Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 23 (5.3.1947)
- Date
- 1947-03-05
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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Der Tod von Dubnow Deutscher Augenzeugenbericht über die Hinmetzelung jüdischer Bevölkerung Die entsetzliche Art und Weise, wie die jüdische Bevölkerung der Ostgebiete durch SD. und SS. ermordet wurde, . schildert die von dem amerikanischen Anklagevertreter Oberst Storey vorgelegte eidesstattliche Erklärung eines deutschen Augenzeugen namens Friedrich Grabe, der wir folgende Einzelheiten entnehmen: ,,. . . . Vom September 1941 bis Januar 1944 war ich Geschäftsführer und leitender Ingenieur einer Zweigstelle der Baufirma Josef. Jung, Solingen, mit Sitz in Sdolbunow (Ukraine). Als solcher hatte ich die Baustellen der Firma zu besuchen. Als ich am 5.Oktober 1942 das Baubüro in Dubnow besuchte, erzählte mir mein Polier Hubert Mönnikes aus Hamburg-Harburg, Außenmühlen weg 21, daß __ in der Nähe der Baustelle, in drei großen Gruben von je etwa 30 Meter Länge und drei Meter Tiefe Juden aus Dubnow erschossen worden seien. Man hätte täglich etwa 1500 Menschen getötet. Alle vor der Aktion in Dubnow noch vorhandenen Juden sollten liquidiert werden. Da die Erschießungen in seiner Gegenwart stattgefunden hätten, wat er noch sehr erregt. Ich fuhr daraufhin in Begleitung von Mönnikes zur Baustelle und sah in der Nähe derselben große Erdhügel von etwa 30 m Länge und 2 m Höhe. Vor den Erdhügeln standen einige Lastwagen, von' denen Menschen durch bewaffnete ukrainische Miliz unter Aufsichteines SS-Mannes getrieben wurden. Alle diese Menschen hatten die für die Juden vorgeschriebenen gelben Flecken auf der Vorder- und- Rückseite ihrer Kleidung,, so daß sie als Juden erkenntlich waren. Mönnikes und ich gingen direkt zu den Gruben, wir wurden nicht behindert. Jetzt hörte ich kurz nacheinander Gewehrschüsse hinter einem der Hügel. Die von den Lastwagen abgestiegenen Menschen, Männer, Frauen und Kinder jeden Alters, mußten sich auf Befehl eines SS-Mannes, der in der Hand.eine Reit- oder Hundepeitsche hielt, ausziehen und ihre Kleidung nach Schuhen, Ober- und Unterkleidung getrennt, an bestimmte Stellen oblegen. Ich sah einen Schuhhaufen, schätzungsweise 800 bis 1000 Paar Schuhe,, große Stapel mit Wäsche und Kleidern. Ohne Geschrei oder Weinen zogen sich diese Menschen aus, standen in Familiengruppen beisammen, küßten und Verabschiedeten sich und warteten auf den . Wink eines anderen SS- Mannes, der an der Grube stand .und ebenfalls eine Reitpeitsche in der Hand hielt. , Während einer Viertelstunde, als, ich ,bei den . Gruben stand, hörte ich keine Klagen oder Bitten um Schonung. Ich'beobachtete eine Familie von etwa acht Personen, -einen Mann und eine Frau, beide ungefähr 50 Jahre, mit ihren Kindern, etwa ein-, acht- und zehnjährig, sowie zwei erwachsenen Töchtern von 20 bis 24 Jahren. Eine alte Frau mit schneeweißem Haar hielt das einjährige Kind auf dem Arm, sang ihm etwas vor und kitzelte es. Das Kind lachte. Das- Ehepaar schaute mit Tränen in den Augen zu. Der Vater hielt an der Hand einen Jungen von etwa zehn Jahren und sprach leise auf ihn ein. Der Junge kämpfte mit den Tränen. Der Vater zeigte mit dem Finger zum Himmel streichelte ihm über den Kopf und schien ihm etwas zu erklären. In diesem Augenblick rief der SS-Mann an der Grube seinen Kameraden etwas zu. Dieser teilte ungefähr 20 Personen ab . und wies sie an, hinter den Erdhügel zu gehen. Die Familie, von der ich hier sprach, war dabei. Ich entsinne mich noch genau, wie ein Mädchen, schwarzhaarig und schlank, als sie nahe an mir vorbeiging, mit der Hand an sich herunter zeigte und sagte: „23 Jahre”. Ich ging üm den Erdhügel herum und stand vor dem riesigen Grab. .Dicht aneinander gepreßt lagen die Menschen so aufeinander, daß nur die Köpfe zu sehen waren. Von fast allen. Köpfen rann Blut über die Schultern. 'Ein Teil der Erschossenen bewegte sich noch, um zu zeigen, daß sie noch lebten, hoben ihre Arme und drehten den Kopf, die Grube war schon zu drei Vierteln voll. Nach meiner Schätzung lagen darin bereits etwa 1000 Menschen. Ich-schaute mich nach dem Schützen um; dieser, ein SS- Mann, saß am Rande der Schmalseite der Grube, auf dem Erdboden, ließ die Beine ^in die Grube herabhängen, hatte auf den Knien eine Maschinenpistole liegen und rauchte eine Zigarette. Die vollständig nackten Menschen gingen eine Treppe hinab, - die in die Lehm wand der Grube gegraben war, rutschten über die Köpfe der Liegenden hinweg bis zu der Stelle, die der SS-Mann anwies und legten sich vor die toten oder angeschossenen Menschen. Einige streichelten die noch Lebenden und sprachen leise auf sie_ein. Da hörte ich eine Reihe Schüsse. Ich sthaute in die Grube hinab und sah, wie die Körper zuckten, ' oder die Köpfe schon reglos auf dem vor ihnen liegenden Körper lagen. Von den Nacken rann Blut Ich wunderte mich, daß ich nicht fortgfewiesen wurde, sah aber, wie auch zwei oder drei Beamte in Uniform in der Nähe standen. Schon kam die nächste' Gruppe heran, stieg in die Grube hinab, reihte sich an die vorherigen Opfer an und wurde erschossen. Als ich um den Erd-, hügel zurückging, bemerkte ich wieder einen soeben angekommenen Transport von Menschen. Dieses Mal waren auch Kranke und Gebrechliche«-dabei, Eine alte, sehr magere Frau mit fürchterlich dünnen Beinen wurde von einigen anderen schon nackten Menschen aiisgezogen, während zwei Personen sie stützten. Die Frau war anscheinend gelähmt. Die nackten Menscheh. trugen sie um den Erdhügel herum. Ich entfernte mich mit Mönnikes und fuhr mit,dem Auto nach-Dubnow zurück. •Ich mache die vorstehenden Angaben in Wiesbaden, Deutschland,' am 10. November 1045. Ich beschwöre bei Gott, daß dies die reine Wahrheit ist. - Hermann Friedrich Gräbe.” , (Aus der „Süddeutschen Zeitung”-, München.) AUS DEM JÜDISCHEN LEBEN Dortmund. Am. 4. Februar sprach der Leiter des Kulturdezernates Herr Rozyne. in den Räumen des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden Westfalen vor den aus der ganzen Provinz zusammengefundenen Vorständen und entsandten Delegierten der. Gemeinden über den in Basel stattgefündenen jüdischen Weltkongreß. Des weiteren sprach er über die in Zukunft zur Verteilung gelangenden Certi- ‘ fikate, die für die Juden der britischen Zone* zur Verfügung gestellt worden sind.: . Neuwied: Am 31. Januar 1947 fanden in Neuwied die Gemeinde wählen statt. Der bisherige Vorsitzende Julius Mayer, Neuwied, sowie seine beiden Beisitzer, Julius' Kahn, Leutersdorf, und Erwin Levy, Waldbreitbach wurden wiedergewählt. Als Representant für den Landesverband der jüdischen Gemeinden von Rheinland-Pfalz wurde Denny Hermanns, Sayn anerkannt. , Kreuznach. Am 14. Januar fanden die Gemeindewahlen innerhalb der jüdischen Gemeinde Kreuznach statt. Die Versammlung war infolge der weiten Entfernungen und schlechten Bahnverbindungen nur mäßig besucht. Herr Meinhard Marx, Kreuznach, der bisherige Vorsitzende, wurde auch für das Jahr 1947 wieder gewählt. Als Representant für den Landesverband der jüdischen Gemeinden von Rheinland-Pfalz' wurde Herr Kurt Wolff, Kreuznach gewählt. Landau: In Anwesenheit des französischen Armee-Rabbiners, Leutnant K a 1 i p h a r sowie Oberleutnant B i b 1 i n fanden am 30. Januar die Gemeindewahlen der Israel. Kultus-Vereinigung der Rheinpfalz, deren Geschäftsstelle Landau ist, statt. Es wurde ein Komitee gegründet, welches alle Fragen zwischen der Besatzung, und der Kultusgemeinde bearbeiten imd vermitteln soll. Als 1. Vorsitzender wurde Hugo Alexander, Landau wiedergewählt. Als Vertreter Fritz Siegel, Landau. Als Repräsentanten für den Landesverband der jüdischen Gemeinden von Rheinland-Pfalz: Ludwig Brück, Kaiserslautern; Simon Dreifus, Pirmasens; : Ludwig Moses," Glan-Münchweiler und Berthold Böttigheim,-Speyer. - , Im Anschluß an die Wahlversammlung fand noch ein gemütliches Beisammensein der Gemeindemitgliederstatt. Armee-Rabbiner Kaliphar erklärte sich bereit, züPessach einen Gottesdienst abzuhalten.