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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1947-03-19 · 24 (19.3.1947) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
24 (19.3.1947)
Date
1947-03-19
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Deutschland, die Deutschen und Wir Von prominenter jüdischer Seite wur.de einmal gesagt: Wir smd Juden, aber wollen auch gute Deutsche sein. — Nun, ich glaube nicht, daß viele von uns, nach all dem, was uns in der Nazizeit angetan und was nach der Nazizeit uns gegenüber bisher versäumt wurde, überhaupt noch gute Deutsche s'eim k ö n n e n. Man hat uns die bürgerliche Gleichberechtigung wiederr gegeben. Es ist die# für ein zivilisiertes Land eine solche Selbstverständlichkeit, daß man. sie eigentlich garnicht erwähnen sollte, unid ich tue es auch nur im Zusammenhang mit dem, was ich noch zu sagen habe. Wie es für ein zivilisiertes Land selbstverständlich ist, daß alle Bürger gleiche Rechte haben, so selbstverständlich ist es auch, daß bürgerlichen Rechten auf der einen Seite, bürgerliche Pflichten auf der anderen Seite gegenüber stehen. D. h., wenn wir auch nicht gute Deutsche sein können, so müssen wir loyale deutsche Staatsbürger sein. Man ist guter Deutscher, guter Engländer,-'guter Franzose usw. vom Herzen her, man ist loyaler Staatsbürger vom Verstände her. Der erste gefühlsmäßig, warm; der #weite sachlich, nüchtern, kühl. Dieser „Temperaturunterschied” wird die Einstellungzu den Problemen und Aufgaben des öffentlichen Lebens nicht nur beeinflussen, sondern maßgeblich bestimmen. Nun kann sich Loyalität in den engen Grenzen des unbedingt Notwendigen halten,“ sie kann sich aber auch in einem weiter und lockerer gehaltenen Zirkel bewegen, U n s e r e Loyalität kann, wenigstens im Augenblick und vorläufig, nur eine eng begrenzte. sein. Warum? Nun, so lange wir noch um die einfachsten und selbstverständlichsten Forderungen für eine Wiedergutmachung des an uns begangenen ungeheuerlichen Unrechts k ä m p f e n müssen, kann nicht, wie es eigentlich wünschenswert und selbstverständlich sein söllte, ganz allgemein. und in. jedem Falle an eine Gemeinsamkeit bei Arbeiten zur Lösüng öffentlicher Probleme und Arbeiten gedacht werden. .Wenn mal irgendwo gesagt wurde, wir müßten den ersten Schritt tun, dann würde sich alles leichter regeln, so karjn eine solche Zumutung nicht scharf genug zurückgewiesen werden. Wenn ich jemandem Unrecht getan oder ihn geschädigt habe, so ist es meine Pflicht, wenn mir überhaupt daran liegt, ihn zu rehabilitieren und zu entschädigen, den ersten Schritt zu tun. Dies is*t eine solche Binsenwahrheit, daß man sich schämt, sie aussprechen zu rhüssen. Nein, so lange sollen wir uns, kühl'und sachlich überlegend, bei jeder Angelegenheit, die die Allgemeinheit trifft, fragen, ob es klug und für uns zweckmäßig ist, dieses zu tun oder jenes zu unterlassen; dann werden wir wohl immer den im Augenblick für uns . richtigen Weg gehen. Wann bei unseren Entscheidungen die Wärme des Herzens wieder dabei sein kann, und wir wünschen aufrichtig, daß der Tag bald kommen möge, das hängt — von den Anderen ab. Wenden wir uns von unserer1 Stellung zü Deutschland zu unserem Verhältnis zu den Deutschen, so liegen die Dinge nun allerdings ganz anders, denn hier haben wir es nicht mehr mit unpersönlichen, leblosen Dingen, sondern mit Menschen zu tun, und wir haben die Frage vom allgemein menschlichen, allgemein sittlichen Standpunkt aus zu be- trachten. , Nicht selten hört man sagen: alle Deutschen sind Nazis, alle haben im tiefsten Grunde antisemitische Neigungen, alle sind, an unserem Unglück schuld. — Das ist höchst-leichtfertig und ungerecht, denn gerade das Gefühl für Gerechtigkeit sollte uris eigentlidh von altersher tief im Blut sitzen.. Denken wir doch mal an die Erzählung von Sodom und Gomorrha. Die Stadt war infolge der Missetaten ihrer Bewohner von Gott zum Untergang bestimmt; da war es unser Erzvater Abraham, "der mit Gott um die Gerechten, die vielleicht in der Stadt sein könnten, haderte und feilschte: „Uhd wenn nur 50 Gerechte unter ihnen wären, willst Du sie, o Herr, etwa auch vernichten?” — Nein, das wollte Gott nicht. — Und Abraham: wenn, es aber 40 sind? — Auch dann nicht. — Und wenn es nur 30 oder 20 oder 10 sind? — Abraham hätte gesiegt, auch diese Wenigen wollte Gott nicht der Missetäter wegen verderben. Wie stark war doch schon im Abraham das Gerechtigkeitsgefühl ausgeprägt. Wie sehr bäumte er sich dagegen auf, daß auch nur wenige leid«n sollten, weil die Vielen Untaten begangen hatten. Und wir? — Es ist zwar schon einige tausend Jahre her, daß dieser Vorgang sich abgespielt hat, aber er wurde durch die Bibel, im Gewissen der Menschen wach- .gehalten (wenn er auch, ach so oft, immer wieder hinter einem Schleier verschwindet). — Hatten sich nicht in der schlimmsten Zeit der Naziverfolgung sehr sehr Viele “versteckt und konnten so den Terror überleben? Wer hat sie versteckt? IJaben nicht sehr Viele nach ihrer Rückkehr aus den Lägern das vorher in Verwahrung gegebene Eigentum wiedergefunden? Wer hat es ver-v wahrt? Dürfen wir. das vergessen und. dürfen wir diese aufrechten- und hilfsbereiten "christlichen Deutschen in einen Topf werfen mit den Missetätern? Das wäre ungerecht, und wir-wollen und müssen bei der Gerechtigkeit bleiben, denn sie ist ein Teil der jüdischen Sittenlehre. Als Hillel, unser großer Weiser, einmal aufgefordert wurde, den Sinn, den Kern der jüdischen Lehre auf die denkbar kürzeste Formel zu bringen, antwortete er: „Was Du nicht willst, das man Dir tue, das tue keinem anderen; — das ist die ganze Lehre, alles .andere ist nur Beiwerk und Erläuterung.” Wie einfach, wie klar,- wie einprägsam sind doch diese Worte Hillels! Wenn wir alle Deutsche wähl- und kritiklos verdammen, dann .machen,wir dasselbe, was die Nazis, ups gegenüber gemacht haben ,und was jeder von uns auf das schärfste verurteilt hat. „Es gibt keine anständigen Juden” und „es gibt keine anständigen Deutschen”, das gleicht sich aus, eins so verderblich und verworfen, wie das andere. Wir wollen, nein, wir müssen Unterschiede, machen, wir dürfen nicht verallgemeinern, wenn wir uns nicht selbst auf das tiefe Niveau nazistischer Geisteshaltung herunterdrücken wollen. Aber es wurden Verbrechen begangen, himmelschreiende Verbrechen gegen Menschenwürde und Humanität. Das soll und darf nicht vergessen werden, das darf unä aber auch nicht Blick und Urteil -trüben. — Im 2. Buch Moses steht das bekannte Wort: „Auge um Auge, Zahn um Zahn”. Eine Justiz, geboren aus einer harten und grausamen Zeit, die dem Verbrechen auch hart und grausam begegnete. Inzwischen ist die Gerichtsbarkeit, über Immobilien / Hypotheken / Finanzierungen / Vermietungen Verwaltungen Düsseldorf, Graf-AdoH-Str,49-53(Sartoriushaus) Rul: 14277 (naff) 18 Uhr: 52075) ERKELENZ Casfslalle Böckmann Düsseldorf, Graf-Adolt-Straße 49-53J Ruf 18202 u. 18222 Die führende Großgaststätte Köln-Braunsfeld Ruf 5 2188 tarnen-ftfeidev-'Jabcik Fürst-Piickler-Str. 82 (Ecke Aachener Str.) — 5 —

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