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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1947-02-21 · 22 (21.2.1947) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
22 (21.2.1947)
Date
1947-02-21
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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schattier haben die mystische Lehre vom besseren und schlechteren Blut, entgegen jeder wissenschaftlichen Erkenntnis zu belegen versucht und so dazu beigetragen, diese Irrlehre noch zu verbreiten. In Wahrheit ist und bleibt das Hauptmotiv aller judenfeindlichen Strömungen uad Ausschreitungen der Protest des wirtschaftlich Schwächeren gegen den Erfolgreichen. Besonders kaufmännische Fähigkeiten des Juden sind mit seiner geschichtlichen Entwicklung zu erklären: im Mittelalter z. B, hatte der Jude als einziger das Vorrecht Zins zu erheben. Dafür waren ihm die Zünfte und das Handwerk verschlossen. Ihm blieb daher nur der Handel übrig. Dieser Zwang kam seiner natürlichen Begabung entgegen, er hatte Erfolg und weckte damit den Neid* des einzelnen, nicht jüdischen, weniger Erfolgreichen. Dann erst kam die Feststellung: der Nachbar ist ja Jude, ein Fremder, der Einzelfall wurde verallgemeinert und schon gab es wieder ein Pogrom. In der Neuzeit sind die Motive nicht wesentlich andere. In jedem Volk, es lassen sich dafür viele geschichtliche Beweise auffdhren, bestimmen vorübergehend die destruktiven Kräfte des Hasses, der Zerstörunglust und Grausamkeit und der kollektiven Selbstüberheblichkeit, das .nationale Gesicht. Dauer und Umfang dieser Verwirrungen und die Stärke der Gegenkräfte, die auf den Plan gerufen weiden, sindabhängig davon, wieweit der politische .Blick eines Volkes geschult ist. Wir Deutsche haben unsere jüdischen Mitbürger durch lange Jahrhunderte ungerecht behandelt. Deutsche und ausländische Judenhasser, wie Gobineau,' Richard Wagner, Huston Stewart, Chamberlain, Eugen Dühring, der Höfprediger Stöcker, Paul de Lagarde oder Treitschke, der das schöne Wort predigte „die Juden sind unser 'Unglück.”. Dautscnen unü ausländischen Jadenhassern ist es gelungen, den kleinen naiven Neid auf den jüdischen Nachbarn den Schein der großen politischen Tat zu verleihen, den Neid in Haß zu verwandeln Und so jene Stimmung zu schaffen, die nur des Funkens bedarf, um sich furchtbar zu entladen. So wurde der Jude zu allen Zeiten unserer Geschichte zum nationalen Sündenbpck. Wir erinnern uns, wie in der Nazizeit das uns eigentlich beschämende Wort kursierte von den 60 Millionen anständiger Juden, die es in Deutschland geben müsse, weil doch jeder einen „anständigen” .Juden kenne. Tatsächlich gibt es kaum* Menschen, die sich derart assimilieren, derart aufgehen in ihrem Gastvolk, wiedie Juden. Sie sind nicht schlimmer als wir. Sie haben andere Eigenschaften und daher auch andere Fehler* aber kein Mensch hat das Recht, deshalb auf sie herab zu sehen. Sie sind uns sogar in mancher Hinsicht überlegen. Sie brauchen nicht soviel Alkohol wie wir, um das Leben erträglich zu finden, die Verbrechen der Brutalität,- Mord, Raub und sexuelle Gewalttat sind größte Seltenheiten bei ihnen; ihr Familienleben ist inniger, sie sorgen besser für ihre Armen, Mildtätigkeit ist ihnen heilige Pflicht. Seitdem wir sie als Mitarbeiter an unserer kulturellen Aufgabe zulassen, haben sie sich durch wertvolle Beiträge auf allen Gebieten der Wissenschaft, Kunst und Technik verdient gemacht, haben, wenn ihnen Toleranz entgegengebracht wurde, diese reichlich vergolten. Sie haben Anspruch auf Gerechtigkeit, daß heißt Anspruch auf Wiedergutmachung. Wieweit eine materielle Wiedergutmachung möglich ist, können wir noch nicht absehen. Aber zumindest die Bereitschaftmuß da sein; und daran mangelt es heute noch vielerorts. Wir kennen Beispiele, wo in einem .jüdischen Heim 10, ja sogar 15 Menschen, die sämtlich im K.Z. gesessen haben und mit knapper Not dem Gastod entgangen .sind; zusammen in einem Zimmer N >zu wohnen und zu schlafen gezwungen sind; oder wo Baumaterial zur notdürftigen Reparatur einer Synagoge verweigert wurde. Die Welt wartet darauf, daß wir trotz unserer furchtbaren Nut Anstalten treffen, das an den Juden begangene Unrecht wieder gutzumachen, als ein Zeichen unseres guten Willens. Neben der materiellen Wiedergutmachung und Entschädigung aber muß die moralische Wiedergutmachung stehen, ‘d. h. die Revision aller Ansichten über die jüdische Frage, die grundsätzliche Neuorientierung der Erziehung, die Beseitigung aller-Vorurteile, aller irrigen Meinungen. An die Stelle des blinden Hasses, wie der scheinbar objektiven Gegnerschaft muß die Achtung treten und die Anerkennung der'Tatsache, daß die Juden Menschen sind wie wir, daß der Jude in seinem allgemeinen Streben, sich dem Wirtsvblk anzupassen, - und in ihm aufzugehen,' ein genau so guter Deutscher sein kann, wie der nicht jüdische Deutsche, daß ihm dieses Auf gehen in unserem Volkskörper, so er es noch will, erleichtert und ihm bei der Erfüllung der gleichen Pflichten dic^ gleichen Rechte zugestanden werden müssen, wie dem nichtjüdischen Staatsbürger; und schließlich, daß denjenigen Juden, die eine eigne völkische Einheit darstellen wollen, der Mihderheitenstatuts zugebilligt wird: Es ist klar, daß das jüdische Problem nur gelöst werden kann, wenn sich beide Teile entgegenkommen. Auch der Jude hat seine Fehler, und er wird klug genug sein, die Neuorientierung unseres Volkes, die nach dem geschichtlichen Irrweg nicht von heute auf morgen erfolgen kann, zu erleichtern.” - Diese Ausführungen -sind nicht nur jedem Juden aus der Seele gesprochen, sondern auch allen anständigen Menschen, denen Deinokratie und Humanität keine leeren Begriffe sind. -Herr von Schnitzler, dem wir für seine Initiative und für seihen Mut, das muß man heute noch demjenigen zugestehen, der es-wagt, für die gerechte Beurteilung der Juden einzutreten, danken, wird hoffentlich kein einzelner Rufer in der Wüste bleiben. Hoffentlich finden sich noch weitere Stimmen einflußreicher Persönlichkeiten, welche sich dafür einsetzen, durch objektive Aufklärung der Welt immer wieder vor Augen zu fuhren, wie unwürdig und schäligend es für ein Volk ist, der von den Nazis propagandierten Rassentheorie zu huldigen. Ein solches Volk schließt sich -von selbst aus der Gemeinschaft aller kultivierten und das Menschenrecht achtenden Nationen aus. Moritz Goldschmidt, Köln. Die Tragödie der Juden London (DPD.-Reuter). Der Direktor der Ausländsabteilung des amerikanischen jüdischen Komitees, Dr. Gottschalk, erklärte vor .seiner Rückreise nach den Vereinigten Staaten von einem zweijährigen Studienaufenthalt in Europa, daß die Auswanderung allein das. jüdische Problem in Europa nicht lösen könne. So sehr die Juden auch wünschten, sich in Palästina anzusiedeln, müßten sich doch Hunderttausende damit abfiriden, in ihren jetzigen Aufenthaltsländern zu bleiben. Die Juden könnten ihre Existenz in Europa durchaus wieder aufbauen, soweit das in diesem „Unruheherd” überhaupt möglich sei. Alle Regierungsver-I treter, mit denen er gesprochen habe, hätten sich für ein Verbleiben der Juden ausgesprochen. Für die „verschleppten Personen” allerdings und besonders die Juden in Deutschland und Oesterreich müßten die internationalen Flüchtlingsorganisatibnen alles nur Mögliche tun, Um deren Auswanderung zu erleichtern. Wie United Press aus Rom berichtet, hut der Vizepräsident der „Amerikanischen Liga für ein Freies Palästina”, Professor Joan J. Smertenko, bekanntgegeben, er habe Papst Pius XII. in einem Memorandum gebeten, „sich der Tragödie der leidenden Juden anzuhehmen und seinen mächtigen Einfluß zur Unterstützung. der Versuche geltend zu machen, dieses Elend zu beenden.” Wie DPD. aus London meldet, finden dort seit dem 6. Januar ttäglich Sitzungen des britischen Kabinetts, statt, in denen, unter anderem das Palästinaproblem behandelt wird. Wie Dena/Reuter. aus London berichtet, ist der Vorsitzende der Jewish Agency, David Ben Gurion, am 9. Januar nach Palästina abgefeist, um sich für eine friedliche Lösung der Palästinafrage einzusetzen. United Press berichtet aus Jerusalem,. daß das Hohe Arabische Komitee für Palästina am 9. Januar in seiner Schlußsitzung sich gegen die Entsendung von Delegierten zur am 21. Januar in London wiederbeginnenden Palästinakonferenz ausgesprochen hat. Dazu meldet Dena/Reuter aus Jerusalem, daß der erste Sekretär der britischen Mandatsregierung in Palästina, Sir Henry Gurney, am 10. Januar das Hohe,Arabische Komitee offiziell zur Teilnahme an den Londoner Besprechungen eingeladen hat. Das Komitee wird am 12. Januar zusamrrientreten, um die Antwort auf diese Einladüng zu erörtern. Wie Dena/Reuter aus Washington meldet, ist der Kronprinz von Saudi-Arabien, Amir Saud, laut. Bekanntgabe des Weißen Hauses vom amerikanischen Präsidenten Harry S. Truman in die Hauptstadt der Vereinigten Staaten eingeladen worden.

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