Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 24 (19.3.1947)
- Date
- 1947-03-19
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Joint Distribution-Committee eine besonders große Bedeutung. Edward W a r b u r g, d£r 1. Präsident des Joint und der*1 europäische Direktor Dr. Josef Schwarz, leisten eine geradezu unmenschliche Arbeit, um die Erfolge dieser Organisation immer mehr zu' vergrößern. „Neben diesen beiden Komitees“, so sagte Wollheim weiter, „bestehen in Amerika viele viele kleine Hilfsorganisationen, die sich alle redlich Mühe geben. Die Erfahrungen haben aber gezeigt, daß bei aller Würdigung ihrer Arbeit eine Zentralisieruxig notwendig ist, besonders“, so fügte er hinzu, „ist das erforderlich bei den sog. Landsmannschaften, das sind Hilfsorganisationen, in denen sich jüdische Emigranten aus Deutschland städteweise' zusammenge- ' schlossen haben. Diese Organisationen haben eine außerordentlich güte Und schöne Arbeit geleistet.“ Norbert Wollheim stattete der UNO einen Besuclf ab und würde wie überall, freundlichst äufgenommen. Die Delegation aus Deutschland sollte an einer Sitzung der neu zu gründendem I. R. O. teilnehmen, der Nachfolge-Organisation der UNRRA. Diese Organisation wird auch die Betreuung' der Juden mitübernehmen. Ein Besuch wurde auch der Schriftleitung und dem Herausgeber „Des Aufbaus“ abgestattet, die größte jüdische Zeitung in deutscher Sprache. Wollheim wurde gebeten, dafür zu sorgen, daß mehr Material über Deutschland übersandt Werden soll. - Auch die Exekutive der HI AS empfing Norbert Wollheim, die Organisation, die so sehr rührig in der Schaffung von Auswanderungsmöglichkeiten ist. Er erhielt auch hier die Zusicherung, daß die bisher unter Beweis gestellte Hilfe fortgesetzt wird. - ' Norbert Wollheim kam dann auf die Tätigkeit des jüdischen Weltkongresses zu sprechen und schilderte anschließend in anschaulicher Weise die Arbeit des United* Palestine Appeal. — In den letzten Tagen seiner Anwesenheit in Amerika wurde bekannt, daß die ersten* Schiffe aus Schanghai nach Amerika unterwegs seien. , Bei den Besprechungen, die Wollheim in Washington hatte, wurde ihm gesagt, daß damit zu rechnen sei, daß die Einwanderung näch Amerika aus dqp britischen Zone nun auch bald möglich gemacht werden würde. Die Errichtung eines amerikanischen Konsulats in Hamburg steht bevor. Zusammen mit der, Reise der jüdischen Delegation .fiel die /ortragsreise des Pfarrers Niem öl 1er. In jüdischen, aber auch in nicht jüdischen Kreisen Amerikas wird aufgrund der aus Deutschland eingegangenen Berichte der Standpunkt vertreten, daß Niemöller objektiv falsche Darstellungen - gebracht habe, wenn er in seinen Vorträgen immer wieder, sagte, daß der Antisemitismus in Deutschland tot Sei. Man ist der Meinung, daß Niemöller entweder ’ die Deutschen nicht kennt oder den Deutschen einen schlechten Bienst erweisen will, wenn er dem Ausland derartige' Dinge vor setzt. Bei der Abreise der Delegation gab Henry Morgenthau das Versprechen, rechte bald nach Deutschland zu kommen. Bezüglich der inn'erpolitischen Lage Deutschlands wird, so meinte Wollheim, der Standpunkt vertreten, daß man sich ein klares Bild garnicht machen könne, da die, unter der Militärregierung stattfindenden Wahlen nicht als freie Wahlen angesehen werden könnten. Man sei kl Amerika der Ansicht, daß es keine Möglichkeit für Juden gäbe, sich in Deutschland wieder einzuleben. < Die interessanten und Vielseitigen Ausführungen Norbert Wullheims wurden von dem Rat der Jüdischen Gemeinden in der britischen Zone mit großem Applaus aufgenommen. Wir haben ihn, wie gesagt, gebeten, uns über seine Eindrücke und Reisen ausführlicher zu schreiben und wir hoffen, daß wir in unserer nächsten Ausgabe mit den Veröffentlichungen beginnen können. , Auf der Rückreise besuchte Wollheim nochmals London, um sich eingehend mit Col. Salömon zu unterhalten. In London konnten endgültige Abmachungen nicht getroffen werden und bestimmte Zusicherungen nicht erzielt werden. Die englische Regierung vertritt den Standpunkt, daß «die jüdische Frage in Deutschland zusammen zu behandeln sei mit der Frage der politisch Verfolgten. . ..x. Hierbleiben? Die Frage des Weltjudentums nähert sich immer mehr der Entscheidung. Es ist dabei selbstverständlich, daß die heutige Lage der Juden in Deutschland, eines der wichtigsten Probleme bei der Erörterung dieser Frage,«an erster Stelle steht. . In letzter Zeit haben wir wiederholt Stimmen gehört,, die die Auffassung haben, daß nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus die Wiederauflebung der -jüdischen Institutionen in Deutschland eine Pflicht sei und im Interesse des Judentums liegen würde. Äüßer diesem, von vielen deutschen Juden vertretenen Standpunkt, t?orten wir die Stimmen des Frankfurter Oberbürgermeisters Kolb, des Dr. Schumacher, Vorsitzender der SPD. und zuletzt die Aeußerungen des Pfarrers Niemöller in Amerika. Diese Stimmen, die den Standpunkt vertreten, daß es in Deutschland keinen Antisemitismus mehr gebe und die ihrer Verwunderung darüber Ausdruck geben, daß die deutschen Juden, die sich im Ausland befinden, sich nicht entschließen wollen, zurückzukommen, könnten im Ausland den, Anschein erwecken, daß das deutsche Volk tatsächlich geneigt ist,. Juden wieder in ihrer Mitte als freie Mitbürger begrüßen zu wollen.,. Wie immer ist aber die Praxis ganz weit von den theoretischen Aeußerungen dieser drei Männer entfernt. Da nicht anzunehmen ist, daß die wirkliche Lage der Juden in Deutschland den erwähnten drei; irri öffentlichen Leben Stehenden, nicht unbekannt ist, erweckt es den Ansphein, als ob diese Aeußerungen nur fürs Ausland bestimmt sind, um den Eindruck zu erwecken, als sei das deutsche Volk tatsächlich geheilt. Wir, die heute noch gezwungen sind, in Deutschland zu leben, haben täglich Gelegenheit, uns vom Gegenteil zu überzeugen. Das deutsche Volk ist unserer Meinung nach nicht nur vom Judenhaß nicht geheilt, sondern noch heute — wo der Prozentsatz der Juden in Deutschland noch geringer ist — den Juden gegenüber — von wenigen Ausnahmen abgesehen — nicht freundlich gestimmt. Der im Laufe der verflossenen Jähre suggerierte Haß hat leider besonders unter der Jugend derartige Wurzeln geschlagen, daß es lange Jahre , dauern würde wenn es überhaupt möglich sein wird — bis das deutsche Volk, gerecht und menschlich zu denken in der Lage sein wird. Es ist also mehr als fraglich, ob unter solchen Bedingungen ein Aufbau jüdischer Gemeinden möglich und zweckmäßig ist, ganz davon abgesehen, daß wir' nie wissen können, ob unser nächster Nachbar nicht der Mörder einer unserer Schwestern und- Brüder war. - Unabhängig von der praktischen Seite würde ein Leben der Juden in Deutschland, das leider bei Mitwirkung von 90 Prozent der deutschen Bevölkerung'zu einem riesigen M.assengraben jüdischer Menschen geworden ist, untragbar sein, da auf einem Friedhof kein Leben blühen kann und keine Menschen wohnen können. Wir Juden, die soviel an kulturellen Werken Deutschland und darüber hinaus Europa geschenkt haben, bekamen die fürchterlichste Bezahlung dafür, die ups zur Revision unserer diesbezüglichen Anschauungen treibt. Wir werden als „Volk ohne Staat” den weiteren Haßausbrüchen ausgesetzt und! wollen Aebnliches für die Zukunft^ vermeiden.^ Das Ist eine der Ursachen des in Palästina begonnenen unerbittlichen Kampfes,' wo unsere Brüder ^eine gesicherte Existenz für uns als V^c zu erkämpfen versuchen, nachdem die bisherigen Wege dazu leider nicht führten. Es ist richtig, wenn die führenden Juden der Welt auf die ungeheuer schwere Lage der Juden in Europa und besonders in Deutschland aufmerksam. machen, denn diese Juden wären glücklich, wenn sie Deutschland — mit dem sie nur Schrecken verbindet — den Rücken kehren könnten, was auch früher oder später der Fall sein wird. Zu unserem Belauern müssen wir aber damit rechnen, »daß eine gewisse kleine Zahl der Juden in Deutschland verbleiben muß, wenn iie jetzt in Deutschland befindlichen Verschleppten dieses Land verlassen haben, worauf sie mit Sehnsucht warten. Ss ist unsere Pflicht, diesen Verbleibenden unsere besondere Aufmerksamkeit zu schenken und ihnen — soweit iS möglich ist — ein würdiges Dasein zu sichern. Unter diesen zurückbleibenden Juden wird die übergroße Mehrheit aus Menschen bestehen, die eigentlich die letzte Generation von Juden darstelleri, da ihre Kinder bereits acht zum Judentum überführt worden sind. Gs ist zu hoffen, daß die deutsche Bevölkerung diesem zu- ■ückbleibenden kleinen Teil deutscher Juden ein ruhiges .leben gönnt. H. Ingster. — 4 —