Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 6 (6.2.1936)
- Date
- 1936-02-06
- Page
- [Seite] (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Orange und der palästinensischen Grapefrucht die grössten Schwierigkeiten in den Weg legen. Diese handelspolitische Unbeweglichkeit ist bekanntlich eine Folge der staatsrechtlichen Stellung Palästinas als blosses Mandatsland, dass allen Mitgliedsstaaten des Völkerbundes die gleichen Einfuhrbedingungen gewähren muss. Aber als Japan, der Hauptträger des Dumpings auf dem palästinensischen Markte, aus dem Völkerbund austrat, stellte sich heraus, dass irgendwelche Kampfmassnahmen zur Beschränkung der japanischen Dumpingeinfuhr oder wenigstens zur Ausweitung des palästinensischen Oitrusexportes nach Japan trotzdem nicht in Frage kamen, weil die Japaner ihre Stellung auf dem palästinensischen Markte ausserdem noch durch ein Abkommen mit der Mandatarmacht England gesichert hatten. Das einzige Mittel einer differenzierten Handelspolitik ist der gute Wille der palästinensischen Importeure. In letzter Zeit ist die Anwendung dieses Instruments zweimal zur Debatte gestellt worden. Als Rumänien plötzlich die Einfuhr palästinensischer Citrusfrüchte drosselte, wurde in Kreisen der Citrus-Pflanzer und -Packer der Gedanke erörtert, als Vergeltungsmassnahme den Bezug rumänischen Holzes für Orangenkisten einzustellen. Da die rumänischen Holzlieferungen nach Palästina ein Vielfaches der palästinensischen Citrusausfuhr nach Rumänien ausmachen, wäre dieses Kampfmittel zweifellos sehr wirksam gewesen; man verzichtete aber darauf, da sieh inzwischen Möglichkeiten zu einer gütlichen Einigung zeigten. Ausserdem aber hat der Verband der jüdischen Industriellen, die durch ihre Bezüge von Rohstoffen und Halbfabrikaten ja zu den wichtigsten Verbrauchern ausländischer Waren gehören, mit den Importeuren Fühlung genommen, um zu erreichen, dass diese Materialbestellungen nach Möglichkeit nur an solche Länder vergeben werden, die dem palästinensischen Citrusexport faire Bedingungen gewähren. Auch sonst war bisher der einzige Ersatz für irgendwelche staatliche Hilfe die Bewegung „Tozeret Haaretz“, d. h. der Appell an den jüdischen Käufer, grundsätzlich jüdische Produktion und jüdische Arbeit zu bevorzugen und damit sich und den neuen Einwanderern Arbeitsplätze zu sichern. Wenn auch diese Bewegung in letzter Zeit erheblich an Kraft gewonnen hat, so war sie doch kein ausreichender Ersatz für eine wirtschaftspolitisch orientierte Zollpolitik. Und in diesem Zusammenhang muss noch einmal daran erinnert werden, dass in allen Ländern der Welt junge und alte Industrien Schutzzölle und Erziehungszölle von ihren Regierungen gefordert und erhalten haben. Nur die werdende jüdische Industrie in Palästina mit ihren besonders schweren Arbeitsbedingungen musste ihren Aufbau ohne solche Hilfe erkämpfen, denn das von der englischen Verwaltung durchgeführte Zollsystem war äusserst primitiv, weil es nur zwei Gesichtspunkte kannte: den fiskalischen Gesichtspunkt, älso das Streben nach möglichst hohen Einnahmen für ihre Staatskassen, da direkte Steuern kaum zur Verfügung stehen, und allenfalls den weiteren Gesichtspunkt, übermässige Preissteigerungen zu vermeiden. So kam es stellenweise zu grotesken Widersprüchen im palästinensischen Zolltarif: _ Hohe Sätze für manche Rohstoffe, welche die palästinensische Industrie dringend brauchte, und völlig unzureichender Schutz für manche Fertigwaren, die im Lande selbst produziert wurden. Gegenüber diesem bisherigen Zustand ist natürlich die Durchsetzung produktionspolitischer Erwägungen in der palästinensischen Zollpolitik ein grosser Fortschritt. Es ist bezeichnend, dass in dem „Ständigen Komitee für Handel und Industrie“, das unter Vorsitz des Schatzmeisters (Finanzministers) Johnson gewissermassen den Wirtschaftsrat der Palästinaregierung darstellt, die jüdischen und die arabischen Mitglieder einstimmig für die neuen Zollgesetze eingetreten sind, ebenso wie in gewissen Fragen der Orangenwirtschaft schon - mehrfach die Gemeinsamkeit der sachlichen Interessen den Sieg über politische Empfindungen davongetragen hat. Mit dieser Regelung ist endlich eine Voraussetzung für eine Belebung der industriellen Gründungstätigkeit geschaffen worden. Gewiss ist die Zollfrage nur eine der Fragen, die für die industriellen Möglichkeiten des Landes entscheidend sind; aber die Schärfe der zum Teil mit überlegenen Waffen kämpfenden Auslandskonkurrenz war zweifellos ein gewichtiger Faktor. Im letzten Jahre betrug der Inlandsbedarf des Landes an Industriewaren annähernd 20 Millionen LP. Davon wurde erst die Hälfte durch Inlandsproduktion gedeckt. Selbst wenn man die Produktionsmittel und gewisse andere Spezialfabrikate, die aus wirtschaftlichen oder technischen Gründen in Palästina nicht hergestellt werden können, abzieht, bleibt noch ein erheblicher Betrag, der durch jüdische Arbeiter in jüdischen Produktionsstätten ebensogut hergestellt werden könnte, wenn wenigstens der ausländische Wettbewerb sich auf blosse Leistungskonkurrenz beschränkte und nicht zur Schleuderkonkurrenz ausartete. Daher kommt es, dass ganz offensichtlich das Interesse der neu ins Land kommenden Menschen und Gelder für industrielle Projekte nachgelassen hat. Nach der Statistik des American Economic Committee entfielen von den 2800 Fragestellern, die 1935 diese zentrale Beratungsstelle aufgesucht haben und die ein Kapital von etwa 5 Millionen LP repräsentierten, nur noch 50 Prozent auf die Industrie. Im Vorjahr waren es 59 Prozent und 1933 sogar 75 Prozent gewesen! Soweit dieser Rückgang des industriellen Interesses der Landwirtschaft zugute gekommen ist — die übrigens bei dieser vorwiegend städtischen Institution keine bedeutende Rolle spielt —, ist das vom Standpunkt der Produktivität aus bestimmt kein Nachteil. Aber zu einem Teil wurden sicher ausgesprochene Verlegenheitslösungen auf dem Gebiete des Handels und der Geldwirtschaft gesucht. Wenn nun auch nicht alle Anfragen und Projekte, die dem Comittee unterbreitet werden, zur Verwirklichung gelangen, so ist doch dieses Symptom äusserst wichtig. Denn die Gründung von heute ist der Arbeitsplatz von morgen. Aber, wie gesagt, die Zollfrage ist nicht allein entscheidend und die Regierung hat ihre Hilfsmassnahme auch ausdrücklich mit der Dumpingkonkurrenz und den Kreditschwierigkeiten, unter denen die Industrie zu leiden hat, begründet. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Äufnahmefreudigkeit des In- und Auslandes für palästinensische Wertpapiere seit Krisenausbruch etwas nachgelassen hat, obwohl gerade diejenigen Institute, die Aktien oder Obligationen emittiert haben, völlig unerschüttert aus der Krise hervorgegangen sind. Auch die Banken sind noch nicht in entscheidendem Ausmass kreditfreudiger geworden und eine bekannte Schuhfabrik in der Nähe Tel-Avivs musste erst zu der scharfen Demonstration einer zeitweiligen Stillegung schreiten, um einen verhältnismässig geringen Betriebskredit zu erhalten. Da die Banken des Landes sich zu einem erheblichen Teil nach englischem Muster als Depositenbanken entwickelt haben und — abgesehen von dem Wechselgeschäft und den Erntevorschüssen —im eigentlichen Wirtschaftskredit und in der Emissionstätigkeit erst über eine ziemlich junge Tradition verfügen, so haben diese Tätigkeit in gewissem Umfang die Genossenschaften und Spezialbanken übernommen. Eine von diesen, die Bank des Industriellenverbandes, will jetzt, in Zusammenarbeit mit der Anglo-Palestine Bank, ihre Mittel durch Ausgabe von Aktien und Obligationen um 100 000 LP verstärken. Aber es ist klar, dass eine solche Transaktion zwar als Beispiel und Anregung wichtig sein, aber die bestehende Lücke nicht restlos ausfüllen kann. Eben deshalb ist es bedeutsam, dass jetzt die Kreditfähigkeit der Industrie durch Verbesserung In Afrika gibt es zwei Komplexe, die jüdische Siedlungen nennenswerten Ausmaßes aufzuweisen Haben: der Norden, der an die Küste des Mittelmeeres stößt, und die von Europäern dicht besiedelte Südspitze in einem nicht allzu großen Radius um das Kap der Guten Hoffnung herum. Die nordwestlichste Spitze des Erdteiles,, unmittelbar gegenüber Gibraltar, ist Tanger, ein Gebiet, das, aus dem Sultanat Marokko abgetrennt, an der Westseite der Bucht von Tanger zur politischen Einheit erhoben worden ist. Tanger ist internationalisiertes Gebiet, eine Stadt mit etwa 70 000 Einwohnern, von denen fast ein Viertel Juden sind. Die Verwaltung der Stadt wird durch eine Kommission von 18 Einheimischen und je 6 Engländern, Franzosen und Spaniern ausgeübt. Eine wie große Bedeutung die Juden für die Stadt haben, geht bereits daraus hervor, daß die Hälfte der 18 einheimischen Regierungsmitglieder, nämlich 9 Beamte, Juden sind. Die Zahl der Juden mit rund 15 000 erscheint verhältnismäßig hoch, die Juden leben an dieser Nordwestspitze des Erdteils jedoch nicht erst seit der Jnternationalisierung der Stadt Tanger, sie sind dort, wie überhaupt in West-Marokko, schon seit vielen Jahrhunderten ansässig. Es wurde in anderem Zusammenhang (vergl. Abschnitt XVIII dieser Aussatzreihe) darauf hingewiesen, daß auch in dem gegenüberliegenden Gibraltar auf europäischem Boden die jüdische Einwohnerquote relativ hoch ist, vielfach größer als in der spanischen Umwelt. Trotzdem macht die jüdische Bevölkerung Gibraltars nur 5 Prozent der Bevölkerung aus gegenüber 23 Prozent in Tanger. Soweit Tanger nicht vom Meere begrenzt ist, stößt es an den Teil des Sultanats von Marokko, der s p a n i s ch e sSchutzgebiet ist. Nach den letztvorhandenen Angaben leben in Spanisch- Marokko etwa 15 000 Juden zwischen rund 750 000 Einwohnern, das sind etwa 2 Prozent der Bevölkerung dieses Teiles von Marokko. In dem wichtigsten Ort der spanischen Kolonie Nordafrikas, in T e t u a n am Mittelmeer, leben 4500 Juden, in A l c a z a r 1250, in den beiden Häfen an der Westküste des Landes, die vom Atlantischen Ozean bespült wird, in Larrasch (oder El-Araisch) und in A r z i l a je 500 Juden. Weit größer ist die jüdische Volkszahl in Fra nzös is ch-Marokko /dessen Ausdehnung 14mal größer ist als Spänisch-Marokko und dessen Einwohnerschaft mit rund 5y2 Millionen etwa 7mal so groß ist wie die des spanischen Schutzgebietsteiles. In Franzöftsch-Marokko hat 1926 eine Volkszählung stattgefunden, nach der insgesamt 117 500 Juden im Lande lebten, das sind knapp 2,4 Prozent der Gesamtbevölkerung. Von dieser Zahl sind 107 500 im Laude geborene Juden, 10 000 find eingewanderte Europäer. Die Zusammensetzung der eingeborenen marokkanischen Juden ist eine außerordentlich vielseitige, hier stoßen Kulturen zusammen, die eine tausendjährige Vergangenheit spiegeln. Ein kleiner Bruchteil der eingeborenen marokkanischen Juden lebt noch heute in der Wüste außerordentlich primitiv, erst in neuester Zeit werden die Kinder dieser Wüstenjuden allmählich in den Hafenstädten der Küste des Ozeans und des Mittelmeeres bodenständig. Nur wenig unterscheiden sich diese Wüstenjuden von den übrigen Stämmen ihrer Absatzchancen gestärkt wird. Nicht zu übersehen ist dabei, dass die Industrie mit dem Augenblick, in dem sie an ihrem Inlandsmarkt eine wirkliche Stütze gewinnt, eher in die Lage versetzt wird, den bisher noch sehr geringen Export auszubanen und damit die Aufgabe Palästinas, bis zu einem gewissen Grade das industrielle Versorgungszentrum für seine Nachbarländer zu werden, zu verwirklichen. Auch die Landwirtschaft hat übrigens etwas von dem Zollsegen abbekommen. So sind die Weizen- und Mehlzölle neu geregelt worden. Was ein Schutzzoll in diesem Lande voller unausgenutzter Möglichkeiten vermag, zeigt die soeben veröffentlichte Regierungsstatistik über die Ernten des Jahres 1935. Die mit Kartoffeln bebaute Fläche hat sich unter der Wirkung des neuen Schutzzolles gegenüber dem Vorjahr auf 12 000 Dunam verdoppelt, der Ernteertrag von 3000 auf 6500 Tonnen erhöht. Für Tomaten dagegen ist die Auslandskonkurrenz gewachsen und die Anbaufläche von knapp 32 000 auf 30 000 Dunam gesunken. Wenn der Ertrag trotzdem von 11200 auf 14 500 Tonnen gestiegen ist, so liegt das an den wesentlich günstigeren Wetterverhältnissen, ebenso wie die Zunahme der Weizenernte von 82 000 auf 103 000 Tonnen, der Melonenernte von 40 000 auf 69 000 und des Olivenölertrages von 1329 auf 8818 Tonnen. der Sahara, Glaube und Aberglaube vermischt sich bei ihnen in besonders großem Umfange, der Islam der erdrückenden Mehrheit der Umwelt hat Einfluß aus ihre Glaubensgestaltung, wenig bekannt ist ihnen die Ausgestaltung des religiösen Gesetzeswerkes, die Altertum und Mittelalter geschaffen haben. Das, was sie mit dem Judentum am meisten verbindet, ist vielleicht weniger das religiöse Moment als das rassische: diese jüdischen Gruppen leiten ihre Abkunst von einem der zwölf Stämme her, seit Jahrtausenden haben sie sich offenbar unvermischt erhalten. Das Schwergewicht der Juden in Marokko liegt jedoch zahlenmäßig in den Städten. Von den rund 107 500 eingeborenen Juden leben etwa zwei Drittel in den Städten bzw. Häfen. In F e z, im Landesinnern gelegen, zwischen dem Mittleren Atlasgebirge und dem Atlantischen Ozean, der Hauptstadt des Kolonialgebietes, wohnen rund 7600 Juden unter rund 82 000 Einwohnern, das sind 9,5 Prozent der Stadtbevölkerung. Fez ist jedoch keineswegs die größte jüdische Gemeinde in Französisch-Marokko. Der Größenordnung nach steht an erster Stelle Casablanca, der Hafen am Atlantischen Ozean, eine Großstadt mit etwa 110 000 Einwohnern, von denen 19 500 Juden sind, das sind 18 Prozent der Bevölkerung dieser größten marokkanischen Hasen stadt. Die größte Stadt des Landes dagegen ist Marokko (Marr a k e s ch) mit einer Einwohnerzahl von rund- 150 000 Menschen, unter denen 12 700 Juden wohnen. Der jüdische Prozentsatz der Stadt Marokko beträgt also nur 8 Prozent, er bleibt erheblich hinter der Quote von Casablanca zurück. Mit der Aufzählung dieser vorgenannten großen jüdischen Gemeinschaften ist jedoch die jüdische Stadtbevölkerung des Landes keineswegs erschöpft. Zunächst ist noch Mogador zu nennen, ein Hafen mit etwa 19 000 Einwohnern, darunter 7700 Juden, d. h. fast 40 Prozent der Einwohnerschaft. In Rabat leben 3700 Juden unter 38 000 Menschen, also fast 10 Prozent, der atlantische Hafen Mazagan gibt 3400 Juden eine Existenz, das sind etwa 18 Prozent der 19 000 Stadtbewohner. Schließlich sind noch M e k i - nesch mit 6400 jüdischen Menschen und Sassi mit 4200 zu nennen, Orte mit je einer 15- bis 16prozentigen jüdischen Bevölkerung. Zusammengesaßt läßt sich sagen, daß der Prozentsatz der Juden in den Hafen st ädten erheblich größer! st als im Landesinnern. Dabei sind in einzelnen dieser Städte, wie die vorstehenden Zahlen zeigen, die Quoten der jüdischen Einwohnerschaft so groß, wie man sie sonst nur noch in einzelnen Gegenden Osteuropas findet. Das g e i st i g e L e b e n der Juden in Marokko Wird, wie überhaupt in allen französischen Kolonialgebieten des Mittelmeerbeckens, weitgehendst durch das Schulnetz der Alliance Israelite beeinflußt. Wirt schas ts statistische Tatbestände sind nicht bekannt. In Vergangenheit und Gegenwart ist das Mittelmeerbecken das Schicksalsgebiet der Juden. In den Ländern, deren Blick auf die Gestade des Mittelmeers gerichtet ist, ist der größte Teil dessen entstanden, was zum Inbegriff jüdischer Religion und jüdischer Kultur geworden ist, die Länder des Mittelmeeres sind es, in die vor mehr als 2000 Jahren der größte Teil die versprengten jüdischen Stämme zog, als die politische Selbständigkeit und das religiöse Heiligtum und mit beidem die Einheit der damaligen jüdischen Volksmassen vernichtet und bis aus den Grund zerstört war. Zum zweitenmal wurden die Gestade des Mittelmeers zum Schicksal der Juden, als die Vertreibung aus Spanien eine große, wertvolle Gruppe des europäischen Judentums zur ruhelosen Wanderung trieb. Und zstm drittenmal ist die Ostküste des mittelländischen Meeres, wo sie in Kleinasien an historischer jüdischer Stätte von seinen Wassern bespült wird, zum Ziel- und Mittelpunkt des Judentums geworden: als in unseren Tagen in Palästina das jüdische Nationülheim wieder errichtet wurde, das von Tag zu Tag mehr zum Schlüssel des Seins der Juden aus der Erde wird. Trotz der ruhelosen Wanderung durch die Jahrhunderte, die die Juden in die entferntesten Teile der Kontinente und bis auf die einsamsten Inseln des Atlantischen und des Stillen Ozeans führte, sind große Massen in den Ländern geblieben, deren Grenzen in Süd oder Nord, in Ost oder West durch das Mittelmeer gezogen worden. 16 selbständig verwaltete Staatseinheiten sind es, vom europäischen Großstaat bis zum mandatarisch verwalteten Territorium, die Küsten dreier Erdteile, die durch dieses eine für die Geschichte und die Kultur der Menschheit so bedeutsame Meer zu einem Ganzen zusammengefaßt werden, das man im allgemeinen als das Mittelmeerbecken bezeichnet. In jedem der 16 Länder bzw. Kolonialgebiete leben Juden, die Hunderte von Häsen, die die Küsten des Mittelmeeres umsäumen, bildeten im Altertum und im Mittelalter und bilden in der Gegenwart einen Anziehungspunkt für die Juden, den die Statistik in eine greifbare quantitative Größenordnung zu bringen vermag. Die Gesamtzahl der Juden, die in der Gegenwart in den Landstrichen bzw. Ländern des Mittelmeerbeckens leben, übersteigt die Zahl von l1/* Million, d. h. daß etwa 8y Prozent aller Inden der Erde in diesen Ländern bzw. Landesteilen beheimatet sind. Nach Osteuropa und nach Nordamerika liegt hier das dritte größte jüdische Zentrum auf der Erde, das zwar zahlenmäßig hinter diesen beiden weit zurückbleibt, dafür aber nach der Länge der Geschichte diese weit hinter sich läßt und nach ihrer Bedeutung an erster Stelle rangiert. Es ist vielleicht ein Spiel der Zahlen, daß die jüdischen Volksmassen in den Erdteilen des Mittelmeers nur relativ wenig voneinander abweichen. In den Ländern der asiatischen und der afrikanischen Küste sind es fast genau je 400 000 Juden, die in den Mittelmeerküstenländern leben, nur in den europäischen Gebieten des Mittelmeeres ist ihre Zahl mit etwa 460 000 etwas größer. Beginnt man im Westen mit den Ländern des europäischen Kontinents, so steht an erster Stelle der Länder die englische Kolonie Gibraltar, in der 1100 Juden leben, es folgt im nördlichen Bogen Spanien mit etwa 8000 Juden, in den südlichen.Provinzen Frankreichs leben etwa 30 000 Juden, es folgt Italien mit 50000 Juden, über das Jonische Meer hinweg schließt sich Griechenland mit etwa 100000 Juden an, die Kette wird durch die europäische Türkei mit etwa 55 000 Juden fortgesetzt. Jenseits des Marmarameers und des Bosporus beginnt der asiatische Erdteil. Hier sind zunächst die 30 000 Juden der asiatischen Türkei zu nennen, dann die 25 000 Juden Syriens. In Palästina lebt heute die weitaus größte Zahl von Juden, die in einem der Mittelmeerstaaten angesiedelt sind: über 375 000. Es folgt schließlich die Halbinsel Sinai, die politisch bereits zu Aegypten gehört, heute nur dünn besiedelt und auch nur relativ wenig jüdische Menschen ernährend. Der Suezkanal, die Landenge und der Golf von Suez leiten dann zu den afrikanischen Küstenländern des Mittelländischen Meeres über. An Aegypten mit seinen rund 65000 Juden reiht sich die Kette der italienisch-französischspanischen Kolonialterritorien. Im italienischen Libyien, Tripolitanien und die Ky re* naika umfassend, leben etwa 19000 Juden, im französischen Tunis 65 000, im französischen Algerien rund 100000, in Französisch- Marokko schließlich die größte geschlossene Zahl in Nordafrika: 120000, in Spanisch -Marokko etwa 15 000 und an der Nordwestspitze Afrikas, gegenüber Gibraltar, haben sich in dem internationalisierten Tanger rund 15 000 Juden niedergelassen. Alle diese jüdischen Menschen in den sechzehn verschiedenen Ländern wissen nicht allzu viel voneinander. Dieses eine jedoch wissen sie: daß die ethischen Grundsätze ihrer Lebensgestaltung allein durch die Religionsgesetze bestimmt werden, die in ihrer Summe den Inbegriff der jüdischen Religion ausmachen, und dieses Weitere wissen sie, daß das Land im Wiedererstehen ist, das ihnen eine Zuflucht und mehr als das, einen neuen inneren und äußeren Halt bieten soll, wenn d«s Schicksal diese oder jene Gruppe zwingt, die Länder, in denen sie leben, zu verlassen. Dieses Gefühl, daß eine Wanderung Entwurzelter nicht in eine Fremde führt, sondern in ein Land, das ihnen eine neue nationale Heimat geben will, wenn sie die alte verlieren, dieses Gefühl stärkt die Hunderttansende jüdischer Menschen des Mittelmeeres, die zum Teil in großer Armut und der schwersten Arbeit, unter den widrigsten klimatischen Verhältnissen leben, die aber dort, wo sie sind, wo sie heute die Heimat gefunden haben, mit treuestem Herzen zu dem Lande stehen, das ihnen und zumeist auch Generationen ihrer Vorfahren ein Vaterland geworden ist. vr. E. R—z. Marokko, Tanger und Mittelmeerbecken Die Zerstreuung» der Juden über die Erde (XXIV) Nachdruck verboten. E I <1 TRIPOLIS