Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 20 (19.1.1947)
- Date
- 1947-01-19
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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lür mich als Oberbürgermeister von Köln und in meinen vielfältigen sonstigen Stellungen, alles nur irgend mögliche daranzusetzen, daß die Kulturschande ausgelöscht wird, die Hitler durch die in der Weltgeschichte noch nicht dagewesene Verfolgung des deutschen und internationalen Judentums auf sich und damit auch auf unser deutsches Volk aufgeladen hat. •Dies klar zu erklären, war das Ziel meines gestrigen Besuches der Jüdischen Gemeinde Köln. Gerade sie ist ein überaus trauriges Musterbeispiel für das, was der Naziterror dem Judentum angetan hat. Aus einer einst blühenden, wohlhabenden und auch sozial ausgerichteten Gemeinde von vielen Tausenden ist sie mit heute, kaum 650 Kölner Juden fast auf dem Nullpunkt an Zahl- und Not zusammeneeschrumpft. Es ist die Aufgabe der Kölner Stadtvertretung, Stadtverwaltung und aller sonstigen berufenen Stellen im Verein mit der gern gebotenen Hilfe der Militärregierung allmählich wieder etwas Licht in die, sonnenlose Gegenwart unserer jüdischen Mitbürger zu bringen. Dafür wollen wir in Köln sorgen, trotz aller Not, Sorgen und Schwierigkeiten, die uns in Köln .als der zerstörtesten deutschen Großstadt auf Schritt und Tritt umgeben. Ich möchte hoffen und habe keinen Zweifel, daß die heutigen Stadtleitungen aller deutschen Gemeinwesen heute von dem gleichen Geist beseelt sind. Wenn dazu diese wenigen Zeilen an" Ermunterung ho'ch einiges beitragen sollten, so haben sie ihren Zweck voll erfüllt. Dr, Hermann Pünder, Staatssekretär, a. D. Am 5. Januar gab der Leiter des Kulturdezernates des Landesverbandes Jüdischer Gemeinden der Nordrhein-Provinz, Chaim Rozyne,einen Bericht über den in Basel stattgefundenen Weltkongreß vor der Jüdischen Gemeinde in Köln. Er wiederholte diesen Bericht am 12. Januar in Düsseldbrf. In Köln wurde der Vorsitz von Moritz Goldschmidt geführt, während in Düsseldorf Henryk Ingster die .einleitenden Worte sprach. Im wesentlichen führte Rozyne' aus: Vor Beginn der Tagung gab es nur wenige Teilnehmer; die nicht skeptisch waren, in der Frage, ob.es dem Kongreß gelingen möge, auf alle Probleme und Fragen des Jüdischen Volkes einzügehen. Die Einigkeit der- Kongreßteilnehmer, die sich'"bald nach der Eröffnung schon zeigte, gab den Skeptikern unrecht. Es war ein erhebender Augenblick, so sagte Rozyne, als 2000 Menschen .. aus allen Teilen der Erde, stehend, mit großem Applaus den jüdischen Staatsmann Weizm a n n und die Exe.cutivmitglieder begrüßten. Jeder Jude, ob Zionist-oder nicht, muß die größte Hochachtung vor dem -Manne haben, der sein Leben der Idee des jüdischen Volkes gewidmet hat. Das, was -dieser Staatsmann spricht, ist getragen' von einer großen Verantwortung. Wenn man Juden aus Polen sprechen hörte, dann hörte man die Wehr-ufe des jüdischen Volkes und wenn unsere Menschen aus Palästina gesprochen haben, dann forderten sie. , ■ s , ■ , Die Vertreter der amerikanischen Juden, und es leben dort 5 Milionen, vertraten mit einer besonderen Schärfe die. extreme Richtung der Zionisten. Sie stellen sieh gegen Weizmann, weil Weizmann heute wohl erklärt, daß Palästina als Judenstaat, betrachtet werden müsse, daß aber der Kampf um Palästina so geführt werden soll, wie-er bisher geführt wurde. Sie traten gegen Weizmann auf, weil er sich gegen den Terror wendet. Die Juden aus Palästina setzen sich für alle lebenden Juden der Welt ein, so als hätten sie das Schicksal der europäischen Juden miterlebt. Diese palästinensischen Juden haben keine Angst vor dem Tod. Sie erklären, daß sie keine Verhandlungen mit Menschen führen können, die vertragsbrüchig geworden sind. — Und als die Frage der illegalen Ein-; Wanderung und des' Terrors erneutbehandelt wurde, antwortete Weizmann: „Wir haben 6 Millionen Menschen verloren, denen können wir nicht mehr helfen, aber diese 6 Millionen fordern von uns eines: Wir sollen Fehler nicht wiederholen, damit sich dieses jüdische Schicksal der verflossenen Jahre nicht wiederholen kann. Wir haben gesehen, wie notwendig ein nationales Heim ist und hätten wir es gehabt, dann wäre nicht das passiert, was wir hinter - ims haben.” Weizmann berichtete von seinen Verhandlungen in England, in denen man ihm immer wieder erklärt habe,, daß unmög-' lieh mehr Juden in Palästina auf genommen werden können, weil dann die Araber protestieren würden. Weizmann hat dann Fühlung mit anderen Ländern genommen. Da er aber nicht als Repräsentant eines Landes kam, konnte er nicht fordern, Heute, so rief er aus, ist Gerechtigkeit das, was jedem Recht erscheint. Rozyne berichtete dann über die Diskussionen über die Balfour-Deklaration und über eine zweite Deklaration, die immer wieder gegeben' wurde, weil angeblich die Araber sich gegen die Einwanderung stemmen.' ' Es wurde gesagt: „Was nutzen uns Deklarationen, die nicht! eingehalten werden. Sie sind dasselbe, wie die Brotmarken, für die es kein Brot gibt.” ~ Er schilderte dann ausführlich die arabische Frage und erklärte, daß es heute sehon 7 unabhängige Staaten gibt, aber nicht einen einzigen Jüdischen. Wir Juden, so führte er aus, haben nur eine Forderung an ein Land — und das ist Palästina. Dieses Land haben die Juden bebaut. Wenn die Welt sagt, die Juden seien nicht produktiv, so müssen wir sagen, daß unsere jüdischen Kinder unter den schwersten Opferndem Land bebaut haben, das vorbildlich ist. Die Juden, haben den Lebensstandard der Araber um 100 Prozent erhöht. Araber, die mit Juden Zusammenarbeiten, fühlen sich dort viel wohler, als bei den Arabern. Die Araber wollen mit den Juden arbeiten. .. Es wurde ein Vorschlag gemacht, wonach freie Einwanderung für Palästina, Juden und Arabern gegeben werden soll. Araber sollen genau so das Recht haben, Boden zu besitzen, wie Juden. Rechte und. Pflichten sollen'für beide gleich sein.' Aber besonders interessierte Ausländische Zeitungen haben die-Araber gegen die Juden auf gehetzt. Rozyne erzählte dann, wie über die Schwierigkeiten der Verhandlungen der letzten 15 Jahre gesprochen worden sei, wie man immer wieder betonte, daß man mit Menschen, die ihr Wort gebrochen haben, nicht mehr verhandeln kann und andere- Wege finden muß, um das Recht zu finden. Wir Juden, so wurde gesagt, sind geistig und physisch reif genüg, um ein Land zu verwalten. " Rozyne schilderte dann die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, -von denen gesprochen wurde. Die Juden haben Fabriken gegründet und als diese begannen leistungsfähig zu werden, hat England von Japan Ware: Stoffe, iHemden usw. importiert, die zollfrei hereingelassen wurden, damit ihre Preise unter denen der selbst hergestellten Waren lagen. Als sich Schwierigkeiten wegen der jüdischen Einwanderung ergaben, da haben die Juden ein Gericht angerufen, 'kein jüdi-' sches Gericht, ein "Gericht, das sieh aus Engländern und Amerikanern zusammensetzte. Und es beschloß, . daß im Jahre 1946 100 000 Juden einwandern sollten. Aber mit der Ausführung Wurde und Wird gezögert und vor diesem Zögern haben die Juden Angst. Das Zögern hat vielen Menschen das Leben gekostet. Aus .Ungarn sollten seinerzeit viele Juden nach Palästina kornmen, da man aber zögerte, kamen sie nach Auschwitz. Die Juden aus Amerika erklären, daß Palästina den Juden gehören müsse, damit der Jude in der ganzen^ Welt weiß, wo er hingehört und ein Gefühl der Sicherheit bekommt. Trotz aller Anstrengungen *der Extremen beschloß der Kongreß die Resolution: „Terror ist keine. Lösung der Palästinafrage.” , Viele Teilnehmer verlangten Verständnis für die Terrorakte, die Akte' der Verzweiflung seien. ' - Rozyne berichtete dann, daß amerikanische Juden die Erklärung abgegeben haben, daß sie\ fähig und bereit*'seien, das jüdische Land materiell so zu unterstützen, so daß es sich selbst tragen könnte. Rozyne erzählte dann von der politischen Arbeit Palästinas, über die Golda Me i e r s-oh n berichtete. Wir sind leider nicht in 4er Lage, eingehend auf diese interessanten Ausführungen einzugehen, weil uns nicht genügend Platz zur Verfügung steht, wir hoffen aber, daß es Rozyne gelingen wird, sein Versprechenwahr zu machen, wonach er einen ausführlichen schriftlichen Bericht über, alle Fragen, be-‘