Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 22 (21.2.1947)
- Date
- 1947-02-21
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdischer Neu-Einbau in Deutschland $£jüla#e. <zum. Wir bringen heute ein Interview, das unser Herausgeber, KARL MARX mit dem 1. Vorsitzenden der S.P.D. Dr. SCHUMACHER, am 17.2.1947 in Hannover hatte. Weitere Stellungnahmen von führenden deutschen Persönlichkeiten zur Frage der Juden in Deutschland werden wir nun laufend veröffentlichen. Dr. Kurt Schumacher über die Frage des jüdischen Neu-Einbaues in Deutschland Am 17. Februar fand das von uns vor einiger Zeit angesagte Interview, das Dr. Schumacher unserem Herausgeber zugesagt hatte, in Hannover statt. Als Grundlage wurde die durch die Presse bekannt gewordene Aeußerung des 1. Vorsitzenden der SPD., in London genommen, in welcher er — nach den Pressemeldungen — seiner Verwunderung Ausdruck gegeben haben soll darüber, daß sich bisher so wenige Juden entschlossen haben, nach Deutschland zurückzukehren. Zu dieser Frage erklärte Dr. Schumacher: liill Folo; DPD-Bild Dr. Kurt Schumacher 1. Vorsitzender der S.P.D. „Ich habe die Feststellung, daß bisher so wenige Juden nach Deutschland zurückgekehrt sind, auf einer internationalen Pressekonferenz in London Ende November 1948 gemacht, um die Schwierigkeiten der Lage und die geringen Aussichten Deutschlands für die Zukunft zu j illustrieren. i Auf Befragen habe ich weiterhin erklärt, daß es für den j größten Teil des deutschen Volkes keine Judenfrage mehr J gibt. Dazu hat der Anschauungsunterriciht geführt, den die Judenverfolgungen besonders seit November 1938 dem deutschen Volke gegeben haben. Schon vor dem Zusammenbruch des Dritten Reiches konnte man aus Kreisen, die dem Nationalsozialismus sonst nahestanden, viele Stimmen hören, daß es für Deutschland einfach nicht gut ausgehen könne, wenn man so schreckliche Untaten begehen würde. Ich hatte nach meiner ersten Freilassung aus dem Konzentrationslager bis zu meiner zweiten Verhaftung, also lange vor dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus, Gelegenheit, die Stimmung in Deutschland festzustellen und habe immer und überall zu hören bekommen, d^ß große Teile des deutschen Volkes erklärten, daß sie niemals geglaubt hätten, welches Ausmaß die Judenverfolgungen in Deutschland annehmen würden und daß sie sich keineswegs damit einverstanden erklären. Ich bemerke ausdrücklich, daß ich diese Unterhaltungen in einer Zeit hatte, als die großen Verbrechen gegen die Menschlichkeit noch nicht bekannt waren. Tatsächlich dürfte Deutschland heute überhaupt das Land mit den schwächsten antisemitischen Regungen sein. Auf die Frage: „Sind Sie der Ansicht, daß die Mehrheit des deutschen Volkes, nach der Enttäuschung, die der Nationalsozialismus gebracht hat, auch eingesehen hat, welche fürchterlichen Verbrechen an den Juden begangen worden sind? Glauben Sie, daß dieser Teil des deutschen Volkes die Vorkommnisse ernstlich bedauert?” antwortete Dr. Schumacher: „Die Mehrheit des deutschen Volkes hat durchaus eingesehen, daß die Taten des Hitlerregimes den deutschen Namen besudelt haben. Wenn diese Einsicht sich nicht spontaner äußert, dann sind die besonderen Umstände daran schuld. Der Prozeß der moralischen Reinigung wird durch die Nöte des Tages aufgehalten und abgelenkt. Der Hunger, die Kälte, die zunehmende Verelendung, die Aussichtslosigkeit konzentrieren die Aufmerksamkeit vieler Menschen auf ihr eigenes Leben und das Dasein ihrer Angehörigen. Außerdem ist die Austreibung von Millionen von Deutschen aus ihrer früheren Heimat nicht ohne Konsequenzen geblieben. Das Leid des eigenen Volkes drängt sich im Bewußtsein vieler Menschen vor die Leiden, die das Dritte Reich über andere Völker gebracht hat. Aber das ändert nichts an der Tatsache, daß die Verbrechen gegen die Juden und gegen die Menschlichkeit überhaupt ernstlich bedauert werden.” Sodann stellte unser Herausgeber folgend^ Frage: „Ist dieser — sagen wir — belehrte Teil des deutschen Volkes stark genug und willens, um von sich aus gegen den Antisemitismus, der seit dem Sturz des Hitler-Regimes niemals ausgestorben, sondern in latenter Form weiterexistiert, Front zu machen?