Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 21 (5.2.1947)
- Date
- 1947-02-05
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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t $$ 19 für di e b rit i sc h e Zo n e 5. FEBBU'AB 1947 1. JAtißüANQ NUMMEB 21 194V Und so steht geschrieben im 3. Band der „Volkstümlichen Geschichte der Juden, v. Prof. Dr. H. Graetz, auf S. 334 u- 335 . .An der Spitze der ansässigen Zünftler in Frankfurt a. Main stand der Lebkuchenbäcker Vincenz Fettmilch, ein verwegener Mann, der die Räte in Schrecken hielt und sich ganz offen den neuen jäaman der Juden nannte. Während die Gemeinde im Bethause versammelt war (1. September 1614), folgte Schlag auf Schlag und Stoß auf Stoß, *, mit Wutgeschrei vermischt, an der Pforte des Judenviertels. Daraufvon seiten der Juden Angstgeschrei, verzweifeltes' Hin- und Herrertnen und ratloses Fliehen. Mutige Jünglinge und Männer griffen zu vden Waffen, den Sturm abzuwehren oder mannhaft zu sterben. Es fielen auf beiden Seiten Verwundete und auch einige Leichen. Die Ueberzahl und Ver- ‘ wegenheit der Fettmilchs.chen feande obsiegten. Darauf Plünderung, Zerstörung und Entweihung der heiligen Plätze mit tierischer Wut die ganze Nacht hindurch bis an den anderen Tag.,Die meisten Juden, welche nicht von menschenfreundlichen Bürgern geborgen waren,. harrten zitternd auf dem Begräbnisplatze aneinander gekauert, manche in Sterbekleider gehüllt, und erwarteten den Tod. Geflissentlich ließ sie die Rotte in banger Ungewißheit über das Los, das sie ihnen zugedacht, zwischen Leben und Vertreibung,c so daß die Juden es als eine Gnade Gottes ansahen, als sich ihnen des Nachmittags das Fischerpförtchen öffnete und sie, allerdings ohne Hab und Gut abziehen durften, 1380 Personen. Es dauerte lange, bevor die Juden Frankfurts Genugtuung für die so verletzende Unbilde erhielten. Der Magistrat war ohnmächtig und Kaiser Matthias fast nicht minder.. Erst ähnliche Vorgänge in Worms, einer der ältesten Gemeinden . in Deutschland, beschleuhigten das Ende der Frankfurter Wirren. Dort hatte die durch Judenhaß und Brotneid entstandene Erbitterung gegen sie zur selben Zeit einen anderen Verlauf genommen, als nicht die Zünfte, sondern einige Glieder des Magistrats die Ausweisung der Juden betrieben, und als der Haupt Judenfeind nicht ein brutaler, aber, gerader Handwerksmann, sondern ein arglistiger Advokat und Rechtsverdreher war, Doktor Chemnitz (Chemnitius), weicher durch Kniffe glücklicher uhd ungefährlicher die Ausweisung der Juden durchsetzen zu können meinte, als die Frankfurter durch Gewalt. Auf seinen Rat schickten die Zünftler eine Deputation, an die Juden, - innerhalb einer Stunde mit Sack und Pack aus der Stadt zu ziehen. Der Magistrat protestierte ohnmächtig dagegen, und so blieb den Juden nur übrig, am vorletzten Passahtage auszuwandern (April 1615). Der Erzbischof von Mainz und der Landgraf Ludwig von Darmstadt gestatteten den. Verbannten den , Aufenthalt in den kleinen Städten und Dörfern, und so kamen sie zum Teil mit ihren Frankfurter Leidensbrüdern zusammen. ' Indessen dauerte der Jubel der judenfeindlichen Wormser Bürger nicht lange. Der Kurfürst Friedrich von der Pfalz, der Freund des jüdischen Arztes Zacute L u s i t a n.u s, ließ . Fußvolk, Reiterei und Kanonen in die Stadt einrücken, welche dem Auf rühr, ein Ende machten. Der großsprecherische Doktor Chemnitz wurde. mit' anderen Aufwieglern in Gewahrsam gebracht. Es dauerte aber doch noch fast dreiviertel Jahr, bis die Wormser Juden auf Befehl des Kaisers in ihre Stätte wieder eingesetzt wurden (19. Januar 1616). Zwei Monate später wurden die Juden von Frankfurt wie im Triumphe mit Paukenschlag und Hörnerklang von kaiserlichen Kommissarien in ihre Wohnungen wieder zurückgeführt.. Hier wurden die Aufwiegler härter als in Worms be-; straft, weil sie Zerstörung, Plünderung und Blutvergießen veranlaßt hatten. Vincenz Fettmilch wurde gevierteilt und gehenkt* sein Haus geschleift und seine Familie in die -Verbannung gejagt. Die Stadt wurde vom Kaiser mit 175 919 Gulden Schadensersatz für die an den Juden, verübte Plünderung belegt. Der im März 1616 gevierteilte und gehenkte V i n c e n z F e 11 m i 1 c h fand ‘einen Nachahmer, einen Menschen, dem nicht hunderte oder wenige tausende Juden zum Opfer fielen, sondern der gleich Millionen hinschlachten ließ. Adolf Hitler. Und dieser große Nachahmer fand ein schmähliches-Ende. Das Ende war nicht so, wie das des Vincenz Fettmilch, er suchte, wie man isägt, selbst den Tod, als er sich seines Fiaskos bewußt geworden war. Wenn er aber den Zusammenbruch seiner Politik überlebt hätte, dann wäre er, nach den Erfahrungen, die seit diesem Fiasko gemacht wurden, mit größter Sicherheit nicht geyierteilt worden. Es ist anzunehmen, daß er vielleicnt heute gehenkt wäre. Gehenkt auf Grund eines Urteilssprüches eines nichtdeutschen Gerichtes gehenkt — und das” darf man wohl mit tödlicher Sicherheit annehmen, — zum Bedauern Vieler1 Nachkommen, derjenigen, die im März 1616, die Juden im Triumpfe mit Paukenschlag und Hörnerklang in Frankfurt a. Main empfangen haben. Die Ereignisse des Jahres 1947 unterscheiden sich aber auch in vielen a»deren Beziehungen, die die Juden betreffen, wesentlich, sehr wesentlich, von denen des Jahres 1616, also von einem Zeitalter, das nahe an dem heute oft als so barbarisch bezeichneten Mittelalter lag. Damals hat ein Kaiser eine Stadt mit einem Schadenersatz von 175 919 Gulden belegt und er hat die Juden in ihre Wohnungen zurückführen lassen. — Im Jahre 1947, 2 Jahre nachdem der Nachahmer Vincenz Fettmilch’s in den Tod gegangen war, sind von 600 000 deutschen Juden wenige Tausend übriggeblieben. Viele voa ihnen haben Fußmärsche von vielen hundert Kilometern hinter sich, bis sie ihre Heimat wieder erreichten. Keiner von ihnen erwartete, daß er mit Paukenschlag und Hörnerklang empfangen werden würde; aber jeder einzelne war sicher, ganz sicher, daß‘man ihm sofort sein Heim wiedergeben würde — und daß — wenn auch kein Kaiser, denn Kaiserreiche sind überlebt — sondern die aus dem Humanitätsgedanken geborenen Demokratien das Land, das ihnen einen Schaden zugefügt hat, wie er in der Graetz’sehen „Geschichte der Juden” nicht aufzufinden ist, zwar nicht mit einer Buße belegt, sondern fordert, daß man ihm einmal seine Ehre wiedergibt und ihm zum. anderen mal zurückvergütet, was man ihm geraubt hat. — Und jeder einzelne dieser wenigen Rückkehrer und Ueberlebenden ist heute, im Jahre 1947, davon überzeugt, daß die Menschen und Völker des Jahres 1616 gäCrnicht -so barbarisch waren, wie es die Völker heute sind. 2 Jahre nachdem der Mann, der Vincenz- Fettmilch um ein Vieles übertroffen hat, das Fiasko erlebt hat, muß jeder Von diesen wenigen Ueberlebenden sich davon überzeugen, daß die Rückerstattung des ihm Geraubten nicht nur nichtbeföhlen Wird, sondern sogar untersagt ist. Und in diesem Jahr 1947 ist noch keiner von den Nachkommen derjenigen, die 1616. die Juden mit Paukenschlag und Hörnerklang empfangen haben, auf die Idee gekommen, von staatswegen den jüdischen Religionsgemeinden zumindest dieselbe materielle Zuweisung zuzusprechen, wie sie andere Religionsgemeinschaften heute bekommen. Und, bei dieser-Situation, wie wir sie im Jahre 1947 in Deutschland vorfinden, gibt der Vorsitzende einer großen deutschen demokratischen Partei in einem großen demokratischen Land seiner Verwunderung Ausdruck darüber, daß ‘ die seinerzeit dorthin geflüchteten deutschen Juden keine Lust zeigen zürückzukehren! — Hätte diese Partei und andere Parteien in Deutschland, die sich heute so sehr gegen den großen Nachahmer des Vincenz Fettmilch stellen, nicht besser, getan, sich zunächst einmal die Handlungen des Kaiser Matthias aus dem Jahre 1616 als Beispiel zu nehmen? Karl Marx.