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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1947-01-19 · 20 (19.1.1947) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
20 (19.1.1947)
Date
1947-01-19
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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Antisemitismus, darf man wohl ruhig,sagen, daß weit und breit im deutschen Lande, in Stadt und Land, in allen Schichten der Bevölkerung, Jude und Christ friedlich und in den allermeisten Fällen freundschaftlich miteinander lebten, daß die Realität bürgerlichen, menschlichen Zusammenlebens, meist, stärker war als die Vorurteile und Lügen sowohl ' des Radauals auch des Salon-Antisemitismus. Braucht es eines stärkeren Beweises als der Tatsache, daß 44 Prozent aller jüdischen Ehen in Deutschland in den Jahren 1921—27 Mischehen waren, was zwar vom Standpunkt der jüdsichen 'Religion und Gemeinschaft höchst bedauerlich war. Jeder Christ hatte ja bekanntlich „seine” guten Juden, auf die er nichts kommen ließ; leider waren nur viele nicht klug und charaktervoll genug, um den antisemitischen Spuk ganz , und gar auszutreiben. Dann verlor Deutschland den ersten Weltkrieg. Ip den Nöten, die damals, auch nicht unverschuldet, über das deutsche Volk hereinbrachen, bot sich den Hauptschuldigen, den Junkern, Generälen und Industriebaronen in den Juden das willkommene Opfer für ihre Ablenkungs- und - Abwälzungsmanöver, und die berüchtigte Legende vom Dolchstoß machte die Runde. Die in dieser Zeit heranwachsende Hitlerbewegung übernahm von ihnen die Judenhetze als wirksamstes Propagandamittel und vervollkommnete es zu einem teuflischen System der Lüge und Verleumdung, das in der Weltgeschichte seines gleichen sucht. Schon damals,. in den Jahren vor 1933, war das Leben, das Gut und die Ehre des Juden in Deutschland dem Treiben der SA. und SS.-Horden ausgesetzt. Bezeichnend für den Geist der Zeit war die anwachsende Zahl von Friedhofsschändungen. Und dann vertraute das deutsche Volk sein — und damit der Welt — Schicksal denen an, die aus ihrem Wesen und ihren Plänen nie ein Hehl gemacht hatten. Schritt um Sphritt erfüllten die Nazis ihre Versprechungen, zumindest was die Juden anbetraf. Das menschliche Gedächtnis ist kurz. Erinnert Ihr Euch noch an den sogenannten Boykottsamstag, am 1. April 1933? oder an den Tag, an dem jüdische Anwälte, Richter und Staatsanwälte aus den Gerichten getrieben und auf Müll- Karren durch' die Städte gefahren wurden? So ging es weiter in immer steigendem Crescendo., Mehr und mehr wurden die Juden aus allen öffentlichen und privaten Betrieben herausgedrängt, mehr und mehr machte man auch dem jüdischen Groß- und Kleinhandel das Leben unmöglich, Zug um Zug vertrieb man uns aus den freien Berufen, von den Universitäten, aus den Theatern und Kunstinstituten, Gleichschaltung war das neue Wort und Städte und Dörfer setzten ihre „Ehre” darin, judenrein zu werden. Nachdem man ihnen das tägliche Brot genommen, ihnen in den Nürnberger Rassegesetzen die Ehre abzuschneiden versuchte, ging man am 9. November 1938 — auch ein Tag, den Deutsche nicht vergessen dürfen und Juden nie .vergessen werden — ging man daran, unsere Synagoge zu verbrennen, zu schänden und zu plündern. Tausende wurden an diesem Tage in Konzentrationsläger und Gefängnisse verschleppt, viele gemartert und gemordet, Männer, Frauen und Kinder, vom Terror, gejagt, zu Selbstmord und Wahnsinn getrieben. Und nebenbei fand man noch Zeit mit Hilfe der jetzt zu jeder Teufelei zur Verfügung stehenden Staatsmaschine, in allen Ländern der Welt die Brunnen zu vergiften. Damals wurde Deutschland zum Zentrum der antisemitischen Internationale. Und wenn das Gift heute noch in vielen Ländern wuchert, so ist es zu neun Zehnteln auf das Schuldkonto Deutschlands zu setzen. Dann kam der Krieg, die logische Folge sechsjähriger Verbrecherherrschaft, der eine Welt tatenlos zusah, Die letzten Hemmungen waren gefallen und bald' setzte die Politik der systematischen Verschleppung und Ausrottung' ein, der nun neben den Juden Deutschlands auch* die Oesterreichs, Czechoslovakias, Polens, Skandinaviens, Jugoslawiens,' Griechenlands, Bulgariens, Italiens, Hollands,' Belgiens, Frankreichs, Rußlands und schließlich auch Rumäniens und Ungarns zum Opfer fielen. Von zirka 16 Millionen Juden der Welt hat man mehr als sechs ermordet, von den sieben Millionen Juden Europas leben vielleicht noch eine Million. *Fast vier Jahre ungestörtes Morden, Völkermord: dies allein ein Vorgang, dem noch große Geschichtswerke gewidmet werden müssen, ein solch entsetzensvoller Vorgang, dem diese jämmerlich armen Worte nie gerecht werden können. Und die ganze Zeit mahlen Gottes Mühlen fein und schnell, und im Frühjahr 1945 fällt der Vorhang über den Szenen von Auschwitz, Majdanek, Buchenwald und Belsen, den. ungezählten Stätten des Grauens, die selbst eine fühllos gewordene Welt bis aufs Tiefste erschütterten . . . . So stehen sich heute Deutsche und Juden gegenüber. Die einen als das Volk, das den selbstentfachten Krieg gegen die Welt verloren hat, das trotz allen selbstverschuldeten Elends doch noch die Heimat und den kaum geminderten Volkskörper besitzt;, das andre noch immer heimatlos, um fast vier Zehntel seiner besten Söhne und Töchter beraubt. Bedeutet das, daß Juden und Deutsche sieh für alle Ewigkeit - haßerfüllt, die einen Rache heischend, die anderen schuld-; beladen gegenüber stehen müssen? Wohl ist es wahr, daß der Ausgleich nicht von heute auf morgen erfolgen kann, daß Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte vergehen werden, bis der Deutsche dem Juden schuldlos in die Augen blicken kann. Aber der Anfang zur Bereinigung, der Beginn der Heilung dieser schwärenden Wunde am Körper der Menschheit, die schon so aus tausend Wunden blutet, muß jetzt und heute gemacht werden. Ist Deutschland, ist das deutsche Volk bereit, den ersten Schritt zu, machen?' Die jüdische Lehre lehrt, daß "wer Vergebung für seine Schuld vor Gott und vor Menschen sucht, muß seine Vergehen erkennen, bekennen und befeuen und die Reue durch die Tat erweisen. Und Gott' vergibt die Sünde gegen den Mitmenschen erst dann, wenn wir ernsthaft dessen Vergebung erstrebt haben. Der erste Schritt ist Aufrichtigkeit, der eigenen Schuld ernsthaft und mutig ins Auge blicken, es wagen, sie auszusprechen und aus Reue die Umkehr zu finden. Hat das deutsche Volk bereut? Hat es das sündhafte des Juden-, des Menschen- und Bruderhasses, die aus ihm paar Vorräte. Iph bringe Ihnen ein Paket ins Wachhaüs — da haben Sie was zu essen für die Fahrt.” „Da bringen Sie’s man gleich”, rief der SS-Mann, Praus im Hinausrennen. - Pauline Graupe hatte im Wachhaus in dem es aufgeregt schwirrte,. das Paket für den SS-Mann Praus abgegeben., „Verrückte, alte Schachtel”, sagte Praus und packte es in seine Motorrad-Tasche. Pauline Graupe rannte am Stacheldraht des Lagers entlang. Die Gefangenen arbeiteten wie gewöhnlich. Wachmannschaften Waren nicht zu sehen. Es dämmerte. Verharrschter Schnee knirschte unter Pauline Graupes Schuhen. Dort stand Rosenthal an seinem Holzblock und sägte. Pauline Graupe holte eine Drahtschere aus ihrem Mantel hervor und begann den Stacheldraht zu zerschneiden. Ihre Hände zitterten. „Rosenthal!” rief sie. Er sah nicht auf. „Herr Rosenthal!” Er arbeitete ohne Unterbrechung. Pauline Graupe sah, daß dicker Schweiß auf seiner Stirne stand. Die Hände schmerzten sie von‘dem harten Zupressen der Drahtschere. Es war schon ein ziemlich großes1 Loch im Zaun. Da hörte der Mann am Sägebock zu sägen auf. Er wandte sein - Gesicht dem Stacheldraht zu, aber es war ungewiß, ob er'Pauline Graupe sah. „Herr Rosenthal” rief Pauline Graupe atemlos. „Ich bin’s — Pauline Graupe von der „Freundschaft”. Er rührte sich nicht. — „Herr Rosenthal”, begann Pauline wieder — sie zitterte am ganzen Körper vor Aufregung, „machen Sies es mir doch nicht so schwer. Sagen Sie doch einen Ton. Ich will Sie rausholen. Sie werden ja sonst erschossen.” Der Mann starrte immer noch auf den Stacheldraht, auf Pauline Graupe, aber er schien nichts zu sehen. Sein Gesicht war grau und ganz bewegungslos. Plötzlich wandte er sich um und ging mit schlürfenden Schritten und hängendem Kopf davon, als folge er der SS-Wache.v „So ein Schwein”, schluchzte Pauline Graupe hysterisch, „das ist ja gar kein Mensch.” Atemlos rannte sie den Weg zurück und verkroch sich im Dunkel ihres Ladens. Das hysterische Schluchzen schüttelte sie noch lange. — Plötzlich fuhr sie hoch. Sie rannte vor das Haus und versuchte mit ihren Händen ein Blechschild loszureißen, das am Laden befestigt war, das Schild, das immer ihr Stolz gewesen war, das besagte, daß sie eine „alte Kämpferin” im Ort war. „Mitglied des Völkischen Kuryereins E.* V.” stand darauf und darunter „Juden nicht erwünscht.” Sie packte das Schild und den Stapel Hitlerbilder in Packpapier und warf das Paket über den Zaun in den Kurpark. Dann setzte sie sich hinter den Ladentisch und wartete.

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