Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 25 (5.4.1947)
- Date
- 1947-04-05
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Alexander Carlebach sprach über K5hr jüdische Probleme Vor einer zahlreichen Zuhörerschaft sprach am Sonntag, dem 16. März Rabbiner Dr. Carlebach im Kölner Altersheim über alle Probleme, die heute das jüdische Leben in Deutschland berühren. Mit großem Interesse folgten die Anwesenden den packenden, teilweise mit Humor durch würzten Ausführungen des Redners. Sein Appell, in den jüdischen Gemeinden wieder echte Religiosität, Pflege der jüdischen Lehre und Sprache Platz greifen zu lassen, soll das Judentum in Deutschland nicht dem Untergang geweiht sein, fand starken Anklang. Besonders von den führenden Menschen der Gemeinden verlangte Dr. Carlebach eine feste projüdische Einstellung. Der Vortragende streifte auch die augenblicklichen Verhältnisse in Erez Israel und gab der Hoffnung Ausdruck, daß, wenn auch evtl. Konzessionen gemacht werden müßten, es bald zu einer friedlichen Lösung der Palästinafrage kommen möge. Auch die Wiedergutmachungsfrage wurde berührt und nochmals unser unbedingtes Recht auf eine solche unterstrichen. Starker Beifall belohnte den Redner. Namens des Vorstandes und der Gemeindemitglieder dankte Herr Goldschmidt mit herzlichen Worten und wies darauf hin, daß es'wünschenswert wäre, wenn Herr Dr. Carlebach, welcher ein Sohn der Kölner Gemeinde ist, des öfteren erscheinen würde. Zur Wiederherstellung einer echten religiösen Grundlage in den Gemeinden sei es vor allen Dingen erforderlich, daß ein Teil der im Ausland lebenden Rabbiner wieder nach Deutschland zurückkehre und die seelsorgerische Führung wieder übernehmen. Aufgabe der Rabbiner sei es, Mittler zwischen Gott und den Menschen zu sein und letzteren die Lehre Rottes zu deuten. Es fand auch noch eine Diskussion statt, in der Herr Dr. Carlebach auf Anregung der Frau Drucker Versprach, sich für die Beschaffung jüdischer Lehr- und Geschichsbücher einzusetzen. Mit dem* Absingen der Hatikwa schloß die in allen Teilen' interessante, würdevoll verlaufene Veranstaltung. Moritz Goldschmidt. * Düsseldorf und Dortmund: Dr. Carlebach sprach auch in Düsseldorf und Dortmund über dasselbe Thema. Das große Interesse, das unsere Gemeindemitglieder für die Vorträge hatten, bewiesen sie ‘dadurch, daß sie die Säle füllten. Es wäre wünschenswert, wenn diese und ähnliche Referate öfters*« gehalten werden würden. Die mit großer Begeisterung aufgenommenen Ausführungen des Rabbiner zeigten, daß doch ein großer Teil der überlebenden Juden starkes Interesse für jüdische Dinge hat. Es ist dabei selbstverständlich, daß auch andere Stimmen laut wurden. Aber gerade das ist erfreulich, wie es überhaupt immer erfreulich ist, wenn mit Diskussionen begonnen wird. Diskussionen beweisen Interesse und führen zuguterletzt zur Klärung./ Die Demokratie gibt uns das Recht zur freien Meinungsäußerung und von diesem Recht sollten wir alle Gebrauch machen, so oft wir dazu Gelegenheit haben. Freie Meinung äußern zu können erzieht die^ Menschen zur Aufrichtigkeit. Und auch deshalb ist es wünschenswert, daß alle Gemeinden damit beginnen, regelmäßige Vortragsabende mit Diskussionen zu veranstalten. Wir freuen uns über den Anfang, den Dr. Carlebach gemacht hat. . . .x. Buchenwald-Prozeß 11. April 1945 — 11. April 1947 Am 7. März 1947, 3 Uhr nachmittags, erhob Lt. Col. Robert D. Durst die Anklage gegen 30 Männer und 1 Frau wegen Kriegsverbrechen, Verletzung der Gesetze der Menschlichkeit im Konzentrationslager Buchenwald und seinen Nebenlägern; Als Vertreter der deutschen Behörde war Staätskommissar Dr. Auerbach anwesend. Auf der Anklagebank sah man unter andern den Prinz zu Waldeck,, die berüchtigte Ilse Koch „Kommandeuse von Buchenwald“, den früheren Lagerkommandanten , Hermann P i s t e r, Max Sch o b e r t, Schutzhaftführer und einige Lagerärzte. Zum ersten Male werden auch die Taten bestraft, die in der Zeitspanne zwischen dem 1. September 1939 und dem . 8. Mai 1945 begangen worden sind. Der Anklagevertreter und sein Dolmetscher hat mit Würde und Ernst die Anklage vorgetragen und dem Erfordernis der Demokratie ist Rechnung getragen, in .dem auch den Angeklagten das Recht der freien Wahl der Verteidiger gegeben wird. Der Prcfeeß wird vor dem Obersten Militärgericht in Dachau am 11. April 1947 beginnen, am zweiten Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald durch. die 3. amerikanische Armee. , , Dr. Phil. Auerbach. immmmmiiiiififminmimiimiiimimiiimiiiiimiiinmiiiimiifiiuiiHimmiiiimiiuiiiiiiiiiiiiiimiiiiiimiminiiiiiftmiMH« Erlebnisberichte werden gesucht Alle Frauen, die während der Hitlerzeitpolitisch verfolgt wurden, werden gebeten, für eine Broschüre: „Den Frauen des Auslandes gewidmet“,« ihre Erlebnisse in Konzentrationslagern, Zuchthäusern und Gefängnissen zu schildern (höchstens. vier Schreibmaschinenseiten). Die Manuskripte sind eingeschrieben einzusenden an: Nora- Winkler von Kapp und Luise Rinser, Partenkirchen (Oberbayern), Maxstadtstraße 5. nachten! Als am anderen Morgen die Reinemachefrauen sich bemerkbar machten und mich weckten, suchte ich das Weite. Nach einer Tasse heißen Kaffees im Wartesaal begann für mich ein trostloser Tag des Herumtästens und der Enttäuschungen. Am Abend, abgespannt und wie gerädert, landete ich wieder in der Toilette des Bahnhofs Gharlottenburg! Eine Art Verfolgungswahn hätte mich, gepackt, immer wieder sagte ich mir, sie. sind hinter dir her, gegen jeden einzelnen, der sich irgendwie in meiner Nähe verdächtig machte, hatte ich Argwohn und wähnte in ihm einen GestapQspitzel. Volle vier Monate flüchtete ich allnächtlich in die Bahnhofstoilette und versuchte dort zu schlafen, bis die Scheuerfrauen lärmend, ihr Tagewerk begannen. Ach, wie hab‘ ich die oft beneidet! Aber die Folgen dieses unfreiwilligen Toilettenasyls blieben nicht aus: ich zog mir ein schweres Magen- und Darmleiden zu. Jetzt wurden die.- Bombenangriffe iftimer heftiger — fährt Frl. Ehrlich fort — und so schlimm das auch war, für die illegal Lebenden wirkte sich die damit verbundene allge-' meine Unruhe irgendwie günstig aus, man konnte sich besser „verkrümeln“, man fiel nicht mehr so auf, jeder hatte genug mitsich selber zu tun . \ . Goebbels sprach durch den Rundfunk von den Evakuierungen der Frauen und Kinder und das machte ich mir zunutze — richtig, das beste wäre, auch du würdest dich außerhalb -Berlins verflöchten! Gedacht — getan, ich landete in Fürstenwalde-West. Allerdings ohne die nötigen Papiere und Ausweise. Ein wechselvolles Leben setzte wieder ein. Ich schlug mich durch als Kinderfräulein, Reinemachefrau und Gelegenheitsarbeiterin. Es gab wohlkaum eine Schlafmöglichkeit, die ich nicht ausprobiert hätte, in Veranden und Lauben, in Bodenkammern und unter der Heißmangel in der Wäscherei, in Treppenhäusern. Ich habe gelernt, wie man die mittlere Treppenj stufe „bequem“ als „Kopfkissen“ benutzen kann! Schließj lieh wurde ich denunziert, aber der Polizeibeamte, der j offenbar mein Schicksal ahnte, war einsichtig und ließ mir - eine Frist,. die ich wieder zum — Flitzen benutzen ■ konnte! <■ Wieder pochte ich bei meiner Freundin im Berliner Westen an und wieder wurden mir ein paar Tage geschenkt. So schlug ich mich denn weiter durch, gewiß, manchmal war ich nahe am Verzweifeln, aber da sagte ich mir immer wie-! der: Willst du denn all* das jetzt umsonst durchgemacKt haben? 7 Schließlich aber bin ich doch nicht meinem Schicksal entgangen: am Kurfürstehdamm, Ecke Bleibtreustraße, stellten mich Spitzel der Gestapo, und nahmen mich mit. Ich kam i,n das Lager in der Schulstraße. Verblieb dort bis zur Befreiung, zehn Monate lang. Auch hier hatte ich Glück, ich kam in den Haushalt der Meldestellenleiterin, bis zum- 22. - April 1945, als unseren Gestaposchergen der Roden zu heiß; wurde, und nun si e flitzten, wie ich um mein Leben „geflitzt“ war, allerdings ohne etwas verbrochen zu haben, nur, j weil ich als Jüdin geboren war! Soweit der Tatsachenbericht über das illegale Leben der 1 Berlinerin — möge er jetzt sein „Happy-End“ finden, denn Edith. Ehrlich hat die Koffer gepackt für Amerika und erwartet jeden Tag ihr „ticket“ zur Ueberfahrt. Wenn sie sagt: Mich kann nichts mehr erschüttern — ich werde das ■ Leben in jeder Form meistern,, wollen wir ihr das nur zu gerne glauben! - Alo^ — 6