Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 20 (19.1.1947)
- Date
- 1947-01-19
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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die- Gesamthaltung wird Achtung und Anerkennung der Umwelt erringen. (Wobei als selbstverständlich gilt, daß Böswilligkeit eine Wand ist/ gegen die mit keinen Mitteln anzurennen ist). Ein prachtvolles Beispiel ist die jüdische Leistung in Palästina, wo der Welt vor Augen geführt wurde, daß auch „der Jude!’ große kolonisatorische Leistungen vollbringen kann, daß auch Juden, und zwar nicht nur als Einzelpersönlichkeiten, sondern als Ganzes, schöpferisch und.' aufbauend sein können, wenn — ihnen die Möglichkeit dazu gegeben wird. Möglichkeiten in einem solchen Ausmaß können sie als Gesamtheit, als Masse naturgemäß nie in einem „Gastland” haben, sondern nur auf der eigenen Scholle. Den Juden in den „Gastländern”, ganz besonders in den durch den Krieg zusammengebrochenen, erwächst die ungeheure Aufgabe der Erziehung und Formung des jüdischen Menschen. Dieser Aufgabe sollten sich die dafür geeigneten, die dafür berufenen jüdischen Persönlichkeiten mit voller Kraft widmen. Konzentrieren wir uns .auf diese Aufgabe, und wenn wir sie,. mit Erfolg bewältigen, dann entziehen wir dem Antisemitismus viel mehr Boden, als es jemals durch sogen. Aufklärung möglich ist, die —■ das sei zugestanden — nebenher ' laufen mag, aber niemals Hauptzweck sein darf und kann. Mahnend stehe das Gotteswort vor Uns: - Tu nur das Rechte in Deinen Sachen, das andere wird sich von selber machen. Seien wir immer dessen eingedenk: unser Blick und unsere Arbeit haben in erster Linie nach innen zu gehen und nichtnach außen *und nicht durch Hinweise auf die Worte und Taten unserer Großen können wir die Achtung der Welt erringen und antisemitische Neigungen bekämpfen, sondern einzig und allein durch unsere eigene Leistung, durch unsere eigene Haltung. E. K. nnnmiiHimiiimmuniiiüuimiiiiiinuiinmmmiiiiiiinnimmmiimmiMiiiiiiiiiiiunmiiiiuiiiin'iiiiiinmnMiiiiiiinmnuu ‘ r Richtigstellung: Betr. Zuteilung von Möbeln In Nr. 14 unserer Zeitung haben wir eine Verfügung, herausgegeben vom Hauptquartier der Militärregierung, veröffentlicht, die zu Mißverständnissen Anlaß gegeben hat. Die infrage kommende Verfügung besagt, daß nur r a s - sisch nnd politisch Verfolgte, d. h. beides, Juden oder Nichtjuden, denen Möbel zugewiesen worden sind, die von deutschen Behörden zu diesem Zwecke beschlagnahmt wurden, durch keine Anordnung gezwungen werden können, diese Möbel herauszugeben. /, Die Mißverständnisse, die sich auf Grund unserer Veröffentlichung in Nr., 14 ergeben haben, kamen daher, daß die Verfügung nur auszugsweise gebracht wurde. uiiiiiiiitiiiiiiiiiiimimmiiiiiiiiniiiiiiminmiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimimiiiiiiiiiinuiLiiiiiiiMiiiiiiiofiiiiiiiiiiifimimiiimin Besuch in Koblenz ’ Es lag gar nicht in meiner Absicht, mich auf einer Durchreise durch Koblenz dort aufzuhalten, da ich, in Düsseldorf dringend gebraucht wurde. Eine Autöpanne zwang mich zu einem mehrstündigen Aufenthalt, den ich wirklich »nicht bereue. Es war selbstverständlich, daß ich die Zeit ausnutzte, um (Jen Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, der zugleich auch der geschäftsführende Leiter des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden von Rheinland-Pfalz ist, Herrn Addi Bernd, zu besuchen. Ich erwartete, einen Mann im gesetzten Alter vörzufinden und waf* nicht wenig erstaunt, als mich ein junger Mensch empfing. Wir finden wenig junge Juden heute in Deutschland und von den wenigen fand ich bis heute noch keinen, der sich mit soviel Innerlichkeit und soviel Liebe der jüdischen Sache zur Verfügung gestellt hat, wie Addi Bernd. Ein junger Mensch, dessen Angehörige alle Opfer der Nazis geworden ist, ein junger Mensch, der Auschwitz, " Dachau, Buchenwald und Belsen erlebt hat, "dessen linker Arm die. eingebrarinte Nummer und das Judenzeichen des Lagers Auschwitz trägt. Und Addi Bernd begann sofort von seiner Arbeit als geschäftsführender Landesvorsit7<wder und Vorsitzender der Synagogen-Gemeinde Koblenz zu erzählen. Seine traurigen Augen glänzten * als er von der Chanukah-Feier berichtete, bei der es ihm gelungen war, durch Spenden der Gemeindemitglieder den Bändern des Landesverbandes und den Erwachsenen wieder einmal eine Chanukahfreude zu machen. Mit Stolz zeigte er den Entwurf ’zu einer Gedenktafel, die im März dieses Jahres am jüdischen Friedhof in Koblenz eingeweiht werden wird und die auf seine Anregung hin die Koblejizer Regierung stiftet. Dann erzählte er — und das hörte ich-besonders gern — in welcher harmonischen Art "'und Weise er mit der französischen Militärregierung zusammenärbeitet und wie sehr ihre Offiziere ihn unterstützen. . ’ Ich, hörte nichts von Addi Bernd über Disharmonie in seinem Landesverband. Die einzige Klage, .die ich' hörte, war der Mangel an Mitarbeitern. Addi Bernd hat ein Schuhgeschäft in Koblenz errichtet, seine Eltern hatten früher auch ein solches. Seine Eltern waren sehr angesehen und Addi Bernd ist es heute auch. Jch hatte Gelegenheit, an den verschiedensten Stellen zu beobachten mit welcher Hochachtungdie Menschen zu diesem Sechsundzwanzigjährigen, tatkräftigen Juden sprechen. Und ich konnte immer wieder feststellen, daß diese Menschen mit Freude sich diesem Vorsitzenden einer jüdischen Gemeinschaft zur Verfügung stellen. Wir sprachen über Auswandern oder Hierbleiben. Addi Bernd sagte: „Ich habe jederzeit die Möglichkeit, nach Amerika zu fahren. Ich habe dort noch die einzigen Verwandten, aber ich werde nicht fahren, denn ich kann mich nicht entschließen, diese begonnene Arbeit im Landesverband Rheinfänd-Pfalz liegenzulassen. Ich fühle mich verpflichtet, hierzubleiben, um den Aufbau durchzuführen, ich fühle mich verpflichtet, für unsere Sache zu arbeiten.” Als ich von Addi Bernd wegging, war mein Aerger über die Autopanne in Freude umgeschlagen. Ich wünschte mir, in jeder deutschen Stadt eine Autopanne, die> mir Gelegenheit geben würde, viele, recht viele junge Menschen zu finden, die die Notwendigkeit einer ernsten Mitarbeit an der jüdischen Sache in Deutschland so eingesehen, haben, wie der 26jährige Addi Bernd. . . .x. Erschütternde Aussage in Nürnberg Nürnberg. (DPD-Eigenbericht). Zu einer dramatischen Anklage gegen das nationalsozialistische Programm zur Unfruchtbarmachung von Juden und anderen sogenannten Feinden des Reiches gestaltete sich im Nürnberger Aerzteprozeß am Montagnachmittag die. Vernehmung eines Juden aus Polen, der von der amerikanischen Anklagebehörde in den Zeugenstahd zitiert worden war, um über die Sterrlisationsexperimente auszusagen. Der Zeuge, ein gutgewachsener 26jähriger junger Mann, wurde bei der Schilderung seiner furchtbaren Erlebnisse seelisch so tief erschüttert, daß er häufig vor Tränen nicht weitersprechen konnte. Weinend bat er das Gericht, daß sein Name in der Presse nicht genannt und auch von der Veröffentlichung von Bildern über die an ihm vollzogene Kastration Abstand genommen werden möchte,, weil er sich der an seinem Körper vorgenommenen Verstümmelung zu sehr schäme. Der Präsident des Gerichtes sagte ihm die Erfüllung dieser Bitte zu. . . : Im Verhör durch den .'amerikanischen Ankläger McHaney schilderte der Zeuge' seinen Leidensweg yom Einmarsch der Deutschen in Polen, über Zwangsarbeit und Ghetto bis nach Auschwitz. Hier sei man an die jüngeren Häftlinge herangetreten mit dem Ersuchen, sich für eine besondere Sache freiwillig zu melden, ohne zu erklären, um was es sich dabei handelte. Später habe -man einfach nach dem Alphabet ausgesucht.. Er selbst — der Zeuge — sei auch ausgewählt upd zusammen mit"-einer Anzahl anderer junger Leute in das Konzentrationslager Birkenau gebracht worden, wo man ihn durch Röntgenstrahlen sterilisiert habe. Nachdem ’ er unmittelbar darauf» schon wieder zur Arbeit eingesetzt Wörden sei,, habe man erneut durch chirurgischen Eingriff eine regelrechte Kastration an ihm durchgeführt. „Hat man Ihnen nicht gesagt, aus welchem Grunde man diesen Eingriff an an Ihnen vornahm?”, fragte der Ankläger. „Nein”, schluchzte der Zeuge, „das hat man nicht' gesagt. Es war wohl, weil ich Jude war. Die meisten von uns”, fügte er mit leiser Stimme hinzu, „leben heute schon nicht mehr. Sie sind fast alle später in Auschwitz vergast worden.” , „ . Tief beeindruckt von der Aussage dieses Zeugen verzichteten die Verteidiger auf ein Kreuzverhör. -