Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 24 (19.3.1947)
- Date
- 1947-03-19
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9498581-9366319-9386250--294-9366288- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
NEUES AUS ALLER WELT Das Jüdische Zentralkomitee beim Bayerischen Ministerpräsidenten München. (DENA). Der bayerische Ministerpräsident Dr. Hans Ehard erklärte in Anwesenheit des Innenministers Josef Seif ried und des Staatskommissars Dr. Philipp Auerbach den Präsidialmitgliedern des jüdischen Zentralkomitees, daß seine Regierung die vom Kabinett Hoegner eingeleitete Politik gegenüber rassisch und politisch Verfolgten fortsetzen werde. Selbstverständlich werde die bayerische Regierung allen antisemitischen . Versuchen mit der nötigen Schärfe entgegentreten und alle Bemühungen unterstützen, die auf die Wiedereingliederung der Juden in den Wirtschaftsprozeß abzielten. Bilanz des Grauens Dresden. (ADN). Ueber 10 000 anerkannte Opfer des Faschismus wurden nach einer Mitteilung des Ministeriums für Arbeit und Sozialfürsorge in Sachsen gezählt. In den Zuchthäusern, Gefängnissen, Rz.-Lagern uird in Schutzhaft brachten 17 653 deutsche Menschen aller politischen und konfessionellen Richtungen insgesamt 289 566 Monate zu. Die Nazigerichte sprachen 155 Todesurteile aus, jedoch wurden nahezu 1400 Personen ohne jedes Gerichtsverfahren ermordet. Bei diesen Zahlen .handelt es sich nur um Personen, die ihren ständigen Wohnsitz in Sachsen hatten. Nicht einbegriffen sind z. B. die 5000 Rasseverfolgten, die in Leipzig den nazistischen Schergen zum Opfer fielen, und die 1600 vorwiegend tschechischen Staatsbürger, die in Dresden hingerichtet wurden. Darüber hinaus wurden bisher die Grabstellen von 4381 Häftlingen aufgefunden, die bei .der Evar kuierung der KZ.-Lager und Haftanstalten durch Sachsen marschieren mußten und entweder an Erschöpfung gestorben sind oder ermordet wurden. 4 ' ' ■ Auswanderungen nach Palästina Berlin. (NZ.) 300 Juden aus der britischen Zone, die in einem Lager in Bocholt an der deutsch-belgischen Grenze untergebracht sind, werden nach Palästina auswandem können, sobald die Genehmigung von englischer Seite und durch die UNRRA ei'ngetroffen ist. Die Reisekosten tragen UNRRA und die jüdischen Hilfsorganisationen. Jüdische Flüchtlinge nach Australien Paris, (DENA-Reuter). Etwa 1000 jüdische Flüchtlinge aus Polen, Oesterreich und Ungarn haben von Marseille aus die Reise nach Australien angetreten, wo sie sich ansiedeln wollen. * Churchill schlägt auf den Tisch London. (DPD.-Reuter), In einer Debatte über die Vorgänge in Palästina, die am Montag im Unterhaus stattfand, schlug Winston Churchill, der Führer der Opposition, mit der Faust auf den‘Tisch und fragte, wie lange dieser Züstand einer unsauberen Kriegsführung in Palästina noch andauern solle, be-^br es zu einer Entscheidung komme. Der Kolonialminister antwortete, ,die Regierung sei sich der sehr ernsten Situation in Palästina bewußt und werde alles Unternehmen, diese tragische Lage so schnell wie möglich zu beenden. Bei der Versicherung des Ministers, er werde allfes tun, um möglichst bald Fortschritte in der*Palästinasache'melden, zu können, wurden im Parlament Rufe wie: „Billig” laut. — Einen Sturm rief am ' Montagabend Winston Churchill im britischen Unterhaus hervor, als er die Maßnahmen der Regierung, gewisse Debatten zeitlich zu begrenzen, den „ersten Schritt zur Beschränkung unserer nationalen Freiheiten” nannte. Laute Protestrufe von den Regierungsbänken unterbrachen ihn, als er unter stürmischem Beifall der konservativen Opposition der Ueberzeugung Ausdruck gab, daß die Freiheit in Großbritannien durch Drosselung parlamentarischer Debatten, durch Gesetzgebung mittels Erlasse der Regierung bedroht werde. Der Sprecher des Unterhauses mußte die Mitglieder zur Ordnung rufen. London. (Our Way). Es, gelang einem Schiff mit 809 „Illegalen” die englische Blockade zu durchbrechen und in Tel- Aviv zu landen. London. (DENA). Der Ratgeber der Amerikanischen Militärregierung für jüdische Angelegenheiten, Rabbi Dr. Bernstein, hatte längere Besprechungen mit Außenminister Bevin und Kolonialminister Creech-Jones, bei denen er eine größere Auswanderung jüdischer Verschleppter Personen aus Deutschland nach Palästina, verlangte, ohne die verschiedenen Schwierigkeiten im Nahen Osten zu berücksichtigen. Den Pressevertretern erklärte Dr. Bernstein, daß die Lage der Juden in Deutschland sich dauernd verschlimmere. Jerusalem. (Associated Press). In der Nähe von Haif^1 hielten britische Schlachtschiffe wieder ein Schiff mit „Illegalen” an. "Das Schiff, auf dem sich zirka ,800 Personen befanden, wurde unter dem Geleit englischer Zerstörer nach Haifa gebracht. Dies ist der 3. Fall in den letzten 10 Tagen. Das ganze Häfengebiet wurde abgesperrt, um evtl. Protestkundgebungen zu vermeiden. - Einem der bekanntesten jüdischen Rechtsanwälte wurde eine genaue Liste der Einwanderer zugesandt mit einer Vollmacht, die Maridatsverwaltung wegen unrechtmäßiger Deportierung zu verklagen. Alice Stein-Landesmann: Frühe Philosophie Dialog zweier Kinder Rüben: (sitzt am Tisch und starrt auf den leeren Zeichenblock vor sich hin. Er ist ein Junge' von 14 Jahren, mit ausdrucksvollem, verschlossenem Gesicht. Seine dunklen Augen zeigen eine melancholische Frühreife.) Eva: (tritt ein und bleibt zögernd an der Türe stehen. Sie ist 13 Jahre alt, von einer zarten Anmut. Aus ihren Zügen spricht der lebhafte Eifer, sich allen Eindrücken voll hinzugeben. Endlich entschließt iie sich, zu sprechen). Wird es Dich stören beim Zeichnen, wenn ich- R u b a.n: (ablehnend). Ich zeichne nicht. Eva: Aber Du möchtest doch? - Rüben: Karin nicht. (Er senkt den Kopf). Eva: (behutsam) Rede doch mit mir! — Als Mutter Dich holte, hat sie gesagt, er wird ein Bruder für Dich sein! Ich freute mich so auf Dich- Rüben: (sieht auf) Du weißt ja nichts —; — ' . . Eva: Aber ich kann zuhören! - Rüben: (schüttelt den Kopf). Ich habe nichts zu erzählen. Eva: Jetzt bist Du schon 41 Tage bei uns — — ich denke immer, Du wirst Dich gewöhnen! Rüben: (mühsam, auf seine Hände starrend). Wenn die, Finger erst wieder wollten! Aber alles rist wie zugeriegelt. Wenn ich den Bleistift ansetze — riein, es geht nicht! Alles ist wie aus Hqlz — bin ja selber wie aus Holz! Mit mir ist nichts anzufangen! (Er ballt die Fäuste). Nein — ich kann’s ‘niemals vergessen. Wie soll man denn anderes denken? (Ausbrechend). Sage nicht immer, ich soll davon reden! Eva: (greift mit einer zarten Bewegung nach den verkrampften Jungenshänden und öffnet sie sacht) Rüben! Du weißt doch — immer kannst Du von den Eltern spre-. chen! Vielleicht hilft es doch ein bischen? Rüben: (vergräbt den Kopf in den Armen). Eva: Ich weiß ja nicht, was Dir mehr weh tut: von dem Schrecklichen zu reden, oder-— Rüben: Lieber still.sein? Ja, nur still sein! Weil‘s doch niemand begreift! Weil die Menschen bloß antworten: mein Sohn ist auch —• meine Frau ist auo»b-Aber das ertrage ich nicht! Es ist mein Unglück! Niemand soll sagen: auch! nein— Du verstehst mich nicht! Eva: (schwer): Ich glaube schon, ich verstehe — Rüben: Man spricht so davon — — und die'Beiden liegen — die liegen irgendwo im Grab-Oder was hat man mit ihnen getan? Und warum bin ich gerettet worden? Wozu denn? Was soll ich denn ohne die Eltern auf der Welt? Und wen kann ich nach ihnen fragen? Eva: Wir sind Dir alle sehr gut, Rüben — — - ~ Rüben: Warum eigentlich? Eva: Weil Du das alles hast erleben müssen! Rüben: Hat man deshalb jemanden gern? Eva: (sieht ihn stumm an). Rüben: Weshalb habt Ihr mich aufgenommen? Eva: Das weißt Dj* doch! , Rüben: Ich weiß nur, daß Du alles behalten hast:, die Eltern, die Bilder, die Bücher, die Wohnung — — 10 —