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Central-Verein-Zeitung · 1936-01-30 · 5 (30.1.1936) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936) - farbig
Issue
5 (30.1.1936)
Date
1936-01-30
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 5 * 1. Beiblatt 30. Januar 1936 Erinnerungen an Max Liebermann Von Professor Franz L a n ds b er g er Am 8. Februar vorigen Jahres starb Max Liebermann. Zur ersten Wiederkehr dieses Tages bringen wir einige Erinnerungen an den Künstler, den die Berliner Jüdische Gemeinde durch eine A n s st e l l u n g in den Räumen des Jüdischen Museums ehren wird. So oft hatte ich in Breslau, meiner damaligen Wohnstätte, wie im übrigen Deutschland über Liebermann gesprochen, daß es mich drängte, den Künstler einmal persönlich kennenzulernen. Er empfing mich — es war 1925 —, und nun sah ich diesen markanten Kopf, mir aus den Selbst- Porträts wohlbekannt, und doch in seiner vom Max Liebermann: „Kischinew“ Fot. Herbert Sonnenfeld Alter unberührten Straffheit und Schärfe von neuem bewundernswert. Die Unterhaltung kam rasch in Fluß. Das heißt, in der Hauptsache sprach der Künstler selbst, denn, da er schon etwas schwerhörig war, liebte er es mehr, selber zu reden als zuzuhören, um seinen Mangel nicht fühlbar werden-zu lassen. Man mußte schon eine Pause abwarten, um zu Worte zu kommen. Warf man dann eine Frage, eine Bemerkung ein, so sing er sie gern mit den Worten auf: „Da muß ich Ihnen eine Geschichte erzählen", und diese „Geschichten" waren freilich stets seiner ganzen Schlagkraft voll. So war ich auf einen Breslauer Kaufmann zu sprechen gekommen, der, im Kriege reich geworden, den Ehrgeiz hatte, sich von Liebermann malen zu lassen. „Wissense", — auch das gehörte zu seinen ständigen Einleitungsfloskeln — „mit dem ist es mir merkwürdig gegangen. Wie ich gerade eine Pause mache, steht er auf, geht vor die Staffelei und fragt: .Herr Professor, habe ich wirklich einen so schiefen Kopf?' — Ich sagte: Hörense mal, das kann ich nicht vertragen, das stört mich beim Arbeiten, da kann ich nicht malen . . . Also, kurz und gut, ich habe ihn 'rausgeworfen." Später übernahm der Sohn des Kaufmanns die Vermittlung, und das Bildnis kam doch noch zustande. Als ich die Sammelfreude dieses Sohnes herdorhob —* er hatte erst vor kurzem eine Reihe Liebermannscher Bilder erworben —. kam er doch wieder auf den Vater zu sprechen: „Der Alte ist mir lieber. Der Junge ist schon zu abgeschliffen. Das einzige, was dem Menschen Kraft gibt, ist die Rasse." Damit berühre ich eine Frage, die in späteren Gesprächen, die ich mit dem Meister führte, immer wieder berührt wurde: seine Stellung zum Judentum.. Sie war nicht ganz leicht verständlich. Denn einerseits war ihm jede aussondernde Hervorhebung von Juden und Nichtjuden unangenehm. Selbst noch nach 1933 war es mir schwierig, ihn zur Teilnahme an einer Ausstellung jüdischer Künstler in London zu bewegen. Er sah darin eine Einengung; sein Stolz war es gerade, mit den besten Künstlern aller Länder in Wettbewerb zu treten. Andererseits vergaß er keinen Augenblick, daß er Jude war. Immer wieder setzte er sich damit auseinander, stritt damit wie mit einem unsichtbaren Gegner. Sein Ehrgeiz, sein Machtbedürfnis, sein Organisationstalent, sein herrscherliches Gefühl, die ihn zum Führer stempelten: alle diese Eigenschaften hatten sich Zeit seines Lebens im Kampfe mit Widerständen gerieben, hinter denen er stets sein „Judesein" witterte. „Die Leute sagen, daß ich unausstehlich'bin", gestand er mir einmal, „sie vergessen nur, daß ich Jude bin und immer in Verteidigungsstellung." Ja, gewiß, dieses „Judesein" war ihm ein dauernder Stachel. Aber doch hätte er es niemals aufgegeben. Er fühlte wohl, wie er es von dem Breslauer Kaufmann sagte, daß darin seine Stärke läge. Dabei empfand er es nicht als ein „Andersein" oder gar als ein Draußensein gegenüber der Umwelt. Deutschland war ihm wirklich das Vaterland, dessen Aufstieg ihn tief beglückte, dessen Kämpfe er mit patriotischen Zeichnungen begleitete, dessen Niedergang ihn schwer erschütterte. . Vielmehr erschien ihm das Judentum als eine zusätzliche Kraft, etwa wie der Adlige seinem nationalen Bewußtsein den Stolz aus eine lange Ahnenreihe hinzufügt. Judesein war ihm das Gefühl uralter, vornehmer Abkunft, die er zu seinen übrigen Gaben als besonderes Gewicht in die Waagschale werfen konnte. Gewiß hat diese Stellung zum Judentum einen sehr egozentrischen Zug. Aber Liebermanns ganze Anschauungswelt war darauf zugeschnitten, sich selbst zu behaupten, sich selbst zu betonen. Hingabe an Menschen war ihm nur in beschränktem Maße gegeben. Die engen Bande seines Familienlebens darf man nicht hinzurechnen; sie waren nur ein erweiterter Kreis seines eigenen Jchs. Ebenso war feine Kunstanschauung nur darauf gerichtet, die eigene Malweise zu rechtfertigen. Jedwede Toleranz gegenüber einer ihm fremden Ausdrucksweise war ihm fremd. „Die jungen Leute sagen oft zu mir, wenn sie eine Ausstellung machen, das und das Bild muß ich mir ansehen, das wird mir sicher gefallen. Dann antworte ich: eben deshalb sehe ich es mir nicht an; am Ende gefälltes mir." Und er fügte hinzu: „Als Künstler muß man einseitig sein. Man kann nur e i n e n Weg einschlagen." Diese Unbeirrbarkeit machte ihn gewiß oft tyrannisch und ungerecht. Aber sie gab andererseits-seiner. Persönlichkeit das Scharfe, Zwingende, Ueberzeugende. Man wurde nicht warm in seiner Gegenwart, aber man suhlte sich im Banne einer großen Natur. Da er. die ganze Welt vom Standpunkt dieses seines festgeprägten. Charakters betrachtete, war ihm jede weichmütige Regung fremd. Der Pazifismus schien ihm ein kindlicher Glaube in der harten Welt nüchterner Machtsragen. „Spinoza hat ganz recht, der Mensch hat nur soviel Recht, wie er Macht hat", sagte er einmal zu mir. Ich erwiderte mit einem Worte Napoleons, das er aus Durch mein kunsthistorisches Arbeitsgebiet waren wir aus Goethes Freundschaft mit dem Maler Wilhelm Tischbein gekommen, die später in die Brüche gegangen war. Ich gab Tischbein die Schuld; aber Liebermann wollte eher Goethe belasten. „Wenn man nachliest, sieht man deutlich, daß sich Goethe geärgert hat. Na und ärgern tut man sich doch nur über sich selbst. Ich bin oft mit Schuften zusammengekommen; ich habe nur gelacht über sie. Aber wenn ich selbst etwas Schlechtes tat, das hat mich mein ganzes Leben gewurmt." Man sieht, daß, wie Liebermann die Welt mit unerbittlicher Schärfe sah, er auch in sein eigenes Wesen mit klaren, harten. Augen geblickt hat. Seine Größe erlaubte ihm, Freimut gegen sich selbst zu üben. Mit dieser machtbetonten Selbstsicherheit versöhnten dann aber wiederum mildere Züge. So viel er über Kunst dachte, sprach oder schrieb, seiner eigenen Produktion gegenüber behielt er doch etwas Unbewußtes, Naives. Ich habe oft versucht, mit ihm über Fragen seines künstlerischen Charakters oder über Wandlungen seines Stils zu sprechen, stieß aber stets auf eine völlige Unwissenheit über sich selbst. Er wollte zu allen Zeiten seines Lebens immer nur das Gleiche erstrebt haben, was er bei einem meiner letzten Besuche dahin formulierte: „Das beste Bild ist das, bei dem man ganz vergißt, daß es ein Bild ist." Daher war ihm jede Analyse seines Kunstschaffens fremd. In der Andacht vor der Natur, in der Schöpfung eines Werkes, das ihr glich und das Können vergessen ließ, sah er das Ziel seiner Kunst. So berührte es ungemein sympathisch, daß er sich bei aller hohen Selbsteinschätzung doch der Grenzen seines Könnens bewußt blieb. „Ich bin kein Genie" sagte er mir einmal, „ich bin nur groß im Verhältnis zu meinen Zeitgenossen." Da hat man seinen Stolz und seine Bescheidenheit in einem. An den Schluß dieser Erinnerungen mögen zwei Auszüge aus Briefen treten, die uns noch einmal zu seinem Judentum zurückführen. Da ich wußte, wie sehr er Rembrandt verehrte und ahnte, daß er sich über dessen Judenfreundlichkeit Gedanken gemacht hätte, bat ich ihn einmal brieflich um seine Meinung darüber. Er antwortete mit einer fast wissenschaftlichen Präzision und Kühle: „Was nun Ihre Frage über die Stellung Rembrandts zum Judentum betrifft, fo habe ich sie mir selbst tausendmal vorgelegt, ohne eine genügende Antwort daraus zu finden. Rembrandts Freundschaft mit Manasse ben Israel und Ephraim Bonus beweist nichts, höchstens daß er kein Antisemit war. Was mir immer besonders auf gefallen ist, daß es auch nicht die mindeste Nachricht gibt, ob Rembrandt Spinoza gekannt hat. Letzterer wohnte bis 1660 in Amsterdam, und zwar in derselben Jode Breestraat wie Rembrandt. Ich erinnere michdaß ein gewisser Altkirch, ein be¬ Max Liebermann: „Amsterdamer Jadenmarkt" Atu der Liebermann-Gedächtnisausstellung der Jüdischen Gemeinde Berlin Fot Herbert Sonnenfüä St. Helena gesprochen: „Mit der Zeit ist es immer das Schwert, das durch den Geist besiegt wird." Er sah mich einen Augenblick prüfend an: „Na, das hat er auch erst auf St. Helena gesagt" — damit fegte er diesen Einwurf ebenso kurz wie witzig aus seinen Gedanken. Wenn er über große Menschen sprach — und Liebermann befaß eine geradezu andächtige Heroenverehrung, — dann vergaß er, — etwa an Goethe oder Bismarck, — niemals die schroffen, ja selbst bösen Züge hervorzukehren. Ihm schien menschliche Größe mit einer gewissen Bösigkeit untrennbar verbunden. geisterter Spinozist, einen Roman über Spinoza geschrieben hat (den er mir dediziert hat), worin zum Schluß Rembrandt als versoffenes Genie auftritt, aber ohne irgend etwas über beider Verhältnis zueinander mitteilen zu können. Auch meine holländischen Freunde, die sich mit ihrer Geschichte intensiv beschäftigt haben, wie Allebe, Hoost oder Jan Veth wußten nichts Bestimmtes darüber. Wir können also nur aus Rembrandts Werken uns ein Urteil zusammenreimen. Und da ist es ganz augenscheinlich, daß er die Juden als malerisches Objekt den Christen Bett. Altersversorgung Wir weisen darauf hin, dass Sie sich in allen Fragen der eigenen oder der Versorgung Ihrer Familienangehörigen zwecks kostenloser und für Sie unverbindlicher Beratung an uns wenden können. Wir machen Ihnen, wenn Sie uns genaue Altersangaben und Ihre Wünsche mitteilen, sorgfältig ausgearbeitete Vorschläge für Leibrentenversicherungen. Nehmen Sie unsere Beratung durch erste Fachleute in Anspruch. FAMILIENSCHUTZ E.V. Berlin W 8, Taubenstrasse 35 Fernruf A 2 Flora 4417/18 vorzog, aber nicht weil sie Juden waren, sondern weil sich ihr Inneres mehr an ihrem Aeußeren ablesen ließ. Der jüdische Gesichtsausdruck, ihr Mienenspiel, das Sprechen mit den Händen, ja sogar mit dem ganzen Körper war ihm sympathischer, als der mehr. ruhige Aus* druck der Holländer, die sich mehr zurückhielten und weniger verrieten, was in ihnen vorging. Kurz, Rembrandt fand, was er suchte, im Juden mehr verkörpert, als im Christen. Daher wohl auch seine Vorliebe für das Alte Testament, aus dem er viel mehr Sujets entnahm als aus dem Neuen. Dazu kam das mehr Pittoreske der spanischen, portugiesischen, orientalischen Juden in ihrem Kostüm, ihren goldnen und silbernen Gefäßen beim Gottesdienst, in den Synagogen. Das alles aber hat nichts mit der Religion zu tun: auch Perser, Inder hat er gern in seinen Bildern verwandt. Und nun die Hauptsache: er wohnte im Judenviertel und von seinem Fenster aus konnte er sie beobachten und zeichnen (wie ich das selbst vom Rembrandt-Haus konstatiert habe). Die Figuren auf seinen Radierungen zur Bibel sind meistenteils nach Zeichnungen nach der Natur. Ebenso die Beleuchtung. Das Judenviertel hat sich in den letzten 25 Jahren unendlich verändert, aber früher habe ich dort Beleuchtungen erlebt, genau wie auf Rembrandts Radierungen. Jetzt ist das Viertel gepflastert und — — reinlich geworden und die vielen russischen Juden haben die spanischen beinahe verdrängt, fo daß der Charakter ziemlich geschwunden ist und nur noch an Markttagen zu erkennen ist. Aber, wie gesagt, Rembrandts Vorliebe ist rein künstlerisch-ästhetischer Art. Daß aus dieser künstlerischen Vorliebe eine ethische sich bei ihm entwickelt hat, ist wohl anzunehmen — wie das ja stets geschieht, daß das Studieren einer Sache die Liebe zu ihr züchtet —, aber leider, die Beweise fehlen. Non liquet!“ Ein Kunsthistoriker könnte die Frage nicht objektiver behandeln. Der zweite Brief knüpft an einen Besuch an, den ich, nun bereits nach Berlin übersiedelt, dem Künstler 1933 machte. Ein paar Jahre zuvor hatte er seinen 80. Geburtstag gefeiert, und ihm wurden damals die Glückwünsche einer Welt zu Füßen gelegt. Alles, was über ihn erschienen, hatte er zu einem Stapel geballt, auf den er seine schmalen, rassigen Finger legte. „Ich bin gesättigt", sagte er damals zu mir, und „Was man sich in der Jugend wünscht, das hat man im Alter die Fülle. Aber," fügte er sogleich leiser hinzu, „man macht sich nichts mehr daraus." Als ich ihn jetzt besuchte, hatte er alle seine Ehrenstellen niedergelegt, und ich fühlte wohl, wie sehr er doch die Anerkennung entbehrte. Damals schrieb ich über meine Eindrücke einen kleinen Aufsatz, den ich ihm nicht zufandte, weil ich nicht wußte, wie er über dergleichen persönliche Veröffentlichungen dachte. Um so überraschter und erfreuter war ich, als ich ein paar Tage später von ihm einen Brief erhielt, der seiner Freude lebhaften Ausdruck gab. „Ein Jude", fügte er hinzu, „hat es heutzutage doppelt schwer, über einen Juden zu schreiben, 1. als Ding an sich, 2. aber als über einen Juden für seine Glaubensgenossen, ohne in den Fehler (der früher leider so oft begangen ist) der Uebertreibung zu verfallen. Sie, verehrter Herr Professor, haben taktvoll diese gefährliche Klippe umschifft, und dafür bin ich Ihnen besonders dankbar. — Goethe sagt einmal (ich glaube bei Eckermann), Judensprache ist pathetisch. Die Sprache der Propheten Verkauf flUtBerlin CI Mß&L <1?* große FachgeSchüft Qnanrianor Wraßp fur Teppiche,Möbelstoffe Gardinen Ui nun ■*&!.§ MUSS EU OES HAUSES VOM 2Z J A HO U .»AFEiRU.iR J

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