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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1947-01-06 · 19 (6.1.1947) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
19 (6.1.1947)
Date
1947-01-06
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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daß wir uns selbst wundem würden, wenn wir den Haushaltsplan dieses Bezirks der Judenabgabe gegenüberstelltem Deutschland hat einen Krieg verloren. Der nationalsozialistische Staat, der die Juden ausgesogen hat bis aufs Blut, ist zhsammengestürzt. Das deutsche Volk hat diesem Staat gehuldigt, die übergroße Mehrheit des deutschen Volkes war Nutznießer dieses Systems. Die, All. Mil.-Regierung hat als Teil der Reparationen dem deutschen Volk erhöhte Steuern auferlegt. Diese Steuern sind auch notwendig, um eine schnelle Gesundung Deutschlands herbeizuführen. Aber, so fragen wir die Mil.-Regierung, so fragen wir die All. Völker, ist es richtig, daß in diesen Abzahlungen, in den Reparationskosten, in dieser Wiedergutmachung nun auch die Juden wieder mitbezahlen müssen? Wir fassen uns manchmal an den Kopf, wenn wir darüber nachdenken. Der Nationalsozialismus brach zusammen, man überließ die Juden ihrem Schicksal, kein Mensch in Deutschland fragte danach, mit welchen Mitteln diese deutschen Juden nun wieder ihr Heim, ihre Existenzen aufbauen könnten, kein Mensch in Deutschland dachte daran, diesen buchstäblich mit Fetzen bekleideten Menschen, die aus den KZ’s zu Fuß ihre Heimat aufsuchen mußten, das Notwendigste zu geben. Die letzten überlebenden deutschen Juden wären nach dem Zusammenbruch' des Nationalsozialismus dem Hungertode ausgesetzt gewesen, wenn nicht ausländische Organisationen oder Hilfswerke eingesprungen wären. Unter den größten Kämpfen, mit den größten Schwierigkeiten ist es einem Teil dieser deutschen; Juden gelungen, sich wieder eine bescheidene Existenz zu gründen. Nachdem diese Schwierigkeiten überwunden waren, trat an sie die Steuerfrage heran. Kein Finanzamt, kein Oberfinanzpräsidium kam auf die Idee, von sich aus zu sagen, daß es sich hier um Menschen handelt, denen der Staat Unsummen zuviel bezahlter Steuern schuldet. Eine generelle Stundung oder gar Erlaß der Steuern für diese Manschten wurde bis heute auf viele Anträge noch nicht bewilligt. In Einzelfällen erklärt sich das Finanzamt zu kurzfristigen Stundungen bereit. Was diese Stundungen für einen Menschen, der sich im Aufbau seiner Existenz befindet, bedeuten, das brauchen wir nicht zu sagen. Uns scheint, daß die Finanzämter und ihre Vorgesetzten Dienststellen auch hier auf Befehle der Mil.-Regierung warten und daß die Mil.-Regierung als Ausführende des Willens der All. Völker einen derartigen ungerechten und paradoxen Zustand nicht will, davon sind \frir überzeugt. - Wir könnten noch recht viele Fälle anführen, in denen deutsche Behörden auch dann, wenn Direktiven bestehen, nicht im Sinne dieser Direktiven handeln. Wir müssen uns aber infolge Platzmangels auf einige Beispiele beschränken. Es ist eine eindeutige Verfügung herausgekommen, wonach jüdische Friedhöfe wieder instandzusetzen sind. Nach dem jüdischen Ritus hat der jüdische Friedhof Ewigkeitswert, er ist die heiligste Stätte der Juden. Und weil der Mil.-Regierung das bekannt ist, deshalb hat sie eine derartige Verfügung erlassen. Bei der Ausführung dieser Verfügung wird verschiedentlich gehandelt. Neben einem I£all, in welchem ein Privatmann von dem nationalsozialistischen Staat einen jüdischen Friedhof erworben hat .und sich heute Weigert, diesen herauszugeben, liegen uns Fälle vor, in denen behauptet wird, daß die Instandsetzung nicht erfolgen könne wegen Arbeitermangel. In anderen Fällen wird erklärt, daß die Instandsetzung nur dort infrage käme, wo es sich um willkürliche Zerstörung, nicht um Kriegseinwirkung handele. Als wir Gelegenheit hatten, uns gerade über diese Frage mit einem höheren englischen Offizier zu unterhalten, sagte dieser: „Warum schickt man nicht.einige ehemalige Gauleiter zur Instandsetzung auf den Friedhof?” : Es ist an und für sich bedauerlich; daß die verantwortlichen deutschen Dienststellen es gerade in dieser Frage haben darauf ankommen lassen, daß die Mil.-Regierung eine Verordnung erlassen mußte. Da aber nun einmal "diese Verordnung erlassen worden ist, können die infrage kommenden Dienststellen heute nicht mehr leugnen, daß es nichts als böser Wille ist, wenn man dieser Verordnung nicht auf dem schnellsten Wege nachkommt. Es bestehen Bestimmungen, wonach .die zuständigen deutschen Regierungsstellen verpflichtet sind, rassisch und politisch Verfolgten bevorzugte Bewilligungen zu Existenzgründungen zu erteilen. Es liegen uns Fälle vor, in denen diese Behörden trotz aller Unterlagen wiederholt gestellte Anträge einfach mit der Bemerkung immerwieder ablehnen, daß die Vorkenntnisse bei dem Antragsteller nicht ausreichen. Es gibt Fälle, in denen Behörden von Menschen, die jahrelang zur Zwangsarbeit^ gezwungen worden sind' oder in einem KZ waren, erneut Meisterprüfungen verlangten und es gibt Fälle, bei denen diese Stellen auch erneut kaufmännische Prüfungen forderten, trotzdem die Befähigungsnachweise von vor 1933 erbracht worden sind. Man degradiert Menschen 12 Jahre lang, man sperrt sie viele Jahre 'ein, reißt sie aus ihrem Beruf und zwingt sie, Totengräber und ähnliche Arbeit zu leisten und stellt sich heute auf den Standpunkt: „Ja, wir glauben, daß Sie vor 33 das oder jenes waren. Aber da liegen 12 Jahre dazwischen.” Wir fragen die Militär-Regierung als Vollstreckerin des Willens der großen demokratischen Völker: Liegt eine derartige Behandlung der Menschen, die 12 Jahre schlimmer als Tiere behandelt wurden, im Sinne der Wiedergutmachung? Jeder deutsche Mann,' jede deutsche Frau und jedes deutsche Kind weiß, daß die Emährungslage rier Verfolgten von 1939 an weit unter dem lag, was heute dem deutschen Volk geboten wird. Jeder weiß, daß keiner dieser Menschen in diesen langen Jahren des Verfolgtseins auch nur einen Tag einen warmen Raum hatte, jedem war es bekannt, daß diesen armen Menschen in dieser fürchterlichen Zeit nicht die Möglichkeit gegeben war, sich im Walde oder auf dem schwarzen Markt Brennmaterial zu besorgen. Keiner aber von all denen, die es wissen, keine deutsche Behörde ist heute einsichtg genug, um zu sagen, wir müssen diesen Menschen wenigstens jetzt die Möglichkeit geben, sich ihr Heim zu heizen. Auf keinen, der von den jüdischen Institutionen in der britischen Zone eingereichten Anträge bezgl. einer Sonderzuteilung von Holz oder Kohle wurde bis heute reagiert. Wenn wir uns .entschlossen haben, diese Fragen heute in aller Öeffentlicnkeit an die Militär-Regierung zu stellen,, so geschieht das nicht, um Bevorzugungen herauszuholen, es geschieht, weil wir für uns endlich Menschlichkeit fordern. Wir wissen, daß sowohl die Militärregierung als auch die deutschen Behörden heute dringende Arbeiten zu- ‘ leisten haben. Es ist uns bekannt, denn Wir fühlen es selbst, daß die Ernährungslage Bormen angenommen hat, die zu größter Besorgnis Anlaß geben. Diese Lage, in der sich das deutsche Volk und besonders die deutschen Kinder befihden, besorgt auch ijns. Mit Bedauern, haben wir festgestellt, daß die großen Sympathien, die, das muß offen zugegeben werden, von, einem großen Teil des deutschen Volkes den Alliierten Völkern entgegengebracht wurde, als der Zusammenbruch des Nationalsozialismus sicher war, jetzt durch die schreckliche Not, die, das wissen wir, in ganz Europa herrscht und unter der besonders Deutschland zu leiden. hat, im Abflauen begriffen sind. Und' niemänd wünscht so sehr wie wir, daß es den Alliierten gelingen möge, diese Not schnell zu beseitigen, um so die Feinde der Alliierten, die auch unsere Feinde sind, Lügen zu strafen.* Wir kennen keine Schadenfreude und wir wissen, daß nicht das ganze deutsche Volk schuldig zu erklären ist für die Verbrechen, die von der nationalsozialistischen Regierung und ihrer Führung begangen worden sind. Wir kennen keinen Haß, wenn wir auch nie vergessen werden. — Die würdige Gedenkfeier, die wir anläßlich der Enthüllung der Gedenktafel .am Platz der ehemaligen Synagoge in Düsseldorf am 9. November 1046 abgehalten haben, war ein sprechender' Beweis hierfür, aber wir sind überzeugt davon, daß die Sprecherin der großen demokratischen Völker, die Militär-Regierung, einsieht, daß es notwendig ist, daß nicht nur wir, die Juden, sondern auch die ehemalig politisch Verfolgten, nioht zu bitten* sondern zu fordern haben, daß uns Reqht wird. * - - Delegierten -Verteilung zum 22. Zionistenkongreß Laut den letzten Nachrichten beträgt die Anzahl der Delegierten zum 22. Zionistenkongreß 374. Außer gewissen Splitterparteien ist das Verhältnis folgendes: 116 Delegierte — Allgemeine Zionisten, ,103 Delegierte — Palästinensische Arbeiterpartei, 53 Delegierte — Misrachi und religiöse Arbeiterpartei, 40 Delegierte — Zionisten-Revisionisten, 24 Delegierte — „Haschomer Hazair” 22 Delegierte — „Poalej Zion” (linke), 5 Delegierte — „Alijah Chadascha” (Vereinigung der deutschen Juden). (Ing.)

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