Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 23 (5.3.1947)
- Date
- 1947-03-05
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Mordechais gesagt. Und Häman trachtete alle Juden im ganzen Reiche Achaschwerosch, das Volk Morddechais, zu vertilgen.” . Sein Argument für die Vernichtung der Juden dem König gegenüber ist jene- Mischung von Lüge und Wahrheit, der Appell an die niedrigsten Instinkte, die zur ewigen Waffenrüstung des antisemitischen Agitators geworden sind. „Ein Volk zerstreut und zersprengt zwischen den Völkern'!, der •Kinderschreck des „internationalen” Juden. ' „Ihre Gesetze sind anders als die anderer Völker” wohl wahr, „und die Gesetze des Königs beachten sie nicht”, Welche Lüge! „und es lohnt dem Könige . nicht sie währen zu lassen”, welcher Irrtum! Als ob nicht zu allen Zeiten und in allen Ländern Juden; so verschieden und eigenbrötlerischsie auch in ihrem Wesen, in ihren Bräuchen und Traditionen sein .möchten, loyale upd nützliche Bürger und Mitglieder der Gesellschaft waren! Als ob noch nicht jedes Land, das seine Juden verfolgt und vertrieb, seine -Größe und seinen Wohlstand eingebüßt hätte. Ueber so viel Dünkel und Dummheit kann der Jude nur herzlich lachen, lachen aber am meisten über den Versuch .„zu töten und gänzlich zu vernichten alle Juden, jung und alt, Kinder und Frauen, und ihr Gut zu rauben.” Es lacht, unter Tränen, das Ewigkeits-Volk der Juden, das Tausendjährige Reiche und Völker überdauert hat, über den Wahnwitz jener Eintagsfliegen," die da glauben den Ewigkeitsplän Gottes vereiteln zu können. Und es lacht über den kindisch-tölpelhaften König, der Königinnen launenhaft absetk und erwählt, Minister ernennt und stürzt und Völker gedankenlos ihrem Schicksal überantwortet; es lacht über (die 127) Völker, die solcher Tyrannei folgen und jeder Verhetzung zum Opfer fallen. Und als das Blatt sich gewendet hat, als Haman baumelt, und sich Mordechai in Würde und Amt befindet, da erzählt uns das Buch „daß viele unter den Völkern des Landes _ sich zu Juden machten „mitjähsdim”, denn die. Angst vor Mörder Dr. Philipp Auerbach: ■ Entnazifizierung? Wir leben im Zeitalter der Entnazifizierung. Es gibt aller-' dings Orte, in denen man noch nicht viel davon gemerkt hat. In einem Prozeß, den die Spruchkammer Weilheim in Oberbayern abzuwickeln hatte, war folgender interessanter Satz im Urteil zu lesen: ' „. . . Die Lieferung von Material an die Partisanen bedeutet nicht den Widerstand gegen den Nationalsozialismus, sondern muß als Vorgehen gegen das aktive Heer bewertet werden,' welches sich keineswegs aus lauter Nationalsozialisten zusammensetzte . . .” (Süddeutsche Zeitung vom 1. 2. 47, Seite 3.) (Lt. Mitteilung handelte es - sich um tschechoslowakishe Partisanen.)” Das bedeutet, daß der aktive Widerstand gegen jene Armee, die „das glorreiche 3. Reich verteidigte”, nicht als eine antifaschistische Maßnahme gewertet wird und es be-r deutet eine weitere Glorifizierung des Militarismus, den man wohl als den Vater des Nationalsozialismus, ansprechen darf. Ein witziger -Rechtsanwalt in München schrieb daraufhin der Spruchkammer in sehr netter Weise: „Unter der Voraussetzung, daß. der obige Pressebericht authentisch ist, melde ich , mich hiermit einer verschworenen Nazigemeinschaft zur Exekution wegen Verbrechens gegen §§ 91 b RSTGB., 5 Kriegssonderstrafrechts VO ua., weil ich während des Hitlerkrieges gegen das aktive Heer vorgegangen bin und alliierte Kriegsgefangene zu neuem Kampf befreit habe, in der irrigen Annahme, daß das aktive Heer leider ein Instrument in der Hand eines Kapitalverhrechers und in der Ausführung eines'Kapitalverbrechens begriffen sei.” ' Ich glaube, daß er dadurch den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Wir müssen uns nun alle, die wir als aktive Antifaschisten gekämpft haben, unter Anklage stellen lassen, da wir im Sinne dieses Urteils gegen das aktive Heer gekämpft haben, das sich keineswegs aus lauter Nationalsozialisten zusammensetzte. Wenn wir diese Urteile verfolgen, bleibt uns nichts weiter übrig, als mit dfem großen Dulder der Menschheit auszurufen „Herr verzeihe ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun!” chai war auf sie gefallen. Ja, ja, so ändern sich die Zeiten, und alles ist schon mal dagewesen. Auch über uns selbst können wir manches aus der Purim Megilla lernen. Unsre Lehrer sagen im Talmud, daß der Siegelring, den Achaschwerosch dem Haman gab, um das Vernichtungsgesetz zu siegeln, mehr dazu beitrug, die Juden zu ihrem Glauben und ihrem Volk zurückzuführen, als alle Propheten und Prophetinnen aller Zeiten. Gemeinsame Not, gemeinsames Unglück bringt uns unsre jüdische Pflicht und Verantwortlichkeit zum Bewußtsein. 'Und welcher Jude fühlt nicht das Echo der Worte Mordechais an Esther in seiner Brust. „Rede Dir nicht ein,’ daß Du Dich retten kannst im Hause des Königs von allen Juden! Denn mögest Du auch schweigen zu dieser Zeit, so wird Hilfe und Errettung dem Juden erstehen von andrer Seite, aber Du und Deines Vaters Haus werdet umkommen!” Und wie edel und ergeben antwortet Esther diesem Ruf, sich nicht feige ih der> Not ihrem Volke zu entziehen, wenn sie zu Achaschwerosch : spricht: ..Denn wie könnte ich Zusehen dem Bösen, das mein Volk treffen soll, und wie könnte ich denn Zusehen, wie mein. Geschlecht vernichtet wird?” . Gottes Ne men, so bemerken unsere Weisen, wird auch nicht ein einzig mal im Estherbuch erwähnt. Die Ereignisse spielen sich ja so natürlich und folgerichtg ab, daß für Gott und seine Wunder kein Raum bleibt. Wer aber Augen hat zu lesen und Sinne zu verstehen, der hört zwischen den Zeilen unaufhörlich, langsam und fein,' die Mühlen Gottes mahlen, des Gottes; der, in den Worten des Hohenliedes, „hinter unserer Wand steht, durchs Fenster sieht und durchs Gitter lugt”* der die Faden unseres Schicksals and des Schicksals der Welt unsichtbar in seinen. Händen hält. Und auch darum, dieses Wissens Und dieser -Sicherheit wegen, sird wir trotz allen Leides, trotz allem Schmerz, froh und fröhlich an diesem-Purim, wenn durch die schwarzen Wolkendes Jetzt das Versprechen der. Zukunft klingt. „Den Juden aber wird Licht und Freude, Wonne, und Ehr!” , Gut Purim! Die chNstüch-jiidis€fie Konferenz in Oxlord In Oxford fand im Sommer die christlich-jüdische Weltkonferenz statt, die vom britischen „C.ouncil of Christians | and Jews” veranstaltet worden ist. Die grundsätzlichen Themen der Konferenz wären Freiheit, Gerechtigkeit, Verantwortungsbewußtsein. Es wurde in sechs Kommissionen gearbeitet, die sich-mit „Gruppenspannungen” - und mit dem Problem des Antisemitismus, mit ‘ den fundamentalen Forderungen, die dem Judentum und dem Christentum gemeinsam sind, mit den Fragen „religiöse Freiheit, Gerechtigkeit und ihre Ansprüche”, wechselseitiges Verantwottungsbewußtsein- und einer freien Gesellschaft" und „Erziehung zu verantwortungsbewußtem Staatsbürgertum” befaßten. Die erste, wohl mit der schwierigsten Aufgabe betraute Kommission, die unter dem .Vorsitz von Prof. Bickel arbeitete, nahm zu dem von der Gesamtkonferenz als brennend anerkannten Problem des Antisemitismus Stellung. Von der ungeheuren Katastrophe ausgehend, die der Antisemitismus der Nazizeit über die Juden, aber auch über die ganize übrige Welt gebracht hat, und unter Hinweis darauf,» daß die Juden überall eine von der nationalen Majorität 1 abhängige Minderheit bilden, daß sie die Rolle des „traditionellen Sündenbocks” spielen, daß der Antisemitismus vielfach als Mittel der politischen Reaktion diente und. heute noch den Vorwand zum Angriff auf die'Demokratie bildet, empfiehlt die Kommission, die* Bildung einer permanenten internationalen christlich-jüdischen Organisation, die u. a. gesetzgeberische Maßnahmen gegen Verleumdungen und sonstige ehrenrührige Angriffe gegen Gruppen besprechen sollte. Die Vollversammlung beschloß, daß diese „internationale Organisation” nicht nur mit der U. N. E. S. C. O., sondern auch mit dem Wirtschafts- Und Sozialrat der Vereinten Nationen Zusammenarbeiten solle. tiimiiiiiiiiiiniiiimiumiiimummimimmimmiiiiiuiiiiiimimiiHtmmiiiiuiiimiimiiimiiimMiiiinuHmmmiiiiiiiiiiiimi Wir biifen zu beachten: Aus dem Ausland und von jüdischen Organisationen haben wir eine Reihe von Anforderungen für unsere Zeitung vorliegen, die dringend für Archive benötigt werden. Wir bitten unsere Leser und alle Gemeinden, uns nach Möglichkeit alle entbehrlichen Exemplare unserer Zeitung von Nummer 1 bis einschließlich Nummer 19 an unsere Adresse Düsseldorf-Benrath, Friedhofstraße 23 25 unter Kreuzband zukommen zu lassen. Die Rückvergütung werden wir zur Verrechnung bringen. Der Verlag.