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Central-Verein-Zeitung · 1936-01-03 · 1 (3.1.1936) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936) - farbig
Issue
1 (3.1.1936)
Date
1936-01-03
Page
[Seite] (sequence 19)
Language
German
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Die Zerstreuung der Juden über die Erde XIX. Türkei 3. ' Im Gegensatz zu den europäischen Gebieten der Türkei weist das asiatischtürkische Staatsgebiet nur eine sehr geringe jüdische Bevölkerungsdichte ans. Seit dem Jahre 1923 ist die Landeshauptstadt der türkischen Republik nicht mehr — wie im ottomanischen Kaiserreiche — Konstantinopel, sondern Angora (jetzt Ankara). Es ist eine svziographische Besonderheit, die sich aber aus dem historischen Geschehen ohne weiteres erklärt, daß in der neuen Landeshauptstadt des türkischen Reiches nur sehr wenige Juden leben, mir etwa 700. Auch in dem übrigen Teil der Provinz, in deren Grenzen Ankara liegt, in Z e n t r a l - A n a t o l i e n, finden nur außerordentlich wenige jüdische Familien ihr Brot. Das Schwergewicht des jüdischen Bevölkerungssektors auf vorderasiatisch-türkischem Gebiet liegt in S m y r n a (h ende I z m i r). Die Provinz Smyrna, der vorderasiatische Bezirk a m Aegäischen Nt eer. hat eine jüdische Einwohnerschlst von rund 18 200 Kopsen. Davon leben allein 16 500 in der alten orientalischen Hafenstadt Smyrna, womit sie etwa 9 v. H. der Bevölkerung dieses wichtigen türkischen Handelszentrums ausmachen. Die Bezirke, die hinsichtlich der jüdischen Bevölkerung an zweiter und dritter Stelle folgen, sind die Provinz Brussa (jetzt Burs a), dicht am Marmarameer gelegen, und ferner die Canakkale-Provinz, beide mit gleichnamigen Städten in ihren Zentren. In jeder dieser Provinzen leben insgesamt je 1800 bis 1900 Juden, die Mehrzahl in den gleichnamigen Provinzhauptstädten. In den innerasiatischen Provinzen der Türkei sind die Ziffern der dort lebenden Juden absolut und prozentual außerordentlich gering. Die Provinz Zentral-Anatolien wurde vorher bereits erwähnt. In Südost-Anatolien, eurer Landschaft mit mehr als 400 000 Einwohnern, leben insgesamt nur 1200 Juden. In den größeren Städten dieser Bezirke, die teilweise bereits unweit der Grenzen Syriens, des französischen Mandatsgebietes. und des Irak, des englischen Mandatsgebietes, liegen, leben teilweise nur 200 bis 300 Juden, trotzdem dio Städte in dieser Gegend eins Gesamtbevölkerung von mehreren Zehntausenden von Menschen aufweisen. In dem Teil Armeniens, der zum türkischen Staatsgebiet gehört, also in den Provinzen am Schwarzen Meer und an der Grenze Sowjetrußlands (Transkaukasien), ist die Zahl der Juden nur außerordentlich dünn gesät. In vielen der kleineren Provinzen, in die das Gebiet verwaltungsmäßig aufgegliodert ist, wohnen teilweise überhaupt keine jüdischen Familien, in anderen sind da oder dort nur ganz wenige verstreut. Auch Nachdruck verboten! die größtenteils doch recht alten Hafenstädte am Schwarzen Meer bilden hierin keine wesentliche Ausnahme. Es ist jedoch interessant, daß diese kleinen Splitter der Judenheit der Erde in diesen Teilen des vorderen Orients aus eine sehr alte b l u t m ä ß i g e Tradition zurückblickcn müssen, was daraus hervorgeht, daß ein viel kleinerer Teil von ihnen das Spaniolische als Muttersprache angegeben hat, als in der europäischen Türkei oder in der Gegend von Smyrna Es wäre einer näheren Untersuchung wert, ob die Vermutung zutrifst, daß sich in diesen Landstrichen alteingesessene Familien aus den Zeiten des alten Perserreiches und aus d e m tausendjährigen byzantinischen Reiche bis zur Gegen wart, wenn auch in kleinen Restsplittern, erhalten haben. Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, daß aus die guantitative Größenordnung der Juden in Bvrderasien im Rahmen dieser Aufsatzreihe in einem der Abschnitte über Asien nochmals eingegangen wird. Wenn man die Zahlen, die durch Binjamin ben Jona aus Tudela überliefert sind, für glaubwürdig hält, dann haben sich in Borderasien in den letzten Jahrhunderten Hunderttausende von Juden unter Aufgabe ihrer Standeseigenarten und der religiösen Lehre, deren Träger sie waren, mit den eingeborenen Volksschichten völlig vermischt, denn die Zahlen, die Binjamin für Mitte des 12. Jahrhunderts berichtet, gehen weit in die Huuderttausende, und gerade an eine so starke Abwanderung oder gar eine Vernichtung in diesen Gebietsteilen, die hier in Rede stehen, ist kaum zu denken. So eingehend die geographisch-statistischen Angaben der amtlichen türkischen Statistik in konfessioneller Richtung find, so wenig geben sie über die berufliche Struktur der einzelnen Volksschichten Auskunft. Die große Mehrheit der türkischen Juden lebt in sehr ärmlichen Verhältnissen, Tausende von ihnen sind Kleinhandwerker, viele Lausende finden in den Häsen Arbeit, sei es als Schiffer, sei es als Lastträger, sei es als Fischer. Rur in ganz wenigen Städten des Landes gibt es einen Mittelstand, noch seltener ist die Zugehörigkeit der Juden zur sozialen Oberschicht; eine Ausnahme hiervon bildet nur Konstantinopel, wo die Juden in allen wirtschaftlichen und sozialen Schichten vertreten sind. Der Ausbau Palästinas wird der Türkei und damit auch ihren Juden wirtschaftlich deshalb zugute kommen, weil den türkischen Bahnen und Häfen bei dem ausgedehnten Güter- und Personenverkehr von Mittel¬ und Osteuropa nach dem vorderen Orient eine neue Bedeutung zuwächst. vr. E. R-z, Der Ausbau des Hilfsvereins der Juden in Deutschland Unter Vorsitz von Max M. Marburg sand eine gut besuchte Sitzung des Kuratoriums (des früheren ^eschäftssührenden Ausschusses) des Hilssvereins der Juden in Deutschland statt, bei der Dr. Wischnitzer einen Bericht über die Tätigkeit des Hilssvereins erstattete, die besonders seit Erlaß der Nürnberger Gesetze an Umfang und Intensität stark zugenommen hat. Die Zahl der Beratungen ist jetzt wieder so hoch, wie sie in den Sommermonaten des Jahres 19 3 3 war, d. h. sie beträgt monatlich 4000 oder mehr. Die finanziellen Aufwendungen für die Auswanderer, die zurzeit ganz überwiegend in überseeische Länder geleitet werden, sind von 25 000 Mark im September aus 46 000 Mark im Oktober und 66 000 Mark im November angewachsen (abgesehen von, den Zuschüssen der Gemeinden im Reiche), desgleichen die Zahl der beförderten Auswanderer von 204 im September auf 300 im Oktober und über 400 un November. Außerdem wanderten viele in diesen Monaten aus, die nur die Beratung des Hilssvereins, jedoch keine finanzielle Unterstützung beanspruchten. Zurzeit bemüht sich der Hilssverein, durch Schaffung eines Garantie-Fonds den Auswanderungswilligen, die ohne Hilfe ihr Auswanderungsvorhaben nicht ansführen können, weil sie nicht die als Landungsdepot benötigte Summe besitzen, die Durchführung der Auswanderung zu ermöglichen. — Die . Vorbereitungen für die Auswanderung der Familien, die in den landwirtschaftlichen Kolonien der Jewish Colonisation Association (Ica) angesiedelt werden sollen, machen Fortschritte; 20 Familien treten die Uebersahrt an (inzwischen sind die meisten von ihnen abgereist). Ferner werden zusammen mit der Reichsvertretung 65 junge Leute ausgesucht, die vorerst als Landarbeiter nach Argentinien gehen und später ihre Eltern und Geschwister Nachkommen lassen sollen. Wenn diese jungen Leute sich bewährt haben, sollen also weitere 65 Familien sich in den Kolonien der Ica niederlassen können. Dr. Wischnitzer berichtete ferner über verschiedene andere überseeische Auswanderungsmöglichkeiten, denen noch gewisse Schwierigkeiten entgegenstehen. Den gewaltig gestiegenen Anforderungen der letzten Zeit begegnete der Hilfsverein durch einen starken Ausbau seines Apparates und die Hinzuziehung neuer Kräfte. Im Reiche werden 13 Beratungsstellen zu den schon bestehenden beiden in Hamburg und Bremen hinzukommen, und zwar in Breslau, Königsberg. Stettin, Leipzig, Köln, Hannover, Kassel, Essen, Frankfurt, Mannheim, Karlsruhe, Stuttgart und München. Anschließende Wahlen hatten folgendes Ergebnis : In das Kuratorium (den früheren geschästssührenden Ausschuß) wurden neu gewählt die Herren: Justizrat Dr. Julius B r o d n i tz, Ministerialrat a.D. Dr. Otto Hirsch, Dr. Leo Löwe n st e i n, Rechtsanwalt Dr. Julius L. Seligsohn, Dr. Herbert Schönfeld t. In den Arbeitsausschuß des Kuratoriums, dessen Vorsitzender Max M. Marburg ist, wurden Dr. Otto Hirsch und Dr. S e l i g s o h n kooptiert. — Vorsitzender des Geschäftsführenden Vorstandes (nach dem neuen Status) wird der bisherige Generalsekretär, Dr. Mark Wischnitz e r, ordentliches Mitglied Henry C h a s s e l, Hamburg. Der Vorstand wird demnächst' durch Hinzuziehung neuer Mitarbeiter erweitert werden. Der Hilfsverein hat in seiner jüngsten Tätigkeit auch auf die stärkere psychologische Vorbereitung der Menschen für die Auswanderungsfragen zu achten begonnen. Im Anschluß an die sehr stark besuchten Berliner Gemeindeabende veranstaltete er eine Reihe von Vortragsabenden im Reiche. Den Auftakt bildeten Veranstaltungen in Mannheim und Köln, bei denen der Leiter des Hilfsvereins, Dr. Mark Wischnitzer sprach, und in Leipzig mit Max M. Marburg und Dr. Wischnitzer als Residenten. Dr. Wischnitzer sprach ferner in Gleiivitz, Hindenburg und B e u t h e n. In Mainz berichtete der Sekretär des Hilfsvereins. Samuel Lifschitz, vor einer größeren Zahl Answanderungswilliger, die aus dem Lande Hessen erschienen waren, über die Möglichkeiten der Auswanderung nach Südamerika und behandelte im Anschluß daran eine Reihe von Einzelfällen. Henry Chassel, Leiter der Hilfsvereinsarbeit in Hamburg, beleuchtete dort die Probleme der Ueberseeauswanderung. Ferner sprach Dr. Wischnitzer in Stettin und Wiesbaden. In Breslau referierte der stellvertretende Vorsitzende der Gemeinde, Dr. Lux. Die Vortragsabende sollen dazu dienen, der Verwirrung und den falschen Vorstellungen, die in letzter Zeit in Auswrnderungsfragen Platz gegriffen haben, entgegenzutreten und die begrenzsein. Die gesteigerte Aktivität, die der Hilssverten,. aber tatsächlich vorhandenen Möglichkeiten ein in letzter Zeit, den wachsenden Aufgaben entüberseeischer Auswanderung klar hervortreten zu sprechend, entfaltet hat, wird dazu dienen, ihm das lassen. Auf Grund dieser Aufklürungstatigkeit Vertrauen zu erhalten, das er früher unter einwerden viele Juden auch für sich persönlich die fächeren Verhältnissen sich in jahrzehntelanger, richtige Entscheidung zu treffen eher in der Lage mühevoller Arbeit erworben hat. Auslandsnachrichten Algerien Der Vorsitzende des faschistischen Verbandes „Croix de feu“ in Algerin. Bricaut, wandte sich in einem Appell, zu dem 4000 Faschisten erschiene waren, gegen den Antisemitismus und erklärte, es dürfe kein Unterschied 'gemacht werden zwischen Teilnehmern am Weltkrieg, seien sie Christen. Juden oder Mohammedaner. England Der bisher längste Ueberseeslug im Leichtflugzeug wurde am Freitag, dem 21. Dezember 1935, von Robert K r o n f e l d . dem berühmten Segelflieger. ausgeführt. Er startete von Croydon und landete im Nonstop in Rotterdam. Der Motor seines Flugzeuges hatte nur 18 PS. Die Kosten des Benzinverbrauches beliefen sich auf nur etwas über 5 Schilling. Jüdische Seeleute, Soldaten, Flieger, Rote- Kreuz-Schwestern und Gehilfen in Uniform und ehemalige jüdische Kriegsteilnehmer nahmen an der Versammlung anläßlich deS 32jährigen Bestehens der Naval, Military and Air Force Chanucah Service in der Central Synagoge, Great Portland Street, teil. Gen. Sir Jan Hamilton und Lady Hamilton, Lt. General Sir Traves und Lady Clarke, S. Ehrwürden E. H. Thorold, Chaplain Gen. und andere offizielle Vertreter, der Bürgermeister mit Frau von St. Marylebon waren anwesend. Später wurde den Soldaten, Exsoldaten und den Fräuen ein Essen in der Prices Gallerie gegeben. Der jüdische Vorsitzende Mr. I. White präsidierte. In Beantwortung einer Ergebenheitsadresse an den König sandte der König allen Versammelten seinen Dank. Litauen Der Verband der jüdischen Kriegsteilnehmer Litauens hat der Regierung eine Denkschrift überreicht, in der um die Erlaubnis zur Einberufung eines Weltkongresses litauischer Juden nach Kaunas im August 1936 gebeten wird. Die Regierung steht diesem Plan mit Sympathie gegenüber. Mr Minister des Innern, der Finanzminister und der Bürgermeister von Kaunas veröffentlichen eine gemeinsame Erklärung, in der die von der antisemitischen Vereinigung litauischer Kaufleute „Berslininki" getriebene chauvinistische jndenfeindliche Propaganda verurteilt wird. In der Erklärung wird darauf hingewiesen, daß die Politik der litauischen Regierung auf Toleranz und Rechtsgleichheit aller Bürger gerichtet fei. Oesterreich Die Fertigstellung der. Ernennung-Kiste zum Vorstand der Wiener Advokatenkammer nimmt auf die Zusammensetzungder Wiener Anwaltschaft keine Rücksicht. Trotz der großen Zahl von Juden im Advokatenstand wurden nur sehr wenige Inden auf die Ernenmmgsliste gesetzt. Die Mitglieder deutsch-arischer Rechtsanwälte bemühen sich um die Ausschaltung der Juden aus der Leitung der Kammer und besonders um die Absetzung des um den Advokatenstand sehr verdienten lind internationales Ansehen genießenden Präsidenten der Kammer, Dr. Siegfried Kantor, der gleichzeitig Vizepräsident der Internationalen Advokaten-Union ist. Die Vereinigungen jüdischer Advokaten in Wien haben im Hinblick auf diese Umstände eine Depesche an den Bundeskanzler Dr. Schuschnigg, an den Jnstizminister und an den Generalsekretär der Vaterländischen Front gesandt, in dem sie unter Berufung auf die Rechtsanwaltsordnung, Gesetz 300 vom Jahre 1934 und die Bundesverfassung vom Jahre 1934 Artikel 16 und 181, welche Diskriminierung jüdischer Bundesbürger ausschließen, die Wiederernennunc, der um den Rechtsanwaltsstand hochverdienten bisherigen Ansschnßmitglieder bzw. um Entsendung einer gleichen Anzahl neuer Mitglieder ans ihren Reihen erbitten. Polen Das Rektorat und das Prosissorenkollegium der Technischen Hochschule in Lemberg haben eine Erklärung veröffentlicht, in der die jndensiindlichen Ausschreitungen an der Hochschule schärfstens verurteilt werden. In der Erklärung wird ferner festgestellt, daß die Verordnungen, durch die den jüdischen Studenten besondere Arbeitsplätze und Hörsäle zugewiesen werden, keinen grundsätzlichen, sondern nur zeitweiligen und provisorischen Charakter tragen und ausschließlich im Hinblick ans die Aufrechterhaltung der Ordnung erlassen wurden. Südafrikanische Union Sir George A l b u, der Leiter der Johannisburger Minen, ist soeben gestorben. Er wurde im Jahre 1857 in Berlin geboren. Sir George war Vorsitzender und Direktor der General Mining and Finance Corporation und Direktor der Crown Mines Ltd. und der East Rand Proprietary Mines. Vorher war er Teilhaber der Firma G. u. L. Albu, Johannisburg und London. Er wurde 1887 als Engländer in Transvaal und 191 l in England naturalisiert. Er war u. a. Konsul für Dänemark in Johannisburg und wurde 1912 geadelt. Sir George wird mit Recht der älteste - Minenarbeiter und Doyen dieser Industrie genannt. Fast bis zu seinem Tode arbeitete er gewissenhaft wie jeder seiner Angestellten. Bei der Arbeiterschaft war er ungeheuer beliebt. Sir George war, wie die englischen Nachrufe betonen, . ein Anhänger der Politik: Gute Löhne für gute Arbeiter! Die Erfolge, die seine Gesellschaften haben, hätten ihm recht gegeben und hätten heute nur seiner Klugheit und Menschlichkeit ihre internationale Größe zu danken. Jüdisches heben — jüdischer Geist Wissen vom Judentum Zwei Lehrvorträge Jüdische Apologetik wird häufig so betrieben, daß man einzelne Angriffe auf die jüdische Religion abwehrt, ohne deren zentrale Gesichtspunkte vor Augen zu haben. So war es sehr zu begrüßen, daß Rabbiner Dr. Esra Munk, der am 16. Dezember im „K l u b der E V - F r a u e n" einen Vortrag „Aus dem Aufgabenbereich jüdischer Apologetik" hielt, den Weg beschritt, die Grundlagen jüdischen Glaubens zu entwickeln, um so von einer wissensmäßig gesicherten Grundhaltung aus zu einzelnen irrrgen Behauptungen über das Judentum Stellung zu nehmen. Es liege im Wesen des jüdischen Glaubens, daß es nur einen Gott gibt, der füglich der Gott aller Menschen und Völker sein müsse. Von einem besonderen „Judengott" zu sprechen, sei daher ein Unding. Auch habe Gott nicht nur den Juden ein Gesetz gegeben, vielmehr habe Gott ursprünglich der ganzen Menschheit die sieben noachidischen Gesetze gegeben. Erst später, als trotz dieser sittlichen Gebote die Menschheit nicht den rechten Weg ging, als es sich herausstellte, daß die Menschen mit der ihnen gelassenen Freiheit nichts anzufangen wußten, habe Gott nun einer, Menschengruppe, dem israelitischen Volk, am Sinai eine Lehre gegeben, die das ganze Leben des Menschen einschließt. In der Aufgabe, die besondere strenge und komplizierte Lehre Gottes befolgen zu dürfen, liege allein die „Auserwähltheit" Israels. Dr. Munk wird seinen Vortrag, der zu Herzen der Zuhörerinnen ging, demnächst fortsetzen. In diesem Zusammenhang ist es auch wichtig, auf den Vortrag hinzuweisen, den Rabbiner Dr. B e r k o - v i tz am 14. Dezember auf Anregung des Rambam-Lehrhauses und des Synagogenvereins in der Synagoge Rykestraße über das Thema „Was bedeutet uns der Schulchan-Aruch?" hielt. Wenn Gott dem jüdischen Volk eine Lehre gegeben hat, die Alltag und Festtag des Einzelmenschen regeln soll, so ist es wohl verständlich, daß eine kürzere Anweisung nötig wurde, nach der sich der Jude richten konnte. Dieser Auszug aus der Halacha des Talmuds ist der „Schulchan- Aruch". Das Verständnis seiner peinlich genauen Vorschriften erschließt sich nur dem, der sich dessen bewußt ist, daß Gott, allgegenwärtig ist und demnach der Mensch stets im Angesicht Gottes lebt. So begreifen wir es, daß der Schulchan Aruch Anweisungen gibt, wie man Kleidungsstücke anzuziehen hat, ja, wie man sich bei jeder Verrichtung des Alltags benehmen soll. Vergegenwärtigt man sich, daß das jüdische Leben auf Gerechtigkeit aufgebaut ist, die nicht eine menschliche Uebereinkunst, sondern eine göttliche Vorschrift ist, so begreift man auch die vielen kleinen Rechtsanweisnngen des Schulchan Aruch, die das Leben in der Familie und in der Gemeinschaft regeln sollen..; In beiden Vorträgen, die nur inhaltlich, nicht organisatorisch etwas Gemeinsames hatten, wurde deutlich, wie fremd ein großer Teil jüdischer Menschen heute seiner eigenen Religion gegenübersteht. Denn es ist kaum jemand nach Hause gegangen, der nicht manche jüdischen Dinge, die ihm bisher unverständlich waren, in neuem Lichte gesehen hätte. War. Lehrhaus Karlsruhe Im Jüdischen Lehrhans Karlsruhe hörte mau im Rahmen einer Chanukka-Feier einen in umfassenden Gedankengängen angelegten Vortrag des Dozenten an der Berliner Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, Dr. Arnold B e r - ney , über „Juda Makkabi und der antike jüdische Staat". Berney gab eine wissenschaftliche Geschichtsbetrachtung. die über sonst bei Chanukkafeiern übliche Betrachtungen weit hinausging und den Sinn des Makkabüeranfstandes aus der: historischen und politischen Voraussetzungen des jüdischen Staatswesens vor der ersten Ternpelzerstörung und der Entwicklung der jüdischen Staatslehre deutete. Historisch und politisch hat sich ergeben, daß Palästina seiner geographischen Lage nach niemals geeignet war, Ausgangspunkt für einen Machtstaat zu sein. Palästina war immer nur Hinterland, Durchmarschland, Aufmarschland großer Mächte bis hinein in unsere Zeit. Daher ist es weit mehr Träger politischer Bedrängnisse, aber auch kultureller Bewegungen gewesen. Der Inhalt jüdischer Staatslehre bestand im wesentlichen in der Ablehnung jeglichen Machtanspruchs und jeglicher Selbstüberhebung der Könige, gegen welche sich namentlich die Pro-

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