduinen erfährt ihr Einsall in Palästina ein bedeutsames Ausmaß" (S. 53), .sondern aus der höchsten Sicht der Weltgeschichte; daß „der Rinderhirt und Feigenzüchter Amos Gott als die personifizierende Gerechtigkeit" anspricht (S. 76), ist schlechthin unverständlich; und wenn „das kleine Volk der Juden" jener Zeiten als „ein Freund der Feder" bezeichnet wird (S. 77), so ist damit die ganze Schreibtischhaftigkeit — nicht des alten Israel — aber der Theilhaberschen Geschichtsschreibung aufgedeckt, 4>e style, c’est l’homme. Sobald Theilhaber aus dem Bereich des biblischen Berichts herauskommt, wird seine Darstellung erträglicher. Es gibt „aufrüttelndere" Beschreibungen der Hasmonäerzeit, der Kriege mit Rom und insbesondere der frühen rabbinischen Geisteswelt, aber wenigstens besteht für die Spätzeit nicht mehr die Gefahr, daß die bröckligsten Thesen der Bibelkritik einer notwendigerweise kompilatorischen Arbeit lieber zugrunde gelegt werden als die begründetsten Anschauungen jüdischer Sachbetrachtung. Es ist ein zweifelloses Verdienst, wenn auf die Bedeutung ökonomischer und sozialer Faktoren bei der verhängnisvollen Entvölkerung Palästinas im ausgehenden Altertum hingewresen wird. Hätte sich Theilhaber auf dieses ihm naheliegende Stoffgebiet konzentriert, so hätte er vielleicht unsere Anschauungen über jene noch längst nicht genügend erforschte Zeit erweitern können. So wie sein Werk sich nun präsentiert, hat er zuviel gewollt: das gute einzelne geht unter, und die verfehlte Anlage des Ganzen bleibt. Werner Cahnmann. Leben und Werk eines Frühvollendeten Chaim Arlosoroff, Leben und Werk. Hechaluz-Verlag, Berlin. Dieses „Lehrbuch des Zionismus der Nachkriegszeit", das der Hechaluz-Verlag „für den Chawer wie für jeden denkenden Zionisten und Juden" aus Schriften, Reden, Tagebüchern und Briefen Chaim Arlosorosfs zusammengestellt hat, realen Zionismus und der palästinensischen Wirklichkeit. Nichts ist charakteristischer und zugleich rühmlicher für die Persönlichkeit Arlosorosfs als dieser instruktive Querschnitt durch seine politische Gedankenwelt. So erschöpfend und lebendig im Zeugnis ist die Einheit zwischen Mann und Werk, daß sich die biographischen Aufsätze und selbst der interessante Essay von Georg Landauer, die den Schriften Arlosorosfs vorangehen, fast erübrigen. „Was uns nottut, ist — klarer Verstand und ruhige Analyse, die die Kräfteverhältnisse und die Tendenzen der Entwicklung richtig abwägt." Dieser Vorsatz, den er anläßlich einer Betrachtung des Araberproblems verwirklicht wissen will, bezeichnet prägnant Dialektik und Strategie des bei aller inneren Leidenschaftlichkeit niemals übertrieben fanatischen oder chauvinistischen Arbeiterführers. Selbstverständlich ist die Schrift einseitig und radikal, wie es nun einmal die ideelle Position eines überzeugten Nationalisten verlangt. Besonders augenscheinlich wird seine Subjektivität in der mitleidslosen Kritik an der Golaexistenz und namentlich in der von einer gefährlichen Skepsis beherrschten soziologischen Analyse über die amerikanische Judenfrage. Diese Briefreihe mit dem Titel „New-Pork und Jerusalem", die sich in außerordentlich scharfer Untersuchung mit der sozialen Struktur der „jüdischen Gesellschaft" in Amerika tatsächlich aber und vordringlich mit dem jüdischen Mittelstand und Kleinbürgertum befaßt, geht mit einer auffallenden Tendenz an emanzipatorischen Pakten vorüber, deren Erheblichkeit namentlich für das politische (finanzpolitische!), wirtschaftliche und geistige Leben Amerikas heute unstreitig ist. Diese Unterlassungssünden vermindern natürlich den wissenschaftlichen Wert der Untersuchung, wenngleich sie den politischen Reiz erhöhen mögen. Zum anderen werden bestimmte Erscheinungen des Diasporajudentums in ihrer politischen Bedeutung fraglos überschätzt. So namentlich, wenn interterritoriale Verbünde der separatistischen Orthodoxie oder gar des assimilierten Liberalismus als nationale Konzentrationsmagazine verdächtigt werden. Mit dem gleichen Rechte könnten zwischenstaatliche und vielleicht hochkapitalistische Wirtschaftsverbindungen als Ausdruck internationaler und sozialer Solidarität aller Volksschichten empfunden werden. Demgegenüber fällt die außerordentliche Objektivität und oftmals schonungslose Selbstkritik aus, mit der die soziale und Politische Situation Palästinas selbst beleuchtet wird. Hier spricht nicht der Ideologe, dem es um die Flicken einer schadhaften Realität zu tun ist, und auch nicht der aus der politischen Werbearbeit sattsam bekannte Parteifunktionär, der den doktrinären Gang der Programmaschine überwacht, hier spricht in aller Jllusionslosigleit und Strenge der verantwortliche Chawer, der um den gerechten Ausgleich zwischen den objektiven Notwendigkeiten der Situation und den subjektiven Bedürfnissen der Bewegung und ihrer Menschen bemüht ist. Es ist von vornherein falsch, mit vorgefaßten Meinungen und gewohnten Maßstäben an die palästinensische Srtuation heranzutreten. Die Andersartigkeit und Vielfältigkeit ihrer Wirtschafts politischen (Alija) Fragen, bevölkerungspolitischen (Arabersrage) und außenpolitischen (Mandatssrage) Problematik lassen die üblichen parteidoktrinären Entschlüsse und Maßnahmen nicht zu. Bewährte Ideologien und politische Meinungen der Diaspora erweisen sich gegenüber deil erforderlichen Taktik des Umgangs mit Boden« Nachbar und Behörde als zu starre Konservativismen. Selbst der Sozialismus erhält ein neues Gesicht. Er gewinnt in Palästina seine Kräfte und» Maßstäbe aus nationalen Bezirken. Der Arlosorosssche Volkssozialismus bezieht seine Realität aus der Konzeption der „wirtschaftlichen Nation". Damit verzichtet er auf die revolutionäre Kraft, wie andererseits auch der moderne» Nationalgedanke notwendigerweise relativiert wird. Eine Auseinandersetzung mit diesem hochinteressanten Kapitel aus dem Gebiet der nationalen Minorität ist in diesem Zusammenhang so? wenig erforderlich wie möglich. Die Verdeutlichung des Problems gibt das Buch selbst in Form einer intensiven Auseinandersetzung mit all den Erscheinungen und Gegenspielern, in deren Kraftfeld sich der reale Zionismus zu behaupten und zu bewähren haben wird. Diese Widerstände gehen auch vom eigenen Lager aus, wie der Beitrag „Zur Struktur der viertenAlija" darstellt, der Alija „des kleinen Mannes", mit seinen ungesunden Verstädterungsambitionen. Sie kommen von der Seite des Revisionismus her, wie der Ausschnitt aus der Debatte auf dem XVII. Zionistenkongreß lehrt. Vordringlich ist es aber die immer wieder behandelte Araberfrage und das durchaus unfreundliche Behördenreglement der Mandatarmacht, die den Hauptbestandteil der Auseinandersetzungen bestreiten. Von besonderem Interesse ist Arlosorosfs Registrierung der absolut kühlen, wenn nicht gar feindseligen Atmosphäre im Umkreis der britischen Verwaltung und der offene Zweifel an dem politischen Segen des Mandatsverhältnisses; ihm hat er ein besonderes Kapitels betitelt „Die Glasmauer" (!), gewidmet. Dieses Buch wird Zionisten und Nichtzionistett Wesentliches zu sagen haben. Nicht so sehr durch die Schönheit, wie durch, die Schwierigkeiten des Gegenstandes, den es schildert. Den einen werden! sie den Blick für die objektiven Gegebenheiten schärfen, den anderen für die Größe der Leistung« Beiden wird der Ernst eines Werkes offenbar und der Respekt vor einem Manne zur Pflicht werden« die gemeinsam zur Ehre der Arbeit und des jüdischen Namens beigetragen haben. H. K, Der Schriftsteller S. Lichtenstaedter, der schon unter den Decknamen Dr. Mehemed Emin Effendi und Nueman als Publizist hervorgetreten ist, veröffentlicht unter dem Titel „Zionismus und andere Zukunftsmöglichkeiten" (Verlag von Gustav Engel, Leipzig 6 1) zwei Vorträge, die, wie der Untertitel der Broschüre hervorhebt, die „Herausforderung zu einer Diskussion" bedeuten. In sehr lebendigem, Meinung und Gegenmeinung einander gegenüberstellendem Redestil setzt er sich mit dem Zionismus auseinander. Er erhebt gegen ihn neben religiösen Bedenken die beiden grundlegenden Einwendungen, daß auch bei Ansetzung günstigster Voraussetzungen nur ein kleiner Teil der Judenheit in Palästina Platz finden werde und daß dieser kleine Teil nach einer Zeit des Aufschwungs von der zahlenmäßig um ein Vielfaches überlegenen arabischen Welt in einer kriegerischen Auseinandersetzung aller Voraussicht nach überrannt und ausgelöscht werden wird. An Stelle der aus diesen und anderen Gründen zur Erfolglosigkeit verurteilten zionistischen Lösung empfiehlt er den Erwerb von „ethnographischem Landbesitz" (im Unterschied zu privatrechtlicher und staats- und völkerrechtlichem), der durch jüdische Landarbeit in allen Ländern, in denen insolgg Landflucht ein Landarbeitermangel herrscht, he.s» beigeführt werden müßte. Diese Idee, der zweifel- Buch heißt kurz die Bibel, das Buch der Bücher. Mit Fug nennt man es auch die Heilige Schrift; wer seinen Gott verloren hat, kann ihn in diesem Buche wiederfinden, und wer ihn nie gekannt hat, dem weht entgegen der Odem des göttlichen Wortes. Die Juden, die sich auf Kostbarkeiten verstehen, wußten sehr gut, was sie taten, als sie bei dem Brande des Tempels die goldenen und silbernen Opfergeschirre, die Leuchter und Lampen, sogar den hohepriefterlichen Brustlatz mit den großen Edelsteinen im Stiche ließen und nur die Bibel retteten. Diese war der wahre Tempelschatz und sie wurde gottlob nicht ein Raub der Flammen . . » Heine trat zurück. Die Gesichte verloren sich. Ruhig entschlief er dem letzten Morgen entgegen. Vis sechste Nacht Dies sind die Bilder, die uns vom letzten Lebenslage des Dichters Heinrich Heine überkommen sind. Es kam die Mouche, der die „fahle Blässe seiner Lippen" aufsiel, die „ihn trübe, schwermütig, unter dem Einflüsse jener Stimmung" fand, „wie sie ein trauriger Wintertag erzeugt". „Endlich bist du da!" habe er ihr entgegengerusen, es habe vorwurfsvoll geklungen, sie sei weinend am Bettrand niedergebrochen. „Nimm deinen Hut ab, damit ich dich besser sehen kann!" Unter solchen Worten habe er mit der Rechten an ihrem Hutbande gezerrt. Daß er mit der Linken — wie er in den letzten Jahren zu tun Pflegte — das gelähmte Augenlid gehoben, sie noch einmal gesehen habe, wagt die Mouche nicht zu behaupten. Nach ihrem Bericht hat er an der Hand die Tränenslut gespürt, die ihr entstürzte und geschwiegen. Kein Wort sei gewechselt worden, „aber die Hand des Freundes, welche aus meinem Haupte lag, schien mich zu segnen!" Als sie ging, habe er noch einmal gesprochen und „deutlich, aber angstvoll zitternd" gerufen: „Aus morgen, hörst säume nicht!" Am Nachmittag, so berichtet Catherine Bourlois in einem Briefe an Charlotte Embden, zwischen 4 und 5 Uhr habe Heine wiederholt den Wunsch geäußert, sie möge etwas schreiben. Der Kranke sei so schwach gewesen, daß sie ihn auf das dreimal geflüsterte Wort hin vertröstet habe. „Wenn es besser ist, werden Sie selbst schreiben!" Er habe geantwortet: „Ich werde sterben . . .!" („Je vais mourir—“) Ob der letzte Besuch Dr. Grubys vor oder nach dieser Szene stattgesunden hat, steht nicht fest. Meißner berichtet: „Der Arzt trat ein, und Heine fragte ihn, ob er sterben werde. Doctor Gruby glaubte ihm nichts verhehlen zu müssen. Der Kranke empfing die Nachricht mit voller Ruhe." Am Abend kam eine zweite Wärterin, die der Arzt zur Unterstützung Catherines für notwendig gehalten und geschickt hatte. Aus dem Bericht Catherines an Gustav Heine geht hervor, daß Heine in der Nacht die verordnet Medizin abgelehnt hat. „Sei ruhig! Ich werde dem Doctor selbst sagen, daß ich nicht trinken wollte. Die Arzneien helfen nichts mehr!" Das seien die letzten Worte Heinrich Heines gewesen ... Bor diesen Stunden schweigt die Phantasie. Die Berichte von ihnen stimmen darin überein, daß der Sterbende bis zum letzten Augenblicke bei vollem Bewußtsein war. Welche Bilder tanzten vor seinen geschlossenen Augen? Der Abschied von der Mouche scheint endgültig gewesen zu sein. Mathilde war durch all dre Jahre Gegenstand aufreibender Sorge gewesen, sie durfte er mit guten Gefühlen dankbar verlassen und gewiß. Alles spricht dafür, daß die letzten Gedanken des Sterbenden der Heimkehr gehört haben zu den Quellen, ans denen sein Leben kam. Den Gedanken, noch einmal zu schreiben, hat er in diesen Stunden wohl ausgegeben. Nach dem, was er kurz vorher noch bedauernd gesagt, ist kein Zweifel, daß er an einen letzten Brief für die Mutter dachte. Am Freitag noch soll er seine Freude ausgesprochen haben, daß er Bruder und Schwester noch einmal gesehen habe. Die Familie — in Qual und Leiden war sie sein Geschick. Der Schlag der „Sippen und Magen"° beim Tode Salomon Heines traf die Wurzel seines Seins. Auch, wenn man das Gefühl aller Bitterkeit abzieht, so bleibt genug der Wahrheit, seiner Wahrheit übrig, wenn er an Barnhagen geschrieben hat: „Der Verrat, der im Schoße der Familie, wo ich waffenlos und vertrauend war, an mir verübt wurde, hat mich wie ein Blitz aus heiterer Luft getroffen und fast tödlich beschädigt. Wer die Umstände erwägt, wird hierin einen Meuchelmordversuch sehen; die schleichende Mittelmäßigkeit, die zwanzig Jahre lang harrte, ingrimmig neidisch gegen den Genius, hatte endlich ihre Siegerstunde erreicht . . Er, der den Namen seiner Familie vor der Geschichte geadelt hat und das wußte, sah in dem vom Onkel gegebenen Wort sein Recht. Er bestand darauf, weil er Mathildes Leben gesichert sehen wollte, nicht für sich. Als der Onkel, dem er einmal ins Gesicht geschleudert hat: „Das Beste an dir ist, daß du meinen Namen trägst!" im'Tode Rache nahm, den Neffen statt versprochener Rente mit einer kleinen Summe einmalig absand, gab er seiner Gesundheit den entscheidenden Stoß. Der Streit, der sich anschloß, geführt besonders gegen Karl Heine, den würdigen Sohn und Haupterben seines Vaters, war ein Stück des urewigen Kampfes zwischen Geist und Geldmacht, Genie und Kapital. Daß er diesen Kamps mit den Waffen des Gegners führen mußte, die Feder in Gift getaucht hat in den später vernichteten Memoiren, und so nur siegte, hat ihn tief geschmerzt, hat er nie verziehen. Um so schöner, um so fleckenloser sind andere Bilder. Da ist der Vater. „In seinem Gemüt war beständige Kirmes, immer himmelblaue Heiterkeit"« erzählt er von dem Menschen, der mehr Herz und Phantasie als Geschäftssinn hatte und es zu nichts gebracht. Da sind die Geschwister, die am meisten geliebte Schwester! Charlotte, die Brüder Max(imilian) und Gustav. „Erinnerst du dich noch", fragt eÄ in den letzten Wochen seines Lebens den ihn besuchenden Gustav, „wie einst unser guter Vater in seiner schönen Uniform nach Hause kam, und wie wir, nachdem er sie abgelegt, uns sozusagen in dieselbe teilten? Ich ergriff den Federhut und ries: ,Jch bin Napoleonst Du faßtest nach dem Degen und jubeltest? ,Jch bin Murat!' Unser Bruder Max zog die Uniform selbst an, die er natürlich rückwärts auf dem Boden nachschleppte, fortwährend jauchzend: ,Und ich bin des Kaisers Leibarzt!' Unsere gute, liebe Mutter, welche alle diese Stücke wie Kostbarkeiten zu überwachen Pflegte, schlug die Hände zusammen und setzte unserem Glücke ein baldiges Ende. Es ist merkwürdig, daß ich diese prophetische Szene nie vergessen konnte. Du wurdest Kavallerieofsizier, Max ein berühmter Arzt, und ich liege hier auf meinem St. Helena und sterbe an unsäglichen Schmerzen!" Da ist die Mutter. Heine und sie — das schönste Gedicht für die Muttertage aller Zeiten und Völker! Er hat sie geliebt, er hat sie verehrt, er hat sich nach ihr gesehnt wie nach seiner Heimat. Er hat seine schönsten Gedichte für sie gemacht, für sie und Deutschland, die er, beide so fern, geliebt, ohne sie zu besitzen. „Du meine liebe, brave, rechtschassene Mutter! Was sind die anderen im Vergleich zu Dir! Man sollte den Boden küssen, den Dein Fuß betreten hat!" — der Ton des schwärmerischen Dichters, der die Mutter vergöttert nur. Nein, — „das schöne Herz, das mich so sehr geliebet", sollte nicht traurig sein. Als er ein Knabe war, schildert er sie „nicht damit zufrieden, daß ich Verse machen lexnte, und seien es auch nur französische. Sie hatte damals nämlich die größte Angst, daß ich ein Dichter werden möchte; das wäre das Schlimmste, was mir passieren könnte".