Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 21 (5.2.1947)
- Date
- 1947-02-05
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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hissend, in den Hafen von Haifa ein. Als es nahe am Quai war, herrschte eine eisige Ruhe auf seinen Decks. Schutzleute, unbewaffnet und ohne Helme, standen mit ärztlicher Hilfe bei. Schutzleute, geführt von einem Offizier, erklommen das Deck. ' - '• 0-; Das Schweigen brach, als ein Flüchtling dem Offizier mit einer Corned-beef-Büphse ins Gesicht schlug. Er brach auf dem Gang zusammen. Als seine Soldaten versuchten, ihm zu Hilfe zu kommen, regnete ein Schauer von Wurfgeschossen von den kreischenden Emigranten — grüne, rechteckige Konservenbüchsen italienischer Armeerationen, US.- Armee-K-Rationen, Kekspakete, eine schwere Oxygen- FJasche, auf sie herab. Ueber das Sperrfeuer hinweg sangen die Flüchtlinge die jüdische Hymne „Hatikwah”. Einer stand in einem Rettungsboot aufrecht, mit ausges'treckten Armen, und schrie auf hebräisch: „Taharog oti akhshav!’’ (Tötet mich jetzt!) Ein erregter Soldat feuerte acht Schüsse aus einem Gewehr, verfehlte sieben Schüsse, tötete einen Jungen von 17 Jahren mit dem achten Schuß. Darauf versuchten die Truppen es mit Tränengas-Granaten. Dreißig Flüchtlinge sprangen über die Bordwand auf die nahen Decks, eines Schleppdampfers. Einige von ihnen verfehlten das Ziel und fielen ins Wasser. Einer brach sich im Sprung das Genick. Mit den ‘Tränengasangriffen gewannen die Truppen Raum, und nach wenigen Minuten des Kampfes, Mann gegen Mann, endete der Aufruhr. Dann begann die Verschiffung auf drei Deportationsschiffe. Einige gingen selbst, einige müßten die Gänge entlang getragen werden. Männer suchten ihre Frauen, Kinder ihre Eltern. Die Soldaten wurden plötzlich freundlich, sowohl zu den Alten wie zu den Jungen. Eine Frau, deren Haar löse um ihr tränenüberströmtes Gesicht hing, suchte ihre Kinder, Ein junger britischer Offizier brachte mehrere Kinder, die im Gedränge von den Angehörigen getrennt worden waren, zu ihr, aber es waren nicht die ihren. Vielleicht würde er die richtigen finden. Und ihre Mienen hellten sich wieder auf. Aber tiefer Haß stand in den Augen der jüngeren Flüchtlinge geschrieben, als sie die Hilfe verweigerten und mit erhobenen Häuptern vom Schiff hinuntergingen. Auf den Decks erblickten sie den Stacheldraht, der diese umzäunte, und ein junger Mensch sagte, mit Bitterkeit in der Stimme: „Das kommt uns bekannt vor!” („Der Weg”, Berlin). Stimmen unserer Leser: Vor mir liegt Nr, *18 des Gemeindeblattes mit dem Abdruck des Briefes aus Schanghai. Und ich muß lachen — ein - bitteres Lachen! Wäre es nicht unsere Pflicht, diese Menschen darüber aufzuklären, sich entweder dort eine Existenz zu gründen oder in jedes andere Land weiterzuwandern, nur nicht nach Deutschland ünd vor allem nicht in die reaktionäre 'britische Zone heimzukehren. Als der Rest der Breslauer jüdischen Gemeinde sich im Februar 1946 entschloß, , dem unerträglichen polnischen Terror zu weichen, hatten auch wir dieselben phantastischen Hoffnungen, am demokratischen und wirtschaftlichen Wiederaufbauwerk Deutschlands mitzuarheiien. , Und wie war die Wirklichkeit der britischen Zone? Noch in der Nacht unserer Ankunft im Flüchtlingslager Wellersberg (Siegen) wurden wir willkürlich mit Auto oder Bahn aufs Land geschafft. Zuzug für größere Städte war gesperrt und keinem Protest wurde'seitens britischer oder deutscher Behörden stattgegeben. Meine Frau und ich wurden nach Meggen, einem Dorf des Kreises Olpe, abgeschoben. Damit war ich von vornherein lahmgelegt. . Ich bin Radio- und Zahntechniker, $lso zwei Berufe, die im Schanghaier Brief angeführt werden. Wenn auch durch die erzwungene Abstinenz der Nazizeit meiiife Leistung nicht mehr auf der Höhe der Technik ist, so hätte ich diese doch in einigen Arbeitsmonaten wieder erreicht. Jedoch im ganzen Kreis Olpe lag angeblich kein Bedarf vor und wenn ich auch vom Sonderhilfsausschuß die Vordringlichkeitsbefreiung für Arbeit bekam, das Arbeitsamt hatte keine für mich. Außer im Bergwerk oder Baugewerbe. Daran war nun wieder mein Bedarf gedeckt durch die Steinbrüche ' von Buchenwald und den vierjährigen Straßen- und Panzergräbenbau in den Zwangsarbeitslagern Masselwitz und Grünthal und ich lehnte ab. Die Antwort des Arbeitsamtes war die Mitteilung, daß Arbeitslosenunterstützung selbstverständlich nicht in Frage käme und als ich mich höflich nach einem Posten in der Verwaltung erkundigte, da ich etwas von der vorzugsweisen Beschäftigung von Antifaschisten gehört hatte, lachte man mich aus. Trotz Vorlage der Zeugnisse, die ich von der russischen und polnischen Verwaltungsbehörde und der deutschen Bevölkerung über meine fast einjährige Tätigkeit als Bürgermeister des Bezirk V Breslau-Grüneiche erhalten hatte. Also auch mit dem dritten Beruf der Schanghaier: „Verwaltungsbeamter” ist es nichts. Ate Beweis, daß ,ich kein Einzelfäll bin, diene folgender Ausschnitt aus der C.D.U. Zeitung „Westfalenpost”, dessen Verfasser mir nicht bekannt ist. Ein unmöglicher Zustand Ein Evakuierter aus Olpe stellt fest, daß von einer Verewigung der Kluft Nazi — Antinazi einstweilen noch keine Rede sein könne. „Es ist ein unmöglicher Zustand, wenn der Nazibeamte am Arbeitsamt dem ehemaligen Parteigenossen eine Stellung vermittelt, während der Nichtnazi noch stellenlos herumläuft. „Ich stehe auf dem Standpunkt”, so heißt es in der Zuschrift aus Olpe weiter, „daß der Nazi seine Stelle, aufgeben muß, so lange noch ein Nichtnazi eine Stellung sucht.” Es fehlt eben ein Gesetz folgenden Inhalts: „Erst wenn jeder politisch, rassisch oder religiös Verfolgter eine seinen Fähigkeiten angemessene Existenz gefunden hat, dürfen ehemalige P.Gs. verwendet werden. In jedem Falle ist die durch die Verfolgung bewiesene antifaschistische und demokratische Haltung höher zu bewerten, als die Routine der jetzigen nazistischen Stellehinhaber, eine Routine, die sich zudem jeder geistig Aufgeschlossene in kurzer Zeit aneignen kann.” Da dies Gesetz aber nur ein Wunschtraum ist, bleibt mir nur die Auswanderung. . Ich schreibe diese Zeilen nicht, weil ich etwa Hilfe von Ihnen erwarte. ' t)iese Zeilen sollen einmal eine Warnung für die Schanghaier sein, zum anderen waren sie für mich notwendig, um einen Haßkomplex abzureagieren. Fritz Silberfeld (Meggen, Lenne). Sondervergünstigung für politisch verfolgte Juden In der Grafschaft Diepholz vvurden den politisch verfolgten Juden ganz plötzlich die il»en bislang gewährten Sondervergünstigungen entzogen. Es ist verständlich, daß dieses Vorgehen als ungerecht angesehen wurde. Nach vielen Bemühungen des Vorsitzenden des Jüdischen Komittees in Diepholz, Herrn Moritz Freudenreich, sowie seitens Herrn* Rabbiner Dr. Carlebäch vom JEWISH RELIEF durch Intervenierung beim britischen Hauptquartier und der Militärregierung in Hannover gelang es, die bisher gewährten Sondervergünstigungen wieder zugeteilt zu bekommen. Die Begründung hierfür lautet, daß aus Polen stammende Juden in bezug auf Sondervergünstigungen genau so behandelt werden, wie die deutschen politisch Verfolgten. Wir möchten auch an dieser- Stelle Herrn Rabbiner Dr. ^Carlebäch für seine freundlichen Bemühungen in dieser Sache unseren verbindlichsten Dank aussprechen. Das Jüdische Kommittee, Grafschaft Diepholz. n RADIO Düsseldorf jm Gr«f»Ado!f,Str, 63/65 Dannen- und Herren-Moden ' Ruf 25326 und 1 +860 - Wu ppertal - Elbertefd im Ffhthous — Fernsprecher 35081+ *1 ' __