Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 24 (19.3.1947)
- Date
- 1947-03-19
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Altertum und Mittelalter hinauswachsend, humaner geworden und niemand wird heute erwarten, daß denjenigen, die Millionen in, die Gaskammern geschickt oder selbst hinein-. gepreßt haben, nun auch das gleiche Schicksal zuteil wird, o'der daß sie auf andere Weise, wie s. Zt. ihre Opfer, zu Tode gefoltert werden. Dem modernen Rechtsempfinden ist Genüge getan, wenn .sie bestraft und unschädlich „gemacht werden, wenn auch unser Gefühl oft genug eine ganz andere, viel härtere Bestrafung verlangt, als es tatsächlich der Fall ist. Auch tief im VolksbeWüßtsein .sitzt noch ein Rest des „harten biblischen Wollens, das Sprichwort sagt* wie -Du mir, so ich Dir. — Doch das Gebot „Auge, um Auge”, ist wie durch ein unsichtbares Band mit einer anderen Forderung verbunden. Sie leuchtet aus dem 3. Buch Moses. Es ist ein Gebot der Menschlichkeit, ein Gebot so groß, so gewaltig, daß auch die aus dem Judentum neu entstandene. Religion entraten konnte, und es so zir einem Eckpfeiler auch der abendländischen Ethik wurde: . „Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst.“ Eine Forderung, die weit über das hinausgeht, was Menschen leisten können. Und während die Von Hillel so meisterhaft formulierte Grundtendenz des: sittlichen- Handelns sich durchaus im Bereich des dem Menschen möglichen hält, kann das Gebot im 3. Buch Moses immer nur ein Fingerzeig sein für den Weg zu einem großen, aber nie ganz zu erreichenden Ziel. Aber dieser Weg kreuzt an irgend einer Stelle (und hier wird das Band sichtbar) den harten Weg der sehr handfesten oben erwähnten Justiz, und wir müssen dann die Synthese zwischen den beiden sich zu. so ungleichartigen Zielen bewegenden Forderungen zufinden suchen.' . - Die Liebe zum Menschen und der Ruf zur Vergeltung, — sie finden ihre Synthese in unserem Falle in einer sehr einfachen Formel:, strengste, aber auch allerstrengste Bestrafung aller wirklich Schuldigen, doch menschliches Verstehen und weitherziges Verzeihen für alle diejenigen, die aus Dummheit, Trägheit, Urteilslosigkeit oder Angst um die, Existenz, also aus nicht bösartigen, sondern mehr oder minder harmlosen Motiven heraus in .etwas ' hineinglitten, dem. zu widerstehen ihre innere Kraft nicht ausreichte. Man mißverstehe mich nicht, wir wollen, dürfen und werden nicht vergessen! Unversöhnlich sei unser Hass gegen alle Bösartigen,' wachsam und scharf unser Widerstand gegen aufflammenden Nazismus, eiskalt unser Gefühl gegen die Leiden Schuldiger, aber großherzig unser Uebersehen menschlicher — allzu menschlicher Schwächen, und dankbar die Anerkennung bewiesenen Verständnisses und fäitempfindens. So also' werden wir eine Kollektivschuld des deutschen Volkes ablehnen, unterschreiben aber durchaus und unbedingt das Wort Pastor Niemöllers von .der Kollektiv Verantwortung des deutschen Volkes. Dieser Verantwortung kann und darf es sich nicht entziehen, um der Gerechtigkeit und Humanität willen, die beide auch uns leiten müssen in unserer Einstellung zum deutschen' Menschen. Die- Quintessenz für alle also: .. Fiat justitia, die Gerechtigkeit und — fügen wir hinzu — „die Menschlichkeit müssen siegen, wenn das gegenseitige Verhältnis wieder gesunden soll. - E. K. Augenzeugenbericht der Märtyrerstadt Oradoure-sur-Glane (Frankreich) von Franck Delage „Am Sonntag, dem. 10. Juli 1944, erschienen um 13,30 Uhr mehrere* Lastkraftwagen der SS, die der Division „Der Führer“ angehörten, in dem großen Dorfe Oradoure-sur-Glane, 21 km nordwestlich von'Limoges. Ein Offizier kam auf das Bürgermeisteramt und erteilte dem Bürgermeister den Befehl, die gesamte Bevölkerung auf dem Marktplatz zu versammeln., Der Befehl wurde sofort an die Einwohner weitergegeben. Männer, Frauen und Kinder, die ihren täglicher* Beschäftigungen nachgingen, würden von den SS-Männem auf den Platz getrieben. Andere Soldaten drangen mit der Mascninenpistole in die Häuser ein uni'nötigten die Alten, die Kranken und die Gebrechlichen, aufzustehen und sich' ebenfalls zum Sammelplatz zu begeben. Das brutale Vorgehen der SS löste Furcht unter den Einwohnern aus. Kinder weinten, Frauen schrien und andere fielen in Ohnmacht. Nachdem alle auf dem'Marktplatz versammelt waren, ließen die/Deutschen die männliche Einwohnerschaft hervortreten, die vor eine große Scheune geführt wurde. Dann wurden die Männer in Gruppen von je 20 Mann in die Scheune gestoßen und auf der Stelle mit der Maschinenpistole niederge-. mäht. Auf dem Sammelplatz hörte man die Frauen und Kinder jammern, die die andauernden Salven und Schreie der Männer hörten. Nachdem das Morden der Männer beendet war, wurden’ die Frauen und Kinder in die Kirche des Dorfes geführt. In der Zwischenzeit" drangen SS-Mänher in die Häuser ein auf der Suche nach noch versteckten Einwohnern. Die Kinder, die noch in der Schule waren,, wurden mit ihren Lehrern ebenfalls in die Kirche geführt. Einige Bewohner, die sich in ihren Häusern versteckt hatten, wurden gleichfalls* auf den Platz gezerrt oder sofort niedergeschossen, soball sie Miene machten zu fliehen. Eine junge Frau, die soeben niedergekommen war, wurde aus dem Bett gezerrt und in -die Kirche geführt. Ein Soldat trug die Wiege hinter ihr -her, in dem das Neugeborene schlief. Etwas später brachte eine Gruppe Soldaten eine große Kiste, die in der Mitte der Kirche auf gestellt wurde. Nachdem sie. die Kirchentüren abgeschlossen hatten, zogen sich die Soldaten zurück. Andere SS-Männer streiften durch das Dorf und begossen Häuf ser und Scheunen-mit Phosphor und machten Jagd auf die noch Zurückgebliebenen. Kürze' Zeit darauf legten die SS- Männer Feuer an das Dorf. Die Kiste, - die in der Kirche auf gestellt worden war, explodierte hach ungefähr einer Stunde und das Gebäude fing von einem Ende zum andern an zu brennen. IVIan kann nicht genau sagen, was sich in dieser furchtbaren Stunde innerhalb der Kirche abgespielt hat. Aber die Einwohner der umliegenden Dörfer erklärten, daß man das Rufen und Schreien der Eingesohlossenen noch sehr lange gehört habe. Das Dorf war bald nur noch ein Flammenmeer. Das Zischen des Feuers, das Einstürzen der Häuser wurde von dem grausigen Gebrüll des in den Ställen verbliebenen Viehs und den Schreien der verwundeten Menschen, die ‘ bei lebendigem Leibe verbrannten, übertönt. ' Die Deutschen hatten eine Sperrkette von Soldaten rund um das Dorf gestellt;- einzelne Einwohner, die sich noch auf den Feldern befanden und bemerkt wurden, wurden'mit dem Gewehr oder der .Maschinenpistole niedergeschossen. Die Unglücklichen, die vor dem Feuer fliehen wollten, wurden ebenfalls erschossen. Eine Frau, die aus der brennenden Kirche dürch ein Fenster springen wollte, wurde von einem SS-Mann angeächossen. Die Frau fiel glücklicherweise nach außen und blieb bewußtlos liegen. Dieser Umstand rettete ihr das Leben. Sie konnte in der Nacht von Samstag auf Sonntag das nächste Dorf erreichen jond befindet sich augenblicklich im Krankenhaus von Limoges. Sobald die Kirche anfing zu brennen, drangen die Soldaten in das Innere ein und häuften die Bänke und Stühle auf die Unglücklichen, die verwundet oder bewußtlos am Boden -lagen.. ' ‘ ' « Von der ganzem Einwohnerschaft des Dorfes konnten sich nur sieben oder acht Personen retten.” Der Grund dieser furchtbaren Tragödie* konnte bisher noch nicht geklärt werden. Einige behaupten, daß Waffen in dem Dorf' gefunden oder Deutsche dort umgebracht Worden wären.. Zum größten Teil wird behauptet* daß die «Deutschen Oradour-sur-Vayres und nicht Orädour-sur-Glane vernichten wollten. Diese Behauptungen sind. falsch. . Sie wurden von den. Deutschen auf gestellt, um einen Grund für dieses Morden überhaupt angeben zu können. Es ist eine Tatsache, daß die Bevölkerung von Qradour eine der ruhigsten' des ganzen Limousiner Distrikts gewesen ist. Das Dorf lag weit ab von jeder größeren Verkehrsstraße, und nie habeii Operationen der Widerstandskräfte in ihrer Nähe statt gefunden. Es ist gewiß, daß falls Widerstandskräfte in der Nähe von Oradöur gewesen wären, diese mutig in die Geschehnisse einbegriffen hätten. Außerdem steht fest, daß niemals ein Offizier oder deutscher Soldat in Oradour oder. Umgebung getötet worden ist. Aus all diesen Gründen ist es unerklärlich, warum Qradour das Opfer dieser, Bestialitäten wurde. ' , . Dabei hieß es 1940 auf einem Plakat: . - „Armes Volk, hab‘ Vertrauen,zum deutschen Soldaten!“ * 6 —