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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1947-03-05 · 23 (5.3.1947) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
23 (5.3.1947)
Date
1947-03-05
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Der Jude und Mensch Victor Gollancz Vor uns liegt das vor kurzem erschienene Buch Victor Gollancz’: „In darkest Germany” (Im dunkelsten Deutschland). Victor Gollancz wurde in den verflossenen Monaten sehr stark angegriffen deshalb, weil' er für Deutschland eintrat, Während der größte Teil der jüdischen Presse Victor Gollancz angrift deshalb, weil er als Jude eine derartige Rolle übernommen hat, haben wir versucht, unseren Lesern aus eigener Kenntnis einiges über diesen Mann zu sagen. Gollancz, der Kämpfer für die Menschlichkeit ist der geblieben, der er war, als er 1933 begann,, die Weltöffentlichkeit zu mobilisieren gegen den Nationalsozialismus. Sein Verlag, der, das kann wohl'behauptet werden, Weltruf genießt, hat die bedeutendste Literatur, kämpferisch gegen den Faschismus lind kämpferisch für das-Weltjüdentum her- , vorgebracht. Wir erhielten dieser Tage von diesem Verlag unter anderen jüdischen Büchern, Erscheinungen aus dem Jahre 1946, von denen wir nur zwei nennen, wollen: „Unser Ziel war Palästina” und „Ein Palästina-München?” t Heute wollen wir ihn sprechen lassen. Victor Gollancz terliches gelitten und solche Schande durchgemacht haben, die so groß war, daß man jetzt kaum daran zu denken wagt und die deswegen weder vergessen noch -vergeben können. Ich verstehe ihre täglichen Gedanken und Gefühle sehr gut. Aber gerade, weil dieses schreckliche Legat des Hasses fast unumgänglich für unsere arme Menschheit ist, deshalb ist es um so mehrdie Pflicht derjenigen von uns, die wenig, wenn überhaupt, gelitten haben, ihre Bitterkeit mit gutem Willen zu balancieren . . A*ls Leitwort hat er folgendes gewählt: „Seid ihr mir nicht gleich der Söhne Kusch, ihr Kinder Israel, ist der Spruch des Ewigen. Habe ich nicht Israel herausgeführt aus dem Lande Mizrajim und die Philister aus Kaphtor und Aram aus Kir? Amos, IX. 1,* Und hören wir, was er in seinem Vorwort darüber zu sagen hat, warum er als Jude sich dazu berufen fühlt, ditse Mission zu übernehmen: Map hat Gollancz in der letzten Zeit häufig den Vorwurf gematht, daß er Belsen und Auschwitz vergessen habe. Er hat es nicht vergessen, er hat es keinen Moment während seines ganzen Aufenthaltes -in Deutschland vergessen, und das geht aus einem Brief hervor, den er von Deutschland aus an seine Frau geschrieben hat. Dieser Brief ist in seinem Buch veröffentlicht Und sagt u. a.: „. . . Ich habe dieses Buch, wie ich schon sagte, im Namen rheiner Kollegen der „Rettet Europa Jetzt”-Organisation geschrieben, im Namen einer immer wachsenden Anzahl von Parlamentsmitgliedern und im Namen einiger außer- 'gewöhhlicher Zeitungskorrespondenten, wie die der Times und des Manchester Guardian, die während so vieler Monate einen unaufhörlichen Kampf für Anständigkeit und Gerechtigkeit geführt haben. Aber da ich gerade dabei bin, muß ich etwas hinzufügen, was nun wirklich ganz persönlich ist. Wie die meisten Leute, die überhaupt von mir gehört haben, wissen, bin ich ein Jude. Und ich werde manchesmal gefragt, warum gerade ich, als Jude, mich für die Menschen einsetze, in deren Namen Verbrechen gegen meine Rasse begangen wurden, deren Erinnerung,- so fürchte ich, obgleich ich. es, anders wünschen würde — niemals aussterben wird/ Manchmal werde ich das gefragt, ich bedaure, das sagen zu müssen, von Juden, die scheinbar die Lehren unserer Propheten vergessen haben, wenn sie sie überhaupt je gekannt hatten . . Immer wieder wiederholt Victor Gollancz die Worte: * Es ist wirklich wahr, daß ich mich berufen fühle, den Deutschen zu helfen, gerade weil ich Jude bin . . oder ' . Nichts kann die Welt eher retten, als ein allgemeiner Akt der Sühne, anstelle des selbstherrlichen ’ Bestehens auf die Schlechtigkeit der anderen, denn wir haben alle gesündigt und sündigen immer noch fürchterlich ...” „. . . Die nächste Behausung kann ich kaum beschreiben . . . Es war wie eine absichtliche widerlich gehaltene ■ Karikatur vön Daumier. Ich möchte bezweifeln, ob es ein. hoffnungsloseres Unglück gibt oder eine scheußlichere Karikatur der Menschheit . . . dann versuche ich meinen Proportionssinn wieder herzustellen dadurch, daß ich mich daran erinnere, daß Belsen Und Auschwitz viel, fast unermeßlich scheußlicher waren . . . Du weißt, daß ich am Dienstag in Belsen war. Ich habe Dir ja geschrieben, was ich gefühlt habe; ich vergesse keine einzige Sekunde diese andere Seite des Bildes ...” Sein klarer Blick für die Lage kann durch nichts mehr zum Ausdruck gebracht werden, als durch diese Ausführungen: ,,. , . Ich hasse den Faschismus vom tiefsten Grunde meines Herzens. Vom Täge, an dem Hitler die Macht übernahm, dachte ich von morgens bis abends an nichts anderes alsdaran, wie es möglich sei, ihn und seine Komplizen daran zu hindern, ihren schrecklichen Weg fortzusetzen. Aber ich sage, daß, wenn wir lieber den Weg der Zerstörung gehen, als den des Wiederaufbaues, wenn ■wir das deutsche yolk lieber mit Verzweiflung als mit Hoffnung erfüllen, wenn wir es dazu treiben, uns zu hassen und zu verachten, wo sie doch zu ganz anderen Ge^ fühlen bereit wären, dann hätten die Nazis trotz allem doch. gewonnen und die Welt von morgen würde nach ihrem Vorbild sein ...” Als vor einigen Wochen Victor Gollancz in einem Vortrag angegriffen wurde, hat der Schreiber dieses Artikels in der Diskussion von der Möglichkeit gesprochen, daß Gollancz sich auch gegen die Terrorakte in Palästina wendet. Lesen wir, was er hierzu in seinem Buche sagt:; . . Die Menschen sprachen ‘ oder sprechen über die Mission Israels. Diese Mission, wenn sie überhaupt existiert, besteht nicht darin, in Palästina Menschen in die Luft zu sprengen. Unsere Mission sollte es sein, gerade* deshalb, weil wir seit 1900 Jahren oder mehr besonders beleidigt und gedemütigt* wurden, eine große Bereitschaft zur Vergebung zu haben. Ich sage das keineswegs im Geiste der Kritik derjenigen, seien es Juden, Franzosenr Tschechen oder Polen, deren Söhne, Frauen oder Lieben so Fürch- Victor Gollancz hat auch nicht vergessen, all die Ausländer zu beschämen, die seine von 1933—1939 immer wiederholten Wamungsrufe überhört haben, die darüber hinaus .noch mit dem Nationalsozialismus liebäugelten. Und zu denen sagt er in seinem Buch: „. . . Ich nehme an, daß man mich fragen wird, ob ich vergessen hätte, was für schreckliche Kriegsmaschinen Blohm & Voss produziert habend Nein, ich vergesse das nicht: Ich habe alles getan, um die Menschen davor zu warnen,' und zwar schon lange vor 1939, zu einer Zeit, als andere, die jetzt so hart über „die Deutschen” sprechen, einen viel besseren Magen für Hitler und Göring hatten, als ich jemals. Aber ich sage, daß, wenn es einen absolut sicheren Weg der. unumgänglichen Wiederholung

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