Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 20 (19.1.1947)
- Date
- 1947-01-19
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Baseler Kongreß ehrt seine Toten und Helden Unsere Freunde, die das Glück hatten, dem Baseler Kongreß beiwohnen zu dürfen, erzählen übereinstimmend von der Feierlichkeit der Stunden, in denen unserer Toten gedacht und von den Helden aus unseren Reihen und aus den Reihen unserer Freunde gesprochen wurde. Dr. Chaim Weizmann ergriff als erster das Wort. Er sprach als- Vater der großen jüdische^ Gemeinschaft, der seine Söhne betrauert. Er beklagte den Verlust der Millionen Juden, den Tod vieler geistiger Führer, und wies auf die drei leerstehenden Sessel am Tisch des Präsidiums hin, die früher besetzt waren von drei unserer Großen. Er fand ergreifende Worte für die Toten und Hinterbliebenen. Er klagte an. Z. Rubaschow nahm das Wort zur Gedächtnisrede. In einer langen Ansprache beklagte er vor allem die 3 200 000 polnischen Juden, die Opfer der Nazis geworden sind. Er schilderte in ergreifendster Weise die Methoden, mit denen, man die europäischen Juden vernichtet hat. R. fand Worte, die alle Anwesenden mit sich riß, als er von den Schrecknissen der verflossenen Jahre sprach. Und dann begann er von den Menschen zu reden, die sich in den Vordergrund im Kampf gegen unsere Feinde gestellt hatten: Sein erster Dank galt all den Juden ' der Welt, die sich den alliieaten Armeen zur Verfügung gestellt haben und die im Kampf gegen unseren Todfeind gefallen sind. . Er grüßte die palästinensischen Flieger, die, unberücksichtigt der großen Gefahr, während des Krieges über die polnischen Ghettos geflogen sind, um den Bedrängten Lebensmittel abT zuwerfen. Dann sprach er von den heldenhaften Paraschutisten, die aus Palästina kommend, in den Ghettos absprangen, um dort mitzukämpfen für die Freiheit; Er erinnerte daran, daß von diesen tapferen jungen Menschen viele ihr Leben gelassen haben.. Der geistigenjüdischen Führer, die in den Konzentrationslagern starben, wurde ebenso besonders gedacht, wie der Angehörigen der großen Partisanenbewegung in ganz Europa. Wenn diese Menschen, so führte R. aus. nicht dagewesen wären, um den Verfolgten und Bedrängten Mut zuzusprechen, dann wäre, der Verlust, den wir heute beklagen, ein noch viel größerer geworden. Besonders warme Worte fand er für die KZ-Häftlinge, die im Lager dafür sorgten, daß die Ehre des Judentums hochgehalten wurde und die sich bewußt opferten, um zu verhindern, daß die Verbrechen noch vergrößert wurden. Er erinnerte daran, daß es Juden waren, die das Krematorium im Lager Auschwitz vernichteten, in der Hoffnung, so zu verhindern, daß dort noch überlebende Juden weiter verbrannt werden. Eine Bewegung ging durch den Saal, als R. dann der Hilfe gedachte, die den Juden zuteil geworden ist. ‘Als ersten nannte er den Namen des Schweizer Konsuls Luz, der in Budapest amtierte und dem 50 000 Juden ihr Eeben zu verdanken haben. Ungehindert der Gefahr, in die er sich begeben hat, stellte er diesen 50 000 Juden Schweizer Pässe aus, damit sie die Möglichkeit der Flucht hätten. Dann gedachte er eines großen Teiles des italienischen Volkes, das sich während des Krieges mustergültig den Juden gegenüber benommen habe und ihnen Schutz und Zuflucht gewährte. Die Namen der Führer dieser Bewegung wurden, ebenso wie die ‘Namen aller anderen Helden, in das Goldene Buch eingetragen. Er dankte, dem ganzen Schweizer Volk. Er dankte dem schwedischen Volk für die große Hilfe, die diese Völker jederzeit gewährt haben. Die Gedächtnisstunde wurde gekrönt, als der greise Hauptrabbiner von Palästina, Eziel den Kaddisch sprach und dann seine Hände zum Segen erhob. Mit diesem Segen endeten diese unvergeßlichen Gedächtnisstunden, die allen Teilnehmern nochmals die Vergangenen Jahre vor Augen geführt. haben, und in der wir besonders aber auch Kenntnis erhalten haben, daß wir Freunde in der Welt haben und daß nicht alle Menschen untätig dem Massenmorden zugesehen haben. Unsere aus Basel zurückgekehrten Freunde waren noch tief ergriffen,, als sie von diesem Erlebnis erzählten und wie aus einem Munde kamen die Worte: „Ganz Deutschland, ganz Europa hätte Zeuge dieser Trauer¬ und Gedächtnisstunde sein müssen, damit es sich eine Vorstellung von dem großen Unglück und den großen Verbrechen hätte machen können, das über unser Volk hereingebrochen war. . . .x. PRESSESTIMMEN: Windstärke 9 R. K. Wir schlafen alle. Von Erklärungen, Gesetzen, Verfügungen haben wir uns einreden lassen, daß die Rassenhetze in Deutschland auf gehört hat. Als wir in einem Referendum unsere Leserschaft fragten, ob sie Gesetze gegen die Rassenhetze für notwendig halten, antwortete fast ein Drittel, daß solche Gesetze überflüssig seien, da es in Deutschland so etwas wie Rassenhaß nicht mehr gäbe. Wir haben geschlafen. Die amerikanische Nachrichtenagentur Associated Press bringt einen Bericht über die, Wiedergeburt des Antisemitismus in Deutschland. Der Leiter . des Berliner Rundfunks, Max Seidewitz, erhielt nach einer Sendung über die Hitler- Verbrechen eine Unzahl anonymer Briefe, die ihn als einen „schmutzigen Judenjungen” bezeichneten, dessen „Kadaver gliedweise einzeln in Stücke gerissen würde!” „Wenn Hitler die restlose Ausrottung der Juden gelungen wäre”, hieß es in einem anderen Brief, „hätte Deutschland niemals den Krieg verloren, sondern wäre reich und glücklich”, „Hitler ist noch viel zu human mit den Juden verfahren, und ein neues Nazi-Regime wird das wieder wettmachen, was Hitler bei der Juden Vernichtung unterlassen hat”. ’ Der Leiter der evangelischen Hilfsstelle für nichtarische Christen in Deutschland, Probst Heinrich Grübfer, erklärte, daß „der Antisemitismus in Deutschland ständig im Wachsen sei”. Täglich laufen bei ihm Berichte über antisemitische Vorfälle in Berlin ein. Auch der Leiter „ der jüdischen Gemeinde ist der festen Ueberzeügung, daß der Antisemitismus im Verborgenen weiterwuchere. Wir haben geschlafen. Wir glaubten’ es sei Windstille im Lager der Rassenhetzer. Die obenstehenden Tatsachen beweisen, daß- Windstärke 9 herrscht.' Die schäbigste Form des Geltungsbedürfnisses macht sich wieder breit. Wenn feiner gar nichts weiter ist, hat er in Deutschland immer noch eine große Chance, „Arier” zu sein. Aber das ist verflucht wenig, wenn er weiter nichts darstellt. „ Mit unseren Entnazifizierungen haben wir uns in der Welt hinreichend kompromittiert. Ich frage mich manchmal: wo sind die Tausende von Menschen'geblieben, die mir in den zwölf Jahren versicherten, sie müssen jeden Nazi Verbrecher an die Laterne bringen, wenn es einmal anders käme? Jetzt ist es so weit, daß ehemalige Naziführer Leiter von Spruchkammern sind. Difficile est satiras non scribere. Aber mit der Entnazifizierung werden und müssen wir fertig werden, das ist eine Zeitfrage. „ Gar keine Zeit aber hat die Erledigung der Rassenhetze. Man'müßte an Deutschland verzweifeln, wenn es nicht möglich sein sollte, diesen schmutzigsten Sumpf auszutrocknen. Drohbriefe hin, Drohbriefe her — Leben hin, Leben her. Wenn es einem nicht die Schamröte ins Gesicht treiben soll, ein Deutscher zu sein, müssen die Rassenhetzer dorthin, wohin sie gehören: in die Konzentrationslager, die sie erfundfen haben. (Nachtexprfeß, Berlin.) Wieder gutmachen! Der mit der Materie nicht Vertraute glaubt, daß für die deutschen Juden alles getan wird, und daß die amtlichen deutschen Stellen sich mit heißem Herzen bemühen, ihnen zu helfen. Als Gfegenbeispiel möchte ich die Unterstützungen auf zählen, die mir (OdF und Sternträger) bis heute (außer der erhöhten Lebensmittelkarte) zuteil geworden sind: ein Paar Socken, zwei Schächtelchen Sacharin, zwei Rollen Garn und ein Stück Kriegsseife. Ich glaube, daß nicht einmal alle Juden eine derartig „umfassende" Hilfe bekamen. Es hat sich bis heute keiner darum gekümmert, wie wir uns die damals gestohlene Existenz. wieder aufbauen _ können.. Wir sind bitter enttäuscht! Es müßte eine Sfelbstverständlichkeit sein, daß den wenigen Ueberlebenden einfe großzügige finanzielle Wiedergutmachung und eine weitgehende Befreiung von den Steuerlasten gewährt werden. Nur so kann hian einen kleinen Teil der Schuld ab tragen, die in ihrer grausigen Gesamtheit überhaupt nicht gutzumachen ist. M. Sch., Nikolassee. (Telegraf, Berlin.)