Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 21 (5.2.1947)
- Date
- 1947-02-05
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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karl marx pa$ ^Ghetto" des Jahres 1947 Inmitten der Meldungen des Vormarsches der alliierten Truppen in Deutschland zu Beginn des Jahres 1945 würde der Welt Kenntnis gegeben von den Zuständen, in denen die Konzentrationslager vorgefunden worden sind. Maidanek —- Auschwitz — und _ viele andere Namen wurden durch den Aether ges^idt und erschienen an den Köpfen aller Zeitungen der Welt. Den Meldungen über die Befreiung dieser Lager folgten Berichte ' von Sonderberichterstattern und diesen folgten Filme, Filme, die Grauen erregten. Alle diese Meldungen wurden übertroffen durch die Schilderung der Zustände in dem Konzentrationslager Belsen. Am 15. April 1945 kam die zweite britische Armee nach Belsen und befreite die Insassen dieses Schreckenslagers von ihren Peinigern. Der Anblick, der sich den Truppen der zweiten britischen Armee bot, war mehr als erschütternd: zehntausend Tote lagen inmitten des „ Lagers, Männer, Frauen, Kinder. Diese Toten lagen nicht seit Stunden,,sondern seit Tagen, Wochen, sie lagen in ..halb aufgeworfenen Gräben, in alten Latrinen, an den Mauern der Baracken und die noch überlebenden Häftlinge sahen sie täglich, muß- Recfals: Die Inschriften der Gedenktafeln. i «g|| Links: •So fanden die Befreier Belsen vor. MM HM »gS5>»i»84««l :• ~" ten täglich an ihnen vorübergehen, waren täglich Zeugen der Verbrennung der Menschen. Die Mutter sah ihr totes Kind noch nach Wochen unbeerdigt, ohne etwas tun zu können, die Tochter sah mit Erschaudern täglich, stündlich ihre Mutter in dem Haufen der Toten. Alle diese Berichte wurden damals in die Welt hinausgesandt, und sie wurden in den Kinos der alliierten Länder gezeigt. Diese Schilderungen und Filme offenbarten die ganze Grausamkeit und das große Verbrechen, das die Nationalsozialisten über Europa und besonders über die Juden gebracht haben. Die zweite britische Armee tat alles, was in ihren Kräften stand, um den überlebenden Menschen, zum Teil zu Skeletten abgemagert und auf Vieren gehend, zu helfen. Die Ueberlebenden, mit denen ich. jetzt Gelegenheit hatte, zu sprechen, erklären übereinstimmend: „Dieser zweiten britischen Armee müßten wir ein Denkmal setzen.” Die Ueberlebenden wurden von ihren Peinigern befreit, aberdas bedeutete nock lange nicht das Ende der.Schrecken. Rund 13 030 Menschen starben noch nach dieser Befreiung im Konzentrationslager Belsen. * * * In diesen Tagen,' zwanzig Monate nach der Befreiung des Konzentrationslagers Belsen, fuhr ich dort hin, um einmal diese Stätte des Schreckens zu sehen, um zum anderen mir von den Ueberlebenden bestätigen zu lassen, was die Welt schon vor zwanzig Monaten gehört hat. Ich wollte bei dieser Reise aber auch Gelegenheit nehmen, mich selbst davon zu überzeugen, unter welchen Verhältnissen und Umständen 11 0.00 von den heute noch überlebenden Juden Europas in dem jetzigen Lager Belsen leben. . Die Dämmerung war bereits angebrochen, als ich im Lager ankam und' mich zu meinem Kollegen der Lagerzeitung „Unsere Stimme” begab. Das Lager befindet sich heute in unmittelbarer Nähe des Konzentrationslagers, nämlich in dem früheren Lager der SS: Kasernenartig gebaute, mittelgroße Steinhäuser auf einem riesengroßen, Platz verteilt — eine Stadt für sich. Prunkvoll ragt aus diesen Gebäuden das ehemalige Offizierskasino der SS hervor. Mein Kollege' Olewski hat in einem dieser Gebäude ein primitiv eingerichtetes Wohn- und Schlafzimmer, dessen Mobiliar aus zwei Eisenbetten, einem kleinen Schrank, einem Tisch und vier Stühlen besteht. Ich begann ihn zu fragen und er antwortete: , . „Ich möchte — ich kann Ihnen nicht viel antworten, schauen Sie .sich zunächst einmal alles selbst an und wenn Sie dann noch z'u fragen haben, dann fragen Sie.” O. und .einige seiner Freunde fuhren dann mit mir ins, „Camp I”, d. h. das frühere Konzentrationslager. Die Baracken, die seinerzeit standen, sind niedergebrannt. Das Krematorium wurde vor kurzem abgerissen, um in ein Londoner Museum gebracht zu werden. Inmitten einer öden Fläche ragen einige Lrdhügel aus dem Dunkel hervor. Auf jedem dieser Erdhügel ist ein kleines, unscheinbares Schild: „Hier liegen 5303 Tote”. Die Schilder sind alle gleich, nur die Zahl ändert sich, aber es gibt kein Massengrab, das weniger als 1030 Tote birgt. Und als wir von einem dieser Hügel zum anderen gingen, sagten mir meine Führer: „Auch hier, wo wir jetzt stehen und gehen, liegen Tote unter uns, dieser ganze-Platz ist besät mit Toten.” „Hier”, sagte schluchzend eine junge Frau, „war eine Latrine ,und als sie nicht mehr gebraucht werden konnte, da wurden die Toten hineingeworfen und so entstand dieser Hügel.” . Am 15. April ,1946,. am Jahrestag der Befreiung hat das „Jüdische Zentral-Ko-mitee für die britische Zone” einen Gedenkstein für die Toten Belsens gesetzt, ein schlichter, etwa drei Meter hoher Stein, auf dem in hebräisch und* englisch an die Toten erinnert wird und die Welt aufgefordert wird, stets ah dieses Unglück zu denken. Dieser Stein stehtinmitten dieser Massengräber. Und nicht weit davon hat Frankreich seinen Landsleuten, die in diesem Lager umgekommen sind, ein Kreuz gestellt. Und die Holländer, die Ungarn und viele andere Völker der Erde, alle haben sie auf diesem Platz eine Erinnerungstafel für die in dem Lager Belsen gemordeten Menschen errichtet. Beim Verlassen des Platzes zeigte mir Olewski eine Stelle an einem der Massengräber: „Hier liegt ein Schulfreund von mir,' den die Verbrecher noch zwei Tage vor der Befreiung umgelegt haben.” Und dann fuhren wir zu dem „neuen Friedhof”. In 13 000 Gräbern liegen die letzten Opfer der Nationalsozialisten, die ‘ Menschen, die wohl cjie Befreiung erlebt, aber nicht überstanden haben. . Der Zugang zu dem alten und dem neuen Lager ist nicht allen Menschen zugänglich. Posten kontrollieren die Berechtigung des Eintrittes. Und ich habe mir sagen lassen, daß es für Nichtjuden gar nicht so einfach sein soll, an diese Stätte des Grauens kommen zu können. Und als manr mir das sagte, da dachte ich an ein Referat, das ich nach Beendigung des ersten Weltkrieges vor der deutschen J agend gehalten habe und in dem ich den Führern der Jugendorganisationen aller' Richtungen den. Rat gab, Extrazüge zu bestellen und alle jungen deutschen Menschen nach Verdun zu fahren,