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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1947-01-19 · 20 (19.1.1947) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
20 (19.1.1947)
Date
1947-01-19
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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■ _KULTUR_ , JÜDISCHER ANTEIL AN DER DEUTSCHEN KULTUR 1 X HEINRICH HERTZ Wenn wir heute in Stimmung sind, hübsche Musik, einen interessanten Vortrag oder die neuesten Nachrichten zu hören, so schalten wir den Rundfunk ein, wählen zwischen den Hunderten von Stationen in aller Welt und erfreuen uns im nächsten Moment an einem Programm aus England und Amerika. Das erscheint uns ganz selbstverständlich, so, als ob es nie anders gewesen wäre. Und doch gehört das Radio zu den aller jüngsten Errungenschaften der Technik. Es ist knapp 60 Jahre her, seit der Professor der Physik in Karlsruhe und Bonn, Heinrich Hertz, seine epochemachenden Versuche durchführte, die zur Entdeckung der nach ihm genannten „Hertzschen . Wellen” führten. Wie so oft bei bahnbrechenden Erfindungen oder Entdeckungen, kam rpan auch-hier erst auf: Umwegen, nach mühevollem Vorwärtstasten durch das Urwaldgestrüpp der vielen tausend Schwierigkeiten und Hemmnisse, und nach oft entmutigenden Rückschlägen zu Erkenntnissen, deren Tragweite zunächst noch gar nicht , zu übersehen war. James Clerk-Maxwell, ein Zeitgenosse Heinrich Hertz’, war auf Grund vielfacher Ueberlegungen und Berechnungen zu der Ueberzeugung gelangt, daß eine enge Verwandschaft zwischen Licht und Elektrizität bestehen müsse. Danach waren die Lichtquellen nur ein. kleiner Ausschnitt aus ein'em riesigen Gebiet elektromagnetischer Wellen, deren Existenz allen Berechnungen zufolge mit Sicherheit zu vermuten war, die man bis dahin jedoch noch nicht hatte nach weisen können. Jahrelang bemühten sich die größten Geister der Fachwelt vergeblich, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. - Es war daher eine Sensation, als bekannt wurde, daß es Professor Hertz gelungen sei, die d^m Licht verwandten elektromagnetischen Wellen hoher Schwingungszahl nicht hurexperimentell zu erzeugen, sondern auch ihre Eigenschaften zu untersuchen und riachzuweisen, daß sie sich genau wie, die Lichtstrahlen verhielten, sich durch den Raum fortpflanzten, an Spiegeln zurückgeworfen,-- in Prismen gebrochen und polarisiert, d.- h. in eine bestimmte Ebene gezwungen werden Iconnten. Mit seiner für heutige Begriffe primitiven Apparatur, die nach seinem Tode im Bonner Physikalischen Institut als Sehenswürdigkeit aufbewahrt wurde, brachte er es fertig, einen Luftraum von 4 bis 5 Meter Länge mit seinen Wellen zu überbrücken: Im Empfänger dieses Urmodells unserer heutigen Rundfunkgeräte blitzten beim Auftreffen der Wellen winzige. Lichtfünkchen auf, die gerade noch durch ein Vergrößerungsglas, sichtbar waren. Diese Versuche erbrachten die volle Bestätigung für die Richtigkeit der Maxwellschen Theorie und eröffneten ungeahnte . Perspektiven für die Weiterentwicklung dessen, was wir heute „Radiotechnik” nennen. Die „Hertzschen”, oder „Rundfunkwellen bildeten den Ausgangspunkt für die Entdeckung der drahtlosen Telegraphie, die in ihrer Weiterentwicklung zum Rundfunk, zum Radargerät, zum Fernsehen und zu all den vielseitigen Anwendungen der elektromagnetischen Wellen in der heutigen Technik geführt hat. Der frühzeitige Tod des genialen. Forschers, der nur ein Alter von 37 Jahren erreichte — er starb im Jahre 1894 — war ein unersetzlicher Verlust für die Wissenschaft und den technischen Fortschritt. Die Gründung der „Heinrichertz-Gesellschaft zur Förderung des Funkwesens” in amburg. uhd. des „Heinrich-Hertz-Instituts für Schwihgungsforschung” in Berlin, sowie die Stiftung der „Heinrich- Hertz-Medaille” waren einige der' vielen Ehrungen, die dem verdienten Manne noch nach seinem. Tode zuteil wurden. Jeder, der heute einen; Radioapparat besitzt, kennt zum mindesten die Bezeichnungen „Hertz” und „Kilohertz” als Maßeinheiten für die Schwingungszahlen der verschiedenen Rundfunkwellen. Und so ist der Name Heinrich Hertz für ewige Zeiten mit dem Wissensgebiete verbunden, zu. deren größteil und erfolgreichsten Pionieren er gehörte. , Otto Schliewiensky. ALBERT V. WASSERMANN Die Zeit um die letzte Jahrhundertwende bedeutet für die Medizin einen Abschnitt größter Fortschritte; fällt doch in diese Zeit die Entdeckung des Erregers der Gonorrhoe durch Neißer 1879, dfes Tuberkelbazillus von Koch im Jahre 1882, die Erforschung der Diphtherie und -das Auffinden des Erregers der Syphilis, der Spirochäte pallida durch Schaudinn 1905. Nicht zuletzt aber, sind es die Studien und,Entdeckungen des jüdischen Forschers von Wassermann, die der damaligen Zeit das Gepräge gaben. ' Albert von Wassermann wurde am .21, Februar 1866 zu Bamberg als Sohn des Hofbankiers von Wassermann geboren. Mit einer ungewöhnlichen Begabung ausgerüstet und ohne Wirtschaftliche Sorgen, stellte ihn das1 Schicksal zur richtigen Zeit in das wissenschaftliche Zentrum . biologischer Forschungsarbeit. Es wirkt fast wie eine Ironie, daß Wassermann 1891 bei seiner Bewerbung um einen Arbeitsplatz von Koch, von dem Manne, dert späterhin sein Förderer wurde, anfangs abgewiesen wurde. Hier am Robert-Koch-Institut widmete sich Wassermann der damals in den Anfängen begriffenen Immunitätslehre. Neben seiner Forschungsarbeit war er an der inneren Klinik der Charite, tätig. So verdankt er auch seine Erfolge einer seltenen Vereinigung eines spekulativen Forschergeistes mit einem genialen Blick für praktische Möglichkeiten. Die ersten Anerkennungen erfuhr er im Jahre 1898 nach den aufsehenerregenden Arbeiten über Wundstarrkrampf: Als Mitarbeiter von Ehrlich war er an den Anfangsuntersuchungen über die Diphtherieefkränkungen beteiligt. Seine Studien uber_Agglutination und aktive Immunisierung schufen Grundlegendes für Theorie und Praxis. Die Krönung seiner genialen Forschung aber war das nach ihm benannte serqlogisch-diagnostische Verfahren zur Erkennung der Syphilis (WaR): Mit dieser Leistung erwarb sich Wassermann 1908 den Namen in der Welt, der ihn wohl für alle Zeiten unsterblich gemacht hat. Die Studien von Bordet und Gengöu ausnutzend, schuf er durch seine Versuchsordnung erstmalig die Möglichkeit, dig damals herrschende Volksseuche der Syphilis erfolgreich zu bekämpfen. „Sichere Diagnose . ist halbe Heilung”.^ Dieser alte Leitsatz hat gerade bei der Syphilis eine besondere Bedeutung. -Nur so ist es möglich, den spätsyphilitischen Er-' •krankungen, die mit.schweren Nerven- und Geisteserkranküngen einhergehen und schwerste Schädigungen an fast allen Organen hervorrufen können, vorzubeugen. Sicherung der Diagnose und ,die im Jahre 1909 von Ehrlich zusammen mit Hatä angegebene Salvarsantherapie haben dieser Krankheit einen Teil des Schreckens genommen. Mögen auch in der Weiterentwicklung der Medizin moderne Forschungsarbeiten die ursprüngliche Wassermann-Reaktion teilweise ergänzen oder ersetzen können, der Wert der nach Albert von Wassermann benannten Reaktion wird dadurch in keiner Weise geschmälert-. a ' In den Jahren der Diskriminierung der Juden scheute man sich nicht, die durch Juden hervorgebrachten Fortschritte für sich zu verwenden, verschwieg dabei aber alles, was auf jüdische Herkunft deuten könnte. So wurde wohl in allen Instituten des Nazireiches die WaR angewandt, aber nicht mit dem üblichen Namen d$s Entdeckers bezeichnet, sondern als Komplementreaktion. Mit dem ihm 1913. zur Leitung übergebenen Forschungsinstitut, für experimentelle Therapie in Dahlem, dem er bis zu seinem Tode Vorstand, schuf er eine Stätte modernster medizinischen Forschung. . . Er starb am 16. März 1925 nach einem Leben größter Erfolge. , Helmut Cohen. Am 11. Juli wurde in New York aus Anlaß des achtzigsten Geburtstages von Richard Beer-Hoffmann, des während der Emigration in Amerika gestorbenen Wiener Dichters, die Gründung einer Richard Beer-Hofmann-Gesellschaft bekanntgegeben. Sie will für die Herausgabe der noch ungedruckten und den Neudruck der vergriffenen Werke des Dichters sorgen.

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