Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 21 (5.2.1947)
- Date
- 1947-02-05
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
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s i e n, in denen den Kindern gewissenhafter Unterricht erteilt wird. Fachschulen aller Art für Schldfcser, Tischler, Schneider, Maschinenbauer, Autotechniker, Zahntechniker usw. werden von fachmännischen Lehrkräften — alles Juden — geleitet. Die hierzu notwendigen Maschinen und Geräte sind zum größten Teil Stiftungen? Eine besondere religiöse Schule ist vorhanden. Mädels und Jungens werden in der Landwirtschaft unterrichtet. In kultureller Beziehung hat man für ein ausgezeichnetes jüdisches, sogenanntes Kazet-Theater gesorgt, in dem jüdische Klassiker zur Aufführung gebracht werden. Ein Kino ist wohl vorhanden, jedoch ist es trotz aller Bemühungen der Lagerleitung nicht gelungen, Filme zu bekommen. Die Bibliothek ist eine Sehenswürdigkeit. Die Kranken- und Entbindungsanstalten befinden sich in einem nicht übertrieben guten Zustand, aber die Verantwortlichen tun was sie können. Diese Beweise' sollten genügen, um den demokratischen Ländern Gelegenheit zu geben, für diese Menschen zu fordern, daß sie die Stätte des Grauens verlassen. Aus reiner Menschlichkeit sollte man endlich handeln. Alle politischen Erwägungen müssen ausgeschaltet werden, wenn es sich darum handelt, Menschenleben zu retten, und zwar das Leben von Menschen, die all das Schreckliche erlebt haben, das die ganze Welt zum Schaudern gebracht hat. Man bedenke, daß diese Menschen heute von der Wohltätigkeit abhängig sind. Sie erhalten von der UNRRA 1440 Kalorien täglich, d. h. weniger als die deutsche Bevölkerung, das würde bedeuten, daß diesen Menschen überhaupt keine Möglichkeit gegeben worden wäre, sich, physisch und seelisch zu erholen, wenn nicht die gewaltige jüdische Organisation, das American Joint Distribution Committee durch einige zusätzliche Nahrung die Möglichkeiten schaffen würde, aber der American Joint, der seit vielen Jahren hilft und der sich die Aufgabe gesetzt hat, allen Juden der Welt zu helfen, mußte die Zuteilung in letzter Zeit erheblich reduzieren. Neben dem American Joint, dessen Präsident William B. Schwärtz, sich in aufopfernder Weise für die Sache der 11 000 einsetzt, hat sich die Jewish Relief Unit, unter Leitung von Sarah Eckstein, zur Verfügung gestellt und sieht neben ihrer administrativen Arbeit ihre Aufgaben darin, der Kinderversorgung, der Versorgung schwangerer Frauen, der Stellung von Lehrern, der Lagerleitung und der Lagerpolizei zu helfen. Als-dritte Hilfsorganisation ist die Jewish Agency for Palestine zu nennen, die sich auch mit Unterricht beschäftigt und vor allem für die Auswanderung tätig ist. Ihre besondere Aufmerksamkeitschenkt sie der landwirtschaftlichen Ausbildung. Die Lagerleitung liegt in Händen von Josef R q s e n s a f t. Ich möchte gern viel über ihn erzählen, aber er will es nicht. Auf die Fragen über seine Erlebnisse im nationalsozialistischen Deutschland antwortete er mir: *,Erinnern Sie mich nicht und fragen Sie mich nicht, es würde alles wieder auf- Die Mitwirkenden des Kazet-Theaters im LageoiBelsen-Bergen wühlen und ich wäre wieder tagelang krank. Ich brauche meine Kraft, um für meine Schwestern und Brüder hier zu arbeiten.” Auf die weitere F'rage, welche Aufgaben er sich gesetzt habe, gab er.mir zur Antwort: „Ich habe mir nur die eine Aufgabe gesetzt: Diesen Menschen zur Freiheit zu verhelfen, diesen Menschen die Möglichkeit zu geben, wieder als Menschen zu leben. 80 Prozent dieser Menschen haben den Wunsch, nach Palästina auszuwandern, während die restlichen 20 Prozent zu ihren Angehörigen, die*in aller Herren Länder verteilt sind, reisen möchten.” Sami Feder der Leiter des Theaters Auf meine Frage, wie er sich zu dem Terror in Palästina stellt, antwortete er mir: „Ich bin gegen diese Methode des. politischen Kampfes, aber ich verstehe, wenn diese Menschen aus Verzweiflung handeln. Schauen Sie sich hier das Lager an, schauen Sie sich hier die Menschen an und dann können Sie verstehen, daß Menschen, die so weit gebracht werden, eines Tages unberechenbar in ihren Handlungsweisen sind.” Josef Rosensaft ist eine Persönlichkeit, er ist ein Mensch, der in erster Linie für seine Leidensgefährten arbeitet, und kämpft, er ist ein Mensch, der sich auf opfert für die Sache, zu der er berufen ist und der zur Erreichung seines Zieles nur gerade Wege .geht, der aber kämpferisch ist und nicht nachgibt, bis er das Ziel erreicht hat, In Kürze findet eine Neuwahl des Lagerleiters statt. Bei der Stimmung, wie ich sie zu hören bekam, würde ich mich nicht wundern, wenn Josef Rosensaft einstimmig wiedergewählt würde. Nach Rosensaft besuchte ich die Redaktion der Lagerzeitung „Unsere,.Stimme”, Diese Zeitung wird redigiert von Rafael Olewski, Paul Trepman und David Rosenthal.- Auch was hier geleistet wird, ist bewundernswert. Die eigene Druckerei verfügt, heute bereits außer den lateinischen Typen über 1500 kg. hebräische Typen. Die Zeitung wird im Handsatz durch jüdische Setzer, gesetzt und Menschen mit den Kenntnissen aller modernen Sprachen sind Mitarbeiter. In der Redaktion der Zeitung lernte ich Sami Feder kennen, den Regisseur des Kazet-Theaters. JFeder führte mich zu dem Theater und gab mir Gelegenheit, mich davon zu überzeugen, über welche tüchtigen und talentierten Kräfte auch in dieser Beziehung das Lager verfügt, Befähigte Maler arbeiten die Kulissen aus und F. gelingt es heute, nach den schweren Vorarbeiten, die er geleistet hat, die schwersten Probleme auf seiner kleinen Bühne zu lösen. Ich könnte nun noch beginnen, die Armut und das Elend, das ich in diesem Lager zu sehen bekam, zu schildern. Ich will es nicht. Ich brauche es wohl auch nicht, denn viele Menschen der Welt wissen heute, was Lager oder Ghetto bedeutet.. ’ Ich sagte vorhin, daß es nicht eine jüdisch politische Frage ist, wenn , man sich dafür einsetzt, daß ./diesen-Dingen ein Ende gemacht werden soll und muß. Die/Menschlichkeit fordert das, die Menschlichkeit verlangt, daß Menschen, die willens sind zu arbeiten, Menschen, die sich niemals eines Verbrechens schuldig gemacht haben, endlich die Möglichkeit gegeben wird, nicht mehr hinter Stacheldraht zu lehen. Die Menschlichkeit verlangt, daß die breite Oeffehtlichkeit der Welt nicht den Eindruck erwachen läßt, daß das was die Nazis getan haben, in anderer Form legalisiert wird. t Die stchsundachtzigjährige Dichterin Clara Viebig, die wegen -ihrer Ehe mit dem „nichtarischen” Berliner Verleger Fritz Th. Cohn — einstigem Mitinhaber von Schuster u. Loeffler, späterem Vorstandsmitglied der Deutschen Verlags-Anstalt — während der Naziherrschaft unerwünscht war, kehrt jetzt wieder nach Berlin zurück, nachdem sie in den letzten vier Jahren in Mittelwalde im Glatzter Bergland gelebt hatte.;