Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 24 (19.3.1947)
- Date
- 1947-03-19
- Page
- Seite 15 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Worüber man in Deutschland nicht spricht — daß in der New Yorker Zeitschrift „Aufbau” folgende Todesanzeige steht: „unsere jahrzehntelange Hausgenossin, Fräulein F., ist nach langen Hungerjahren der Entkräftung erlegen. Fräulein F., eine deutschgeborene katholische Frau, hat in den Jahren .1940 bis 1943 eine Reihe von in der Falle gebliebenen Frankfurter Juden mit Lebensmitteln .'zersorgt. Tagsüber auf einem Hof gut tätig, brachte sie in den Nächten den Ertrag ihrer Arbeit statt in Münze ließ sie sich mit den Produkten der Landwirtschaft entlohnen'— vor die Tür ihrer Betreuten. 1Ö jüdische Familien gelang es ihr auf diese Weise am lieben zu erhalten. Bis zur Deportation. Der lauernden Gestapo zum. Trotz. Die eigene Marter- oder Todesgefahr nicht achtend. Babette B. Susanne B. Fredric B. New York.” Wieviele von uns waren wie Fräulein F.? - (Ulenspiegel, Berlin). Gegen Mißbrauch des Zeugenrechts Vorkommnisse der letzten Zeit, die auch in der Tagespresse lebhaft erörtert worden sind, zwingen uns, zur Frage de^ Zeugenaussagen in Entnazifizier ungs verfahren klar und eindeutig Stellung zu nehmen. Schon vor langer Zeit hat die Jüdische Gemeinde es ihren Mitgliedern untersagt, für ehemalige ^Nationalsozialisten Bescheinigungen auszüstellen und Aussagen zu machen,' für die sie nicht die volle Verantwortung übernehmen können. So begreiflich es ist, wenn jemand von seinem Gewissen getrieben wird, sich für jemanden einzusetzen, der ihm unter Lebensgefahr oder unter Bedrohung seiner Existenz tatkräftige Hilfe geleistet hat, ist es doch unbegreiflich, daß solche Versicherungen auch dann ausgestellt werden, wenn eine solche Begründung fehlt. Es ist wiederholt vorgekommen,, daß selbst die Spruchkammern bei Nachprüfungen solche Aussagen oder Bescheinigungen zurückgewiesen haben, weil sie entweder in leichtfertiger Weise oder gar aus Vorteilsgründen gemacht worden sind. Summiert man diese merkwürdigen Aussagen, so ist man erstaunt,, daß nur so wenig' Juden das Hitlerregime überleben konnten und daß die wenigen, die der Gefahr entronnensind, mit so viel Hilfe - nicht vor Verelendung und Hunger geschützt werden konnten. Wenn so viele ehemalige Anhänger der Nazipartei angeblich gegen die Rassenverfolgung waren, dann muß man sich wundern, woher der neudeutsche Antisemitismus eigentlich kommt. Auch jeder zu Unrecht Entnazifizierte erhält Rechte und wirtschaftliche Vorteile, auf Kosten der rassisch und politisch Verfolgten. Dies sollte sich jeder wohlweislich vor seiner Aussage überlegen. Der Hauptausschuß „Opfer des Faschismus”, Abteilung „Opfer der Nürnberger. Gesetzegebung”, sieht sich auf Grund der größen Zahl der zumindest zweifelhaften Aussager? gezwungen, in Zukunft derartige Fälle genauestens naqhzuprüfen und bei der Feststellung,. daß Aussagen leichtfertig oder gar aus. Vorteils gründen gemacht worden sind, durch Entziehung des Ausweises die sofortige Aberkennung als „Opfer des Faschismus” aüszusprechen. Moralich gesehen, sind solche falschen Aussagen ein Verrat an den lebenden Kameraden wie an den Toten aus unserer Mitte. H. G. („Der Weg”, Berlin). Jüdische Anleihe Das „Komitee“ der nordamerikanischen Juden „f&r gemeinsame Verteilung” hat eine Anleihe für die rumänische Regierung in Höhe von einer Million Dollar > bewilligt. Die Summeist in sechs Jahren ohne Zinsen zurückzuzahlen. . („Der Abend”, Berlin.) „Stürmer-Fips” Die antisemitischen und pornographischen Hetz-Zeichnungen, die laufend im „Stürmer” unter dem Pseudonym ,Fips’ veröffentlicht wurden, haben erheblich zu den Judenverfolgungen im „Dritten Reich” beigetragen. In Kürze wird sich jetzt der Zeichner Philipp Rupprecht, der seit seiner Haftentlassung in Aßling lebt, als dieser „Stürmer Fips” vor der, Spruchkammer Ebersberg zu verantworten haben. 1 . t„Main-Post”, Würzburg). Hilfe für alle Rasseyerfolgten Aehnlidh wie der Jüdischen Gemeinde, zu Berlin - konnte auch den Hilfsstellen aller nicht jüdischen ehemaligen Rasseverfolgten ' zugesichert werden, daß die geplanten Hilfsmaßnahmenallen - ohne Ansehen der Glauberiszugehörigkeit zugute kommen sollen, die nachweislich durch die Nürnberger Gesetzgebung in , entscheidender Weise geschädigt wurden. „Der Morgen”', Berlin. .AUS DEM JÜDISCHEN LEBEN —————— I . II i.i i iim ....im.... Purimfeiern 1947 Aachen Auch die Gemeinde Aachen hatte ihre Purimfeier. Der Vor-i sitzende, Alfred Loewendahl, begrüßte die zahlreich Erschienenen, die trotz aller Wetterunbilden herbeigeeilt waren. Nach einer kleinen Erfrischung begann die religiöse Feier. Die vprgeschriebenen Segenssprüche und Gebete wurden gesprochen. Im Anschluß daran gab ef einen Ueberblick über die historisghfen Vorgänge, die wunderbare Errettung des jüdischen Volkes in Persien yor dem Untergang, das einig und geschlossen unter Zurückstellung alles Trennenden zusammenstand. Unsere heutige Generation, so führte der Vorsitzende aus, sollte restlos durch Hitler. Vernichter werden. Die großen Prüfungen, Leiden .und Qualen, die das Schicksal uns auferlegte, haben altes seit .^enschengedenkeri Dagewesene übertroffen. Nur ein kleiner Teil des europäischen Judentums entging der Vernichtung, Wir Uebeflebenden haben die historische Aufgabe, das uns durch ein günstiges Geschick noch erhalten -gebliebene zu pflegen, auszuba^ien und zu befestigen. ‘ Spätere Generationen,,. könnten uns sonst mit Recht den Vorwurf macl#n, ,-,Ihr habt die Zeichen der Zeit nicht erkannt, die idealen und ideellen. Ziele des Judentums nicht begriffen und große Schuld auf euch geladen. Der. Hinweis, mit Rücksicht auf die Ereignisse in Palästina die Wogen der Fröhlichkeit nicht allzu hoch gehen zu lassen, fand volles Verständnis. . _ Nun begann der gesellige Teil. Hatte schon das %kürzliche Channukahfest gezeigt, welche geselligen Kräfte uns zur Verfügung stehen, so Wurde dieses durch die Darbietungen am Purimabend bei . weitem übertroffen. Nur schwer nahm man Abschied und übereinstimmend sagte man, ein solch schönes Fest lange nicht mehr erlebt zu haben. Man sprach gleichzeitig den Wunsch aus, nach Möglichkeit diese geselligen Zusammenkünfte, zu wiederholen. ' ' '• . -15 Ein kleirier Wermuttropfen in dem Becher der Freude war der Abschied des Ehepaares Kadner, das nach Australien zu seinen Kindern zurückkehrt. Herr Kadner sprach allen, auch im Nämen seiner Frau, und besonders dem Vorsitzenden für die Hilfsbereitschaft, die er bei allen Schwierigkeiten auch dann, wenn sie nicht zu seinem eigeneri Auf-, gabenkreis gehörten, bewiesen hatte, seinen allerherzlichsten Dank aus. Im Verlauf des Festes , beehrte uns auch der Regierungspräsident mit seinem Besuch. Er hat sich immer als ein Freund und Förderer unsere.r jüdischen Belange erwiesen und zeigte auch diesmal wieder sein Interesse für unsere Nöte und Schwierigkeiten. Dortmund. Am 6. März 1947, nachmittags ab 15 Uhr, fand die Purimfeier der Relegionsgemeinde Groß-D ortmund im Saale Klüting in Dortmund-Brechten statt. Bei Kaffee Und Kuchen hatten' sich die Mitglieder unserer Gemeinde fast restlos eingefanden, um wie üblich, das Purimfest zu begehen. Durch 8 Kinder unserer Gemeindemitglieder wurden die Vorgänge, die den Anlaß zur Abhaltung der Purimfeier geben, in ausdrucksvoller W’eise wiedergegeben. In einem weiteren aufgelöckerten Programm und anschl. Tanz fand die Feier zur vollen Zufriedenheit aller Mitglieder ihren Abschluß. - Essen: , In fissen* fand am 6. März, eine Purim-Feier statt, die eingeleitet wurde durch eine Erklärung der Megilla. Siegfried Löwenstein' erzählte in anschaulicher Weise die Geschichte der Esther.. EJr verstand es, Vergleiche zu ziehen, zwischendiesem denkwürdigen Teil der jüdischen Geschichte und dem Erleben, das gerade hinter uns liegt Und schloß seine Erklärung mit den Worten: „Wir, wie auch die leider noch wenig vorhandenen Juden in Europa haben noch einen zweiten Anlaß, im wahrsten