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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1947-01-06 · 19 (6.1.1947) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
19 (6.1.1947)
Date
1947-01-06
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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KULTUR____ I ...in ) .. i- " , ■ I Richard May:! JÜDISCHER ANTEIL AN DER DEUTSCHEN KULTUR HEINRICH HEINE Seltsamer Widerspruch: zu den Lieblingsdichtem des Staatskanzlers Fürst Metternich gehörte derselbe Heine,, den er als Beherrscher des Deutschen Bundes verboten hatte. Gern las er in einem vertrauten Kreise, aus seinen Schriften vor. Wies man ihn aber darauf hin, so entgegnete er mit feinem Lächeln: nur Kenfxar dürften sie gehießen, in den Massen wirkten sie wie Gift! Ganz ähnlich erging es Gustav Röthe, der vor dem Weltkriege an der Berliner Universität Germanistik lehrte. In einem- Kolleg zerpflückte er unbarmherzig das dichterische Schaffen Heines und unterbrach sich selbst: „Ach was, er ist doch ein Kerl gewesen!” Und noch ein drittes Beispei für die zwiespältige Einstellung dem Verfemten gegenüber: bei der Beschlagnahme von' Büchereien in nationalsozialistischen Wohnungen wurde Schiller immer, Kleist und Hebbel selten, aber sehr häufig He'ine gefunden, obwohl' er doch im Dritten Reich geächtet war. Und genau so zwiespältig1 wie seine Leser ist er selbst gewesen. Mit einem Modewort aus seiner Zeit kann man ihn auch als „zerrissen” bezeichnen, ein Ausdruck, den man genau so auf Grabbj und Gutzkow angewandt hat. Auch seinen Weltschmerz, den Lord Byron in die Weltliteratur eingeführt hat, teilt er mit vielen Zeitgenossen, vor allem Nikolaus Lenau. Aber etwas unterscheidet Heine von allen geistig Verwandten. Sein Zwiespalt trägt ganz bestimmbare Züge. Er leidet unter zwei Problemen, mit denen er nie fertig werden konnte. Das eine hieß Deutschland, das andere Judentum. Heine hat Deutschland ehrlich geliebt, und doch versuchte ’er es, sich äußerlich und Innerlich von ihm zu trennen. Oft schalt er es, goß die Schale seines Ingrimms über das deutsche .Volk aus, aber unter Hohn und Spott schlugen seine wirklichen Gefühle. hervor.. Es ist keine Phrase, wenn er ein Gedieht beginnt: * Denk ich an Deutschland in der Nacht,/ . Dann bin ich um den Schlaf gebracht. Noch stärker tritt uns seine Zerrissenheit in seinem Verhältnis zum Judentum entgegen. Der : geschäftstüchtige Onkel Salomon Heine in Hamburg verwies ihn auf die Taufe, damit er sich um eine amtliche Stellung bewerben könnte, die ihm als Juden versagt blieb. Die finanzielle Abhängigkeit von dem Millionär wurde dem Neffen zum Schicksal. Heine beschritt den Weg, doch gelängte er nicht an das gewünschte Ziel. Er hat es später als Selbstverleugnung und Unwahrhaftigkeit empfunden. Niemals zerschnitt er das Band, das ihn mit der Vergangenheit verknüpfte.' Längst war er Christ geworden, als er den „Rabbi von Baeharach” schrieb, diese ergreifendste . Darstellung mittelalterlicher Verfolgung, und das Begleitgedicht. Wenige Juden, die ihrem Glauben die Treue bewahrten, haben so leidenschaftlich von Judennot und Judenleid, gesungen. Die „Hebräischen ..Melodien” sind Ausdruck tiefster Verbundenheit mit den Erinnerungen, die' er ja unauslöschlich in sich trug, und die er aus Zwang gestalten mußte. Er hat sich oft über das Judentum verletzend geäußert, so in dem Gedicht „Das israelitische Hospital zu Hamburg”, wo er es die aus dem Niltal mitgeschleppte Plage nennt, er hat Bemerkungen gemacht,‘die der Antisemitismus nur aufzugreifen brauchte, über dann stoßen wir wieder auf Sätze, die rtur als Zeugnis'heimlicher Liebe zu erklären sind, so, wenn er sagt, man würde die Juden über die Griechen und •Römer stellen, wenn sie ausgestorben wären: „Jetzt aber weicht man uns aus”. Unsere Fehler hat er nicht gestreichelt, unsere Vorzüge auch nicht verkannt. , Auch in der Religion hat er keine klare Stellung gewinnen können. “Erst in seiner Pariser Matratzengruft, in der er die letzten acht Lebensjahre, von einer grausamen Krankheit erbarmungslos zermürbt, zubringen mußte, hat er seinen Frieden mit G-ott geschlossen. Nicht ohne Selbstverspottung. Bis dahin lästert er in einer Weise, die selbst den Freigeist änwidern mußte. Heinrich Heine ist eben eine tragische Natur. Das darf man nie verkennen. Man soll sich deshalb auch nicht von ihm selber täuschen lassen, ein Schicksal, dem viele seiner Kritiker erlegen sind- Er. ist eben' nicht nur der jjUngezogene Liebling der Musen”, sondern auch der „Poet mit der lachenden Träne im Wappen”. Er hat mit sich gerungen, ohne einen Halt«zu ^finden, und er bat seinen Abfall von der Väter Glauben als Entwurzelung empfunden. Es ist nicht nötig, Heines Charakter gegen jeden Angriff zu verteidigen, schon weil es gar nicht möglich ist. Mit jener Unerbittlichkeit, die er gegen, sich genau so wie gegen andere bekundete, hat er das gelegentlich zugegeben. Sein Verhalten gegen die väterliche Familie ist alles andere als erfreulich. Und doch gibt es in der ganzen deutschen Literatur kaum ein so inniges Gedicht wie das Sonett an seine Mutter: „Was da in Deinem Aug’ geschwommen, Das war die süße, langersehnte Liebe.’’ Eines sollten die Splitterrichter gelten lassen, er war aufrichtig gegen sich, bisweilen -ging er sogar darin zu weit. Geheuchelt hat er nie, und nie sich besser gemacht, als er war. Sein Bild verliert nicht wie etwa das Hebbels oder gar Richard Wagners, wenn man ihre Briefe oder andere Zeugnisse ihres Lebens liest. Wilhelm Scherer,- der' eigentliche Gründer unserer Literaturforschung, hat Heine vorgeworfen, daß er nie, aus fremden Rollen heraus gedichtet hätte. Die Tatsache an sich ist richtig, der Schluß falsch. Lyrik ist die persönlichste Form, in der ein Dichter sich, ausspricht, Deshalb liegt sie Heine. Was aber aus der Kostümierung herauskommt, die er verschmähte, sehen wir mit geringem Wohlgefallen* etwa an Rückert oder Bodenstedt., Nur Goethe vermochte* sie in „Westöstlichen Diwan” zu meistern. Und noch ein zweiter Vorwurf Scherers verdient Erwähnung, weil er bei vielen seiner Schüler wiederkehrt. Abfällig bemerkt er, daß Heine allmählich, aus dem Dichter zum Journalisten wurde. Es ist bedauerlich, denn was er für den Tag schuf, ist auch mit dem Tag verweht, während seine Poesie schon ein Jahrhundert überdauert hat. , Und doch ist es begreiflich, denn Heine hat, wie wenige, seine Zeit mit immer wachem Sinn erlebt. Wie das ganze „Jünge Deutschland” fühlt er sich als Politiker und Revolutionär, zum Kampf verpflichtet, aber er überragt sie alle. Und wenn von irgendeinem, gilt von ihm das Wort, daß der Dichter Prophet ist. Wie dringend hat er vor, der Gefahr gewarnt, daß' die Deutschen einmal in das Heidentum zurückfallen und dann zu Wilden werden würden. Wir haben es erlebt!. Als Dramatiker hat Heine wie Uhland oder Keller restlos versagt. Dazu ist er nicht straff genug gewesen, aber als Lyriker steht er neben Goethe volkstümlicher als Möricke und selbst als Eichendorff. Auch dem Nationalsozialismus ist es nicht gelungen, ihn abzuwürgen. Seine „Loreley”, „Belsazar”,« „Die beiden Grenadiere” und all die von Schumann vertonten Lieder zählen zu den besten, die in ^Deutschland hervorgebracht worden' sind. Er hah ungezählte Nachahmer gefunden, keinen ebenbürtigen Nachfolger. Sein Einfluß auf die Lyrik ist auch heute noch ungebrochen. Nicht minder wichtig ist seine Prosa. Stets ist sie kristallklar, oft schwungvoll und von innerer Leidenschaft durchglüht, auch wenn sie scheinbar von Spottsucht, überwuchert wird. Es genügt, um . seinen Stil zu würdigen, etwa das Buch „Le. Grand” aufzuschlagen. Man hat ihm seine Verherrlichung Napoleons, die gerade hier besonders sinnfällig in Erscheinung - tritt, schwer verargt. Wir findeji sie auch beim Freiherrn von Zedlitz, bei Görres und in Hauffs „Bild des Kaisers”, sogar, i% Aussprüchen Goethes. Vor allem aber darf man nicht vergessen, daß er in Düsseldorf geboren wurde, am heutigen 13. Dezember vor 149 Jahren, der Hauptstadt des von Napoleon neugeschaffenen Herzogtums Berg, in dem die Gedanken der . französischen Revolution verwirklicht und die Mauern des, Ghettos niedergerissen wurden. Ein Anhänger der deutsch-französischen Verständigung blieb er 'bis zu seinem Tode, der 1Ö56 erfolgte, denn :in der Aussöhnung der beiden Völker sah er das einzige Bollwerk gegen reaktionäre Bedrohung von. innen und außen her. „Pflanzt dieschwarz-rot-goldene Standarte auf die Höhe des freien Menschentums, und ich will mein bestes Herzblut für sie vergießen!” Heinrich Heine ist" stärker gewesen als seine Feinde insgesamt. Es. bedurfte nicht der nach ihm benannten Straßen und der wiedererrichteten Denkmäler. Er triumphiert auch ohne sie, einfach, deshalb, weil er aus dem. deutschen Geistesleben nicht fortzudenken ist.

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