Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 4 (23.1.1936)
- Date
- 1936-01-23
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 2. Beiblatt [ereln-i 23. Januar 1936 Die Zionistische Bewegung Adolf Böhms Buch / Von Dr. Eva Reichmann-Jungmann Die im Jahre 1920 erschienene Geschichte der „Zionistischen Bewegung" von Adolf Böhm mußte wohl gerade rm heutrgen Zertpunkt eine Neuauslage erleben: säst der gleiche Zeitraum trennt die beiden Erschernunasjahre von zwei großen vorhergehenden Ereignissen der jüdischen Geschichte, der Balsour-Deklaration des Jahres 1917 und der deulschen Revolution des Jahres 1933. Es ist kein Zufall, daß so einschneidende Geschehnisse innerhalb des Zionismus das Bedürfnrs nach einer Art Bestandsaufnahme an Gedankengut und Leistungen wachrufen mußten. So wurde uns vor 15 Jahren das zweibändige Buch von Adolf Böhm vorgelegt, das wir heute, um nahezu 400 Seiten erweitert, als ersten Band eines geplanten Gesamtwerts fast nicht mehr als bloße Neu-Auflage wiedererkennen. Dabei ist sich der Gang der Darstellung beinahe gleich geblieben. Hinzugefügt ist bis auf kleinere Kapitel lediglich ein ausgedehnter Abschnitt über „Die Bewegung'während des Weltkrieges", der in der ursprünglichen Fassung nur angedeutet war. Im übrigen ist das Werk wie bisher in zwer Bücher eingeteilt, deren Zäsur der Tod Herzls bildet. Es umfaßt in seinen 40 übersichtlich gegliederten Kapiteln eine ungeheure Fülle verschiedenartigsten Stoffes, den in einer geschlossenen Gestaltung bewältigt zu haben,' eines der hauptsächlichsten Verdienste des Verfassers ist. So entstand ein fast als monumental zu bezeichnendes Werk, in dem Philosophie, Historiographie, Soziologie, Politik und Biographie zu einem einheitlichen Strome zusammenfließen. Böhm beherrscht seinen Stoff souverän. Er läßt sich nicht daran genügen, den tragenden Gestalten des Zionismus, wie Achad Haam, Herzl, Weizmann, in einzelnen wuchtigen Kapiteln Leben zu geben. Die Technik seiner Darstellung, die sich hier um Persönlichkeiten, dort um Entwicklungsepochen oder Ideen gruppiert, macht häufige Stoffassoziationen notwendig, die über Räume und Zeiten hinweg Zusammengehöriges miteinander in Verbindung setzen. Es fällt schwer zu sagen, welchen Abschnitten, den politischen oder den geistesgeschichtlichen, die größere Liebe des Verfassers gehört: glaubt man schon, in der Schilderung der geistig religiösen Strömungen der Vorkriegszeit, etwa bei Aron David Gordon, Höhepunkte zu empfinden, die von den stärker wirklichkeitgebundenen Kapiteln kaum zu übertreffen sein dürften, so begegnen einem plötzlich, mitten in den Ausführungen über Politik und Kolonisation, z. B. in „Anfänge der Kwuzah" Landschaftsfchilderungen von Palästina, die sich bis zu dichterischer Ausdruckskraft steigern. Böhm vereinigt eben in sich die beiden Pole des Zionismus, die die Pole unserer Menschenwelt überhaupt sind: Idee und Wirklichkeit. Weil er um ihre Spannungen weiß, um den jeweiligen Grad ihrer Anziehung und Abstoßung, weil er aber vor allem weiß, daß in kaum einer Zweiten Bewegung Idee und Wirklichkeit so aufeinander angewiesen sind wie im Zionismus, deswegen verteilt er gerecht den Stoff zwischen beiden. Ebensowenig fehlt irgendein gedanklicher Splitter von Bedeutung, der je im oder neben dem Zionismus Meinung und Gegenmeinung gebildet hat, wie an Material gespart ist, wenn es sich um die Kongreßgeschichte oder die Tätigkeit von Fonds und Komitees handelt. Diese sehr gelungene Komposition ist mehr als eine Zusammenschau: sie bedeutet zugleich das idealpolitische Glaubensbekenntnis des Verfassers. Das durchöringt jedes Kapitel der schwungvoll idealistischen Darstellung. Ja, es beherrscht sie so, daß es sogar zu Fehlschlüssen führt. Im Schlußwort spricht Böhm im Anschluß an einen Ausspruch des verstorbener Wiener Oberrabbiners Professor Chajes von drei Epochen des Zionismus: der ursprünglichen, gefühlsmäßig religiösen, der romantischen vom Ende des 19. Jahrhunderts und der heroischen, in der er sich heute noch befinde. Abgesehen davon, daß die Bezeichnung der ursprünglichen gläubigen Zionssehnsucht der jüdischen Massen als „Zionismus" wohl mehr dem Bedürfnis nach gewaltsamer Herstellung einer historischen Kontinunität als der wahren Natur dieser traditionell jüdischen Haltung gerecht wird, muß auch die Uebertragung der „heroischen" Epoche auf unsere Zeit zum mindesten eingeschränkt werden. Böhm selbst ist noch einer der Zeugen aus dem entschwindenden Zeitabschnitt, innerhalb dessen die Alija nicht anders gedacht .werden konnte denn als heroisches Pioniertum. Er sieht nicht oder will nicht sehen, daß der Zionismus längst die Schwelle überschritten hat, die ihn aus der heroischen Epoche in eine andere führte, in eine Epoche des Realismus. Zwar fehlt auch heute nicht die heroische Gestalt des „klassischen" Chaluz, der mit schlichter Freudigkeit schwerstem Dienste entgegengeht; aber er prägt nicht mehr das äußere Bild der Palästinawanderung. Er ist in den Hintergrund gedrängt von einer Vielzahl von Menschen, die keine Helden sind und die nur ihre große Not zu einer Keinen Hoffnung hintreibt. Durch diese Menschen, denen der heroische Zionismus, der Zionismus Böhms und der Chaluzim dm Weg gebahnt hat, ist der Zionismus in ein neues Stadium getreten. In ihm herrscht — zum ersten Male in der Geschichte des westeuropäischen Zionismus — nicht der Primat der Idee, sondern der Primat der Wirklichkeit, einer gewaltsamen, drängenden Wirklichkeit. Während es aber in den früheren Epochen der Idee kaum gelang, die Wirklichkeit zu formen — denn im all- 7. Fortsetzung Nochmals: V. Kulturgeschichte 10. Abraham Tendlau: Sprichwörter und Redensarten deutsch-jüdischer Vorzeit. Gekürzte Neuausgabe (Schocken-Bücherei Nr. 10). Berlin, Schocken, 1934. 11. Rejte Pomeranzen. Ostjüdische Schwänke und Erzählungen, gesammelt von Immanuel Olsvanger (Schocken-Bücherei Nr. 23). Berlin, Schocken, 1935. 12. Ein Ghetto im Osten (Wilna). 65 Bilder von M. Vorobeichic, eingeleitet von S. Chneour (Schaubücher 27). Zürich, Orell Füssli, 1931. Ein Photograph sieht die Juden Wilnas. 14. J. Kreppei: Juden und Judentum von heute. S. unter 1,89. B. Gottesdienst und religiöse Gebräuche. ' 15. Ismar Elbogen: Der jüdische Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung. 3. Auflage. Frankfurt a. M., Kauffmann, 1931. Dieses bei aller strengen Wissenschaftlichkeit gut zu lesende Buch gibt zuerst eine Beschreibung der Gebete und ihrer Entstehungsgeschichte, dann eine Geschichte des Gottesdienstes, die z. T. auch — bei den Besprechungen der religiösen Dichter — eine Literaturgeschichte ist. 16. Leo Hirsch: Praktische Judentumskunde. Berlin, Vortrupp-Verlag, 1935. Ein vortreffliches kleines Buch, das sich ausgezeichnet liest. 17. Joachim Prinz: Der Freitagabend. Berlin, Brandussche Verlagsbuchhandlung, 1935. Die Gebete des Freitagabends runden sich mit den Erläuterungen in deutscher Sprache zu einer hübschen Einführung in die Welt des jüdischen Gottesdienstes. 18. Moritz Zobel: Der Sabbat. Sein Abbild im jüdischen Schrifttum, seine Geschichte und seine heutige Gestalt. (Schocken-Bücherei Nr. 25126.) Berlin, Schocken, 1935. Das Buch bietet ein reiches Quellenmaterial über den Sabbat zusammen mit lesenswerten erklärenden Abhandlungen und einer Anleitung zur Gestaltung der Feiern. 19. S. Müller: Ein Buch für unsere Mütter. Sabbat und Feste im Garten der Kindheit. Berlin, Philo- Verlag, 1925. 20. Manfred Swarsensky: Das jüdische Jahr. Jüdische Religion — gestern und heute. (Sammlung , Jüdisches Wissen.“) Berlin, Köstenbaum, 1935. Der bekannte Berliner Rabbiner weist in diesem Buche vielen jüdischen Häusern einen Weg zu jüdischem Glauben. 21. Gustav Cohn: Der jüdische Friedhof. Seine geschichtliche und kulturgeschichtliche Entwicklung. Frankfurt, Mathes, 1930. Eine historische Beschreibung der — auch kunstwissenschaftlich — interessanten Friedhofsgebräuche. C. Erziehungswesen. 22. M. Güdemann: Geschichte des Erziehungswesens und der Kultur der abendländischen Juden während des Mittelalters und der neuenZeit. Bde 1—3. Wien 1880--1888. Bis heute das Standard-Werk auf diesem Gebiete. 23. ds.: Quellenschriften zur Geschichte des Unterrichts und der Erziehung bei den deutschen Juden von den ältesten Zeiten bis auf Mendelssohn. Berlin 1891. Eine wichtige Ergänzung zu vorgenanntem Buch. 24. B. Strassburger: Geschichte der Erziehung und des Unterrichts bei den Israeliten. Stuttgart 188$. 25. Albert Lewkowitz: Die Hauptrichtungen der Pädagogik der Neuzeit in ihrer Bedeutung für die Neugestaltung des jüdischen Unterrichtswesens (im „Bericht des Jüdisch-T heologischen Seminars“)* Breslau 1933. Die Fragen einer Neugestaltung der jüdischen Pädagogik werden im Zusammenhang mit den grossen pädagogischen Strömungen besprochen. Von Walther Victor rMn* 1*1 Die zweite Nacht Eben war er noch voller Gewißheit, — und schon wieder naht das Grauen. „Zu Häupten aber meiner Ruhestatt stand eine Blume, rätselhaft gestaltet . . . Die Blume der Passion, die schwefelgelbe . . . Geschlossen war mein Aug', doch angeblickt hat meine Seel beständig dein Gesichte . . Die Worte für die Mouche fallen in seine Gedanken, sie schwirren durcheinander, das geliebte Bild der letzten Liebe flackert vor dem Wachtraum in ohnmächtiger Sehnsucht. Es mußte so sein. Er hätte es nicht verstanden, wäre es anders gewesen. Denn wie er da liegt, den Kopf zur Seite gewendet, schwer atmend, den Schmerz in der Brust, der ihm das Ende ansagt, weiß , er die tröstlich-grausame Wahrheit, daß alles Lieben im tiefsten Grunde unglücklich bleiben muß bei Menschen wie ihm. Die große Ferne legt sich zwischen die Liebenden wie zwischen Marterblume und Tod, „Krampf der Leidenschaft, Lust ohne Ruh'" jagen sie von Begegnung zu Begegnung, stürzen sie von Gefühl zu Gefühl, und nirgends ist wahrer Frieden. Gerade in diesen Tagen ist die Mouche nicht gekommen. Das Selige des letzten Blühens bleibt ihm nur im Traum. Und alle Güte und jedes Wissen verklären ihn. „Hörst du — säume nicht!" Ach, es ist kein Säumen aus mangelndem Willen. Es ist Schicksal! Gewiß, sie ist nicht wohl, erkältet, der Regen „,. Aber wüßte sie, klänge ihrs im Herzen vom Widerhall meines Sierufens: sie wäre hier. Auf jede Gefahr! Gefahr? Mit mir sterben Gefahr? Mit mir entblättern, verwehen — Gefahr? Ach, meine Todesblume! Nein, es ist anders: wir lieben und sind allein. Wir umarmen und wir sind es nur selbst. Es war immer so und so ist es heute. Von Heines Lippen murmelt es im Vers: - - Ein Fichtenbaum steht einsam Im Norden auf kahler Höh. Ihn schläfert, mit weißer Decke Umhüllen ihn Eis und Schnee. Er träumt von einer Palme, Die fern im Morgenland Einsam und schweigend trauert Auf brennender Felsenwand . . . „Ich habe heute," so erzählt er dem Freunde, „einen besonders tröstlichen Traum gehabt, beinahe eine Vision. Wir war"s, als ginge ich in der ersten Morgenfrühe über den Friedhof von Montmartre, auf dem ich mich auch bestatten lassen will, und zwar darum, weil er geräuschlos ist und man dort viel weniger gestört wird als aus dem Pere la Chaise. Die Leichensteine erglänzten in der aufgehenden Sonne und siehe, vor jedem Steine stand ein Paar blank gewichster Schuhe, Stiefelchen oder Stiefeln, je nachdem die Schläfer da unten Frauen, Fräuleins oder Männer waren. Es war wie in einem großen Hotel, wo in aller Frühe der Hausknecht von Tür zu Tür gegangen und das Schuhwerk sorglich und bescheiden hingestellt. Noch schlummerten sie alle unten in ihren Grüften, die blank gewichsten Stiefel aber glänzten prächtig, wie von Engeln gewichst, und das ganze Bild schien zu sagen: Ja, wir werden alle wieder aufstehen und einen neuen Lebenslauf beginnen .. ." Und die Bilder steigen empor. Die Nacht führt sie an seinem geschlossenen Auge vorbei, ein Reigen von Todesblumen zieht vorüber, und dann und wann nur unterbricht ihn ein heiterer Klang. Aus den niedrigen Vorstadtkammern Düsseldorfs in die Salons des Faubourg St. Germain, von der Alster ins Meer des Vergessentz: ein Lebenslauf — ein Liebenslauf, brennende Felsenwände und kahle Höhen. Und immer nur Kämpfe und Krämpfe! Von dort aber, wo die „alte Geschichte" einmal und immer wieder Gegenwart war, harte, Kerben- und werdenmachende Gegenwart, von dort, wo der Mensch geprägt wird, dem Jüngling es just so häufig passieret. nimmt der Totentanz seinen Ausgang. „Und alle Marterinstrumente, welche dem Henker dienten bei dem Märtyrtum" trägt man im Zug. . . Da, wer ist das unschuldige Menschenkind, das Mädchen mit langen blonden Locken, wunderschön und schlank? Ach, ist es nicht... Die großen Türen der Aula tun sich aus, das Gymnasium in Düsseldorf hat Schulentlassungsfeier, Eltern, Lehrer, Schüler strömen herein und füllen die Reihen. Im Lehrerzimmer aber steht der Gymnasiast Heine und memoriert das Gedicht, das vorzutragen er bestimmt ist. Wenn sie nicht nur da wäre, — kein Wort bringe ich heraus ... Der Saal, in welchem der Schulaktus ftattfand, war Kopf an Kopf gefüllt. Ganz vorn, aus prachtvollen Lehnstühlen, saßen die Schulinspektoren. In der Mitte zwischen denselben stand ein leerer goldener Sessel. Der Oberappellationsgerichtspräsident kam mit seiner Tochter sehr spät, und es blieb nichts anderes übrig, als dem schönen Fräulein auf dem leerstehenden goldenen Sessel, zwischen den ehrbaren Schulinspektoren, den Platz anzuwersen. Ich war gerade in der Deklamation des „Tauchers" von Schiller in vortrefflichem Schwünge bis zu der Stelle gelangt, wo es heißt; „Und der König der lieblichen Tochter winkt", da wollte es das Mißgeschick, daß mein Auge gerade aus den goldenen Sessel fiel, wo das von mir angebetete schöne Mädchen saß. Ich stockte. Dreimal wiederholte ich die Stelle: „Und der König der lieblichen Tochter winkt" — aber ich kam nicht weiter. Der Klassenlehrer soufflierte und soufflierte: ich hörte nichts mehr. Mit großen offenen Augen schaute ich wie aus eine mir plötzlich erschienene überirdische Gestalt auf den goldenen Sessel hin und sank dann ohnmächtig nieder. Keiner im Saale ahnte die Ursache. „Das muß die große Hitze im Saale getan haben", sagte der Schulinspektor zu meinen herbeieilenden Eltern und ließ alle Fenster öffnen ... Und das Mädchen tanzt vorbei, es hat ihn nicht angesehen... Da schlagen rote Flammen auf, züngeln im Tanze vorbei, sie werden zu Haaren, blutig roten Haaren, sie wehen um zwei alte Hexen, jetzt erkennt er sie die alte Goch und Sibylle, die Wärterin. Und in ihrer Miste Josepha, die Scharfrichterstochter, das „röte Seschen", wie damals eh und je. Und noch Die Mouche Holzschnitt nach einer Photographie um 1800