Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 19 (6.1.1947)
- Date
- 1947-01-06
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Schluß mit dem Terror Terror als Mittel zur Erreichung eines Zieles, wurde immer schon angewandt. Die Weltgeschichte zeigt uns aber, daß Erfolge entweder nicht erzielt wurden, oder, wenn sie erzielt wurden, nur von kurzer Dauer waren. Der organisierte wie auch der individuelle Terror ist zu verabscheuen, zu bekämpfen. Er ist immer ein Zeichen von Schwäche. Wenn man sich stark fühlt, und wenn man für das Recht kämpft, braucht man nicht zu dem Mittel „Terror” zu greifen. Wahr-' heit und das Recht setzen sich, wenn es manchmal auch lange dauert, immer durch. Wir wissen, was Terror ist. Wir haben ihn zwölf Jahre erlebt, erlebt in einer Fürchterlichkeit, für die es Worte nicht gibt. Und weil wir ihn erlebt haben und weil wir heute noch täglich, stündlich, an diesen Terror erinnert werden, weil Millionen unserer Leidensgenossen diesem Terror zum Opfer gef allen sind, deshalb wenden wir uns heute erst recht entschieden gegen alles, was als terroristisch bezeichnet werden kann. Mit grauenhaftem Erstaunen 1 hören wir seit Wochen, daß in Palästina sich Terror-Gruppen gebildet haben, die glauben, daß sie durch Terror, durch terroristische Aktionen das Ziel erreichen, das sie sich gesteckt haben. Wir können uns nicht denken, daß es sich bei diesen Menschen um,. Menschen handelt, die Verantwortungsbewußtsein gegenüber ihren Glaubensbrüdern' und -Schwestern haben. Wir können uns nicht vorstellen, daß es Menschen sind, die durch „nationale Gefühle” sich veranlaßt sehen, derartige Wege zur Erreichung eines Zieles zu beschreiten. Ob es Juden oder ob es keine Juden sind, es sind Menschen, die nicht das Recht besitzen, das sie sich nehmen, wenn sie sagen, daß sie durch Sprengung oder durch andere Attentate glauben, für die vielen hunderttausend Juden, die darauf warten, daß ihnen endlich einmal eine Heimat gegeben wird, etwas Gutes zu tun. Sie tim, nicht nur nichts Gutes, sie schänden den jüdischen Namen'und sie schaffen den Juden erneut Feinde. Wir wissen, um was es geht. — Und die Welt weiß, um was es geht. Es geht darum, daß die Welt endlich damit beginnt, an die Lösung der Judenfrage heranzugehen. Wir sind enttäuscht und mit uns sind -alle Juden der Welt enttäuscht, daß heute, über 1% Jahre nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus, in der Judenfrage noch nichts, gar nichts geschehen ist. Es ist unser Recht, zu kämpfen. Und es ist unsere Aufgabe, immer wieder der Welt die Notlage der europäischen Juden vor Augen zu halten, und immer ‘wieder zu erklären, daß wir ein Recht darauf haben, daß «vor allen Dingen einmal diesen Aermsten der Armen die Sicherheit für ihre Zukunft gegeben wird. . Wirsind enttäuscht, aber wir sind nicht hoffnungslos. Wir dürfen uns aber in unserer Enttäuschung nicht dazu verleiten lassen, Wege zu gehen, wie sie die Terroristen in Palästina gehen. Wir müssen das nicht nur ablehnen, sondern erklären, daß wir in keiner einzigen Beziehung etwas gemeinsam mit Menschen haben, die im Gegensatz zu der Auffassung von Humanität stehen. Es ist zu hoffen und zu erwarten, daß alle jüdischen Organisationen der Welt in schärfster Form Stellung gegen die Terroristen nehmen und es ist zu hoffen, daß sich Juden finden,. die die Mittel und die Möglichkeit haben, diegeji Terroristen den offenen Kampf anzusagen. Gleichzeitig aber geben wir dem Wunsch Ausdruck, daß die Welt recht bald einsehen möge, daß in der, Judenfrage endlich etwas "geschehen muß. Und wir verbinden mit dieser Hoffnung -die Warnung an die Welt, daß zu befürchten ist, daß Hunderttausende, die heute noch hoffen, es aufgeben zu hoffen. Diese 'Hunderttausende, Aermsten der Armen, stehen in Gefahr, in die Verzweiflung getrieben zu werden, und wessen Menschen fähig sind, weftn sie verzweifelt sind, das wissen wir aus der Geschichte. . . .x. Der Mann den wir suchen: In einer derdeutschen sogenannten Templarkolonien Palästinas, in Sarona, wurde vor etwa 35 Jahren ein gewisser Karl Eichmann geboren. Dort wuchs er auf und dort besuchte er auch jüdische Schulen. Aber das ist so ziemlich alles, was man von seiner ersten Jugend weiß. Später, um 1930, tauchte dieser Knabe Karl als evangelischer Theologiestudent in Deutschland auf. Und bringt aus Palästina etwas mit, das ihm bald eine phantastische Karriere im Nazi- Deutschland ermöglicht: eine glänzende Beherrschung der hebräischen und jiddischen Sprache, hervorragende Kenntnisse auf allen ’ Gebieten der jüdischen Wissenschaft — und eiri£n fanatischen Antisemitismus. Diese Eigenschaften machten den jungen, schlanken, großen, blonden, blauäugigen stud. theol. Eichmann zum fähigsten Werkzeug der nazistischen Judenverfolger. Einen solchen Mann konnte die Gestapo gebrauchen. Er war der geborene Lockspitzel für antisemitische Zwecke. Getarnt durch den jüdisch klingenden Namen, vor allem aber durch seine außergewöhnlichen Sprachkenntnisse und sein spezialisiertes Wissen um jede Kleinigkeit im Aufbau aller jüdischen Organisationen, gelang es Eichmann, überall engste Beziehungen in jüdischen Kreisen anzuknüpfen. Die meisten ließen sich täuschen — welcher Jude sollte auch Verdacht schöpfen, wenn dieser aalglatte Mensch sieh mit ihm in hebräischer oder jiddischer Sprache unterhielt und mehr« wußte von traditioneller jüdischer Kultur und Sitte Rita Hausdorff: DAS ALIBI Im Kurpark führten verschneite Wege an geborstenen Musikpavillons vorbei. Verrostete Schokoladen-Automaten standen da und ein piit Holzbrettern verkleideter Zeitungskiosk. Ein Blechschild baumelte im Winde — „Schlesischer Gebirgsbote”. Vor den Fenstern des Kurhauses waren die Rolladen herabgelassen. Aber da und dort klafften breite Spalten und man konnte in den von gespenstischem Dämmerlicht erfüllten Kursaal sehen. Auf erblindetem Parkett standen Plüschsofas und Stühle und die erstaunlich kleine Holzwanne, in der Friedrich der Große gebadet hatte. Von imitiertem Hermelin umkleidet war sie jahraus, jahrein im kleinen Pavillon ausgestellt gewesen und hatte den Kurgästen bewündernde Ausrufe entlockt über so viel preußische Genügsamkeit'des Großen Königs. Die Häuser, die hinter dem Kurpark an der Berglehne standen, hießen „Zur Eintracht”, „Zum Frieden” „Zur Freund-? Schaft”. Sie waren einmal in bunter Bäuernart angemalt gewesen. Ihre hölzernen, blumengeschmückten' Altane hatten über die Wipfel der Bäume hinweg in den Kurpark gesehen. Nun waren die Farben verblichen und verwittert. In der „Eintracht” hing das Geländer des Altans zerbrochen herab. Die Fenster im „Frieden” waren mit Holzbrettern vernagelt. Nur in der „Freundschaft” waren Zeichen von menschlichem Leben, Gardinen an den Fenstern, schwacher, bläulicher Rauch, der sich aus dem Kamin 'Schlängelte. Vor dem Schaufenster des kleinen Ladens waren die Jalousien hochgezogen. Hinter sorgfältig geputztem Glas lagen all die merkwürdigen Reiseandenken, die eine rührige Industrie in früheren, friedlichen Zeiten erzeugt hatt£: die bunten Drucke „Der Wasserfall”, „Blick ins Tal”, das Mostrichfaß mit dem daranlehnenden Zwerg. Rübezahl, der ein Tintenfaß bewacht. In der Mitte aber stand ein Hitlerbild in einem Rahmen aus Baumrinde. Dieser Laden der Witwe Pauline Graupe schien der einzige belebte Fleck zu sein inmitten verschneiter Wege, verfallener Sommerhäuser und-nieder gebrochener Zäune. Im Laden roch es nach Kornkaffee, nach Staub und leicht nach Kohlengas..Der SS-Mann Franz Hagedorn saß mit dem Rücken gegen den kleinen Kachelofen gelehnt und umklammerte mit frostgeröteten Händen einfe dicke, weiße Kaffeetasse,. Pauline Graupe lehnte weit über den Ladentisch. Mit ihrer farblosen, alten Strickjacke, ihrem schütteren grauen Haar, das straff über der leicht fliehenden Stirn zurückgekämmt war, schien sie mit ihren verstaubten Regalen in eins zu zerfließen. „Ist denn Gefahr?”, fragte Pauline Graupe gepreßt. „Gott, Gefahr . . sagte der SS-Mann Hagedorn zwischen schlurfendem Schlucken. „Es sieht so aus, als ob sie nach Norden abbiegen — aber was weiß man!” „Gott-o»Gott,o-Gott!” stöhnte Pauline Graupe. Der SS-Mann Hagedorn stand auf, stellte die leere Kaffeetasse auf den Ladentisch und ging ein paar mal mit knarrenden Schaftstiefeln im Laden auf und ab. Dann blieb er breitbeinig vor dem Ladentisch stehen und sagte in einem