Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 19 (6.1.1947)
- Date
- 1947-01-06
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/9498581-9366319-9386213--199-9366199- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
NEUES AUS ALLER WELT Jüdisches Eigentum in Bayern München. (DPD). Früheres Jüdisches 'Eigentum wurde während, der vergangenen Woche, wie die Eigentumskontrollabteilung der amerikanischen Militärregierung für Bayern mitteilte, in erhöhtem Umfange unter Kontrolle gestellt. Das ehemals jüdische Eigentum stelle 60 Prozent der während der vergangenen Woche übernommenen insgesamt 343 Guthaben dar. Das Ansteigen der Zahl der unter Kontrolle gestellten ehemals jüdischen Vermögen ist auf die verstärkte Ueberprüfung derjenigen Vermögen zurückzuführen, die vermutlich während der Nazizeit jüdischen Personen zwarigsWeise genommen wurden. Das Urteil im Bamberger Synagogen-Brandstifter-Prozeß Bamberg (DANA). Das Landgericht Bamberg verurteilte sieben von acht Angeklagten des Synagogen-Brandstifter- Prozesses zu Freiheitsstrafen von neun Monaten bis zu sieben Jahren. Jüdische Reparationsforderungen Paris. Der europäische Rat der jüdischen 'Weltorganisation „World Jewish Congreß” hielt in Paris eine Konferenz ab, an der führende jüdische Persönlichkeiten . aus achtzehn europäischen Staaten, einschließlich Deutschlands, tejlnahmen, Wie verlautet, hat der Rat beschlossen, alle Nationen, die an der Festsetzung der Friedensbestimmungen für Deutschland beteiligt sein werden, aufzufordem, Deutschland zu Reparationszahlungen an die Juden zu zwingen. Diese Gelder sollen zum Wiederaufbau der jüdischen Gemeinden außerhalb Deutschlands, besonders in Palästina, verwandt werden. * Amerika hofft auf. Ihn Saud Washington. (DPD-Reuter). König Ibn Saud, der Herrscher von Saudi-Arabien, wird nach* amerikanischer Ansicht mehr und mehr die entscheidende Figur für die Lösung der Palästinafrage. , ' . Politische Kreise in USA sind nach Washingtoner Meldungen der Ansicht, König Ibn Saud könne die ganze arabische Welt dazu bringen, jede Entscheidung anzunehmen, die er in der Frage der jüdischen Einwanderung nach Palästina sehen möchte. Ein Mittel-Ost-Fachmann in Washington faßte diese Meinung .in die Worte zusammen: „König Ibn Saud ist in seinen Ansichten weit gemäßigter als man im allgemeinen annimmt. Es steht zu hoffen, daß er überzeugt werden kann; daß die jüdische Einwanderung nach Palästina eine gute Sache ist. - Präsident Truman zog seinen Palästina-Fachmann zu Rat Washington. (DANA). Präsident Truman, hatte eine kurze Unterredung mit Henry F. Grady, dem Vorsitzenden des Arbeitsausschusses des Palästina-Komitees im Präsidialkabinett. - Grady erklärte Pre'sseleuten, sein Ausschuß halte sich bereit für einen Wink des Präsidenten. Zur Zeit sei keine Aktion zu erwarten, da von englischer Seite noch versucht werde, zu einem Abkommen zwischen Juden und Arabern zu kom-, men. Die beste Lösung sieht Grady in einem Bund eines jüdischen und arabischen Staates in Palästina und der unverzüglichen Einwänderererlaubnis für 1Ö0 000 Juden. 150 000 Gebet- und andere' Bücher für die Reste der Juden Europas Newyork. <lt. „Our Way”). Das Kultur- und Erziehungsdepartement des Jewish World Congreß versandte 150 000 Gebet- und Lesebücher für die. Juden in vielen Ländern Europas. In einer Mitteilung des Chefs dieses Departements, Dr. Schimon Federbusch, wird erklärt, daß der größte Teil dieser Sendung, und zwar 27 500 Exemplare, für die Juden in den Lagern Deutschlands und ‘ Oesterreichs bestimmt ist. An zweiter Stelle steht Frankreich, wohin 25 000 Exemplare versandt wurden. 50 000 Gebetbücher wurden speziell von der Schwedischen Sektion der Jewish World Congreß in Stockholm gedrückt und an verschiedene jüdische Centren versahdt. Nach der Sowjetunion wurden aus Newyork 2500 religiöse Bücher geschickt. . _ Besondere Büchertransporte gingen an die sefardischen Kehilloth in Nord-Afrika und in den Kolonien. Aehnliche Transporte wurden nach Indien, Japan und China versandt, sowie an manche kleinere Republiken in Centralund_ Südamerika, wie S#n-Domingo, Britisch- und Holländisch-Westindien. Das Kultur- und Erziehungsdepartement beim Jewish World Congi^ß ist jetzt mit der Ausarbeitung eines Programms für Erziehungsarbeit für jüdische Centren in den kleineren Ländern beschäftigt. Das Programm sieht auch die Delegierung von Lehrern und Erziehern vor. Mit der Hilfe des W. J. C. wurde in der Nähe von Paris ein spezielles Bildungscenter für künftige- Lehrer und Instruktoren für jüdische Kinderheime in Europa gegründet. Leiter dieses Centers ist der bekannte französisch-jüdische ‘ Schriftsteller und Pädagoge, J. Fugatsch, der-das berühmte Werk von Prof. Dubrow „Die jüdische Geschichte” ins französische übersetzte. — ' (Ing.) Schnee. Ueber die kahlen Baumwipfel hinweg sah Pauline Graupe auf die verschneite Kurpromenade, die Bank, das windverbogene Schild „Zur Georgen-Quelle”, den holzverkleideten Zeitungskiosk. Auf diesem "Altan, mit diesem Blick auf die. Kurpromenade hatte sie dreißig Jahre lang ihre Sommerabende verbracht. Die Kurkapelle hatte gespielt. Potpourris und Märsche und Walzer, und die Kurgäste waren aufujjd abpromeniert. Pauline Graupe hatte sie alle kritisch betrachtet und manch-, mal grimmig festgestellt, daß wieder mal alles verjudet sei. Sie gehörte dem „Völkischen Kurverein” an, in dem Frau von Baben von der Villa „Walhalla” Vorsitzende war. Schon seit dem Jahre 1920 gehörte sie dem Verein an. Sie glaubte sich das schuldig zu seih als Soldatentochter — ihr Vater war Feldwebel gewesen bei den 7. Liegnitzer Königsgrenadieren. Dreißig Jahre lang hatte sie auf diesem Altan ihre Sommerabende genossen. Aber erst seitdem Adolf Hitier an die Machet gekommen war, war es ein ungetrübter Genuß gewesen:. In all den Jahren vorher war ihr ihre Erholung verbittert werden durch das Bewußtsein, daß nebenan auf dem Altan der „Eintracht” der behäubige, gutgelaunte Jude Rosenthal mit seiner ebenso behäbigen und gutgelaunten Frau die gleiche Abendluft genoß wie Pauline Graupa Das war nun lange her. Der Jude Rosenthal genoß schon längst nicht mehr die Abendluft auf dem Altan der „Eintracht’’. Und manches sonst hatte sich geändert. Seit zwei Jahren war der Kurbetrieb eingestellt worden. Es gab keine promenierenden Kurgäste mehr vom Altan zu beobachten. Im vorigen Jahr aber hatte sich eine neue, sonderbar erre gende Unterhaltung für die einsame Pauline Graupe ergeben. Auf dem Gelände des alten Georgenbades auf der Waldlichtung hatte man ein Judenlager errichtet; Der Platz .war dicht mit Stacheldraht eingezäumt worden, eine SS-Wachmannschaft war eingerückt. — In der ersten Zeit bekam man von den Gefangenen nichts zu sehen. Von Anfang an aber hatte es sich eingebürgert, daß SS-Leute, die zur Stadt gingen öder von der Stadt kamen, um ihren Dienst anzutreten, bei Pauline Graupe einkehrten, um eine vErfrischung zu nehmen — eine Tasse heißen Kornkaffee im Winter, ein Glas Limonade im Sommer. Für Pauline Graupe war das nicht nur eine kleiner regelmäßige Einnahmequelle — es war weit mehr. Die Unterhaltungen mit den SS-Leuten über das Judenlager in ihrer nächsten Nachbarschaft verursachten ihr eine Befriedigung, die an ihre geheimsten Empfindungen rührte. Wieder und immer wieder ließ sie sich von den SS-Leuten erzählen, wie man aus den früheren Badekabinen des alten Georgenbades Dunkelzellen gemacht hatte, wie die Gefangenen darin wimmerten, wenn man sie nach Verabfolgung einer gehörigen Tracht Prügel hineinwarf. Niemals konnte sie genug Einzelheiten hören. Nicht alle SS-Leute, die bei ihr einkehrten, waren redselig. Aber ein paar waren darunter, die mit größter Bereitwilligkeit, den Rücken gegen den Kachelofen gestemmt, die Hände um die warme Kaffeetasse, der weit über ihrem Ladentisch hängenden Pauline Graupe anschaulich das Judenlager schilderten. (Schluß folgt).