Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 20 (19.1.1947)
- Date
- 1947-01-19
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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sonders aber über den Text der gefaßten Resolutionen, vervielfältigt und den Interessenten zukommen läßt. , Zu dem Hauptproblem, der Frage, ob der Londoner Konferenz beigewohnt werden soll oder nicht, gab es eine stürmische Diskussion. Der größte Teil der Juden aus Palästina war für die Teilnahme, während der größte Teil der anderen Länder, besonders der Länder, die den Antisemitismus erlebt haben, insbesondere aber die amerikanischen Vertreter, sich gegen die Teilnahme aussprachen. Man beschloß, nur dann zur Konferenz zu gehen, wenn das Weißbuch beseitigt worden sei. Zum Schluß sagte Rozyne: > . „Jeder hat aus Basel einen neuen Geist mitgenommen, den Lichtblick eines neuen Lebens. Das Volk, das verlangt, beweist, daß es existiert. Wr schaffen ein nationales Heim, das heute schon kämpft und ein, Volk wird kommen, so wie es sein soll.” In der sich anschließenden Diskussion sprach zunächst der Herausgeber unserer Zeitung, Karl Marx. „Es steht zweifelsfrei fest, daß zwischen England und den Zionisten ein Vertrag besteht, ein juristisches Abkommen, das erfüllt werden muß. Lehnt ein Vertragspartner die Erfüllung ab, dann steht dem anderen das Recht der Klage zu. Er kann um sein Recht kärhpfen. Die Mittel des Kampfes, wie sie seit einiger Zeit in Palästina angewandt werden, sind Mittel, die Wir mit aller Entschiedenheit ablehnen müssen. Wir kennen in dieser Frage keinen Kompromiß. Terror haben wir erlebt, wir stellen uns gegen jeden Terror. Wir müssen uns das' Ziel setzen, Freunde für die Sache der Juden zu gewinnen, wir müssen bestrebt sein, die Not der heute noch in Europa lebenden Juden so" schnell wie möglich zu beseitigen, wir müssen bestrebt sein, diesen Menschen eine Heimstätte zu schaffen, ihnen eine Heimat zu geben. Das können wir-immer und immer wieder nur, wenn wir die Weltöffentlichkeit für uns. gewinnen, wenn wir den Völkern der-Welt, die in unserer schnellebigen Zeit schon so vieles vergessen haben, durch Literatur und Presse unsere Lage vor Augen führen und sie an die Schrecknisse der verflossenen Jahre erinnern. " Henryk Ingster vertrat den Standpunkt, daß Weizmann, dessen Größe er nicht ableugnet, . abtreten mußte, weil seine Politik Fiasko erlitten habe. Er begrüßte mit flammenden Worten die Tatsache, daß bei diesem Kongreß endlich — wenn auch recht spät — die Forderung nach einem Judenstaat gestellt worden ist. Er widersprach dann Marx in sehr scharfer Form, denn er glaube nicht an die Erfolgsmöglichkeit, wenn die Wege begangen werden, die. Marxvorschlug. Magenheim unterstützte die Ausführungen Ingsters und brachte die Zahlen der Juden, die im verflossenen Krieg an der Seite der Alliierten gestanden sind, und gab seiner Enttäuschung und seinem Bedauern Ausdruck darüber, daß die Welt dafür keinen Dank wisse. Er hob hervor, daß trotz dieser bekannten Tatsachen und trotz der Qualen der letzten 12 Jahre die Behandlung der Juden in Deutschland sich nicht, unterscheide von der der Deutschen. Er griff dann mit heftigen Worten den englischen Juden, Victor Gollancz an, der eine Hilfeleistung für die Deutschen ins Leben gerufen habe, für die Juden aber nichts tunwürde. In dieser letzten Frage gab Marx Magenheim die Erwiderung; . „Wenn es draußen in der Welt während des Krieges einen , Menschen gab, der für die Juden eintrat und der es verstand, die Fürchterlichkeit der Verbrechen dep Nationalsozialisten den alliierten Völkern vor Augen zu führen, dann war es Victor Gollancz. Gollancz hat in dieser Zeit die Weltmeinung für uns gewönnen. Was Gollancz heute tut, ist sozial. Er handelt als Mensch, er tut nichts gegen die Juden und wenn er sich aber heute nicht um die Juden bemüht, so ist-die Ursache darin möglicherweise in den Vorkommnissen in Palästina zu suchen.” _ , ' ■; . ‘ - Dr. Asch gab seinem Bedauern darüber Ausdruck, daß über 1J4' Jahre. nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus in. Deutschland noch nichts, garnichts' für die Juden getan worden .sei. Und er bedauerte,* daß der Basler Kongreß sich nicht besonders auch mit dieser Frage beschäftigt habe. Nach einer, kurzen Erwiderung, die Rozyne den Diskussionsrednern gab, schloß Ingster die Versammlung mit dem Absingen der Hatikwah. ' . Jerusalem. (AP.) So etwas kann wohl heute nur noch in Palästina' Vorkommen; Eine Vorstellung der jüdischen Volksoper von Palästina mußte - am Donnerstag abgesagt Werden,, weil, wie der Intendant erklärte, „drei Mitglieder unseres. Ensembles wegen Schußverletzungen nicht auftreten können.” . ■ Offenbar ist ein britischer Soldat mit' seinem Gewehr unvorsichtig umgegangeh, als. er die Ausweise von den Insassen des Opernautobusses an einer Straßensperre überprüfte. Jüdisches Restaurant in Regensburg. Unter dem Namen der palästinensischen Hafenstadt „Tel Awiv” wurde am 2. Dezember in Regensburg, Pfauengasse 6, ein jüdisches Restaurant eröffnet. In ihm können von nun an die von der UNRRA verpflegten Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Regensburg die Mahlzeiten einnehmen. Mit Unterstützung der Militärregierung und des Regierungswirtschaftsamtes Regensburg wurde die Einrichtung des Restaurants beschafft, dessen zwei Gastzimmer auch-ein neues Gewand in hellen, freundlichen Farben erhielt. Die hübschen Räume und die Gastlichkeit der charmanten Inhaberin, werden nicht verfehlen, ihren Gästen einen angenehmen Aufenthalt zü bieten. Dortmund. Am Samstag, dem 21. Dezember 1946 fand die Einweihung des Gemeindehauses der jüdischen Gemeinde statt. Ausführlicher Bericht folgt. Rita Haus dorff: . DAS ALIBI Fortsetzung und Schluß Seit vorigen Sommer war für Pauline Graupe nun hoch eine neue Attraktion hinzugekommen. Die Gefangenen wurden in einen Steinbruch zur Arbeit geführt. Sie zogen über die Kurpromenade, weil das der kürzeste Weg war. Viermal am Tage bewegte sich der Zug der gefangenen Juden über die verödete Promenade, vorbei am Musikpavillon, an.den leeren Bänken, den verrosteten Schokoladenautomaten. — Auf ihrem Altan aber stand viermal am Tage Pauline Graupe, die Arme auf die Brüstung gestemmt, und konnte sich nicht satt sehen. Hier hätte sie'früher gesessen und hatte mißbilligend die verrückten, Stadt-Toiletten der verjudeten Kurgäste betrachtet; Die Kurfkapelle hatte gespielt, Potpoüris, Märsche, Walzer. Keine Kurkapelle spielte jetzt auf, wenn die Juden über die Promenade getrieben wurden. Pauline Graupe konnte nie feststellen, ob es junge oder_jalte Männer Waren, die da viermal am Tage an ihr vorbeimarschierten. Sie sahen alle gleich zeitlos aus mit ihren farblosen Haaren, farblosen, stoppeligen Gesichtern* farblosen hängenden Klei-1 dem. Sie sahen nie.auf •—auch Rösenthal nicht. Ja, das war die größte Attraktion: Pauline Graupes früherer Nachbar, der Schnittwarenhändler Rosenthal,, war dabei. Nicht, daß sie ihn erkannt.hätte. Aber einer der SS-Leute hatte sie darauf aufmerksam gemacht, um ihr eine besondere Freude zu machen. Sie hatte sich noch ein paarmal genau erkundigen müssen, in welchem Teil der Kolonne er marschierte, um dann —fast ip WiederSehensfreude — auszurufen: „Da ist er ja!” Im Winter, als Schneefall einsetzte, hörte die Arbeit im Steinbruch auf und damit auch der Marsch über den Kurplatz auf. Pauline Graupe vermißte das sehr, Dank ihrer guten Beziehungen zu der SS-Wachmannschaft konnte sie jedoch, so oft sie wollte, am Stacheldraht des Lagers, vorbeipromenieren. Die Gefangenen hackten und sägten Hölzstämme. Pauline Graupe kannte genau den Arbeitsplatz Rosenthals. Sie beobachteten ihn oft. TSTiemals sah er auf. Seine farblosen Haare hingen ihm ins Gesioht, während er' arbeitete. Wenn er'fortgeholt wurde, folgte er dem SS-Mann mit schlürfenden Schritten und hängendem Kopf. „Gar nicht wie’n Mensch”, sagte Pauline Graupe jedesmal mit tiefem Schaudern. Als Pauline Graupe nun an diesem kalten und trüben Winternachmittag auf dem Altan stand und auf den ihr so wohlbekannten Kurpark starrte, versuchte sie so etwas wie Ordnung und Ueberlegung in ihre .vor Angst verstörten Gedanken zü bringen. Sie sagte auch ein paarmal laut vor sich bih: „Na, nu’ mal Ruhe.” — Fest stand ihr Entschluß, sich morgen früh nicht verfrachten zu lassen. Lebend würde sfe