Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 21 (5.2.1947)
- Date
- 1947-02-05
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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PRESSESTIMMEN: Zu Dr. Schumachers Rede in London Dr. Schumacher hat in London in seiner Rede erklärt, er sei darüber beunruhigt, daß nach dem Kriege noch nicht mehr Juden nach Deutschland zurückgekehrt seien. Ich selbst habe hier in Deutschland während der letzten Jahre illegal gelebt und die Geschehnisse beobachtet.. Hat das deutsche Volk oder eine Partei oder eine maßgebliche Persönlichkeit einen Aufruf erlassen, däß die Juden nach Deutschland zurückkehren sollen? Die wenigen übriggebliebenen Juden sind nach Kriegsende in verwahrlostem, einfach unbeschreiblichem Zustande wieder hier auigetaucht, und trotz der jetzt geringen Zahl ist fast nichts unternommen worden,- um ihnen zu helfen. Die Antwort der Aemter lautet auch heute noch überall: ^Unterschiede können nicht gemacht werden; wir sind alle gleich!” Ich gebe das zu, nur mit dem Unterschiede, daß wir jahrelang der Verfolgung ausgesetzt und vom Tode bedroht waren, während die arideren immerhin doch wenigstens als Menschen leben konnten. Noch heute haben Juden in Berlin -nicht einmal ihre eigene Wohnung zurückbekommen. Nach wie vor hausen dort ehemalige Nationalsozialisten. Noch heute fallen in den Aemte-m. die Wortex: „Was ist schon OdF? Wir haben auch gelitten!” Soll das der Empfang* sein, den Dr. Schumacher meinte? Juden kämpfen noch üm ihre, geraubte Existenz, um die genommenen Geschäfte und Häuser, Vermögen und Grundbesitz der Jüdischen Gemeinde. Weiß man,, daß von zehn Altersheimen, die die Jüdische Gemeinde besaß, erst ein einziges durch unsere eigene Initiative wieder ausgebaut wurde, und daß fünfzehnhundert über sechzig Jahre alte Leute noch nicht hinreichend untergebracht sind, obwohl unsere Zahl von 186 000 auf 7350 zusammengeschmolzen ist? Wenn uns auch einzelne Magistratsämter behilflich waren,' so haben wir bis heüte doch erst mit Mühe und Not von den in der „Kristallnacht” 1938 zerstörten und abgebrannten Synagogen bisher drei selbst wieder instand gesetzt. Dr. Schumacher behauptet, daß es für die meisten überhaupt keine Judenfrage gab; es sind im wesentlichen die, welche ihr Leben aufs Spiel setzten und uns während unserer Illegalität versorgten und beherbergten. Wenn alle diese Punktfe einmal geklärt sind, dann werden auch die Juden nach Deutschland zurückkehren. Carl Busch, Berlin-Spandau. % (Der Tagesspiegel, Berlin.) Herr Brauer läßt die Katze aus dem Sack k. k. Unzweifelhaft ist der neue Hamburger Bürgermeister, Max Brauer, mit den besten Vorsätzen und einem guten Besen in die ausgebrannte Hölle gefahren, um dort aufzuräumen; er hat gewiß nicht geahnt, daß er so fasch Besen und Vorsätze bei Seite lassen müßte. Brauer hat einige Male erfrischende Töne angeschlagen. Man kann sich denken, daß seine draufgängerische Art sogar hin- und herschwankende Gestalten seiner Gemeinde etwas hätte aufrichten können. Aber jetzt stellt sich heraus, daß es Brauer nicht gelingen will, den Augiasstall so zu reinigen wie er sich es gewiß vorgestellt hatte. Man liest verwundert seine brüske Erklärung,, die Entnazifizierung müsse rasch beendigt werden, denn 95 Prozent der Bevölkerung hätten auf irgendeine Weise mit dem Nazisystem zusammengearbeitet“, und mit den restlichen 5 Prozent könne man keinen neuen Staat zimmern. Außerdem/ soll keine „Rachepolitik” durch Entnazifizierung getrieben werden . . . Da wird die Katze rasch aus den; Sack gelassen, und Brauer dürfte sich manchen Freund bei Nazis gemacht haben, die Morgenluft wittern. Der Dämm ist längst gebrochen. Nach dem Schaden, der bereits durch die Freisprüche Papens und Schachts angerichtet ist, nach dem Wirrwarr des Ordre-Contreordre-Desordre in der gesamten Entnazifizierungspolitik, nun die Erklärung. Brauers, die von den Nazis als Kapitulation auf gef aßt wird: „Uns kann nichts geschehen”. Die Bourbonen - hatten bekanntlich nichts vergessen * und nichts gelernt. Die Nazis und. alle, die es einstweilen nicht gewesen sein wollen, wollen nichts vergessen und auch nichts lernen.-Man wird sehen, wohin diese Art von „Großzügigkeit” führen wird. Schon haben wir den Skandal Tillessen, und schon ist nicht von Bestrafung der Nazis die Rede, sondern man spricht, es dürfe keine „Rachepolitik” getrieben werden. Brauer wird glauben, sich „Freunde” zu schaffen und Nazis zu gewinnen, aber man wird sehen, wohin diese Illusionen führen werden. Eine andere Feststellung Brauers ist nicht unerheblich und dürfte sehr beachtet werden denn bisher hieß es stets, von einer „Kollektivschuld” des deutschen Volkes könne keine Rede sein; jetzt hat Brauer erkannt, daß 95 Prozent der Bevölkerung dabei gewesen sind. Dann aber kann sich niemand mehr wundern, wenn entsprechende Bedingungen gestellt werden. Und außerdem wird man mit noch größerem Mißtrauen alle Vorgänge und Personen beobachten als es schon der Fall gewesen ist. Niemand wird sich beklagen dürfen, wenn ihm die Rechnung vorgelegt wird, denn 95 Prozent sind dabei gewesen. Brauer hat es gesagt. „Aufbau, New York”. Die Palästina-Deutschen, die Vorhaben, sich in Transjordanien niederzulassen, wurden durch Flugblätter der Stern- Gruppe gewarnt, das nicht zu tun, da „Transjordanien ein intyregierender Bestandteil Palästinas sei”. Sie täten am besten aus beiden Ländern zu verschwinden. (Aufbau, New York). ab. Er hätte ja 2 Söhne drüben in Amerika, und der Krieg konnte auch nicht ewig dauern, Deutschland würde verlieren. Der verlorene Krieg bedeutet das Ende der .Nazis, der Gestapo, SS, Verschleppungen und aller Not und somit für ihn Leben und Freiheit! — Nur für diesen Tag, für das Wiedersehen mit seinen Kindern wollte er nicht verzagen und nicht weich werden, auch wenn ihn das Elend der Zeit seelisch und körperlich zerfraß. Gewiß, auch er war nicht mehr der Jüngste, und sein Herz hatte durch die jahrelangen Aufregungen einen bösen Knacks bekommen. Aber was machte das! ——” Er richtete sich auf und zwang seine Gedariken in ruhige Bahnen. Von dem Tisch nahm er den Bogen, der seinen Namen trug und verbrannte ihn über einem Aschenbecher. Dann ging er in sein Zimmer, packte Wäsche, einen Anzug, Waschzeug, einige Familienbilder und liebgewordene Habsteligkeiten in einen Koffer, nahm einen Wintermantel über den Arm und verließ leise undr vorsichtig diä Wohnung und das Haus. — Unschlüssig stand er auf der Straße. Es war trübe und regnete leicht. Dann begann M. seine Wanderung ins Unbekannte. Ziellos lief er durch die Stadt. _ Er kam zu einer Telefonzelle und suchte in dem dort ausgelegten Buch die Nummer des Polizeireviers, zu dessen Bezirk seine Straße gehörte. Als er die Nummer wählte, sah er in der mattglänzenden Fläche des Apparates den von seinem Mantel gelb leuchtenden Stern. Mit hastigen Griffen riß er-ihn ab, ebenso von seinem Jakett und zog die hängenden Fäden mit spitzen Fingern sorgsam aus den Stoffen. Er wählte die Nummer zu <Ende. Der diensthabende Beamte meldete sich und M. sagte klar und deutlich, daß in der Wohnung im Hause X-Straße Nr. . . . das Ehepaar B tot läge, und ohne eine Gegenfrage des Beamten abzuwarten, verließ er die Zelle. Wieder stand er auf der Straße und überlegte, wohin er gehen sollte. Langsam begann ein Plan Form und Gestalt in seinem Kopf anzunehmen. Zu'seinen jüdischen Bekannten könnte er nicht, seiner persönlichen und ihrer Sicherheit wegen. Da fiel ihm die Adresse seines Schneidermeisters ein, der seit Jahren für ihn gearbeitet hatte und von dem er wußte, daß er Antifaschist war. Sicher würde ihm dieser in'tien ersten Tagen seiner Flucht Unterkunft und Hilfe bieten. Geld hatte er für die erste Zeit genug, und wenn es knapp werden sollte, dann konnte er -schlimmstenfalls seine goldene Uhr, die beiden Ringe oder einige, seiner ziemlich wertvollen Briefmarken verkaufen,, die er bei sich trug: Dann kamen ihm wieder Zweifel, ob es tatsächlich in diesen Tagen .noch Menschen gäbe, .die furchtlos und aus Nächstenliebe ihn Wochen*, ja vielleicht Monate heimlich beherbergen würden. - Seine Besorgnisse erwiesen sich als unbegründet. Als er den Schneidermeister K. aufsuchte und seine Situation schilderte, erklärte ihm dieser, daß er bereit sei, ihn bis auf weiteres aufzunehmen, Natürlich müsse er gewisse Vorsichtsmaßregeln innehalten, sich nicht im Hause sehen lassen, nicht laut in der Wohnung sprechen und bei Fliegeralarm nicht in den Keller des Hauses zu gehen, sondern in den großen Bunker 10 Minuten von hier. Ferner dürfe er, wenn K. Besuch bekäme, sich nicht im gleichen Raume aufhalten, kurzum, alles vermeiden, was auf seihe Anwesenheit in der Wohnung schließen lasse. « , (Fortsetzung folgt).