Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 24 (19.3.1947)
- Date
- 1947-03-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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19. MÄRZ 1947 1. JAHRGANG NUMMER £4 KARL MARX: für die britisch e Zone Der Gang der-Dinge, bringt uns immer mehr dem Zeitpunkt näher, der uns zwangsläufig zu einer Entscheidung treibt: Wir werden uns dann zu entscheiden haben,-ob ein Weiterbestand jüdischer Gemeindenin; Deutschland möglich ist, d. h. ob es Sinn hat, mit einem Wiederaufbau deutsch-jüdischer Gemeinden ernstlich zu beginnen, also ob für deutsche Juden Möglichkeiten geschaffen werden können, das deutsche Judentum wieder aufleben zu lassen oder ob die heute noch in Deutschland lebenden Juden sich als die Liquidatoren der jüdischen Institutionen betrachten sollen. Aber nicht nur wir — die gesamte europäische Judenheit wird dann zwangsläufig vor die Frage gestellt Werden, ob 'die Entwicklung der Ju- - denfrage Juden überhaupt noch die Möglichkeit. bietet, Assimilierungsbestreb ungen weiterzuführen. Die Welt' wird, durch diese Entwicklung der Dinge zu einer Entscheidung gezwungen werden. In Palästina haben sich Idealisten ‘ zusammenge-. schlossen zu einem unerbuuicnen Kampf für den J uüenstaat. Sie kämpfen nicht nur, wie es irriger-, weise angenommen wird, um eine momentane Erhöhung * der Einwanderungsquote, sie kämpfen um ihr Land, sie kämpfen einen Kampf der Verzweiflung zunächst für ihre 300 000 Brüder, die heute wider ihren Willen in Europa, zum größten Teil in Deutschland, festgehalten werden. Wir haben schon einmal erklärt, .daß wir terroristische Methoden als politisches Kampfmittel mit aller Entschiedenheit lehnen und verwerflich finden. Wir finden es ungeheuerlich,, daß sich in der übrigen Welt noch keine Gruppen von sachlich, realistisch weitdenkenden Juden ' gefunden haben, die ihre ganze Kraft dafür einsetzeri, um die Terroristen davon zu überzeugen, daß das, was sie tun unwürdig, deshalb unjüdiseh ist und, daß sie der Judenheit der Welt auf kurze odef weite Sicht gesehen, nicht nur keinen Dienst erweisen, sondern großen Schaden zufügen. Wir finden es aber ebenso ungeheuerlich, daß die Alliierten, denen die Verbrechen, die an den Juden Europas begangen worden sind, zwölf Jahre‘bekannt waren, vvpder in diesen zwölf Jahren noch in den jetzt verflossenen 22 Monaten Wege gefunden haben, um den Menschen, die der Hölle der Konzentrationslager und den Häschern der Nationalsozialisten entkommen sind, zu helfen, den Erdteil zü verlassen, mit dem sie nur Schrecken, Grauen und Trauer verbindet. Die Palästinafrage war scheinbar in den verflossenen zwanzig Jahren sehr häufig der Kampfplatz innenpolitischer Norbert Wollheim im Sekretariat der UNO Von links nach rechts: L e o' R e 11 e r, Gen.-Sekr. des Zentral-Komitees U.S.-Zone. —- Dr. Pliskin, Leiter der Gesundheitsabteilung des ‘ Zentr.-Kom. U.S.Zone. — D r.« Leon Bernstein, Zentral-Kom. Italien. — Norbert Wollheim. ab- Auseinandersetzungen zwischen den betreffenden englischen, Regierungs- und Oppositionsparteien, und das wirkte sich stets zum Nachteil der Juden aus. Uns scheint, daß auch diesesmal die Juden „wieder einmal daran glauben'müssen”. Und das ist furchtbar — das ist — das darf man,wohl sagen — unmenschlich. , Auch die Juden als Minorität, besonders als Minorität, haben ein. Anrecht darauf, daß man ihnen eine klare politische Linie für die Zukunft gibt. Sie haben ein Recht, sich dagegen zu wehren, Spielball der Größeren, der scheinbar Mächtigeren zu sein. _. T, .. , ' Wenn Idealisten, wenn Menschen, die heute in Palästina leben, und die alle ihre nächsten und entfernten Angehörigen als Opfer des Nationalsozialismus betrauern, fanatisch ■werden, wenn diese Menschen in ihrer Verzweiflung selbst Dinge tun, die unmenschlich sind, Handlungen begehen, aus .der Üeberzeugung heraus, daß sie die letzten überlebenden Juden Europas vor dem gleichen Schicksal bewahren wollen, das ihre Angehörigen ereilt hat., dann muß man trotz allem damit beginnen, sie zu verstehen. Es ist . zwar, wie gesagt, unentschuldbar, daß die nüchtern denkenden Juden außerhalb Palästinas, sich nicht entschließen, die Terroristen zur Besinnung" zu rufen. Als Spielball fühlen sich aber nicht nur die Juden Palästinas, auch wir können nicht anders als annehmen, daß man mit uns Ball spielt. Wir haben, in den letzten Monaten viel und ausführlich über die Situation geschrieben, in der sich die Juden in Deutschland befinden.-— Es ist geradezu beleidigend, wenn man. erleben muß, daß 22 Monate nach dem Zusammenbruch des Hitlerreiches noch Gewinne von Deutschen aus den durch sie arisierten Geschäften gezogen werden. Der Oberbürgermeister Kolb aus Frankfurt am Main hielt eine Rundfunkansprache, in der er seiner Verwunderung darüber Ausdruck gab, daß so wenige deutsche Juden sich entschlossen haben, nach Deutschland zürückzukehren, Pfarier Niemöller hat in Amerika die Erklärung abgegeben, daß: der Antisemitismus in Deutschland nicht mehr existiere, Dr. Schuniacher hat in dem uns gegebenen Interview nicht nur dasselbe bestätigt, -sondern darüber hinaus zuversichtlich versichert, daß deutsche Juden damit rechnen können, daß sie als gleichberechtigte Bürger behandelt werden und daß sie wieder zu dem Ansehen kommen, das sie fi üher genossen haben. _