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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1947-02-21 · 22 (21.2.1947) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
22 (21.2.1947)
Date
1947-02-21
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Ein Deutscher spricht zur Judenfrage (Auszug *us einer Rundfunksendung von Karl-Eduard von Schnitzler, Köln). „Noch sind die uns geschlagenen Wunden in frischer Erinnerung und nicht vernarbt, und schon wieder gehen, uns aus dem ganzen Reich Meldungen zu, daß sich antisemitische Tendenzen breit machen. Genau wie zu Hitlers Zeit werden Plakate, die das Judentum verunglimpfen, angebracht, in jüdischen Häusern Fenster eingeschlagen, Grabsteine auf unseren Friedhöfen beschädigt oder zertrümmert und sogar die zur Erinnerung an unsere Ermordeten auf gestellten Ehrenmale besudelt. Das alles ist für uns ein Beweis, daß ein Teil des deutschen Volkes noch immer von dem Gift der Nazi-Ideologie infiziert ist, und ein Zeiphen, daß die Reaktion sich wieder rührt.” Umso freudiger und dankbarer begrüßen wir es, wenn einzelne deutsche Männer sich bereit finden, zur Aufklärung der von den Nazis ins Volk verpflanzten Rassenfrage beizutragen und versuchen, die Schändlichkeit der antisemitischen' Hetze an den Pranger zu stellen, Der Mitarbeiter bei der politischen Abteilung des Nord westdeutschen Rundfunks, Herr Karl- Eduard von Schnitzer Unternahm es kürzlich, in einer Abendsendung über „Rassenhaß” zu sprechen. Seine Ausführungen waren geeignet, die Grundlage^ des Antisemitismus bis ins kleinste zu zerpflücken. Herr von Schnitzler führte u. a. aus:; In der Nacht vom 8. zum 9. 11. 38 und in den darauf folgenden Tagen mußte es jedem klar werden, auf welche Weise der Nationalsozialismus die von ihm aufgeworfene Judenfrage zu .lösen gedachte, mußte es sogar dem klar werden, der nicht den „Kampf” gelesen, und der die Nürnberger Gesetze, die damals schon 3 Jahre . läng in Kraft waren, als Recht und gerecht hingenommen hatte. Dennoch wandte sich nur ein Teil unseres Volkps voller Abscheu, ein anderer Teil peinlich berührt ab;, die meisten von ihnen jedoch nur wegen der Methode, nicht weil sie den Rassenhaß als solchen nicht teilten,-^ die Einführung des Judensternes fanden sie durchaus human und in der Ordnung. Seien wir ehrlich, — eine Entwicklung von der Judenhetze, Boykotts, über die Nürnberger Gesetze, über Pogrome und- Judenstem bis zu den Gaskammern.in Auschwitz und Theresienstadt' war trotz eines Terrorregimes nur möglich,, wenn im Volk eine bestimmte Geisteshaltüng vorherrschte, die diese Entwicklung begünstigt. Wohl bemerkt: nicht daß die Masse unseres Volkes etwa die Ausrottung unserer jüdischen Mitbürger guthieß — das waren und sind schmähliche Ausnahmen, wie sie in jedem Volk Vorkommen. Aber schon eine gewisse feindliche Einstellung mußte dieser grauenhafte^ Entwicklung Vorschub leisten. . Die Boykotts und Pogrome sind von oben befohlen und vorwiegend von der inzwischen freigesprochehen SA durch-, geführt worden. Soweit die' Täter noch zu ermitteln sind, werden sie zur Verantwortung gezogen. Aber das kann nicht genügen. Es gilt mehr, es gilt eine irrige Einstellung zu berichtigen, eine Geisteshaltung zu revidieren, die des Menschen unwürdig ist, die den Menschenrechten Hohn spricht, und die dazu beigetragen hat, ‘ uns aus der Reihe der Kulturnationen auszuschließen. Es gilt, den Rassenhaß zu überwinden.' Der Rassenhaß richtet sich gegen Juden, Zigeuner, Neger, Mischlinge und andere, das heißt gegen Andersartige. Aber er setzt, und das ist wichtig und kennzeichnend, „andersartig” gleich „minderwertig”. Am stärksten richtete und richtet, er sich unter dem Namen Antisemitismus gegen die Juden. Und deswegen nehmen wir heute Anlaß,, uns mit dem Antisemitismus zu beschäftigen, Antisemitismus ist ein .wichtigtuerisch gelehrt klingendes Wort, das keineswegs ausdrückt, was damit gemeint ist. Antisemitismus bedeutet: gegen die Semiten. In Wirklichkeit hat es sich jedoch immer nur um Strömungen oder Ausschreitungen (Pogrome) gegen Juden gehandelt, während zum Beispiel aus-, gerechnet der Nationalsozialismus Semiten unterstützt hat, nämlich die Araber, die sich um den Großmufti von Jerusalem geschart hatten und in deutschen Uniformen mit dem Hakenkreuz auf der Brust auf dem Balkon und in der Kirgisensteppe für Hitler kämpfen durften. So. sind schon Begriff und Wort „Antisemitismus” unzutreffend. Wir wollen daher an seiner Stelle „Judenhaß” sangen. Damit drücken wir einmal aus, daß sich diese ^Strömung tatsächlich nur gegen Juden richtet, zum anderen wird damit sofort klar, daß es sich um 'eine verstandesfeme, leidenschaftliche Regung handelt, die, je nach dem Verantwortungsgefühl der jeweiligen Führer, Regierung, Partei oder Interessengruppe, gehemmt oder geschürt werden kann. Der Judenhaß begegnet uns in der gesamten europäischen Geschichte. Der fanatische Christ des Mittelalters haßte im Juden den Angehörigen des Volkes, das Christus ans Kreuz geschlagen hat. Dieses Motiv entsprang keinem - wirtschatlichen, sondern einem religiösen Ursprung. In der weiteren Entwicklung jedodi ist die Ursache des Judenhasses, wie auch immer er motiviert wurde, ausschließlich äuf wirtschaftlichem Gebiet zu suchen. Wir müssen uns darüber klar sein, daß die Rasse als Begründung für allen Judenhaß nichts anderes ist, als ein Vorwand. Denn vom biologischen Standpunkt aus gibt es weder eine jüdische noch eine arische Rasse. Und bei RasiiiiitiiiimiiiiiHiuiimmHiHiiiimuiiiitiiiiiiiiiiuiHHiiiiimiiimMiimiHmiiiimimmiiiiiiimiimiimMimiiiiinmiimmmKn Zum Abschied die Hoffnung! „Komm’ — wir machen eine kleine Reis4 . . tönt bekannt ein Song in unser Ohr, und wir all’ in diesem Schicksalskreise warten nun am Hafentor. Mit Geduld^— es war gar oft zum Berstefi — "haben wir es nun erreicht, daß wir nun, kürz nach dem Ersten, segeln werden über’n großen Teich. Von Gefühlen lasset uns nicht reden, solch’ Gedanken schließt nun in Euch ein, —- möge nur uns all’ und jedem Glück und Wohlergeh’n besehieden sein! KKnter uns liegt Not und Sorge, wir wanderten durch Elend, Schreck und Leid, und wir hoffen nun auf „Morgen”, — sehnen uns nach bess’rer Zeit. * * - . Darum wenden wir die Blicke , (sie sind in Wahrheit schon vorausgeeilt!) nun nach vorne, —: nicht zurücke, . und wir hoffen alle Zeit: Friede möge uns umfangen, Ruhe in die Herzen kehren, — weil nach Martern, endlos langen, Schutz und Freiheit wir begehren. Jenes Land, das öffnet uns die Tore, ‘ jenes'Volk, das mit uns fühlt und denkt, — es sei gegrüßt, — es macht unsmeu geboren, — der Gottheit Preis sei ihm dafür geschenkt! Drum soll Vertrau’n und guter Wilie, soll Zuversicht der Wegbereiter sein, und selbst wenn Pech und manche „harte Pille” sich sollten störend schalten ein — wir wollexf unverzagt das neue Leben als Schicksal seh’n und — kalkulieren, indem wir.unser Wertvollstes und Bestes geben: Die Treue! — und.werden nimmer sie verlieren; , Wo Nächstenlieb’ mit Menschlichkeit gepaart, wo Wahrheit wird zum Recht und Inbegriff,' — s dort glauben wir uns gut verwahrt, — nach dort trägt übermorgen uns das Schiff! — (Max Schloß übersandte uns dieses Gedicht aus Bremen vor seiner Abreise nach Amerika.) nmlmimtiimyiittiiimK umimiiiimHiimiimimiimmimiiimiiimimimiihmiimimimmiimimiimimnmitimiiiMmt senmischungen kann man nicht unterscheiden zwischen Höher- und Minderwertigkeit. Dennoch hegen auch, heute: noch viele Nichthationalsozialisten einen Judenhaß und wissen nicht, warum. Sie glauben, daß der Jude unschöpferisch sei, daß ein Mendelssohn oder Einstein, Heine, Marx, Gustav Mahler, Siegmund Freud, Hoffmannsthal oder Max Rheinhardt ungeniale Blender und Betrüger waren. Sie übersehen, daß Christus,- einer der größten Kulturträger, ein Jude war. Verantwortungslose Scheinwissen-

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