Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 20 (19.1.1947)
- Date
- 1947-01-19
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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fließende Entmenschlichung und Bestialisierung eines großen und begabten Volkes» zutiefst erfaßt und abgeschworen? Tun alle die, deren vornehmliche Pflicht es ist, ihr Volk zu führen und zu belehren, die Kirchen, die Schulen und Universitäten, verantwortungsbewußte Eltern, tun sie alle ihre Pflicht, aus den Geistern und Seelen das Gift der zwölf Lügenjahre auszuroden? Hat man schon damit begonnen, das begangene Unrecht wieder gutzumachen, soweit, es so etwas wie Wiedergutmachung dieses gigantischen Mordens, Rauhens und Lügens geben kann? Noch kleben Millionen ja Milliarden Unrechten Gütes an den Händen vori ungezählten Deutschen. Und wißt Ihr, wieviel Blut, wieviel Leiden und Tränen an diesem Gute haften? Erkennen, bekennen und reuige Tat ist der einzige Weg, der das deutsche Volk wieder zur Selbstachtung und zur Achtung in den Augen der Welt und des Weltvolkes der Juden rühren kann. Und wir Juden? Wir sind kein rachsüchtiges Volk. „Mein ist die Rache und Vergeltung”, spricht Gott — und bei Gott ist Rache — Gerechtigkeit. Als Menschen und als Volk haben wir soviel mit uns selbst zu tun, soviele Wunden zu heilen, soviele Schmerzen zu lindern, soviel zu vergessen, daß für Rachegefühle kein Raum ist, selbst wenn sie berechtigt sind, — und sie wären es, und selbstwenn unser Glaube, unsre Ethik sie zulassen — und sie tun es nicht. Heute ist es ein Jude,. der in England die Sache des notleidenden deutschen Volkes vertritt, der Jude Victor Gollancz, dessen „Urgroßvater Rabbiner hier in Bremen war und dann, nach England auswanderte. Das ist unsre jüdische Räche. Fast 200 000 Juden aus anderen Ländern sind heute in Deutschland, kleiner Rest einst stolzer Gemeinden, Ueberreste einst zahlreicher Familien, Witwen und Waisen, trauernde Hinterbliebene alle. Nach Jahren der Verschleppung, des Leidens im Konzentrationslager und im Sklavendienst haben sie keinen sehnlicheren Wunsch als eine neue Heimat zu finden, zumeist in der altneuen Heimat unseres Volkes, im -Lande Israels. Ihnen gegenüber gilt es Sympathie, menschliches Verständnis und Toleranz unter allen Umständen zu zeigen. Ihnen müßte der Deutsche, solange sie hier sind, spontan, wo immer möglich und erwünscht; die helfende Hand reichen. Und ihnen .kann er als Volk am jüdischen Volk an diesem „leidenden Knechte Gottes” das den mühseligen Weg der Sammlung und des' Wiederaufbaues besehreitet, die sühnende Tat der Wiedergutmachung begehen. Und von den ehemals mehr als eine halbe Million Juden Deutschlands *sind vielleicht 30 000,. einer in zwanzig, noch oder wieder hier, meigt alte > oder ältere Menschen. Hier in Bremen gab es 1933 ungefähr 2000 Juden, heute sind es kaum noch Hundert. Sie müssen oder wollen in Deutschland bleiben und auch ihnen gegenüber sollte der Deutsche beweiset!, daß sich das Herz von Stein in ein Herz von Fleisch und Blut verwandelt hat. Ari ihnen kann er vieles gut machen, was an den Ermordeten und Gemarterten nicht mehr gut zu machen ist. Als. stolze Juden sollten sie unter Euch leben, nie wieder wird man von ihnen das Judentum als ihres Deutschtums verlangen dürfen. Als Jude hat er sein anderthalb 1000jähriges Heimatrecht unbedingbar erworben und es durch Blut und Leiden tausendfach bestätigt erhalten. Und je besser er als Jiide ist, umso-loyaler und nützlicher wird er als Mitmensch und Bürger sein. So wird allmählich, wenn die Jahre und Jahrzehnte dahingehen aus guter Gesinnung und Tat, aus echter Liebe und Menschlichkeit der Geist erwachsen, in dem Schuld und Sühne, Vergeben und Vergessen zusammenfließen, in den großen Strom von Friede und Fortschritt, von Eintracht zwischen den Völkern, von denen unsere Propheten* die Künder des jüdischen Volkes, gesagt und gesungen haben. .AUS DEM JÜDISCHEN LEBEN Chanukah in Aachen Zu einem wirklich strahlenden Chanukah-Lichtfest gestaltete sich die Feier, die am 21. 12. 1946 Sabbatausgang, in den Räumen des Vorsitzenden Alfred Loewendahl stattfand. Auf kleinen, aus gelber und roter Pappe hergestellten Judensternchen brannten zahllose Kerzchen. Der Vorsitzende begrüßte, die zahlreich Erschienenen, wies auf die Bedeutung des Chanukahfestes hin und auch auf seinen Zusammenhang mit der heutigen Zeit. Viele hätten noch nicht den Sinn, den Zweck und die Ziele einer jüdi-, sehen pemeinde erkannt. Einige erblickten darin einen Verein, andere wieder eine wohltätige Organisation und wieder andere ledglich eine Betreuungsstelle. Jeder Jude, so führte er weiter aus, habe die -unabwendbare moralische Pflicht, wo er auch stehe, aufbauehd mitzuarbeiten, um die Grundlage zu der Schönheit unserer alten Gemeinden wieder, zu errichten. o - Zunächst sei es der Gottesdienst, der uns alle wie ein Band umschließe und-den keiner versäumen sollte. Ferner sei es unsere Pflicht, unsere alten jüdischen Feste in würdiger Weise zu begehen. Kaddisch zu sagen für unsere verstorbenen Angehörigen und für die Millionen, die ihr Leben durch Hitler lassen mußten. Auch sei es Aufgabe der jüditiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiimiimiiiiliiiiiiiiiiiiinmiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiii Berichtigung] Herr Dr. Lewin bittet uns um Aufnahme folgender Berichtigung zu seiner in unserer Nr. 18 veröffentlichten* Rundfunkansprache : Im Anschluß an die Worte: „Wenn der Bestand eines Staates in Gefahr ist, noch dazu ohne eigenes Verschulden, dann ist der verantwortliche Leiter verpflichtet, unter Hintansetzung seiner Person den Kampf aufzunehmen.” muß es weiter heißen: „Diese Verpflichtung wurde von dem amtierenden Hohenpriester nicht erkannt, und so fiel die schwere Aufgabe, den Staat zu retten, einem in Mödin, einer kleinen Stadt, leberuden Landpriester Matatias, zu. Er ist der Verpflichtung nachgekommen, dank der Unterstützung, die er durch seine 5 Söhne erfuhr, , von denen der eine namens Juda als tapferster voranging.” ' ■ sehen Gemeinde, die kulturelle Betreuung zu pflegen und diese würde in aller Kürze ebenfalls in Gang gebracht. Dann begann die religiöse Feier. Sieben Chanükahleuchter standen zur Verfügung und diese wurden unter den vorgeschriebenen Segenssprüchen angezündet.' Gemeinschaftlich erklang mit Klavierbegleitung das alte herrliche Lied „Moaus zur jesehuossi” in-hebräisch und in deutsch und nun kam die große, von keinem gewußte Ueberraschung: Kaffee mit Kuchen und anschließender Besehenkung durch die, Gemeinde. Man blieb noch mehrere Stunden harmonisch zusammen. Es zeigte sich bei dieser Gelegenheit, über welchehumoristischen Kräfte, Vortragskünstler, die Gemeinde verfügt. Selbst die ältesten Häupter ließen es sich nicht nehmen, ihre Kunstdarbietungen den staunenden Gemeindemitgliedern vorzutragen. Nur ungeme trennte man sich und jeder hatfer das Bewußtsein, ein solch schönes Fest haben wir langen nicht mehr, erlebt. Es war ein wirkliches echt, jüdisches Chanukahfest. . ... in Wuppertal Wuppertal. -Zum ersten Mal seit dem Bestehen unserer Gemeinde Wuppertal konnten wir unsere Mitglieder zu einem Fest einladen,’ und zwar zu „Chanukah”, dem fröhlichen Fest. Jung und alt freute sich darauf, einmal in solcher Weise einige Stunden mit Gleichgesinnten verleben und verbunden sein zu können. Es fand am 20, Dezember, nachmittags 4 Uhr, statt und wurde von dem ersten Vorsitzenden, Herrn Rechtsanwalt Brück, eröffnet. Er zündete in traditioneller Weise die Chanukahlichter, an zusammen mit Fräulein Margot Weil und Herrn Ludwig Weißmann. Zum Schlüsse seiner sinnvollen Ausführungen wurde gemeinsam das „Moaus zur Jeshuosi’’ Lied gesungen. Die Feierlichkeit machte auf alle tiefen Eindruck. Später dankte Herr Josef Heimann, der zweite Vorsitzende, Herrn Rechtsanwalt Brück für die vorbildliche Arbeit, -die er heute fiir die Gemeinde leistet und schon seit so langen Jahren zum Besten der Gemeinde geleistet hat. Im weiteren Verlauf des Tages konnten dank der freundlichen Hilfe des -Landesverbandes alle Teilnehmer mit Kaffee und Kuchen bewirtet werden und auch noch am Abend einen Imbiß einnehmen. Eine Tombola brachte freudige Ueberrascbungen. Alles war sehr gut vorbereitet und organisiert, und hierfür gebührt besonderer Dank. Frau Josef Heimann, die keine Mühe gescheut und in solch vor-