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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1947-01-06 · 19 (6.1.1947) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
19 (6.1.1947)
Date
1947-01-06
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Vergessenheit zu breiten über die Millionen von Toten der Gas- und Folterkammern, über die Geisel-Erschießungen, über die unglücklichen Opfer der Konzentrationslager, der Zuchthäuser und Gestapo-Gefängnisse des nationalsozialistischen Systems. Vom Winde der Zeit verweht sind die Klagen um die Ermordeten, schamlos wendet sich das öffentliche Mitleid bereits den Mördern zu. Die Opfer des Nationalsozialismus, die gezwungen wurden, in der Welt eine neue Heimat zu suchen, um dem sicheren Tode zu entgehen, werden beneidet und geschmäht. Von Schuld und Sühne ist kaum noch die Rede, dafür um sö mehr von ausschweifenden Hoffnungen auf neuen Krieg, auf Rache-und Mord. Gäbe es nicht noch hie und da einen Gerechten, man müßte an Gott und der Welt verzweifeln, man müßte die Hoffnung auf eine bessere Zukunft der Menschheit begraben.” Als dann Dr. Hoegner sagte: „Die Gerechtigkeit verlangt, nicht, daß neue Wunden geschlagen Werden. Sie heischt aber gebieterisch, daß begangenes Unrecht nach Kräften, wieder gutgemacht wird”, erhielt er einen großen Applaus. Es sprachen dann nacheinander die, Regierungsvertreter der verschiedenen Zonen. Wir sind leider nicht in der Lage, alle diese Ansprachen wiederzugeben. Vor allem wurde aber der ernste Wille einer bafdigen Wiedergutmachung betont und jeder der Redner wies auf die Vorbildlichkeit der begonnenen Wiedergutmachungsarbeit in Bayern hin. Dr. Weiß, der Legal-Adviser der Jewish Relief Unit, Eilshausen, führte aus: Ich spreche zu Ihnen als Jurist, ich/spreche zu Ihnen als Jude, ich spreche zu Ihnen aber nicht namens der Juden. Ich habe dazu keine Legitimation. Ich glaube etwas sagen zu dürfen und zu sollen, was ihre volle Üebereinstimmung finden wird, was auch Herr Landau gesagt hat, daß das 'wichtigste ist für Sie, aber‘eigentlich nicht für Sie, sondern für die, die nicht hier sind und für diejenigen, die nicht so wie Sie überzeugt sind,, daß Wiedergutmachung nicht nur eine Forderungder Geschädigten, sondern eine Pflicht des deutschen Volkes, des deutschen Staates oder sonst irgendeiner Gemeinschaft ist, welche heute noch diese Verpflich-, tung nicht erfüllt haben. Dr. Weiß wies auf die Zeit der Hugenottenverfolgung in Frankreich im Jahre 1.670 nach dem Edikt von Nantes hin und als dann 120 Jahre später, als niemand mehr von den Geschädigten am Leben war, die französische Nation zu einer Versammlung zusammentrat und. beschloß, ein Gesetz für die Wiedergutmachung zu machen, ohne Druck von außen, ohne Druck von den Beteiligten, sonderen aus innerer Ueberzeugung, daß das, was geschehen war, wieder gutgemacht werden muß und um den guten Namen des französischen Volkes wiederherzustellen. Daran sollte man denken, daß das französische Volk beschlossen hat wiedergutzumachen, ungeachtet aller Not und Gefahr, in der sich das Volk befand, ungeachtet aller politischen Notwendigkeit. ‘ \ Ich bin eki Jude. Man hat uns manchmal vorgeworfen, daß wir das Volk des rächenden Gottes sind, das steht irgendwo in der Bibel. Wir sind aber kein Rachevolk. Ich persönlich bin stolz darauf, daß wir es nicht sind. Dr. Weiß erzählte die Geschichte von Sodom und Gomorrha und sagte: „Ich bin stolz auf diese Geschichte, weil ein Jude aufgestanden ist und sagte, wir wollen nicht Rache, sondern Gerechtigkeit.” Für ihn sei das deutsche Volk jetzt erst an einer Probe. Wir wollen die.. Vergangenheit Vergangenheit sein lassen, aber wenn jetzt das deutsche Volk nicht den inneren Zwang finden würde, wiedergutzumachen, dann würden wir sagen müssen: „Es ist kein Gerechter im deutschen Volk gefunden worden.” Wir haben Forderungen und Unterstützung für diese Forderungen und ich hoffe, daß das deutsche Volk freiwillig ohne Drängen das uns Angetane wieder gutmacht, damit wir sagen können, „es gibt Gerechtigkeit in Deutschland.”. Die Ausführungen Dr. Weiß’ wurden verschiedentlich durch Applaus, unterbrochen. Als dann Staatskommissar Dr. Auerbach das Schlußwort ergriff, wurden ihm die größten Ovationen dargebracht. Man konnte ihm wahrscheinlich keine größere Geburtstagsfreude — denn sein Geburtstag fiel gerade auf diese Tagung — machen, als diese Anerkennung für die Erfolge seiner, von Beginn des Wiederaufbaues der jüdischen Institutionen ge-, leisteten. Arbeit, die sich widerspiegelte in dem .Erfolg dieser Tagung, die hoffentlich den Grundstein zu einer baldigen Wiedergutmachung gelegt hat und die darüber hinaus, so hoffen wir, auch dazu beigetragen hat, daß die Wiedergutmachungspflicht auch in die Kreise hineingetragen wurde, die sie bisher nicht erkannt haben. H. Ingster. W-üi atiiwoxteK unseren vCeietoi: David Herstein, Gelsenkirchen: Dank für Ihren Beitrag zum Thema: „Auswandern oder Hierbleiben’’. Sie haben recht, wenn Sie darüber Klage führen, daß trdtz aller, im Kriege von prominenten Persönlichkeiten der Alliierten gegebener Versprechungen, wonach nach dem Kriegsende vor allem den Juden geholfen werden muß, nichts, garnichts, geschehen ist. Unsere letzten Ausgaben dürften Ihnen bewiesen haben, daß wir - mit. dem Kampf für unser Recht begonnen haben. — Auch in der Frage der Auswanderung werden .wir bald aktiv werden. Wir bitten um ein klein wenig Geduld. Siegfried Löwenstein, Essen: Der Text Ihrer Ansprache am Schabbos-Chanukah, für den wir Ihnen danken, kam leider einen Tag nach Redaktionsschluß. Der von Ihnen gezogene Vergleich ist gut. Senden Sie uns doch ’mal Besprechungen von Wochenabschnitten. Willy Fackenheim, Hannover-Kleefeld, und viele andere: Vielen Dank für.: Ihre Komplimente. Wir geben uns Mühe in unserer Zeitung vielseitig zu werden, — wir sind aber weit davon entfernt, mit ihr zufrieden zu sein. Umsomehr freuen wir uns über Ihre Anerkennungen. Wenn wir auch zu der von Ihnen angeschnittenen Frage noch nicht so Stellung genommen haben, wie wir das gerne möchten, so bitten wir Sie, doch davon überzeugt zu sein, daß wir nicht untätig sind. Der Opfermut, den so viele Männer, besonders aber Frauen, deren Ehepartner Juden waren, aufgebracht haben, darf nicht und nie vergessen werden. Es ist betrübend, daß bis heute für diese Menschen, die sich auf die Seite der Juden gestellt haben, noch nichts geschehen ist, es ist beschämend, daß man im Augenblick wenigstens — kefne Möglichkeit gegeben ist, diese Dankespflicht ab^utragen. Der Wüle hierzu ist da und wir hoffen,, daß die Erfüllung Ihres Wunsches nicht mehr fern liegt. Dolly Müller, Düsseldorf: .Uns liegt eine Entscheidung des obersten Rabbinatsgerichtes, London, vor,wonach Uebertritte zum Judentum an Voraussetzungen geknüpft sind, .die im Augenblick in Deutschland nicht gegeben sind. Ihr Schicksal, Ihre Aufopferung für Ihre Mutter,'die Tragik, mit der Ihr Leben begleitet war, alles das sind uns Beweise, daß Sie aus voller, Ueberzeugung übertreten wollen. Beginnen Sie sich mit dem Ritus bekannt zu machen, das ist eine der ersten Voraussetzungen für den Uebertritt von Frauen — und warten: Sie — bis das wirklich jüdische Leben in Deutschland wieder Einzug gehalten hat. Wir haben begründete Hoffnung, daß das bald sein wird. Verschiedene Leser: Natürlich haben auch wir Kenntnis davon. erhalten, daß Dr. Schumacher in London seiner Verwunderung Ausdruck gab darüber, daß so wenig deutsche Juden sich zur Rückkehr nach Deutschland entschlossen haben. Wir glauben aber versichern zu können, daß dieser Aeußerung nur ehrliche Motive zu Grunde lagen. Wir haben Dr. Schumacher um ein Interview, gebetep und sind entschlossen, vor demselbeh keine Stellung zu seinen Aeußerungen zu nehmen. luuiuiiiiiiiiiiimiiiimmHmittiiiiimiiimimimiimiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiimiiiiiuimiiMiiiiiiiiiiuimiiniiiiiuiimirmiiniiiiiii Erklärung Herr Dr. Schapira, Braunschweig, bittet uns um Aufnahme nachstehender Erklärung: „Mein Artikel „Mischlinge” war nicht gegen die berechtigten Forderungen auf Wiedergutmachung seitens der nichtjüdischen Opfer der Rassengesetze, sondern ausschließlich gegen die sehr ofte Benützung der von diesen Rassengesetzen herrührenden Benennung: „Mischlinge, Jude I oder II. Grades” gerichtet. Dies wurde von prominenten Deutschen und auch seitens der hiesigen Kriminalpolizei, die zufolge einer Strafanzeige dieser „Gemeinschaften” diesen Fall und auch meine Personalien überprüft hat, einwandfrei festgestellt.” Wir können pns dieser Erklärung des Herrn Dr. Schapira nur anschließen und verstehen nicht, wieso ein Leser auch nur auf die Idee kommen konnte, daß Herr Dr. Schapira etwas anderes in seinem Artikel gesagt hat, als daß er sich gegen die Anwendung der nationalsozialistischen Ausdrücke wandte. Wir hoffen, daß mit dieser Erklärung alle Beschwerdeführer — auch wir erhielten einige Briefe — zufriedengestellt sind. Die Redaktion.

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