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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1947-02-21 · 22 (21.2.1947) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
22 (21.2.1947)
Date
1947-02-21
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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«HR wsm Menschen, die vor gar nicht allzu langer Zeit noch recht zurückhaltend und klein waren, sich wieder in den Vordergrund stellen und wieder beginnen, arrogant zu werden. Man kann siqji des Eindruckes nicht erwehren, als sei die Uebergabe der meisten Funktionen an deutsche Behörden von diesen Kreisen als Schwäche der Militärregierung gewertet worden. Wir können aber auch feststellen, daß es wieder Deutsche gibt, die in ihren Anfeindungen gegenüber den Juden so gut wie keine Zurückhaltung mehr üben und wir haben ja wiederholt in unserer Zeitung berichtet und Beweise dafür erbracht, daß in allen Städten sich Dinge ereignen, die bezeugen, daß keine Rede davon sein kann, daß eine übergroße Mehrheit des deutschen Volkes über die Enttäuschung hinaus, die der Nationalsozialismus ihm gebracht hat, auch belehrt ist Das Judentum in Deutschland ist zahlenmäßig dezimiert, es ist physisch und psychisch geschwächt Wir wissen —. jeder weiß — daß die besten von uns zu den sechs Millionen Toten gehören. Und da wir das alles wissen, deshalb glaubten wir, daß es uns gelingen möge, die im Ausland noch vorhandenen wertvollen Kräfte, die nicht nur uns, sondern auch Deutschland zugute kommen könnten, dazu zu bewegen, zurückzukehren. Wir hatten die Hoffnung, daß wir die, Menschen, die heute im Ausland sind, davon überzeugen konnten, daß es im Interesse des Judentums in Deutschland liegt, wenn sie zurückkehrdn und wenn sie selbst die Opfer auf sich nehmen, die das Leben in Deutschland im Augenblick verlangt Wir sind zurückgekehrt, weil wir es für unsere Pflicht gehalten. haben, uns denen unserer Glaubensbrüder zur Verfügung zu stellen, denen es nicht gelungen ist, in die Emigration zu gehen, die aber trotzdem das Glück hatten,, ihren Verfolgern zu entkommen. Wir sind aber auch zurückgekehrt, weil wir geglaubt haben, d^ß wir von dem größeren Teil des deutschen Volkes gestützt werden. Wir glaubten daran, daß es in erster Linie diese Deutschen sein werden, die dafür Sorge tragen würden, daß der übrige Teil davon überzeugt wird, daß die „Rassenlehre” für das Dritte Reich nichts anderes war, als ein politisches „Mittel zum Zweck”- Manöver. Und heute sehen wir und sehen selbst die Menschen, die mit größter Objektivität an die Frage herangehen, daß von einer grundlegenden Wendung in der Ideologie eines großen Teiles des deutschen Volkes keinerlei Rede sein kann. Wir geben auf unserer Titelseite eine Karikatur wieder, die im Londoner „Daily Mirror” erschienen ist. Als wir sie sahen, wunderten wir uns darüber, daß wir nicht erschreckten und als wir einen Augenblick überlegten, wußten wir, daß' der Karikaturist eigentlich gar nichts anderes sagte als das, Was wir in Deutschland erleben. Und wenn wir dann weiter nachd^nken und uns überzeugen müssen, wie das Ausland, Deutschland sieht, Deutschland, von dem einige Juden glaubten, daß es wieder ihre Heimat werden könnte, dknn allerdings erschrecken wir. Lange bevor die ausländische Presse und wenige deutsche Zeitungen den Bericht des „Internationalen Komitees -für Studien über europäische Fragen” brachten, haben wir im einzelnen ausführlich und immer wieder die Situation, in der wir uns, heute befinden, klar gelegt. Unsere Ausführungen fanden Anerkennung, besonders auch in nicht jüdischen Kreisen. Recht viele Briefe, die uns erreichten, bestätigen uns das.1; Aber bis zum heutigen Tage haben wir noch keine Nachrichten erhalten, die uns bestätigen, daß es deutsche Organisationen oder Behörden gibt, die unseren Ausführungen Rechnung trägen. Wir haben noch nichts davon gehört, daß deutsche Behörden Maßnahmen ergriffen hätten, die von uns angeregt worden sind und auf die wir ein demokratisches Recht haben. Wir beginnen, daran zu zweifeln, daß. selbst in den Kreisen, die in den verflossenen 21 Monaten so viele schöne Worte zu uns gesprochen haben, der ernste Wille besteht, ihre Worte in die Tat umzusetzen. — Und weil es unter Uns viele gibt — und das sind nicht die schlechtesten, die diesen Zweifel schon längst haben — deshalb haben sie sich entschlossen, auszuwandern und eine neue Heimat zu suchen- Der Entschluß, das zu tun und die Schwierigkeiten, die damit verbunden 'sind, lieber in Kauf zu nehmen, als das Gefühl zu haben, jäaß der Karikaturist des „Daily Mirror’' nichts als die Wahrheit, die reine vVahrheit gesagt hat, ist nur zu verständlich. ' <:• . K. Marx. Ein offenes Wort Die Situation der Juden in Deutschland ist von uns wiederholt, zuletzt in unserem heutigen Leitartikel eindeutig beleuchtet worden. 220 000 Juden, die nach Deutschland verschleppt worden sind ünd die gezwungen find, in dem Land, mit dem sie nur Schrecken verbindet, Aufenthalt zu nehmen, fordern seit über zwanzig Monaten, dieses Land verlassen zu können. 2500 deutsche Juden, zumeist Angehörige der freien Berufe und Intellektuelle, die aus Nazi-Deutschland nach Schanghai geflüchtet sind, fordern, nachdem sie die unbeschreiblichen Qualen hinter sich haben und heute in großem Elend leben, nach Deutschland, dem Land, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzen, zurückkehren zu können. Auf Anfrage teilt die Militärregierung mit: „Es ist Uns von dem Entries and Exits Department mitgeteilt worden, daß es der Militärregierung der britischen Zone z. Zt. nicht möglich ist, derartige Anträge zu befürworten. Alle Anträge müssen von den in Ihrem Schreiben erwähnten Personen an die zuständigen Behörden in China eingereicht werden.” Wix fragen: den Kontrollrat der alliierten Regierungen: Ist dieser Zustand, in dem sich die deutschen und Verschleppten Juden heute, 22 Monate nach der Niederringung des Nationalsozialismus befinden, zu vereinbaren, i mit dem Begriff der Humanität? Ist mit def Ignorierung der Frage der Juden in Deutschland das Versprechen erfüllt, das die alliierten Völker, deren Wortsprecher der Kontrollrat ist, der Welt und den Juden ‘gegeben haben? ' , ' ■ Wir fragen die deutsch en Landesregierungen, Parteien und, Behörden: Welche Gesetze sind bis jetzt in Vorbereitung, die* die Juden unter Rechtsschutz stellen? Welche Maßnahmen sind bisher getroffen worden, um den ehemalig rassisch und politisch Verfolgten den Teil der Steuern Zu erlassen, den das deutsche Volk infolge des Verlorenen Krieges heute Zu bezahlen hat? Was ist bisher, mit Ausnahme schöner Worte, die gesprochen worden sind, geschehen, um den ehemalig rassisch und politisch Verfolgten Genugtuung zu geben? Und wir fragen den Kontrollrat,, wir fragen die deutschen Landesregierungen, wir fragen die Welt: Kommt es nicht dem Barbarismus nahe, daß man Menschen, die zwölf Jahre in einer nie dagewesenen Form verfolgt wurden, auf der einen Seite noch 22 Monate festhält und ihnen keine Möglichkeit der Auswanderung gibt, während man auf der anderen Seite ihnen die Rückkehr in ihre Heimat verweigert? Deutsche Kriegsgefangene kehren zurüek. Den deutschen Juden verweigert man die Rückkehr und den Eintritt. Wie lange sollen wir noch stillhalten, nur deshalb weil wir eine Minorität darstellen? . . x.

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