Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 19 (6.1.1947)
- Date
- 1947-01-06
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
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Poiomus: j)je letzten Juden in Polen Wehe aber dir, du Verstörer! Meinest du, du werdest nicht verstöret werden? Und du Verächter! Meinest du, man werde dich nicht verachten? Jesaias 33,4. Hätte jemand,' der durch eigenen Augenschein oder die überlieferten Dokumente die Folterkammern, Brennöfen, Gasbaracken von Maidanek und Auschwitz schaudernd erlebt hat, es für möglich gehalten, daß dieser 'wahnsinnige Dämonenspuk menschlicher Entartung jemals wiederkehren könnte? Man glaubte, dies jedenfalls sei als der Gipfelpunkt einer durch Kriegsschläge wankenden und darum zehnfach rasenden Barbarei ein für allemal vorbei. Millionen Opfer eines Fanatismus der Unterwelt, darunter die prozentual meisten — Juden, Ostjuden vornehfnlich, die durch Krieg und Armut gehindert, keine Möglichket zu Auswanderung oder Flucht mehr fanden. Von 3,2 Millionen polnischer Juden haben den Tag der deutschen Kapitulation 80 000 (also 2,5 Prozent) in ihrem Land erlebt — die blonden stämmigen vor anderen, die als „arisch” im polnischen Proletariat versinken konnten; die „Höhlenmenschen1* (wie sie sich-selber nannten), die volle sechs Jahre in . Kellern, Grubenschächten, .Erdlöchern -unterirdisch hausten; die „Ueberzähligen”, welche das schauderhafte Abzählspiel der Todeskandidaten in den Lagern immer wieder überstanden; endlich die „Ganoven”, als Lieblingskinder der Gestapo — Angeber, Schieber, Fälscher . . . Inzwischen 'sind . die arisch-getarnten „Fremdarbeiter” aus Deutschland und die nach der Sowjetunion Geflüchteten oder Verschleppten nach Polen zurückgekehrt, so daß im ganzen 200 Ö00 Juden als polnische Staatsbürger (rund 5,2 Prozent des Vorkriegsstandes) anzusprechen sind. In Polen selbst , oder in den von Polen verwalteten ostdeutschen Gebieten freilich leben augenblicklich nur noch 150 000 Juden, und auch diese haben — wie eine Rundfrage unter ihnen ergeben hat — beinahe alle vor,. die Rzeczpospolita Polskä So rasch wie möglich zu. verlassen. 50 000 sind ihnen bereits legal oder illegal vorangegangen. Der Berater für jüdische Fragen bei dem amerikanischen Oberkommando in Frankfurt a. M., ' Rabbiner Dr. Bernstein, vermochte nach einer Studienreise durch Polen Seiner Behörde keine tröstlichere Nachricht zu überbringen als diese. Das „Judenland” Polen - (das 1939 fünfmal so viel Juden wie Palästina zählte),, wird demnächst ohne Juden sein. Es ist ein Phänomen der neueren europäischen Geschichte, das (wie übrigens manche andere neuere Wirklichkeit) unsere Väter für Phantasterei gehalten hätten. Und welches sind seine Gründe? Um es bis in die Tiefe hinein zu begreifen, müssen Geschichte und Seelenkunde des polnischen Volkes herangezogen werden. Das alte Polen war ein Land der Adligen und der Bauern. Später kam in den wenigen Industriezentren das Proletariat dazu — die überzähligen Kätnerjungen, die vordem als „Sachsengänger” nach Ostdeutschland gezogen waren. Ein polnisches. Bürgertum gab es zunächst nicht. Wer aber betrieb den Handel und die Gewerbe? Die Städte Wuchsen doch im Gleichmaß der europäischen Entwicklung mit. Die Juden und — Verzeihung ob der historischen Wahrheit! — die Deutschen. Und. diese wären, als sich gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts endlich ein polnisches Bürgertum geformt hatte, plötzlich das ' Ziel eines langsam wachsenden Hasses. Der Deutsche war der Vertreter einer ursprünglich in Polen geachteten' Nation; der Jude mit der gesonderten Religion, Sprache, Presse, Wohnung wurde ebenfalls als (freilich wenig geachtete) Nation empfunden. Beide wurden von den jungen bürgerlichen Schichten als gefährliche Konkurrenten angesehen und schließlich durch die Nationaldemokraten als „Fremdlinge” programmatisch angeprangert. Antigermanismus und Antisemitismus waren die zügigsten Parolen der damals neuen und bald führenden polnischen Städterpartei. Die Mischung wird manchem grotesk erscheinen, der den Antisemitismus, für eine germanische Erfindung hält. Tatsächlich wankte das Programm der Nationaldemokraten zum ersten Male, als Hitler/auf dem Plan der Macht erschien. Hatten sie im Zuge eines romantischen „Panslavismus” . die überlieferte Freundschaft zu Rußland auch dann noch aufrechtzuerhalten versucht, als das Polen gegenüber gleichgültige Zarenreich dureh die Sowjetunion abgelöst wurde, die zunächst jede Form von Chauvinismus auf das wütendste bekämpfte. Hitler erschütterte das Programm der - polnischen Bürgerpartei. Ihre Presse billigte plötzlich seine Judenpolitik, ohne darum allerdings den programmatischen Antigermanismus aufzugeben. Immerhin wurden die Töne Deutschland gegenüber sanfter und schärfer gegen die Sowjetunion. Von der großen »Welle des europäischen Faschismus wollte auch Polen vorangetragen werden — zu welchem Ziel? Die Nationaldemokraten verhielten sich wie Börsenspekulanten, die sich in zwei einander widerstrebenden Geschäften gleichzeitig „engagieren”: Hitler als Festlandsdegen wider Rußland und Bändiger der Juden; England als der Garant für morgen, wenn es danach gegen Hitler gehen sollte. Die Rechnung hätte den großen nätionaldemokratischen Traum erfüllt — Bolschewiki und Juden u n d Deutsche geschlagen — Wielki Polski (Großpölen) . .. . Selbst die schönsten Träume scheitern irgend einmal an der Wirklichkeit. Das dürften die Nationaldemokraten nach der Katastrophe Polens und ihrer eigenen vollkommenen Zertrümmerung als Partei inzwischen eingesehen haben. Doch ihre Zweideutigkeit entbindet sie. von der moralischen Mitschuld an Hitlers, Judenschlächtereien nicht. Sie kämpften als Patrioten illegal gegen die Bedrücker; den bedrückten jüdischen Mitbürgern aber halfen sie nicht. (Anders verhielten sich die polnischen Bauern und Arbeiter). Im Gegenteil, sie freuten sich kalten Herzens ob der Mörder, die damit'den Ruf des verhaßten Deutschland ruinierten, und der stetig wachsenden Zahl der ebenso verhaßten Opfer. Wahrhaftig, es war das Pandaimonion dieses von den Daimonen bevorzugten Krieges! Seit 1945 werden die Geschicke des polnischen Volkes von einer. Gruppe gelenkt, die — von wenigen' Ausnahmen wie Mikolajczyk abgesehen =— aus den marxistischen Arbeiterparteien P.P.R. und P.P.S. stammen und grundsätzlich, natürlich keine Antisemiten sind. Ja, entscheidende Persönlichkeiten dieser provisorischen Regierung, z. B. der Industrieminister Mine, der besonders einflußreiche Staatssekretär Bermann und mehrere Abteilungschefs sind selber Juden. Daß es zu schweren Ausschreitungen gegen die Deutschen in Polen gekommen ist, die viele Todesopfer und Milliardenv.erluste zur Folge hatten —• es ist nach dem verlorenen Krfeg, den vorangegangeneh Verbrechen der Hitleristen urid der radikalen Einstellung des Regimes verständlich. Doch wieso Ausschreitungen gegen die Juden — reguläre Pogrome, die das Blutwerk Himmlers auf das grausigste vollenden? In „The Spectatör” "voni 27. 9. 1946 schreibt ein Spezialkorrespondeht in dem Aufsatz „Berlin to Moscow” über seine Begegnung mit aus Polen zu Tausenden auswandemden Juden an der tschechisch-polnischen Grenze: „Wenn ich sie fragte, warum sie wieder weiterwandern wollten (sie waren aus der Sowjet-Union nach Polen gekommen), sprachen sie vom Kielcer Pogrom und von der zweideutigen Erklärung des Kardinals Hlond zu dem Pogrom und von andern Anzeichen für den polnischen Antisemitismus. Aber wenn man weiterforschte, fknd man oft eine tiefe Sehnsucht, deri Kontinent zu verlassen, in dem Millionen ihrer Glaubensbrüder gemordet worden waren.*’ Und in „The Ehrenmal in Warburg In Warburg ist mit Hilfe der Warburger Gemeinde, unter starker Mitwirkung des Vorstandsmitgliedes,' Herrn Dipl.- Ing. Balsam auf dem dortigen Jüdischen Friedhof ein Ehrenmal errichtet worden. Das Ehrendenkmäl ist aus zerstörten Grabsteinen des jüdischen Friedhofes zusammengestellt. Von den Grabsteinen, welche böswillige Nazihände zerstörten, sind 400 zur Verwendung stehende Bruchteile' herausgesucht und ein interessantes historisches Monument , gesetzt worden. Wie die Jüdische Gemeinde in Warburg mitteilte, sollen noch zwei weitere Denkmäler in Rimbeck aufgestellt werden. Die Enthüllung des Denkmals wird erst dann stattfinden, wenn die Synagoge instandgesetzt ist. •Sehr schön ist das kleine Fotoalbum über das Denkmal, herausgegeben durch die Jüdische Gemeinde in Warburg. Wir sehen dort das Denkmal’von verschiedenen Seiten, welches uns hunderte von Steinen mit den verschiedensten Anschriften zeigt. Ein Kulturschandfleck für die Schuldigen, und für uns ein unvergeßliches Gedenken unserer verstorbenen Brüder und Schwestern. R.