Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 19 (6.1.1947)
- Date
- 1947-01-06
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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als die meisten europäischen Juden? Die Augen gingen seinen Opfern erst auf, wenn sie ihn im Gestapohauptquartier wieder trafen, hinter, .nicht vor einem Schreibtisch — aber da war es zu spät. Im Jahre 1936 verschwand Karl Eichmann aus Deutschland. Niemand wußte, wohin er untergetaucht war. Eichmann war damals im Auftrag der deutschen Auslandspropaganda nach Palästina zurückgekehrt, um* dort in ganz großer Politik zu machen —' mit Nazimethoden, versteht sich. Er war der Leiter der Organisation, welche die inzwischen über die Ä. O. der NSDAP, bearbeiteten deutschen Kolonisten in Palästina — die Templar — mit den arabischen Terroristen in Verbindung brachte. Diese Arbeit,, die sich gegen die palästinensischen Juden wie gegen England richtete, wurde von Karl Eichmann geleitet. Er war es auch, welcher jene Verbindung herstellte, die den Großmufti' von Jerusalem mit Hitler und Himmler zusammenbrachte. . Im Jahre 1937 wurde Eichmann von Himmler die Leitung der Juden-Abteilung der Gestapo übertragen: natürlich ganz im geheimen. Denn noch immer pflegte dieser blonde Judas intime Beziehungen zu den nicht emigrierten Kreisen der europäischen Judehschaft. In Berlin, in Wien, in Prag, überall sondierte Eichmann das Terrain aus. Bis er zum ersten großen Vernichtungsschlag ausholte. Es war am 10. November 1938. Der große deutsche Judenpogrom, jene angeblich so „spontane Empörung” unter dem Vorwand der Rache für den deutschen Diplomaten v. Rath war sein Werk. Damals wohnte Eichmann in Wien; ausgerechnet im ehemaligen Palast der Rothschilds hatte er seinen Amtssitz aufgeschlagen. Der Siebenundzwanzig jährige sah schon alt und verlebt aus, Brutalität hätte seine blauen Augen hartgemacht, Furchen zeichneten das vorher glatte Gesicht. Aber die 180 000 Wiener Juden, die er deportieren und ermorden ließ, genügten ihm nicht. Er ging nach Prag. Von dort aus organisierte er den europäischen Judenmord. Er war auch einige Zeit Kommandant des Vernichtungslagers von Auschwitz, um die „Methoden” der von ihm erfundenen „Endlösung der Judenfrage” zu studieren. Zuletzt wurde dieser Verbrecher an Deutschlands Ehre in Theresienstadt gesehen. Gesprochen wurde von ihm wiederholt im Verlauf des Nürnberger Prozesses. Er selber aber ist spurlos verschwunden. Man darf vermuten, daß er als Jude getarnt in einem der Flüchtlingslager lebt, . er spricht ja so gut jiddisch und hebräisch, kann und weiß alles, 'was man als Jude wissen muß; es wird für ihn nicht schwierig sein, sich zu tarnen. Vielleicht ist er auch wieder in Palästina und treibt dort als illegaler Emigrant sein Spiel, vielleicht als jüdischer Terrorist? „ Karl Eichmann war eines der gefährlichsten Werkzeuge Hitlers und Himmlers, mit denen er in engsten Beziehungen stand. Wenn man ihn entdecken, wenn man ihn . zum Sprechen bringen würde, dann könnte die Welt zweifellos vieles noch Verborgene erfahren aus dem grauenhaftesten Kapitel der modernen Geschichte, nicht zuletzt Einzelheiten über den antisemitischen Blutrausch des noch größeren Verbrechers, dertf das deutsche Volk als seinem Führer so verblendet zugejubelt hat. R. G. Haebler. Rassisch Verfolgte und OdF Von der Abteilung „Opfer der Nürnberger Gesetzgebung” im Hauptausschuß „Opfer des Faschismus” r wird uns geschrieben: Die Bestrebungen, eine selbständige Organisation der OdF. zu gründen, reichen bereits ein Jahr zurück. In vielen Teilen Deutschlands, so in Bayern, Hessen, "Württemberg, Rheinland,; Westfalen, haben sich in den letzten Wochen selbständige Vereinigungen gegründet, die alle rassisch und politisch Verfolgten' zusammengefaßt haben. Staat und Gesellschaft sind weiterhin verpflichtet, die härtesten Schäden, die den rassisch und politisch Verfolgten zugefügt wurden, zu heilen. Die bisher geleisteten Entschädigungen aber sind, gemessen an unseren Entbehrungen und Leiden, äußerst gering. Wir fordern daher mit allem Nachdruck die versprochene Wiedergutmachung. . Es denkt niemand daran, den Hauptausschuß und seine 'Bezirksstellen vom Magistrat zu lösen oder umzubauen. Im Gegenteil werden diese kommunalen Betreuungsstellen nur noch für soziale Fürsorge tätig söin, so .werden sie endlich mehr Zeit und mehr Kraft für diese Arbeit aufwenden können. Wir würden es' auch begrüßen, wenn die sozialen Leistungen und Vergünstigungen für alle rassisch und politisch Verfolgten gesetzlich vom Magistrat von Groß-Berlin festgesetzt würden. Wir als Abteilung „Opfer der Nürnberger Gesetzgebung” betonen aber ausdrücklich, daß wir uns nicht in das Heer der Sözialempfänger einreihen wollen, sondern fordern mit allem Nachdruck von allen kommunalen Stellen eine gerechte und objektive Wiedergutmachung. Was wir in der neuen Organisation anstreben, ist lediglich eine Trennung von politischer und sozialer Arbeit. Die neue Organisation soll die notwendigen politischen und kulturellen Arbeiten durchführen, während.den Betreuungsstellen der Ausbau aller sozialen Vergünstigungen obliegen soll. Eine einheitliche Organisation, die in.allen Zonen mit einem einheitlichen Programm. auftrtt, kann beim Alliierten Kontrollrat viel stärker unsere gerechten Forderungen durchsetzen, als das Hunderte von Betreuungsstellen könnten, die nur eine lokale Bedeutung haben. Ton, gemischt aus jugendlicher Schnoddrigkeit und yäterr lichem Wohlwollen: - ' - ..Nun hören Sie mal zu, Frau Graupe, machen Sie keine Fiesematenteh — Gefahr oder nich’. Die Behörden wissen das nämlich besser. Packen S.ie ein Köfferchen — nich’ mehr und sind Sie morgen früh schlag neun unten in der Stadt auf dem Marktplatz. Da warten schöne, große Lastkraftwagen, — und ab geht’s in Sicherheit; Sie wollen sich doch von den Bolschewisten nich’ die Gurgel durdhschneiderT lassen, was?’’ „Mein Laden”, wimmerte Frau Graupe, „dreißig Jahre, wissen Sie, was das heißt?” „Sie sind ja verrückt mit Ihrem Laden”, sagte der SS-Mann Hagedorn ungerührt. „Warum sind Sie nicht schon längst runter in die Stadt gezogen, statt hier zu hocken — kein Mensch weit und breit und der Kurbetrieb geschlossen?” / „Neun Uhr”, sagte Pauline Graupe, „Marktplatz” „Schön”, sagte der SS-Mann Hagedorn, „das wäre erledigt.” Er Süchte nach seiner Mütze. „Was wird denn mit dem Judenlager?”, fragte Pauline Graupe aus ihrem staubigen Halbdunkel hervor. „Judenlager”, sagte der SS-Mann Hagedorn schon von der Türe her. „Da machen Sie sich man keine Sorgen — da werden wir nich’ viel hermachen. Die Lastkraftwagen brauchen wir jedenfalls anderweitig. Heil Hitler, Frau Graupe.” Die Ladenklingel schepperte noch eine ganze Weile. — Frau Graupe kam hinter dem Ladentsich vor und sah mit,gehetztem Blick an den Regalen hoch. „Zusammenpacken . . . dachte sie, „man muß das zusammenpacken und in den Keller bringen.” Sie zerrte eine Kiste aus einem Hinterzimmer hervor. Aber plötzlich überschwemmte sie Verzweiflung. Sie ließ die Kiste stehen, ließ sich auf die Ofenbank fallen, auf der der SS-Mann Hagedorn gesessen hatte preßte die. geballten Fäuste in die Augenhöhlen. So saß sie eine ganze Weile. Die Verzweiflung ebbte ab und hinterließ eine finstere Entschlossenheit. . " ' . „Ich gehe nicht”, sagte Pauline Graupe und noch einmal „ich gehe nicht.”. Sie ließ die Hände sinken und starrte auf den Ladentisch, auf. das erhöhte Pult am Ende mit dem schweren gußeisernen Tintenfaß und dem Kassabuch. Es war Wie Wiedersehen. Eine erleichterte Entspannung erfüllte sie und gleichzeitig ein unruhiges sich steigerndes Angstgefühl — „Die Bolschewisten”. . Sie schloß die Ladentüre ab und stieg die Treppe hinauf in den ersten Stock. Da waren die Zimmer, die sie an Sommergäste vermietet hatte all die Jahre. Kahlmöblierte Räume waren es, in denen weißgescheuerte Holzdielen krachten und eingerahmt, unter Glas, jeweils über den Waschtischen, die „Mieterordnung” prangte. — Dann war da ihr -eigenes Zimmer mit schweren, roten Vorhängen, eine Art undurchdring-. liches Dickicht von' Handarbeiten in Kreuzstich und Perlenstickerei. Eine Türe führte auf den Altan. Da stand , sie nun. Es war ein kalter, grauer Wintertag. Am Holzgeländer hingen lange Eiszapfen. Auf den zusammengestellten Gartenstühlen lag verharrschter, schmiutzig-gräuer ’