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Central-Verein-Zeitung · 1936-01-09 · 2 (9.1.1936) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936) - farbig
Issue
2 (9.1.1936)
Date
1936-01-09
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2 * 1. Beiblatt 9. Januar 1936 *■ s M Zeichnungen von Horst Moratz Von Max Samt er -3 WWW ' i -* . Sieh, erst dachte ich, es sei der Mond, Der in deinem Antlitz ohne Schatten Wie in einer Silberschale wohnt. Doch dann sah ich mit dir auf die Matten . Sah das Tal, das deine Augen dir Jahr für Jahr ins Herz gespiegelt hatten. Sanfte Hügel, Fluß, Gewölk vor mir. Und ich blickte in die lichte Landschaft Als in einen Widerschein von dir Und erkannte zärtliche Verwandtschaft. Ina Seidel. Nie ist das Blau des Himmels so zart, wie jetzt. Der leise Dunst, der über den Feldern liegt, zerteilt die sommerliche Gewalt der Sonne. Wir ahnen nur die Klarheit der Welt, bis sie sich rat hellen Licht des Mittags für einen Augenblick enthüllt, um sich im Dämmer des Abends erneut zu verbergen. Der Sturm jagt die gelben Blätter vor sich her, die Wälder sterben. Die Fröhlichkeit des Lebens und die erste Müdigkeit der Dämmerung begegnen sich. Nachdenklich wandern wir über die braunen Wege. Der Tag und die immer wache Sorge zwingt uns, über der lebendigen Forderung der Gegenwart vieles aus Erinnerung und Jugend zu vergessen. Aber in der Nacht und in den Träumen kommt es wieder. Es war in der engen Klasse unserer alten Schule. Die Bänke waren mit vielen Bildern bemalt, mit seltsamen geschnitzten Zeichen verstümmelt: verspielte Gedanken der Wandernden, die längst nicht mehr in der Schule lebten. Wir hatten über die Grenzen des Landes gesprochen, die Glocke läutete, der Lehrer verließ das Zimmer. Befreundete Gruppen standen beisammen. Da sagte einer — und ich weiß nur noch den Sinn seiner kindlichen Worte, dem ich heute die erwachsene Form gebe: „Man müßte einen Turm bauen, genau in der Mitte des Landes. Der müßte so hoch sein, daß einer, der oben steht, über alle Grenzen hinwegsehen könnte, dann würden im Süden die hellen Gipfel der Berge leuchten; dort, wo die Lust im flimmernden Glanze die ewige Bewegtheit des Wassers spiegelt, liegt das Schwäbische Meer; an den dunklen Tannen des Schwarzwalds hinüber wandert das Auge zum Rhein und folgt ihm, wo er in raschem Fall hinunterstürzt, noch beherrscht von der Landschaft, um mit unbegreiflicher Verwandlung in Basel schon das weite Tal zu beherrschen; an den Vogesen entlang, durch die blühende Pfalz, vermählt mit anderen lieblicheren Strömen zu Füßen des Kölner Doms, weit hinten im Nebel die Kathedralen von Brüssel und Gent, die Niederlande; schon öffnet sich weit das Meer, und die glücklichen Inseln halten den entgleitenden Blick. Weser und Elbe bahnen sich ihren Weg, zerrissen liegt die Küste der Nordmark da, ganz fern der Große Belt und nun schon einsam aus der Ostsee das Boot, das Rügen und Trelleborg verbindet; wie nahe die vertrauten Bäder der pommerschen Bucht; weiter nach Osten finden wir Danzig und die Marienburg, und es fehlt nicht viel bis zur verhaltenen Sonnensreude der Kurischen Nehrung, zur abendlichen Schwermut der weiten masurischen Seen. Wir streifen die Wälder der Grenzmark, die vertrauten schlesischen Berge, den freundlichen Gipfel der Koppe im gefährlichen Nebel, die. fernen Schlote der Hütten bei Kattowitz; elbaufwärts vorüber an Dresden und den Steingestalten des Erzgebirges die alten Schlachtfelder, das vieltirrmige Prag. Wir begegnen der Donau; von Ulm gleiten die Flösse mit festlich gekleideten Menschen stromabwärts über Regensburg und das stolze Pafsau. In den grünen Kuppeln der Frauenkirche fängt sich der Blick und würde, weitergetragen, Innsbruck finden, die Maria-Theresien-Straße und das Gvldne Dachl, läge es nicht verwahrt und verborgen hinter den Bergen Tirols." Er schwieg, und wir anderen, eine laute Horde, blieben still. Noch verstanden wir nicht, weshalb wir. ergriffen waren. Aber wir ahnten wohl, daß in der Ergriffenheit Maß und Bestimmung unseres Lebens beschlossen lag. An dieses Erlebnis mußte ich denken, als ich zum ersten Male flog. Es war ein Flug durch Regen und Nebel, ich flog im Frühjahr von Berlin nach Hamburg. Das Erstaunlichste für den Menschen, der zum ersten Male fliegt, ist das Gefühl einer unbegreiflichen Sicherheit. Der Gedanke, daß etwas geschehen, daß man abstürzen könnte, scheint in den großen Junkers-Flugzeugen so abwegig, daß man lächelt. Ich hatte den Streckenplan der Lufthansa in der Hand und versuchte, dem Weg zu folgen. Es gelang mir nicht: ich hatte keine Uebung, und der Versuch wurde immer wieder durch Wolkenfetzen unterbrochen, welche die Erde verdeckten. Aber es ist schön, in der weißen Wand zwischen Himmel und Erde zu fliegen. Die Tragflächen des Flugzeugs scheinen sich ins Unendliche zu erstrecken. Alle Maßstäbe schwinden, und wir selber sind in der warmen Kabine des Flugzeuges geborgen vor der Endlosigkeit des Raums. Im Halbdunkel des Museums stand ich vor einem Bild Albrecht Dürers. Ich war ganz allein in der feierlichen Enge des Zimmers. Im Vordergrund des Aquarells liegt ein Dorf. Schwer und fest stehen die Häuser auf dem Boden, tief eingebettet in die fränkische Landschaft. Aber von den Häusern und von. den Bäumen wird das Auge emporgeführt zu den blauen Bergen, und auf einmal öffnet sich aus der Stetigkeit des dörflichen Lebens die Weite der Welt. Es ist nicht mehr eine Stube mit ihren vier Wänden, die Mauern fallen. Wir sind der Kraft unterworfen, die allein die Fesseln der Schwere zu sprengen vermag. Es ist das gleiche Abenteuer, wenn wir fröstelnd im Regen über das Flugfeld laufen und in das Flugzeug steigen. Kaum konnte der Freund, dem ich winkte, von der Halle aus den Abschiedsgruß sehen, so dicht liegt der Nebel über dem Boden,, als ich von Schiphol, dem Flughafen Amsterdams, nach, Berlin zurückslog. Die Stadt und die Zuider See waren nicht zu sehen: Das Flugzeug stieg rasch. Plötzlich wurde der graue Nebel Heller, weiß und strahlend, daß man geblendet zu Boden sah, und einen Augenblick später zerriß der Vorhang, und Sonne siel ins Fenster, dunkelblau stand der Himmel über uns, auf dem Meer der weißen Wolken schien das Flugzeug zu ruhen. Die Fluggäste sahen sich an und lachten. Keiner sagte ein Wort. Dicht vor Hannover teilten sich die Wolken, man konnte das Land sehen. Bon vorn wurde ein Zettel in die Kabine geschoben. „Bückeberg", mit einem kleinen Pfeil nach rechts. Auf dem Flugplatz Hannover standen viele Flugzeuge,, darunter eine große JU 52; Fahnen, Lautsprecher, festliche Menschen: Wir fliegen weiter. Ein Blick zurück auf das Steinhuder Meer, aus dem viele weiße Segel leuchten. Rechts das silberne Band der Weser, die durch die Norddeutsche Tiefebene dem Meere zuströmt und den grünen Wall der Westfälischen Pforte durchbricht. Bald sind wir an der Havel, Brandenburg und der Beetzsee, Werder und Potsdam. Wir kennen jede Windung der Seen und Flüsse, Berlin: Durch den bunten Wald der Fahnen gehen wir langsam hinaus in unseren grauen Tag. Viele von uns — nicht die Glücklichsten, nicht die Schlecht testen — sind nicht unbefangen genug, um in Gott zu leben. Aber die meisten sehnen sich danach, glauben zu können. Sie suchen die Spuren Gottes in der Welt. Blätter, Bäume, Wolken, ein Mensch. Ein deutscher Dichter hat die Erzählung des Flregers geschrieben, der Gott sah. Er suchte Gott; aber als er ihn in der Höhe mit seiner kleinen Stimme anrust, mit der Stimme des Menschen, erkennt er die Geringfügigkeit jener namenlosen Höhe, die ihn die ganze Erde unter sich sehen läßt: „Er sah zwar die Erde klein, aber sich noch viel kleiner, unerreichbar und von ewiger Größe die Sonne und den, der dahinter war, wenn er auch sein Gesicht immer noch nicht zeigte — Gott." Es gibt eine ganz besondere Art von Träumen, man sitzt abends in seinem Zimmer und hat den Flugplan der Deutschen Lufthansa vor sich, den Kringelplan, wie die Leute sagen. Zunächst sieht es aus wie eine Unzahl von untergeordneten Linien und Kreisen. Aber im Augenblick enthüllt sich das Geheimnis, aus Linien wird Land, in den Kreisen stehen die Sendestationen und die Lichter der Häfen, aus den nüchternen Zahlen wächst das Dröhnen der Propeller, das Abrufen der Fluggäste, Ankunft und Abfahrt. Am Sonnabend vor Pfingsten flog ich mit dem dänischen Flugzeug in schwefelgelber Gewitterluft über Norddeutschland« In immer neuer Verwandlung stand die Traumlandschaft der Wolkenberge gegen uns aus. In unwirklichen Farben, in übermenschlichen Dimensionen zauberten sie uns in eine Märchenwelt, die uns den Atem benahm und jeden Gedanken an Erde und Landschaft vertrieb: selbst das ersehnte, erwartete Meer erschien fahl und ruhig nach der dämonisch bewegten Unruhe des wandernden Lichts. Wie anders auf dem Rückflug: klar lag das Meer im Morgenglanz der Sonne, im Westen die Kreidefelsen und die Insel Möen, zur Linken die schwedische Küste. Die freie Luft der Ostsee strömte in die geöffneten Fenster. Wir hielten die Karte in der Hand und blickten nach vorn: oben fanden wir die Küste, noch blaß und fern am Horizont, schon kam sie näher, Hiddensee, Rügen, Stralsund, zur Rechten die Müritz und die mecklenburgische Seenplatte, und wieder die Stadt, mit den breiten Alleen, mit den Vororten, mit ihren Plätzen und Wegen, die wir kennen. Wir beugen uns hinaus und finden es wieder, das Haus in dem wir geboren sind, den Park, in dem wir gespielt haben, schon sind wir über Neukölln. Im großen Bogen umkreist das Flugzeug die Friedhöfe, und in wenigen Minuten fahren wir mit der Straßenbahn nach Haus. Auf dem Friedhof ging ein Mann über die Wege, auf denen der Herbst die Blätter verstreut hatte, die unter seinen Schritten knisterten. Auf den Gräbern blühte das Heidekraut. Der Tag war so klar, daß es weh tat, wenn man an die Toten dachte und in den Himmel sah. Auf einmal hörte man das Brummen eines Flugzeuges. Es flog ganz hoch. Wie ein schöner Vogel spiegelte es sich im Licht der Sonne, es verschwand zwischen den Bäumen, kehrte wieder, ruhig zog es seinen Weg. Das Brummen klang ab, eine Zeitlang konnte man noch den schmalen schimmernden Streifen am Himmel erkennen. Der Mann sah ihm nach, lange wandte er den Blick nicht fort. Als er weiterging waren seine Augen nicht weniger traurig. Aber er sang leise vor sich hin. In dem kleinen Bündel der Königlich Niederländischen Luftfahrtsgesellschast, das den Streckenplan, Anweisungen, Verbote enthält, ist eine Einladung zu einem Flug nach Batavia enthalten, zu dem man zweimal wöchentlich, am Mittwoch und Sonnabend, von Amsterdam aus starten kann. Der Flug geht über Leipzig, Bratislava, Budapest, Marseille, Rom, Athen, Kairo, Gaza, Bagdad, Buschir, Djask, Karatschi, Jodhpnr, Allahabad, Kalkutta, Akyab, Rangoon, Bangkok, Alor Star, Medan, Singapore, Palembang. Am Mittwoch verläßt man Amsterdam, am Montag kommt man in Batavia an. Das Erschütternde ist die unatifhörliche Steigerung der Möglichkeiten. Gewiß, die kleinen Annehmlichkeiten des Fliegens sind bezaubernd. Es ist reizend, wenn in der großen Schweizer Douglas-Maschine die Stewardeß Zigaretten. anbietet, die sie nicht verkaufen darf. Es ist bewundernswürdig, mit welcher Geschwindigkeit das Abendbrot in der Fokker- Maschine der KLM (in der die breiten roten Sessel und die spiegelnden Tische sich wirkungsvoll von der mattgelben Bespannung der Wände abheben) .angerichtet wird. Aber dies alles ist nur eine Bestätigung dessen, daß hier das Wunder einer Organisation festgefügt und bis in die kleinsten Einzelheiten ausgedacht und hingestellt ist. Man kann oft geflogen sein, viele Häfen kennen, wir, deren Leben durch Grenzen gebunden ist, werden es immer wieder spüren, wenn wir aus den Terrassen der Flugfelder fitzen und Start und Landung verfolgen: die gleiche Sehnsucht, die Frieden und Lieblichkeit der Täler verachtet, um auf den Meeren und auf den Gipfeln der Berge gefährlich zu leben. Ich muß immer an die ersten Zeilen eines Gedichtes denken, das kürzlich in einer Zeitschrift veröffentlicht war, und das wie ein Volkslied ist: „Herr, laß uns nicht mit engem Sinn die Welt in Deutschlands Grenzen sehen, wir wissen/Gottes Winde wehen darüber hin." Einmal flog ich nach Süddeutschland. Durch einen Zufall waren alle Plätze des geraden Wegs besetzt: ich mußte einen ■ nirfTTrir. - TL

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