Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 19 (6.1.1947)
- Date
- 1947-01-06
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
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Manchester Guardian Weekly” vom 27. 9. 1946 schreibt der Warschauer Korrespondent des Blattes: „Doch die Juden fühlen sich nicht sicher. Außerhalb des jüdischen Gemeindehauses und der Synagoge in Rychbach sah ich bewaffnete Juden ständig auf Wache. Ebenso ist es in anderen Städten . . . Ein jüdischer Arzt mit einer guten. Stadtpraxis sagte mir, er wandere aus, weil er sich vor dem Besuch eines Patie'nten außerhalb der Stadt fürchten müsse aus Besorgnis, angegriffen zu werden, und weil sein Kind in der Schule allen Arten von Angriffen und Beleidigungen durch seine nicht jüdischen Schulkameraden ausgösetzt sei.” Ein jüdischer Kaufmann arbeitete unter einem nicht-jüdischen Namen aus Furcht vor Boykott. „Ein jüdischer Bauer in Piotrelesie (Niederschlesien) zeigte auf meine Frage, warum er einen so feinen, modernen Bauernhof verlassen wollte, auf seine Frau. Sie hatte nur einen Arm. Den andern verlor sie vor kurzem, nachdem sie von Terroristen während der Autobusfahrt yon Lodz attackiert und angeschossen war.’’ Der Schweizer Peter -Schmid, ein neutraler Augenzeuge, schildert das Pogrom von Kielce (in der Züricher „Weltwoehe”, Nr. 667). „Ich glaube, in Kielce ist der Teufel zu Hause. So viel Finsternis in den Augen sah ich noch nie, wie, als ich dort auf der Straße spazierte: alles bitter verschlossene Gesichter, braun wie ausgedorrte Erde, umwölkt von allen Geistern obskuren Aberglaubens. Das Pogrom war grausig, infernalischer selbst als die komfortablen Schlächtereien der SS: ein Knabe war verschwunden — selbstverständlich durch Ritualmord. 70 Juden wurden von einem heulenden Mob auf einem Platz zusammengetrieben, gesteinigt; mit Händen zerrissen und mit Füßen zu Tode getrampelt; Kinder, Greise und schwangere Frauen waren unter den Opfern. Nachher kam — welch ein Wunder — das verschwundene Knäblein wieder zum Vorschein. Die Regierung tat ihr bestes. Es wurde ein großer Prozeß veranstaltet. Im ganzen Land verkündeten Plakate die Todesurteile, welche über die Schuldigen verhängt wurden. Die Gelegenheit war günstig, einmal vor aller Welt die Gefährlichkeit der reaktionären Kräfte in Polen zu demonstrieren und die außergewöhnlichen Maßnahmen des kommunistischen Sicherheitsministeriums zur Aufrechterhaltung der Ordnung zu legitimieren. Ja, diesmal sollten ungewollt sogar amerikanische Journalisten zum Verbündeten des von ihnen sonst so wenig geliebten Regimes werden, indem sie ein Interview des Kardinals Hlond zu einer Billigung dieser Ausschreitungen entstellten und damit vor aller Welt den reaktionären Charakter der polnischen Geistlichkeit enthüllten. Als der Kardinal in der Presse eine berichtigende Erklärung versuchte, wurde sie von der Zensur zur Bedeutungslosigkeit zusammengestrichen .... Dabei war dieses Pogrom nur ein einmaliger Bergsturz in einem ständigen Abbröckelungsprozeß . . . Jede Nacht verschwinden in Polen drei bis vier Juden, nicht nur kleine Handwerker, sondern auch Aerzte und Rechtsanwälte. Begreiflich, daß den übrigen der Boden unter den Füßen brennt, daß sie dieses . . . Land so schnell wie möglich zu verlassen wünschen, durch Deutschland - nach Italien und Palästina . . . Viele Juden, welche die ganze Auswegslosigkeit des palästinensischen Problems einsehen, sind auch gerne bereit, auf jedes zionistische Heimweh zu verzichten und sich in Schweden oder sonstwo anzusiedeln. Sie sind auch die einzigen Menschen in Polen, die ohne Schwierigkeiten Pässe bekommen. Nur weg! Die Leute sind auf eine Art eingeschüchtert, die wirklich mitleiderregend ist . . .” Nach Peter Schmids tatsachenreicher, leidenschaftsloser Darstellung der Lage in Polen (die eine Weltsensation bedeutet hat)* wird dreierlei klar: wie stark der Einfluß der „Nationaldemokraten” oder jedenfalls des polnischen Faschismus laut T^ss-Meldung vom 3. 10. 46 mit seinen Or-, ganisationen WIN (Wolnocz i Niepodlegeocz) und NSZ (Narodow Sily Zbroine), die bewaffnete Freikorps t unterhalten und reguläre Bandenkriege führen, noch immer oder schon wieder ist; warum der, Doktor Bernstein die Situation seiner Glaubensgenossen in Polen für unhaltbar ansehen mußte, und mit welchem moralischen Recht das Berliner jüdische Blatt „Der Weg” die kühnen Worte prägen durfte: „Wir glauben, daß Polen solange kein Recht hat, über Kriegsverbrecher, die sich gegen das Land vergangen haben, zu richten,‘solange nicht die Kriegsverbrecher’ in seinen eigenen Reihen . . . vernichtet sind.” Das Polen von morgen also will ohne Juden und ohne Deutsche sein — „Polen ohne Minderheiten”, wie die nach Goebbels’schem Muster unablässig vorgepaukte faschistische Parole lautet. Wird es noch — Polen sein . . .? (Deutsche Rundschau, Berlin). Jüdische Schicksale Von jüdischen Erlebnissen im Dritten Reich berichtet das im Auf bau-Verlag, Berlin, erschienene Werk „Aus der Tiefe rufe ich” von Cläre M. Jung. , . Auf 150 Seiten ist verzeichnet, wie den jüdischen Menschen nach und nach jedes, auch das geringste Recht aberkannt wurde, bis selbst die Luft, die sie atmeten, zuviel war und man sie in die Gaskammern und anderen Todeshöhlen schleppte. Ein Teilausschnitt dieses zwölfjährigen Elend# wird hier in seinem ganzen Grauen und seiner ganzen Trostlosigkeit wieder wach, das diejenigen, die es unmittelbar oder mittelbar durchlitten, ihr Leben lang nicht vergessen können. Allerdings erkennt die Autorin, ohne daß sie sich dessen bewußt wird, auf ihre Weise die nationalsozialistische Rassentheorie ar. Sie spricht von der Andersartigkeit des jüdischen Volkes vom Sichwehren gegen die Zugehörigkeit zu dieser Rasse”, was die Existenz dieses Rassebegriff.es einschließt, und sie erzählt ausschließlich von solchen jüdischen Familien, die wohlhabend oder sehr reich waren. Dies wird fast zu einer Unterstreichung der Nazibehauptung, daß die Juden alle Macht und alles Geld an sich rissen. Nach der Schilderung wären die Menschen in Deutschland, die der jüdischen Religion angehörten, schon vor dem Nationalsozialismus ein Fremdkörper gewesen. Gerade hierdurch bietet Cläre Jung aber den Unverbesserlichen wieder Stoff für neuaufflackernden Antisemitismus, und wir sind uns darüber klar, daß es in Deutschland noch sehr viele Unverbesserliche, vom Gift der Nazi-Ideen Infizierte gibt. Der Antisemitismus ist ein Grundübel, das auch 1946 noch nicht gestorben ist. Gerade jüngen Menschen soll daher heute nicht von der „Fremdheit” der Juden gesprochen werden, sondern von den Menschen und davon, was von Menschen den Menschen an Grausamkeit und Leid zugefügt wurde, und das, wenn auch nur in geringem Maße, wieder gutzumachen ist. Elisabeth Birchardt. Jüdische Auswanderung aus Deutschland und Oesterreich München. (NZ.) Die amerikanische Auswanderungshilfeorganisation HIAS (Hebrew immigrani Aid Society) hat Jhre Hauptstelle für Deutschland und Oesterreich kürzlich'von Frankfurt nach Müncüen verlegt und aus diesem Anlaß unter dem Vorsitz Direktor Abe Großmanns am 14. und 15. Dezember in München eine Tagung abgehalten. Der HIAS- Delegierte. für die westlichen Zonen wies auf die Ungerechtigkeit hin, die darin besteht, daß bisher, nur den in der amerikanischen Zone Deutschlands und Oesterreichs wohnenden Juden die Möglichkeit geboten ist, nach den Vereinigten Staaten auszuwandern. Irrfolge von Transportschwierigkeiten ergeben sich auch hier manchmal große Verzögerungen. Derzeit befinden sich in einem Sammellager in Bremen 1200 jüdische Auswanderer, die schon längere Zeit auf ihre Verschiffung warten. Nunmehr sind vom Staatsdepartement in Washington drei Schiffe zugesichert worden. ■ Die jüdische Bevölkerung in Palästina nahm seit Beginn des Krieges um 150 000 Personen zu; gegenwärtig befinden sich insgesamt 630 000 Juden in Palästina. HOFBLUMENHAUS Jerons; tJ'9° Ruf: 22364 u. 22384 Dü s s e 1 d o r f, G r af-Ad olf-S traß e 9 Q)rosfo i emälde aller und neuer Meisler .DÜSSELDORF Königsallee (Ecite Bahnslr.) Telefon 23487