Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 20 (19.1.1947)
- Date
- 1947-01-19
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9498581-9366319-9386216--215-9366214- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
D"aktunMe. Wo*t Im Rahmen der Ausstellung „Opfer des Faschismus” soll ich im Namen und über das vernehmlichste Opfer dieser Schande unserer Zeit' sprechen: *die Juden und das jüdische Volk. Ich glaube, daß es notwending ist, über dieses Thema zu sprechen, wenn man auch das Schweigen hierüber in der Presse und im Ihrivatgespräch verstehen und mit einer aus Scham- und Schuldgefühl geborenen - Scheu erklären kann. Die jüdischen Weisen sagen: Man beschwichtige keinen Menschen in der Stunde seines Zornes und man tröste ihn nicht,, wenn sein Toter vor ihm liegt. Und doch scheint mir der Moment gekommen, wo wir das aus den Ereignissen der letzten 14 Jahre geborene neue Verhältnis vön Deutschen und Juden, vom jüdischen und deutschen Volk, zu klären zumindest versuchen sollten. Indem ich heute für mieh selber diesen Versuch unternehme, spreche ich als Jude, als Jude, der zwar in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, der aber heute in England seine Heimat hat und von dort "her kam, um seinen Brüdern hier die helfende Hand zu reichen. Um die Vorgänge der Vergangenheit Und den Ausblick in die Zukunft in geschichtlicher Perspektive leidenschaftslos, so gut ein Mensch von Fleisch und Blut leidenschaftslos sein kann, zu prüfen, müssen wir etwas weiter ausholen. Seit etwas über 100. Jahren wurde den Juden Deutschlands allmählich und nach harten Kämpfen, die bürgerliche und politische Gleichberechtigung gewährt. Dieser Emanzipa-/ tionsprozeß, dem die Verwandlung der deutschen Juden von einer geistig und politisch isolierten Ghettobevölkerung in vollblütige Westeuropäer (eher vorausging als) parallel lief, hatte überraschende Folgen und Erfolge. Vom Winde der Aufklärung und des Fortschritts getragen, in der Sonne allmählich reifender Freiheit und Gleichberechtigung entfaltete sich das deutsche Judentum nicht nur quantitativ, sondern sein Fleiß, seine Strebsamkeit und Intelligenz machten es 'rapide zu einem bedeutenden Bestandteil des oberen und unteren Mittelstandes, dem Deutschland seinen Aufstieg in der 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges verdankt. Aus einer Masse von Kleinhändlern und Hausierern wurde im taufe von nur wenigen Generationen ein europäisch gebildetes Bürgertum, das sich in Handel und Industrie, in Kunst und Wissenschaft führend an dem Aufbau der Kultur und Wirt-- schaft des neuen deutschen Kaiserreiches beteiligte. In jedem und allen Berufszweigen, die dem Juden offen standen, in der Schwer- und Leichtindustrie, im Handel und Bankwesen, in den freien Berufen als Aerzte und Juristen waren Juden, oft bahnbrechend, vertreten. . Ganz besonders so in der Wissenschaft und in den Künsten: die große Reihe bedeutender Universitätslehrer, Musiker, Maler, Schriftsteller, der überraschend große Anteil an Nobelpreisträger, legt* hierfür beredtes Zeugnis ab. keiner von ihrem Laden und ihrem Hause trennen-.* Dazu hatte sie nicht geschuftet und gedarbt all die Jahre, um das Haus schuldenfrei zu haben für ihr Alter, damit man sie nun in einem Lastwagen wie ein Stück Vieh wegschleppt. Inzwischen würden die Russen ihren Laden plünderfi und das Haus in Brand -stecken. Wenn sie aber blieb — — vielleicht würden sie ihr nichts tun. Sie ist ja eine alte Frau. Sie würde auf ihr graues Haar zeigen. Vielleicht würde sie ihnen Kornkaffee kochen. Als Kind war sie mal bei Verwandten im Polnischen gewesen. Sie entsann sich „Dzien Dobry” hieß „Guten Tag” auf Polnisch. „Dzien Dobry” würde sie sägen. Das war zwar nicht Russisch, aber sie würden es vielleicht verstehen. — Vielleicht würden sie auch gar nicht hier heraufkommen. Das russische Ungewitter würde vielleicht über sie hinwegbrausen. Und später,»wenn man sie wieder herausgehauen hätte, die Bolschewisten, würde sie mit Stolz sagen können, daß sie ihr Hab und Gilt gerettet hätte. Pauline Graupe stieg hinunter in den Laden. Sie ließ sorgfältig die Jalousien vor dem Schaufenster herab und begann die Waren aus den Regalen in die Kiste zu packen. Als sie nun an einen Stapel in Birkenrinde gerahmte Hitler- Bilder kam, packten sie plötzlich wieder Zweifel. Wenn die Russen aber doch hier heraufkämen und wenn sie keine Rücksicht darauf nähmen, daß sie eine alte Frau ist — und wenn vielleicht jemand in der Stadt zurückbleibt und sie Aber nicht nur das deutsche Volk war der große Nutznießer der .so widerstrebend gewährten und nicht einmal ganz, hundertprozentigen Emanzipation. Das Judentum selbst, die jüdische Wissenschaft, das jüdische Gemeindeleben, religiöse, kulturelle und Wohlfahrtsinstitutionen nahmen einen ungeheuren Aufschwung und führten das deutsche Judentum mit an die Spitze in Angelegenheiten des Weltjudentums, obwohl es zahlenmäßig manch anderen Judenschaften; unterlegen war. Selbst heute noch, nach. all dem was vorgegangen, zögere ich nicht es auszusprechen, daß diese überraschende und außergewöhnliche Entwicklung einer besonderen Congenialität, einer glücklichen Mischung jüdischer und deutscher Geistesart mit zu verdanken war. Vielleicht auch der Tatsache, daß für beide Völker neue jlblitische Umstände das Ventil für lang aufgespeicherte Energie und schöpferische. Kraft geschaffen hatten. Was war es aber mit dem Antisemitismus? Den gab es natürlich in Deutschland, so ürie es ihn, in der einen oder anderen Form, in anderen Ländern und bei änderen Völkern gab und gibt. Humanismus und Aufklärung waren nicht im Stande, so schnell ‘"das religiöse'-und soziale Vorurteil, die von den Kirchen ausgehende Unterdrückung und Verächtlichmachung von Jahrhunderten und Jahrtausenden auszurotten. Noch heute wird oft die Giftsaat des Judenhasses in der Seele des Kindes durch denchristlichen Religionsunterricht gelegt. „Die Juden haben den Heiland getötet:” Zu dem religiösen Vorurteil kam der alte, auch aus dem Mittelalter stammende, Stände- und Berufshaß, der Brot- und Erwerbsneid um den oft durch größeren Fleiß und Intelligenz erzielten' Erfolg des Juden. Nichts leichter als den Aerger über die eigene Unzulänglichkeit, den eigenen Mißerfolg, auf den Juden abzuwälzen. Später kam noch der Rassenwahn und -haß dazu,, der Größenwahn des emporgekommenen Kaiserreiches, dersich besonders in den gebildeten Kreisen, bei Pröfessoren und Studenten entwickelte und der noch bis ganz zuletzt den Universitäten, den- Stätten, die der Pflege' des Geistes gewidmet waren, den traurigen Ruhm verschaffte, eine der Hauptbrutstättep des Judenhasses zu sein. Dies waren die Elemente, wohl nicht so sehr eines Judenhasses, als einer in manchen Kreisen des deutschen Volkes herrschenden antisemitischen Stimmung, die es wohl mit sich brachte, daß dem-jüdischen Bürger gewisse Aemter und Staatsstellen verschlossen blieben, wohl auch daß ihm hier und da. auf die Füße getreten wurde. Weite Kreise des deutschen Judentums empfanden diesen Antisemitismus umso bitterer, als sie sch als große deutsche Patrioten, mit oder ohne Hurrah, fühlten und handelten. Zehntauseride jüdische Freiwillige und 12 000 jüdische Töte'im ersten Weltkrieg sprächen ihre eigene Sprache. Nun, trotz all dieses nicht wegzuleugnenden g—- --Ü -I? -- "... . ■—■-JL--4 denunziert, daß sie eine „alte Kämpferin” ist — und all das? — Sie saß eine Weile grübelnd auf der halbgepackten Kiste. Ein Gedanke begann in Ihr aufzusteigen — Gestalt anzunehmen. — Wenn sie deh Rosenthal'aus dem Lager holen könnte. Sie wüfde ihn im Keller verstecken und, wenn die’ Russen kämen, würde sie ihn vorführen. „Hier” würde sie sagen, „den habe ich aus dem Judenlager gerettet.” Es war keine Gefahr, daß Rosenthal sie denunzieren würde — er war ja nicht mehr bei sich. Der konnte keinen zusammenhängenden Satz mehr reden. .— Nur das Herausholen würde nicht leicht sein. . Die Ladenklingel schepperte. Der SS-Mann Praus, einer ihrer besonderen Freunde, sah sich mit halbzugekniffenen Augen in dem Dämmerlicht des, Ladens um. „Frau Graupe”, sagte er atemlos, „Sie sollen schon heute um 8 Uhr auf dem Marktplatz sein. Die Jtussen sind schon in Seitenberg.” — Er wollte wieder hinaus. Aber Pauline Graupe packte ihn am Arm. „Bleiben Sie doch einen Moment’’, sagte sie aufgeregt, „trinken Sie doch eine Tasse Kaffee.” „Kaffee?” .sagte der SS-Mann Praus, „Sie sind wohl nicht ganz bei sich? Ich muß ins. Lager. In einer Stunde wird dort aufgeräumt.” Er machte mit der Hand die Bewegung eines streichenden Maschinengewehrs. , „Herr Praus”, schrie Pauline Graupe auf, ”ich habe noch ein