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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1947-01-06 · 19 (6.1.1947) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
19 (6.1.1947)
Date
1947-01-06
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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PRESSESTIMMEN: Seit die erste Nummer des Tagesspiegels erschienen ist’ haben wir in dreizehn redaktionellen Artikeln die materielle und seelische Lage unserer jüdischen Mitbürger dargestellt und im „Demokratischen Forum” zwölf Beiträge zu diesem Thema veröffentlicht. Wir sind bei,der Behandlung dieser Frage von vornherein in dem gleichen Sinne verfahren, in dem wir die Sorgen und Nöte anderer vom Nationalsozialismus verfolgten Mitbürger, gleich welcher Konfession, betrachtet habenv Wir halten diese Methode für die beste im Kampfe gegen die Külturschande des Antisemitismus, weil man weder gegen "Verbohrtheit noch gegen moralische Verderbtheit mit Argumenten viel ausriclrten kann. Wer immer in der Welt sich antisemitisch in Wort oder Tat . gebärdet, stellt sich außerhalb der menschlichen Zivilisation. Diskussionen darüber gibt es nicht. .Hier kann nur die selbstverständliche und natürliche Form der Behandlung der jüdischen Fragen helfen, eine Form, die sich in nichts von der Behandlung anderer Fragen des öffentlichen Lebens unterscheidet, und . den Eindruck einer Ausnahmeerscheinung nicht, auf kommen läßt. Andererseits ist nicht jede Kritik am jüdischen Leben Antisemitismus. Antisemitisch wird die Kritik erst durch eine grundsätzlich judenfeindliche Tendenz. Wir-müssen allmählich wieder zu einer Norm gelangen und das Problematische im Menschlichen auflösen. Alle Kreise müssen Kritik' ertragen und Satire verstehen lernen; gerade unsere jüdischen Mitbürger waren darin zu einer Zeit, da der Antisemitismus noch kein staatliches Prinzip war, vorbildlich, zumal sie die große und weise Lebenskunst der Selbstironie beherrschten. Es ist freilich ein .anderes, ob Kritik als Recht freier Menschen geübt oder in Tagen laut wird, da sich ihrer eine Propaganda Wie die -natidnalsozialistische bedienen kann. Nach dem Geschehenen ist es nur zu begreiflich, daß unsere jüdischen Mitbürger gegenüber allen- Aeußerungen, die sich kritisch mit ihrer Person befassen, empfindlich-sind;— dies um so mehr, als man noch an keine umfassende Sühnegesetzgebung gedacht hat, die das Unrecht an ihnen wiedergutmacht. 'Es ist menschlich verständlich, wenn sie sich nach soviel Verfolgung erneut zurückgesetzt fühlen und zum. Beispiel darüber klagen,, daß ehemalige Nationalsozialisten oder notorische r Nutznießer des Regitnes Care-Pakete erhalten, während viele Juden, die schwerste gesundheitliche Schäden davongetragen haben, leer ausgehen. Indessen müssen sie ihrerseits nach Realitäten urteilen und zwischen dem Privaten und dem Oeffentlichen unterscheiden. Von amerikanischer Seite ist wiederholt darauf hingewiesen worden, daß die - Verschickung von Care-Paketen eine private Angelegenheit des "amerikanischen Staatsbürgers ist und der Staat keine Möglichkeit sieht, seinerseits eine politische Auslese unter den Empfängern zu veranlassen. Was die materielle Wiedergutmachung angeht, so sind in den Ländern der amerikanischen und der britischen Besatzungszone diesbezügliche Bestimmungen vorgesehen, und die Landtage befassen sich mit-entsprechenden Gesetzesent-' würfen. Die amerikanische Militärregierung hat ein' vom Länderrat vorgelegtes Gesetz gebilligt, das die Bildung eines Wiedergutmachungs-Sonderfonds erstrebt. Bereits im Sommer dieses Jahres .ist in Hessen und Bayern sowie für Ber-; lin die ■ Rückzahlung der fünfundzwanzigprozentigen Vermögensabgabe der Juden aus dem Jahre 1938 angeordnet worden. Ob alle diese Bestrebungen ein zufriedenstellendes Ergebnis zeitigen werden, kann heute noch'nicht gesagt wer-* den. Voraussetzung ist auch hier das Bekenntnis zur Humanität. Nur so werden endlich Probleme verschwinden, die In einer wahrhaft zivilisierten Welt gar keine sein können. (Der Tagesspiegel, Berlin). Juden wollen streiken Wieder Hunger in Belsen Elftausend jüdische Brüder in Belsen, werden in den Hungerstreik treten, sagte Bernhard Läufer, der Sekretär des Central Jewish Committee im Lager Belsen, dem größten jüdischen Lager Deutschlands, „Die Engländer haben uns auf Nazi-Rationen gesetzt.” Anderthalb Jahre sind vergangen, seit Belsen von den Alliierten befreit wurde.' Noch immer leben die „Befreiten” und viele, die aus dem Osten hinzugekommen sind, in einem Lager. Bisher erhielten sie von der UNRRA zwar kein Geld, aber eine qualitativ hochwertige Verpflegung, bestehend aus Weißbrot, Konserven, Schokolade, Bohnenkaffee, Obst und Zigaretten. Jetzt sollfen sie stattdessen Ersatzkaffee, täglich 7 Gramm Butter und 18 Gramm Fleisch (abzüglich 30 Proz. Knochen) und saures Schwarzbrot bekommen, im ganzen die 1550 Kalorien des Normalverbrauchers, Diese Kalorien sind Lager-Kalorien. Gestapo-Agenten, die in einem Internierungslager auf ihre Aburteilung warten, bekommen 1800 Kalorien, da sie bei 1500 Kalorien unaufhaltsam verfielen. . Als die Rationskürzung bekannt wurde, hielten die Belsener Juden eine Protestversammlüng ab und übermittelten anschließend ein Memorandum an den Alliierten Kontrollrat, die Militärregierung und UNRRA, während die Vorsitzenden der Juden in der britischen Zone, Josef Rosensaft und Norbert Wollheim, durch Verhandlungen in London eine Besserung der Lage zu erzielen suchen. Im Lager Belsen kribbelt es wie in einem Bienenhaus. Jüdische Partisanen und KZ-ler in dunklen Uniformen sind als Lagerpolizei eingesetzt. Sie tragen Reitstiefel und Reithosen und regeln den Verkehr wie preußische Verkehrspolizisten. Die ehemaligen Wehrmachtkasernen dienen den Juden als Unterkünfte. Das Offizierskasino, in dessen .größten Spiegel iiimimiiiiiiiiiiiiuliiiilUi.HHilHiimiHNimiMUlUHitiiiitHMiiiiHiinmiiiiiflumiiiiiimtHiiiiliHMiiiiiiiiiiiinimiiiiiiiiiiiiiiiu (Aus dem .Zyklus „Dies irae”) von Werner Bergengruen). Ich hatte dies Land in mein Herz genommen Ich habe ihm Boten um Böten gesandt. In'vielen Gestalten bin ich gekommen. * ■ Ihr aber habt mich in keiner erkannt. / Ich klopfte bei Nacht, ein bleicher Hebräer, ein Flüchtling, gejagt, mit zerrissenen Schuh’n, ihr riefet dem Schergen, - ihr winket dem Späher, und meintet noch Gott einen bienst zu tun. Verwaister Knabe auf östlichen Flächen,; , ich fiel euch zu Füßen und flehte um Brot. Ihr aber scheutet kein künftiges Rächen, ihr zucktet die Achseln und gabt mir den Tod. Ich kam als Gefangener, als Tagelöhner, verschleppt und verkauft, von der Peitsche zerfetzt. „i Ihr wandtet den Blick von dem struppigen Fröner. Nun komm ich als Richter, kennt ihr mich jetzt? Adolf Hitler, einst aus Aerger über den Prunk seines Offizierskorps eine volle Sektflasche schleuderte, wird von britischen Offizieren bewohnt. . Die. kleine Stadt hat einen eigenen Kindergarten, Volks-, Mittel- und höhere Schulen. Ein Theater spielt, nicht in gewöhnlichem Jiddisch, sondern, wie stolz erklärt wird, in „Hoch-Jiddisch”. Sogar eine eigene Zeitung wird hier gedruckt. ' Vom kleinsten Buchstanen bis zur großen Druckpresse wurde alles aus Amerika geliefert. An den Häusern kleben Plakate in jiddischer, hebräischer, j polnischer, rumänischer und ungarischer Sprache. Auch . unter den Belsener Juden tobte der Wahlkampf mit aller Heftigkeit. Gewählt wurden allerdings . nicht die deutschen ■ 'Gemeindevertretungen, sondern die, Kandidaten für den am j 9.. Dezember in Basel stattfindenden 22. zionistischen Kon- . greß. Dort werden, die . jüdischen Probleme diskutiert und .Beschlüsse für die Londoner Palästinakonferenz gefaßt. | Palästina ist überhaupt das Generalthema. Die .Briten erteilen keine Exit-Permits, aber die Juden mögeh niemand länger zur Last fallen, sie wollen nur noch, wie sie sagen, ein eigenes Volk „an beiden Seiten des Jordans” sein. „Ich hasse heute die Engländer mehr als die Nazis”, meinte der 37jährige Aba Markowsky, dem Frau und Kind von einem Gestapokommissar vor seinen Augen erschossen worden sind. „Sie bezeichnen unsere jüdischen Bruder in Palästina als Terroristen. Wir alle aber möchten am liebsten defi Karabiner in die Hand nehmen, und auf die verfluchten Tommies schießen.” „Sie wollen uns nicht nach Palästina lassen. Aber wir werv j den hinkommen, legal oder illegal, darauf können sie sich " verlassen. Wir haben die Nazis überlebt, und wir werden auch mit den Engländern fertig werden!” . (»Diese Woche”, Hannover > DIE LETZTE EPIPHANIE Ich kam als zitternde, geistgeschwächte Greisin mit stummem Angstgeschrei. Ihr aber spracht vom Zukuriftsgeschlechte, und nur meine Asche ga.bt ihr frei.

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