Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 5 (30.1.1936)
- Date
- 1936-01-30
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- Ludwig Marcuse 2× ep/1025361
- Bernhard Diebold 1× ep/1023116
- Berthold Auerbach 1× ep/1025877
- Bückeburg 1× ep/1044308
- Franz Oppenheimer 1× ep/1025831
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Nr. 5 * 2. Beiblatt 30. Januar 1936 GYZeihing Fröhliches Lernen Das Cohurger Internat stellt sich vor Bibliographie idu eher Werkt Die höhere jüdische Internatsschule des Predigers Hirsch in Koburg beherrscht eigentlich das ganze jüdische Leben dieser Stadt. Es ist etwas Schönes und Beruhigendes sür die verhältnismäßig kleine Gemeinde: daß die Jugend an ihrem Leben mitschassend, gestaltend Anteil nimmt. Das Internat ist sehr „auf der Höhe" — im chahren und übertragenen Sinn des Wortes. Die ziemlich steilen Abhänge — große Rasenflächen, kleine Obstplantagen, Spiel- und Sportplätze, Planschbecken und alte Grotten zwischen schönen, hohen Waldbäumen — diese Abhänge, auf denen Wohn- und Schulhaus liegen, sind nichts sür asthmatische Herrschaften, aber ein willkommener Tummelplatz sür Jugend zwischen 10 und 16. Herrlich ist die Luft da oben und der weite Blick auf Stadt und Berge — aber noch herrlicher wahrscheinlich ist z. B. die verfallene Grotte, die man selbst wieder aufbaut und in der man einen richtigen versteinerten Baum entdeckt hat, dessen Alter der Herr Naturwissenschaftler der Anstalt auf mehr als ein? halbe Milliarde Jahre schätzt. Und dann die Häuser! Die große Eingangshalle des Wohnhauses zeigt noch viele Wappen aus vergangener Zeit. Aber die sind jetzt verblaßt; dagegen leuchten hell die goldenen hebräischen Buchstaben auf dem Toraschrank, der an der einen Wand steht, gegenüber der Mosesstatue; denn diese Halle im Heim der Jugend dient jetzt als Gebetsraum für die ganze Gemeinde. Zu gewöhnlichen Zeiten ist sie der Speisesaal und es ist das Amt der Jungen, sie zu ihren jeweiligen Zwecken umzuräumen. Die Privaträume der Familie Hirsch, die an die Halle anschließen, sind eigentlich auch keine „Privaträume"; dort finden Musikabende statt, Feiertage werden in ihnen festlich begangen — Prediger,Hirsch ist der Vater für alle Kinder und lebt immer mit ihnen zusammen, verfolgt die Entwicklung jedes einzelnen und ist jederzeit „zu sprechen". Das danken ihm die Jungen und Madel mit ihrem Vertrauen. Eine schöne, alte Treppe führt aus der Halle nach oben. Schlafsäle, einer am anderen, alle hell und luftig und sehr einfach ausgestattet. Das eigentliche Alltagsleben der Jugend spielt sich nicht hier ab, sondern im Schulhaus, in dem sich die Unterrichts- und. Aufenthaltsräume befinden. Anheimelnde Holzverkleidung an den Wänden — und zwischen diesen alten, vornehmen Wänden helle und lustige Schulbänke. Dann ist da eine Schreinerei, ein Bastelzimmer — und ein schöner gekachelter Raum für Physik und Chemie mit einem von den Schülern selbst verfertigten Schaltbrett, das jeden Laien in Verwirrung fetzen muß; und „droben stehet die Kapelle" — unterm Dach nämlich, in einem kleinen Zimmer, das die Instrumente beherbergt, mit deren Hilfe besonders zu Geburtstagen sehr laute, aber wohlgemeinte Ständchen gebracht werden. Ach, und die Redaktion! Jawohl: Redaktion! Auf einer rohen Holztür am Dachboden steht: „Redaktion der Ihiduschim' — Eintritt für Lehrer streng verboten." Oder so ähnlich — der Sinn stimmt jedenfalls. Ich glaube, Prediger Hirsch freute sich diebisch, daß er anläßlich dieser Führung auch einmal erlaubterweise dieses Heiligtum betreten durfte, in dem die Zeitschrift des Hauses erscheint: „Chiduschim — Kampsblatt gegen Stumpfsinn und Langeweile." Ein „Schwarzes Brett" an der Wand ist überfüllt mit wichtigen Mitteilungen, wie z. B.: „Jede Woche findet eine geistige Aussprache des Mitarbeiterstabes statt. Erscheinen unbedingte Pflicht!" Das Durchschnittsalter des „Mitarbeiterstab.es" ist 13 Jahre; aber man nimmt die Sache wenigstens ernst. Deshalb wahren auch die 4 Lehrer der Anstalt und Prediger Hirsch die erbetene Zurückhaltung. Wie steht es nun mit der geistigen und besonders der jüdischen Einstellung der Jugend? Prediger Hirsch berichtet: „Den über 40 Kindern, die hier bei mir und mit mir leben, bemühe ich mich, gemeinsam mit meinen Mitarbeitern, eine lebendige und vielseitige Bildung zuteil werden zu lassen; Wissenschaft, Kunst, Kultur, Sport — alles geht nebeneinander und die Kinder haben keine unausgesüllte Minute. Ich kenne nur'positiv jüdische Arbeit, bei der jede Gruppenbildung aufhören muß; die Jugend soll sich erst über jede der bestehenden Richtungen ein Urteil bilden können, ehe sie eine Entscheidung trifft. Das schließt nicht aus, daß die Schüler den verschiedensten Bünden angehören: die lebendige Anteilnahme an jeder großen Idee bringt Kräfte mit, die sich in der Gemeinschaft bildend auswirken und eine glückliche Synthese fördern. Und in rein religiöser Hinsicht? Ich würde nie ein Kind zwingen, den Gottesdienst, der ein festgesetzter Teil des täglichen Lebens ist, zu besuchen; aber ich habe es noch nicht erlebt, daß ein Schüler sich ausschließen möchte — im Gegenteil: die Ehrfurcht vor der Religion und ihren Gesetzen und Gebräuchen ist in meiner Jugendgemeinschaft außergewöhnlich groß. Judentum — Religion, Geist und Weltanschauung — greifen eng ineinander, beispielsweise in den Pressestunden, die ich allwöchentlich gebe und in denen ich die gesamte jüdische Presse mit meinen Schülern bespreche." Hilde Marx. Der bekannte jüdische Komponist Heinrich Schalit, der jetzt als Leiter des Shnagogenchors der Großen Synagoge in R o m lebt und vor kurzem seinen 60. Geburtstag feierte, hat feine neueste Komposition, die „Chassidischen Tänze", dem Ministerpräsidenten Benito Mussolini mit einer entsprechenden Widmung überreicht. Mussolini hat Schalst ein warmes Anerkennungsschreiben, für dieses auf italienischem Boden entstandene Tonwerk, das demnächst im römischen Rundfunk aufgesührt werden soll, gesandt. * Das italienische Unterrichtsministerium hat der jüdischen Musikforscherin und Leiterin der Bibliothek an der Musikakademie „Santa Cecilia" in Rom, Maddalena Pacifico, den Titel „Benemerita della Musica Jtaliana" (Verdient um die italienische Musik) verliehen. 8. Eortsetrung Nochmal»: V. Kulturgeschichte 60. Berthold Huldermann: Albert Ballin. 6. Auflage. Oldenburg, Stalling, 1926. 61. P. F. Stubmann: Ballin. Leben und Werk eines deutschen Reeders. Berlin, 1926. 62. Franz Oppenheimer: Erlebtes, Erstrebtes, Erreichtes. Berlin, Heine- Bund, 1931. 6. Juden im Geistesleben («. besonders unter IV [Bibel usf.], VE [Kunst] und IX [Religiöse Fragen; Philosophie] ) 63. Heinrich Rosin: Die Juden in der Medizin. Berlin, Philo-V erlag, 1926. 64. Ludwig Stein: Die Juden in der neueren Philosophie. Berlin,Philo- Verlag, 1926. 7. Verschiedenes 65. Günther Dammann: Die Juden in der Zauberkunst. Berlin 1935. E. Jüdische Kunst und jüdische Künstler 1. Schriftsteller 67. Ludwig Marcuse: Revolutionär und Patriot. Das Leben Ludwig Börnes. Leipzig, List, 1930. 68. Heinrich Heine: Confessio Judaica. EineA usivahl aus seinenDichtungen, Schriften und Briefen, Herausgegeben von Hugo Bieber. Berlin, Welt-Verlag, 1925. Enthält alles, was Heine über jüdische Dinge gesagt und geschrieben hat. 69. Ludwig Marcuse: Heinrich Heine. Ein Leben zwischen gestern und morgen. Berlin, Rowohlt, 1932. 70. Max Brod: Heinrich Heine. Wien, Tal, 1934, 71. Anton Bettelheim: Berthold Auerbach. Sein Leben und Werk. Leipzig, Hesse & Becker, 1913. 72. Henri Nathansen: Jude oder Europäer. Porträt von Georg Brandes. Frankfurt a. M., Rütten & Loening, 1931. 73. Jacob Wassermann: Mein Weg als Deutscher und Jude. Berlin,Fischer, 1921. 74. M. Bing: Jacob Wassermann. Berlin, Fischer, 1928, 75. Sch. Gorelik: Schalem Alechem („Jüdische Bücherei“ Nr. 15). Berlin, Verlag für jüdische Kunst und Kultur Fritz Gurlitt. 76. ds.: Mendete („Jüdische Bücherei“ Nr. 16). Berlin, Verlag für jüdische Kunst und Kultur Fritz Gurlitt. Werke über Bialik, Buber und Herzl s. u. VD 3. 2. Bühnenkünstler 78. Max Epstein: Max Reinhardt. Berlin 1918. 80. „Habima.ft Mit Einleitung von Bernhard Diebold. Berlin 1928. Ein schönes Buch des berühmten hebräischen Theaters. 3. Komponisten und Musiker 81. S. Hensel: Die Familie Mendelssohn. S. unter H, 62. Der grösste Teil des Buches handelt von Felix Mendelssohn-Bartholdy. 82. W. Dahms: Mendelssohn. Berlin, Schuster & Löffler, 1919. Eine populär - musikwissenschaftliche Darstellung. 83. J. Kapp: Meyerbeer. Stuttgart und Berlin, Deutsche Verlagsanstalt, 1924. 84. Paul Bekker: Jacques Offenbach. Berlin, Marquardt, 1911. 85. Moser: Josef Joachim. Ein Lebensbild. Bände 1—2. 2. Auflage. Berlin, Deutsche Brahms-Gesellschaft, 1908—10. 86. Richard Specht: Gustav Mahler. Stuttgart und Berlin, Deutsche Verlagsanstalt, 1925. 87. Paul Bekker: Gustav Mahlers Sinfonien. Berlin, Schuster & Löffler, 1921. 88. P. Stefan: Schönberg. 1924. Von Walther Victor Die dritte Nacht. Am Mittwoch, dem 13. Februar, hatte Heinrich Heine einen guten Tag. Ungeachtet der ständigen Warnungen arbeitete er volle sechs Stunden an den Memoiren. Er diktierte, machte auf den großen Blättern weißen Kartons, die man ihm aufs Bett zu legen Stammhaus der Familie Heine zu Bückeburg Archiv Herbert Sonuenfeld pflegte,, geschlossenen Auges Notizen, wenn ihm etwas einsiel, und war so von seiner Freude, schaffen zu können, erfüllt, daß er sogar zu Catherine ein Wort fallen ließ. Sie registrierte es als eine außergewöhnliche Erscheinung, daß Heine ihr gegenüber von seiner Arbeit sprach. „Ich habe nur noch kurze Tage zu tun", sagte er, „dann bin ich fertig!" Regte sich so das Leben noch einmal stark in ihm, dann empfand Heine es doppelt, daß niemand sich um ihn kümmere aus der großen Zahl der Zeitgenossen und schöpferischen Geister, unter denen er sich seines besonderen Platzes bewußt war. Als wider Erwarten plötzlich Berlioz ihm gemeldet wurde, rief er aus: „Was? Jemand besucht mich? Berlioz bleibt doch immer originell!" In dieser Nacht nach dem letzten guten Arbeitstage wurde alles nachgeholt. In dieser Nacht fehlte keiner. Das kleine Zimmer, das die spanische Wand vor den Fenstern noch enger machte, erweiterte sich ins Ungeheure, die Wände sielen, die Dunkelheit wich. Ist es das Schloß der Belgiojoso bei Saint-Germain? Sind es die tausend Kerzen von la Jonchere, leuchtend über den erlesensten Salon des Jahrhunderts? Hat sich der Olymp geöffnet und die Heroen des Geistes, die Meister der Künste, die Giganten des Wortes noch einmal entlassen? Es ist ein Bankett — „ich merke es jetzt, ich soll gefeiert werden." Ein weißgekleidetes Mädchen trat vor. Es hatte die Züge der Mouche, aber es legte nur ein großes Buch in des Dichters Hand und verging wieder im Nebel der Gestalten. Es war eine Ehrengabe der Versammelten für Heinrich Heine. Musik setzte ein, heimlich benutzte der Dichter die Gelegenheit, um ein Paar- Seiten auszuschlagen. Hebbel, den er einmal „den bedeutendsten Dichter von allen" genannt, hat einen langen Aufsatz geschrieben, den Heine überfliegt. „Daß er Dichter ist", heißt es da, „tiefer, wahrer Dichter, ein solcher, der sich nicht bloß auf gut Glück ins Meer hinuntertaucht, um einige Perlen zu stehlen, sondern da unten bei den Feen und Nixen wohnt und über ihren Reichtum gebietet, das tritt aus feiner Gestalt wie aus seinen Reden hervor." Auf anderen Seiten ist ein Verzeichnis der Komponisten angelegt, die Heines Volkslieder vertont haben. Und nun folgen die Namen. Das „Schöne Fischermädchen" ist nicht weniger als 51 mal, „Und wüßtens die Blumen, die kleinen ..." 74 mal, „Ein Fichtenbaum steht einsam" 77 mal und „Leise zieht durch mein Gemüt . . ." sogar 83 mal in Musik gesetzt worden. Den Rekord aber hält aus der einen Seite „Du bist wie eine Blume . . und aus der anderen die Loreley! Heine nickt mit dem Kopf und blättert weiter. Da find die begeisterten Rezensionen, die Karl Jmmermann über ihn damals veröffentlichte im Wortlaut. Da Barnhagen van Enses Lob. Da ist ein Gruß der George Sand, die ihn ihren „lieben Vetter" nennt, worauf Heine vor sich hinmurmelt: „Der. Blaustrumpf als Base . . .!" und hämisch lächelt. „Mein lieber Dumas!" Heine drückt herzlich die Hand des Kollegen, „ich kann Ihnen nicht ausdrücken, wie sehr mich Ihre Artikel über Marie Dorval ergriffen haben. Diese Blätter haben Sie eher unter Tränen hervorgeschluchzt als geschrieben und mit einem fast grausamen Erbarmen erfüllt. Ich habe darüber Tränen vergießen müssen.. Ich danke Ihnen .. ." Und es kommt zu einer Auseinandersetzung, die die anderen einen großen, schweigenden Kreis bilden läßt. Daß Börne fehlt? Gott, sagt Heine, es ist schließlich nur konsequent, und ich will nicht verhehlen, daß ich das alles herzlich bedaure. Wissen Sie, Börne —" er war weder ein Genie noch ein Heros; er war kein Gott des Olymps. Er war ein Mensch, ein Bürger der Erde, er war ein guter Schriftsteller und ein großer Patriot! Ein Ehrenmann, ehrlich und überzeugt, aber ein ingrimmiger,verdrießlicher Mensch . . . Was ich über ihn geschrieben habe, ist wahr, dessen ungeachtet gestehe ich, daß ich es nicht geschrieben zu haben wünschte oder es gern wieder zurücknühme. Es ist immer eine bedenkliche Sache, eine gehässige Wahrheit gegen einen Autor auszusprechen, der einen großen Leserkreis besitzt und ein Heer von Anhängern. Goethe war ein kluger Mann. Er hatte gewiß manches Bedenken gegen Schiller, aber er hütete sich wohl, irgendeines auszusprechen, um nicht die Begeisterung einer ganzen Zeit gegen sich zu kehren." „Sehen Sie dahin — dort liegen meine Memoiren, darin sammle ich seit Jahren fratzenhafte Portraits, abschreckende Silhouetten! Manche wissen von dem Kästchen und zittern, daß ich es öffne und verhalten sich inzwischen in banger Erwartung still oder lassen wenigstens nur verstohlen durch nichtige Subjekte und literarische Handlanger den Krieg gegen mich führen. Meine Nerven lassen mich von Zeit zu Zeit noch in Ruhe und da finde ich denn noch immer die Kraft, einem Marsyas nachzuspringen, ihn beim Kopf zu fassen und ihm die Haut über die Ohren zu ziehen ... Ja ja — ich habe so manchen aufgeblasenen Frosch, manche perfide, Schlange, manchen unausstehlichen Bandwurm, ja auch manche Mißgeburt gefangen, gepackt und in Spiritus aufbewahrt . . ." . Heiteres Lachen schallt von den Wänden wider. Eine hohe Stimme ruft: Wer bekommt den Preis, Heine? Wo sind die Genien? Das ist schwer zu beantworten, Freunde, sagt Heine. Aber — „wenn der liebe Gott auch den ersten Platz in der Schöpfung für sich in Anspruch nimmt, so kommt doch Shakespeare gleich in zweiter Reihe. Shakespeare und... Byron! Byrons Tod hat einen großen Ein- Alle Ihre Bücher von der Buchhandlung am Zoo Fritz Ring Charlottenburg, Joachimsfhaler Sir. 43-44 Mitglied der jüdischen Gemeinde Telefon Bismarck 6506 Zusendung nach allen Stadtteilen