Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 21 (5.2.1947)
- Date
- 1947-02-05
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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, _KULTUR-____, Wolfgang Hamburger; * JÜDISCHER ANTEIL AN DER DEUTSCHEN KULTUR MOSES MENDELSSOHN Um Moses Mendelssohns Bedeutung für den deutschen Kulturkreis zu umreißen, muß man sich vor Augen halten, daß er am Ende einer geistesgeschichtlichen Periode lebte und so eine philosophische Tätigkeit, seine Leistungen dem Abendrot einer untergehenden Sonne gleichen. Darum war er, in dem seine Zeitgenossen den großen deutschen Philosophen, den Weltweisen sahen, auch schon überlebt, als die neue Zeit mit ihren neuen Gedankensystemen anbrach. Rationalistisches und empiristisches Denken hatten im synthetischen System von Leibniz eine gewisse Versöhnung gefunden. Durch die Werke von Herbert von Cherbury, Toland, Tindal und Shaftesbury waren sie ergänzt worden. Durch die Tätigkeit. der französischen Encyklopädisten 'und deutschen Pöpularphilosophen seit Christian Wolff Wurden diese Gedankengänge Gemeingut aller geistig Interessierten. An dieser Arbeit nahm Mendelssohn teil. Er zeigte sich als der geistreichste Mitarbeiter in Deutschland, der sich durch die Klarheit des Ausdruckes und durch gewandte Formgebung Bewunderung und Anerkennung erwarb. Viele Lobesworte haben das gewürdigt. So sagte Kaub: „Es ist nicht jedermann gegeben, so subtil und doch zugleich so anlockend zu schreiben als David Hume oder so gründlich und dabei so elegant ^als Moses Mendelssohn.” Von Herder stammt die Würdigung: „Er ist’s, .der seine Weisheit in ein Licht der Deutlichkeit zu stellen weiß, als hätte es die Muse selbst gesagt.” Und von Jenisch ist uns überliefert: - „Wenn auf irgendeinen der deutschen prosaischen Schriftsteller angewandt werden spU, was Homer von Nestor sagte:. Honig enttriefte den .Lippen des Redenden, so ist’s gewiß unser Welt weiser: nie. ist Wahrheit und Schönheit so schwesterlich beieinander gegangen.” Man wird dieses Verdienst Mendelssohns um die deutsche Sprache erst dann richtig ein-, schätzen können, wenn man bedenkt, daß einerseits für die Juden die Ghettomauern noch nicht gefallen waren, ja daß 37 Jahre nach Mendelssohns Tod den Berliner Juden durch eine barsch abgefaßte Kabinettsorder vorgeschrieben wurde, den Gottesdienst „nur nach dem hergebrachten Ritus, ohne die geringste Neuerung in der Sprache und in der Zeremonie der Gebete und Gesänge” abzuhalten und es nicht einmal gestattet war, in deutscher Sprache zu predigen", und daß andererseits Christian Wolff, der starb, als Mendelssohn 25 Jahre Mt war, sich ein großes . Verdienst dadurch erwarb, dafr er seine Werke zum großen Teil in deutscher Sprache schrieb und damit den Grund zu einer philosophischen Terminologie in deutscher Sprache legte. Sein Erstlingswerk waren die „Philosophischen Gespräche”, die Lessing zur Durchsicht erhalten, ohne Wissen des Autors veröffentlichte. Bald darauf erschienen die „Briefe über die Empfindungen”, in denen der Versuch gemacht wurde, das ethische Prinzip zum Mäßstab für die Beurteilung des Schönen zu machend Als einige Jahre später die Berliner Akademie der Wissenschaften eine Preisarbeit ausschrieb, erhielt er mit seinem Werk „Ueber die Evidenz in metaphysischen Wissenschaften”, vor der von Kant eingereichten "Ausarbeitung den. ersten Preis. Durch diesen Erfolg zu weiteren philosophischen Untersuchungen veranlaßt, konnte er die Ergebnisse der Arbeit in seinem Hauptwerk .„Phädon, oder über die Unsterblichkeit der Seele” zusammenfassen. Die Form dieses Werkes ist die des Dialogs, den Plato einst eingeführt hatte. . Gewann jener den Beweis für die Unsterblichkeit -der Seele aus abstraktipnthologischen Grundsätzen, so leitete ihn Mendelssohn aus der Idee der gött-" liehen Vollkommenheit und dem Prinzip der Sittlichkeit her. Dieses Buch steigerte noch mehr das Ansehen seines Ver¬ Stachelhaus & Meurers Kunslsiopferei in besier Ausführung / Laufmaschen * Reparaturen Hauptgeschäft: DÜSSELDORF, Friedricbstr.HiS, Fernruf 22747 Weitere Ge chäftsstellen: Birkenstraße 114. SehetHenstraße 2 M.-GLADBACH. Hertnannxlr. 8. Büro-Fernruf auch n. Geschäftschi. 645*48 fassers und war nicht mehr aus den gebildeten Kreisen »einer Zeit fortzudenken. Und doch sollten auch Mendelssohn, dem Juden, Enttäuschungen nicht erspart bleiben. Als die Berliner Akademie ihn nach dem Erscheinen des „Phädon” zu ihrem Mitglied ernennen wollte, ließ Friedrich II. es nicht zu, weil die Listen der i-llustren Akademiemitglieder nicht mit dem Namen eines Juden verunziert werden sollten. Auch mit den geistigen Elitekreisen, die Mendelssohn Bewunderung zollten, mußte er sich auseinandersetzen, denn er mußte erfahren, daß er "trotz allen Verdiensten ein Jude unter Christen blieb. Der Schweizer Pastor Lavater machte es sich zur Aufgabe, den „jüdischen Welt weisen”, den „jüdischen Sokrates’’, zum Christentum zu bekehren. Dieser Vorstoß in den Bereich des persönlichen Glaubens brachte den jeder-Diskussion schwieriger religiöser Fragen aus dem Wege Gehenden in Bedrängnis. Doch Mendelssohn gab eine Antwort, die unter größter Zurückhaltung die Gefühle der Christen schonte und-die Würde des Judentums wahrte. Auch Fragen der Kultur und des sozialen Lebens fanden sein Interesse. In der Einleitung der deutschen Uebersetzung zu Rousseaus „Discours sur l’origine de l’inegalite parmi les hommes” trat er der kulturfeindlichen Meinung des Naturfreundes entgegen. Er war Mitarbeiter an den Zeitschriften „Bibliothek der schönen Wissenschaften” und „Briefe, ‘ die neueste Literatur betreffend”, die sein Freund Lessing, dem er das Vorbild des „Nathan’’ war, und der Kunstkritiker Nicolai herausgaben, und schrieb Aufsätze über die neuesten, Erscheinungen der europäischen Literatur. Als er die französischen Gedichte Friedrich II. anonym besprach, bedauerte er, daß der König in seinem dichterischen Schaffen sich einer fremden Sprache bediene. Man weiß,-daß dem Rezensenten wegen seiner Offenheit Unannehmlichkeit gedroht hatte. Was Mendelssohns Ansehen unter seinen Zeitgenossen hob, war seine Toleranz, die menschliche Art seines Umganges. So berichtet C. Th. Moritz in seinen „Denkwürdigkeiten”, daß er einmal mit einem protestantischen Prediger zu Mendelssohn gekommen sei, da der Geistliche für die Aufklärungsarbeit, die er'in einer Gegend, die ihrer dringend bedurfte, leisten wollte, sich des Philosophen Rat bedienen Wollte. „Es war rührend anzuhören, wie ein Jude hier mit einem lutherischen Prediger über die beste Art und Weise sprach, wie eine christliche Gemeinde zu unterrichten sei, ja nicht einmal zu viele Neuerungen zu machen und bei dem Aufklärungsgeschäft mit Behutsamkeit und Sanftmut zu verfahren, wie Christus auch zu tun gelehrt habe.”' Konnte es eine schönere Anerkennung seiner menschlichen Qualitäten und geistigen Fähigkeiten geben, als dieses Nachsuchen um Ratschläge?' * ■ ■ Was der deutsche Kulturkreis Mendelssohn verdankt, das drückte am eindringlichsten Professor Stubenrauch seinem Neffen Schleiermacher gegenüber aus. „Denn Mendelssohn war auch mehr als Philosoph'; ihm hat in der Tat unsere Literatur, unsere Sprache selbst und die gesamte Kritik ungemein viel zu danken.” Frau Alma Mahler-Werfel, die Witwe Franz Werfels, beabsichtigt laut einer Meldung aus Hollywood, nach Wien zurü kzükehren und dort nach Manuskripten ihres Gatten zu forschen, die vor der Machtübernahme der Nazis-im Wiener Rathaus aufbewahrt gewesen seien. -Der California-Universitä" in Los Angeles hat sie eine Reihe von Manuskripten, die iu ehe Emigration gerettet wurden oder dort entstanden sind, zam Gf scher, t gemacht. 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