Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 21 (5.2.1947)
- Date
- 1947-02-05
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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MORITZ GOLDSCHMIDT: Emanzipation Die Verfassungen fast aller Kulturstaaten verbürgen den Juden in staatsbürgerlicher Hinsicht die völlige Gleichberechtigung. Die Geschehnisse in den letzten Jahrzehnten in Osteuropa sowie nach 1933 in Deutschland haben aber gezeigt, 'daß diese Gleichberechtigung nur auf dem Papier steht, und daß es nur eines kleinen Anstoßes bedarf, um die Massen gegen uns aufzubringen und eine antisemitische Welle zu erzeugen. Waren diese gegen uns gerichteten Bewegungen einmal im Gange, so intervenierte kein Staat ernstlich zu unserem Schutze, im Gegenteil unsere Bitten und Proteste an einflußreiche Mächte gerichtet, unsere Hinweise, daß die uns gegenüber angewandten Methoden gegen jedes Völkerrecht verstoßen, wurden verworfen.' Man wollte, sich eben niQht in „innere Angelegenheiten” der einzelnen Länder hineinmischen. Deshalb waren und sind wir sch-utz- und wehrlos und zwar aus dem Grunde, . weil wir eben keine eigenen diplomatischen Vertreter besitzen, die in der .Lage sind, bei den einzelnen Mächten zum Schutze unseres Lebens uni unserer Interessen zu intervenieren. Wir konnten solche Vertreter noch nicht einsetzen, weil wir noch kein anerkanntes Vaterland haben. Trotz aller Assimilationsbestrebungen hat sich dieses gezeigt, und werbürgt uns dafür, daß dieses in Zukunft nicht weiterhin der Fall sein wird, daß sich Progrome laicht weiter gegen uns richten, wir sehen es ja heute noch in Ostpreüßen.' Ueßerall werden wir als Fremdlinge getrachtet und sind es auch in Wirklichkeit, weil wir als Volk kein Vaterland haben, keine Grenzen, hinter denen wir uns verschanzen können. Deshalb ist auch unser Elend ohne Grenzen.und nirgends wird der Jude als Einheimischer betrachtet. Daran ändert auch nichts die Tatsache, daß er und auch seine Vorfahren im Lande geboren sind, in den allermeisten Fällen wird er als Stiefkind behandelt, im günstigsten Falle als Adöptivkind,. dessen Rechte bestritten werden können. Hie aber betrachtet man ihn als legitimes Kind des Vaterlandes. Die Emanzipation der Juden findet natürlich ihre Rechtfertigung darin; daß sie immer ein Weg der Logik, des Rechtes und des wohl verstandenen Interesses sein - wird. Niemals wird man sie als einen spontanen Ausdruck menschlichen Gefühles ansehen können. Kaum irgendwo ist die’ Emanzi- '■paTTörr dem entgegenkommenden Gefühl der Völker zu verdanken, darum ist sie auch nirgends selbstverständlich -und hat tiefe Wurzel gefaßt. Einerlei ofc> die Emanzipation aus Scene aus ,Goel” (Theatergruppe des Kazet-Theaters Belsen-Bergen) eignem Antriebe oder aufgrund bewußter Motive vorgenommen wurde, bleibt sie eine reiche Gabe für das arme, erniedrigte Bettelvolk, dem man gern oder ungern das splendide Almosen hin wirft, für das Volk, das man trotzdem nicht gern bei sich beherbergen mag. Man kann eben keine Sympathie, kein Zutrauen zu einem vaterlandlosen, wandernden Individium hegen. Der Jude darf nicht vergessen, daß ihm das tägliche Brot des Bürgerrechts erst geschenkt werden mußte. Das Brandmal, das uns Juden anhaftet, das ihm die so wenig beneidenswerte Isolierung unter allen Nationen aufdrängt, wird durch keine offizielle Gleichstellung - weggewischt werden können, solange die Juden selbst in „arischer” Gesellschaft nicht gern von ihrer semitischen Herkunft sprechen,, ncht gern an diese erinnerte werden mögen, solange man sie verfolgen, dulden, beschützen, emanzipieren wird. Nationales Selbstgefühl!' Wo dieses hernehmen? Das ist ja unser großes Unglück, daß wir keine Nation ausmachen, daß wir bloß Juden sind. Eine über den ganzen Erdball zerstreute Herde sind wir, ohne schützenden Schäfer. Auf der großen, weiten nrde scheint sich kein Plätzchen für uns zu finden. Deshalb bitten wir nun um ein kleines Plätchen, wir sind bescheiden mit unseren Ansprüchen, denn ünsicher und prekär wird unsere Zukunft immer bleiben, wenn in unserer Lage nicht ein radikaler Umschwung eintritt. Nicht unsere bürgerliche Gleichstellung in dem einen oder anderen Staate vermag diesen Umschwung herbeizufahren, sondern einzig und allein die Autoe-manzipation des jüdischen Volkes, als Nation, die Gründung eines eigenen jüdischen Gemeinwesens, welches dereinst 'unsere ureigene Heimat, unser Vaterland werden Soll. Anstatt der vielem vorübergehenden Asyle wollen wir eine eigene Statte haben, deren Existenz aber auch politisch gesichert sein muß -— Erez Israel! Heute sind wir diesem Ziele nahe, wir dürfen diesen Moment nicht verpassen. Die politischen Ereignisse des letzten Jahrzehnts weisen darauf hin, daß die Wiederkehr der Juden nach ihrer Heimat Palästina zur historischen Tatsache - werden muß. Wir appellieren an alle Völker, Verständnis für «unsere Si-. tuation zu zeigen, unsere Bestrebungen zu unterstützen, damit wir den triumphierenden Erfolg des Projektes eines Judenstaates recht bald in Erfüllung gehen sehen. Kosten für Todeserklärung der in Konzentrationslagern Umgekommenen Der nationalsozialistische Geist sei tot, meinen viele, und da sie sich darunter, bewußt oder unbewußt, einen heroischen Geist vorstellen, haben sie recht, denn der hat nie gelebt. Es sei denn, man verwechsle ein Rowdytum, das sich in Saalschlachten mit Bierseideln, Stuhlbeinen ünd weißen Mäusen erschöpft, -mit Heroismus. Der .eigentliche nationalsozialistische Geist, aber war der der bedingungslosen Aufgabe jeder eigenen Meinung, des freiwilligen oder gar wolllüstigen Gehorchens, seien die Befehle nun von Vorgesetzten oder von Paragraphen ausgegangen. Und dieser Geist ist nicht «tot, dieser Mangel, an intellektuellem Gewissen, der allein die. Herrschaft Hitlers ermöglichte,, besteht noch immer. In den vergangenen Monaten berichteten die Zeitungen des öfteren, daß während Res Hitler-Regim'es die Hinterbliebenen politisch Verurteilter und Hingerichteter die Kosten der Hinrichtung bezahlen.mußten. Man sollte nicht so bequem sein, das lediglich dem damaligen Regime zur Last zu legen, denn auch heute noch trägt sich Aehnliches zu. Es liegt uns eine Kostenrechnung der Gerichtskasse Tiergarten aus dem Dezember 1946 vor, in der für die Todeserklärung eines Juden, der von den Nationalsozialisten in _ ein Konzentrationslager verschleppt und dort mit aller Wahrscheinlichkeit vergast worden ist, eine Gebühr und der Ersatz für die'Kosten von Inseraten eingefordert werden. Unterschrieben ist das Dokument, das nach Ablauf der Zahlungsfrist die zwangsweise Einziehung des Geldes vorsieht, von einem Justizsekretär, und der „Wert des Gegenstandes”, alsq des Juden, der vom damaligen deutschen Staat ermordet wurde, ist mit einem Betrage von dreitausend Mark angesetzt. Was in dem Gehirn des . Justizbeamten vorgegangen ist, als er diese „Kostenrechnung” ausfüllte, ist Schwer zu begreifen, wenn man nicht annimmt, daß nichts darin vorging. Eben das Nichts der Gehirne, mit dem Hitler so prächtig regieren konnte. —tz.