Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 24 (19.3.1947)
- Date
- 1947-03-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Diese Aufrufe und Erklärungen stießen auf den ernsten Widerspruch weiter jüdischer Kreise. Die Erfahrungen, die wir in den letzten 22 Monaten in Deutschland gemacht haben, bestätigen leider nicht die Ansichten dieser, in der Oeffentlichkeit stehenden Persönlichkeiten. ' Daran ändert auch nicht die Tatsache, daß wir aus vielen Teilen Deutschlands zu "hören bekommen, daß maßgebende deutsche Beamte und Politiker ihre volle Unterstützung in der Frage der Wiedergutmachung -und überhaupt in der deutschen Judenfrage geben. Sie mögen es ehrlich meinen, aber sie Sind Einzelgänger. Bis heute hatten wir keinen Anlaß, etwas anderes anzunehmen, als daß ein aggressiver Antisemitismus sich nur deshalb nicht im großen Maße bemerkbar macht, weil -er durch das erste Gesetz der Militärregierung Verboten ist. Wir haben keinerlei gegenteilige Beweise. Wir,sind nicht in der Lage, auch "nur einen einzigen Fall aufzuzählen, der Zeugnis dafür ablegt, daß größere Kreise, sei es auch nur durch eine Geste, von sich aus versucht haben, nachzuweisen, daß sie durch die Bekanntgabe der fürchterlichen Verbrechen, die an den Juden begangen wurden, belehrt worr den sind. ' Wir suchen vergeblich in einem großen Teil der deutschen Tagespresse der britischen Zone Veröffentlichungen, die zur Aufklärung der Judenfrage.' beitragen könnten. Manchmal haben wir den Eindruck, daß darüber hinaus sogar diese Presse entweder sich scheut, über unsere Frage zu sprechen oder zu berichten, oder aber es mit Absicht unterläßt. In letzter Zeit haben wir verschiedentlich versucht, bedeutungsvolle Ereignisse, z. B. das Schumacher-Interview oder den in der letzten Ausgabe veröffentlichten Vortrag des Dr. Weis in der Presse der britischen Zone unterzubringen, Lächerlich wenige Tageszeitungen nahmen Notiz davon und die, die es taten,'gaben diesen Dingen, die zur Aufklärung des deutschen Volkes beitragen sollen, in. recht wenigen Zeilen Raum. - Demgegenüber aber haben wir Beweise dafür, daß der Nationalsozialismus nicht tot ist. Wir veröffentlichten in den verflossenen Monaten eine große Anzahl--von Dingen, die das bewiesen; die vor wenigen Wochen erfolgten .Verhaftungen von führenden Nationalsozialisten einer Untergrundbewegung, die täglich bei uns einlaüfenden Berichte, alles das sind erneute Beweise. Beweis aber auch ist, daß ,uns besonders aus den britischen Zone kaum Meldungen zugehen, wonach Menschen, die seinerzeit jüdische Geschäfte arisierten, von sich aus auch nur den Versuch gemacht haben, freiwillig an die Vorbesitzer oder an'clie Jüdischen Gemeinden heränzrtr iten, um* dasrzu tun, was ihre Pflicht wäre. Es ist uns auch bis heute noch in keinem Fall aus der britischen Zone berichtet worden, daß Juden Einrichtungsgegenstände oder Werte, die ihnen am 9. November 1938 geraubt wurden, zurückgegeben Worden sind. In unserer1 heutigen. Ausgabe behandelt einer'unserer Mitarbeiter das Thema: „Deutschland, die Deutschen und Wir.” Er behandelt diese Frage mit offenen,' geraden Worten. Wir bringen heute auch einen Bericht von Norbert Wollheim, ein Stimmungsbild aus Amerika. Wir haben, Norbert Wollheim gebeten, über die Stimmung, wie sie in Amerika befiehlt, uns ausführlich zu berichten. Unsere Leser werden darin feststellen, daß man auch im Ausland darüber enttäuscht ist, daß das deutsche Volk ' scheinbar nichts, gar nichts aus der Vergangenheit gelernt hat. In Briefen, die wir aus dem In- und Ausland bekommen, werden'wir immer wieder, gefragt, wie es möglich sei, daß das ganze deutsche Volk darauf wartet; bis ihm vom Kontrollrat oder durch den Friedensvertrag, befohlen wird, wiedergutzumachen und bis diese Instanzen durch Gesetze den Juden- Rechtsschutz garantieren werden. Wir haben in unserer heutigen Ausgabe auch einen Zionisten sprechen lassen, einen-Menschen, der alle Greuel der KZ.'s erlebt hat. — Kurz vor Redaktionsschluß erreicht uns ein Bericht der Külturabteilung der -jüdischen Gemeinde Braunschweig mit einer Anlage, eines Schreibens und einer Denkschrift des Löwea-Verlags; in Braünschweig. Dieser deutsche Verlag steht im Begriff, sich ein Ziel zu setzen, um, wie er sagt, „eine innere Umkehr der durch den Nationälsozialismüs heraufbeschworenen Zerstörung hcibeizuführen.”" Der Löwen-Verlag betitelt diese'Denkschrift „Der jüdische Beitrag zur menschlichen Kultur.”. Wir können diesem Verlag nur dankbar seih. Wir begrüßen es, daß es einige intellektuelle Menschen gibt, die von sich aus, scheinbar aus innerstem Herzen, die Initiative ergreifen wollen. Der Löwen-Verlag bittet um unsere Stellungnahme. Wir sind leider nicht in der Lage, zu dieser Denkschrift Stellung" zu nehmen;’ Stellung nehmen muß das deutsche Volk, damit wir, wenn der Zeitpunkt gekommen ist, wissefl, wie wir uns zu entscheiden haben. , Wie leben die luden in Jugoslawien Wie auf dem Weltkongreß bekanntgegeben worden ist, sind vop 80 000 Juden, .die vor dem Kriege in Jugoslawien gelebt haben, heute 14 500 am Leben. Von den 12 000, die sich in Jugoslawien befinden, sind 2165 Kinder. . Die übrigen 2500 sind in Palästina, den Vereinigten Staaten und anderen Ländern. Bemerkenswert ist die Verordnung der Regierung, die allen, die das Land vor der Besatzungszeit verlassen haben, das Vermögen'zurückerstattet. Interessant ist die ^Feststellung, daß fast 10 Prozent der erwachsenen ^Juden in Regierungsunternehmungen beschäftigt sind. Das wären alsjo 1148. Die Lage dieser Menschen ist keine gute, und sie sind auf die Hilfe der ausländischen Organisationen angewiesen, Roz. Gründung eines Verbandes ehern, jüdischer Freiheitskämpfer Warschau. "Auf Anregung des Verbandes der Juden in Polen fand in Warschau eine Tagung von jüdischen Volks- Angehörigen statt, die arf den bewaffneten Kämpfen gegen den Hitlerismus teilgenommen hatten. Jüdische Offiziere und Soldaten der polnischen Armee, Angehörige der bewaffneten Einheiten, die in Spanien und Frankreich um die Freiheit, und als Partisanen in Polen und der Sowjet-Union kämpften, darunter auch Frauen, nahmen an der Tagung teil. Ein Verband aller Juden, die am. bewaffneten Kampf gegen Hitlerismus und Faschismus 'teilgenommen hatten, wurde gegründet und der Vorstand dieser Organisation gewählt. Direktor Siegfried Seelig (Düsseldorf) hielt vor dem Rat der Jüdischen Gemeinden der britischen Zone ein Referat über die Frage der Wiedergutmachung vom wirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen. Seelig bat besonders 'die in der Wiedergutmachungsfrage tätigen Juristen, bei dieser Frage nicht zu übersehen, welche bedeutende Rolle die deutsche Wirtschaft dabei spielt. Er erklärte klar umrisseri die Möglichkeiten, die durch die deutsche Wirtschaft geschaffen werden könnten, um die Wiedergutmachüngsansprüche zu befriedigen. Er warnte davor, zu ‘ glauben, daß die deutsche Wirtschaft eine Konkursmasse darstellt. Viele Betriebe sind startbereit, so sagte er, und wenn sie 'einmal gestartet haben, dann spielt die Frage der Abdeckung der Wiedergutmachungsschulden, die Deutschland an die rassisch und - politisch Verfolgten habe, so gut wie gar keine Rolle. ' Norbert Wollheim dankte Seelig für seine Ausführungen und gab seiner Freude Ausdruck, daß wir in unseren Reihen einen Wirtschaftler haben, der in der Lage ist, die Frage der Wiedergutmachung und Rückerstattung auch vom wirtschaftlichen Standpunkt aus zu betrachten. Ausländische Gäste, in Niederschlesien Breslau. Jüdische Siedlungen und Kulturzentren in Niederschlesien wurden kürzlich Von ausländischen Gästen, darunter Herrn M. Polakiewiecz vom Jüdischen Weltkongreß besucht. Die Gäste überzeugten sich von der Tätigkeit und den Erfolgen des Jüdischen Komitees in Polen auf dem Gebiete der Produktion; der Erziehung und' der Kultur.. Auch der jüdische Journalist Dr. J. Helman, einer der hervorragendsten Vorkämpfer des Jüdischen Weltkongresses in Südamerika, stattete'jüdischen Gemeinden in Nieder- und Oberschlesien einen Besuch ab.