Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 22 (21.2.1947)
- Date
- 1947-02-21
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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PRESSESTIMMEN: Ein warnendes Beispiel Bisweilen glückt es, Denunzianten, die Juden und Antifaschisten ihren Henkern ausgeliefert haben, aufzuspüren. In vielen dieser Fälle haben die überlebenden Opfer dieser Denunziationen leider zu viel menschliches Mitleid, um diese Verbrecher dingfest zu machen und verzichten auf jede Bestrafung. Wie falsch eine solche Handlungsweise ist,' wenn der Betreffende sich nur damit begnügt, seine materiellen Entschädigungsansprüche zu stellen,Ä zeigt uns nachstehendes Beispiel: Herr H. J.-F. in Berlin SW war von einer Frau Schulz aus Wittenberg wegen angeblicher „Rassenschande’' bei der Gestapo angezeigt und auf der! bloßen Verdacht hin in ein Konzentrationslager übergeführt worden. Während seiner Haft war er auf das schwerste mißhandelt worden. Bei einem mißlungenen Fluchtversuch wurde ihm das Nasenbein zerschlagen. Als F. bei Kriegsende befreit wurde, suchte er die Frau, die ihn ins Unglück gestürzt hatte, auf und stellte an sie die Forderung, zumindest den materiellen Schaden, der ihm durch Beschlagnahme seines Besitzes und Fortnahme von Bargeld bei seiner Verhaftung entstanden war, zu ersetzen. Im Bewußtsein ihrer Schuld erklärte sich die Denunziantin mit.dieser Regelung einverstanden. Da sie aber trotz des gegebenen Versprechens nur einen Feil dieser Schuld beglich, ließ F. durch seinen Anwalt die Restsumme einfordern. Typisch ist daraufhin das Verhalten dieser Frau Schulz, die eigentlich unter Anklage des Verbrechens gegen die Menschlichkeit vor ein Gericht gehört. Sie machte bei der Kriminalpolizei Anzeige wegen versuchter Erpressung. Inzwischen ist der klare Sachverhalt durch die polizeilichen Untersuchungen ermittelt worden. - Das. Verhalten dieser Frau setzt uns nicht in Erstaunen,‘da sie sich durch ihre gemeine Handlungsweise in der Nazizeit schon hinreichend ausgewiesen hat. Bedauerlich ist nur, daß Menschen, die, frei von jedem Rachegefühl, ihren Feinden verziehen haben, immer wieder Enttäuschungen erleben und ihre‘menschliche Haltung auf das schändlichste belohnt sehen. Worüber man in Berlin nicht spricht? --daß jüdische Friedhöfe geschändet werden. Darüber spricht man nicht in Deutschland. Warum? Ist es nicht wichtig? Ist man es noch gewohnt? Hält man es für — richtig? Heißt es wieder „die armen Juden”? Und man verschränkt die Arme dazu? vUnd kneift die Lippen zusammen? Und sonst nichts? Wie? Sind da und dort also „Bücher der .Stille’’ am Platz? An der Zeit? Wie wäre es mit Büchern der Erregung? Des Zorns? Der Entschlossenheit? Des Widerstands? Wie wäre es mit 'Zorn und Entschlossenheit und Widerstand persönlich? (Ulenspiegel, Berlin). Wiedergutmachung am rechten Orte Die Gründung eines Arbeitsausschusses ehemaliger politischer Gefangener innerhalb der CDU. des Rheinlandes gibt uns Veranlassung, etwas Grundsätzliches zu sagen. Es hat sich allmählich in Deutschland, eine Meinung herausgebildet, als ob es kein größeres Unrecht auf der Welt' gebe,' einem „nominellen” PG. und Mitläufer die Wiedereinsetzung in seine früheren Rechte als Staatsbürger zu verweigern. Die solches meinen, nehmen eine sehr überlegende Haltung ein, wenn etwas von den Rechten der Konzentrationäre und politisch Verfolgten die Rede ist, von den Juden ganz zu schweigen. Hier aber gilt es . ein Unrecht wiedergutzumachen. Das Bewußtsein, daß wir als Volk den schwer-’ geprüften- Opfern des Naziterrors gegenüber eine Schuld zu begleichen haben, ist die simpelste Voraussetzung für einen moralischen Wiederaufstieg des deutschen Volkes und die Weckung eines deutschen Selbstgefühls. u Das ist ein weites Feld. Schlimmer ist manchmal die Art, wie der Bürokratismus in' jenen Angelegenheiten schaltet, ‘in denen Takt, menschliche Wärme, Aufgeschlossenheit und Feingefühl Dinge, sind, weit mehr als irgendwoanders vonnöten. Und namentlich da, wo die Verfolgten selber nicht anmaßend auf treten, sondern sich aus Bescheidenheit, und um der Größe und Würde ihres Opfers willen sich Zurückhaltung auf erlegen.' Die Pflicht , wiedergutzumachen besteht auch gegenüber dem deutschen Judentum. Es . ist ein grotesker Zustand, wenn formaljuristische Bedenken verhindern, denen, die im Dritten Reich jüdisches Eigentum auf damals „legalem" Wege zu erwerben vermochten, heute diesen Besitz streitig zu machen. Die Behörden sind auf gefordert, ihren Apparat und dessen Arbeitsweise daraufhin zu prüfen, ob er allen Forderungen gerecht werde, die zu stellen alle politisch Verfolgten und Geschädigten ein erstes Anrecht haben. (Rheinische Post, Düsseldorf.) Neue Bestimmungen für den Reiseverkehr Einer DDP-Meldüng zufolge dürfen Bewohner der britischen Zone, wie die britische Kontrollkommission bekanntgibt, auf Grund einer neuen Anweisung unter bestimmten Voraussetzungen ins Ausland reisen. Danach sollen deutschen Staatsangehörigen Besuchsreisen von kürzerer Dauer nach anderen Ländern gestattet werden, wenn triftige Gründe oder andere außergewöhnliche Umstände vorliegen. Alle Anträge sind an. den zuständigen Landrat oder Oberbürgermeister zu richten und müssen von den britischen Besatzungsbehörden befürwortet werden. _ * , Interzönenpässe mit 15tägiger Gültigkeitsdauer für Reisen in andere Besatzungszonen werden, wie DDP. meldet, nicht nur für Handelsreisende und Reisende in industriellen oder landwirtschaftlichen Angelegenheiten ausgegeben, sondern auch für Reisende in kulturellen Angelegenheiten, wie Schauspieler, Sänger, Musiker usw. Dies wird von amtlicher britischer Seite mitgeteiit. , An alle früheren Insassen der Konzentrationslager Dachau, Mauthausep und Buchenwald, sowie der - Nebenläger Die War Crime Division der Militärregierung bittet dringendst, daß sich alle Kameraden, die irgendwelche Zeugenaussagen in den kommenden Prozessen machen können, freiwillig zur Verfügung stellen. Es sind mehr als 2000 Wachmannschaften der verschiedenen Läger - in Haft und können nur zu einer gerechten Verurteilung kommen, wenn sie durch Zeugen ihrer Untaten überführt werden. Der Freispruch der 14 Wachmannschaften in Dachau ist ein Fanal. Die Justiz der Vereinten Nationen kennt keine Willkür, sondern nur Recht, und. um Recht sprechen zu können, braucht1 man Zeugen, , Kameraden! Ihr seid es dem Andenken eurer ermordeten, verstümmelten und dahingerafften Kameraden schuldig, die Täter einer gerechten Sühne zuzuführen. Ich bitte um Zuschriften der Zeugenmeldungen, sei es durch die zuständigen KZ-Betreuungsstellen, der Stellen für rassisch Verfolgte und der jüdischen Gemeinden oder direkt an das Staatskommissariat für rassisch, religiös und politisch Verfolgte, Abteilung 1b, zum Aktenzeichen W.C.D. (München 27, Holbeiristraße 11). Dr. Philipp Auerbach, Staatskommissar. iß&ick ui die, ZeAUcfaißieH „Gespräch mit Alfred Döblin” von Violante Bergei („Der Standpunkt”, Heft 11, Verlag „Der Standpunkt", Stuttgart): „Porträt des Antisemiten” von Jean-Paul Sartre („Die Umschau, Internationale* Revue”, Heft 3; Internationaler Verlag Universum, Mainz). „Der, den wir schmerzlich vermissen: Kurt Tucholsky” von Richard Drews („Die Weltbühne”, Heft 1/1947; v. 'Ossitzky-Verlag, Berlin), „Maximilian Harden” von Herbert Eulenberg/’ („Die Weltbühne”,-Heft 1947/1). Eine neue Bibelübersetzung. Auf Anregung und unter tatkräftiger Mitwirkung von aus Deutschland stammenden jüdischen Flüchtlingen in Buenos Aires (Argentinien)’ist die Bibel ins Spanische übersetzt Wörden (Verlag Editorial Estrellas). Die Bedeutung dieser bemerkenswerten Arbeit liegt darin, daß es die erste spanische Uebersetzung ist, die in Südamerika erscheint. Drei von den geplanten vier Bänden liegen bereits vor. In diesem Zusammenhang ist es erwähnenswert, daß die erste spanische Bibelübersetzung in Spanien selbst im Jahre 1533 — zur Zeit der berüchtigten Inquisition — herauskam.