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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1946-12-19 · 18 (19.12.1946) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
18 (19.12.1946)
Date
1946-12-19
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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handlung zuzukommen habe. Wir Juden wünschen uns nichts mehr, als gleichberechtigte Staatsbürger eines Staates, zu sein. Sollen wir aber nach diesen verflossenen 12 Jahren auch gleichberechtigt sein bei den Strafmaßnahmen, denen, gewollt oder ungewollt, das deutsche Volk unterworfen ist? Die ganze Welt weiß, daß der Nationalsozialismus den Lebensstandard des deutschen Volkes während der ganzen Dauer seines Bestandes auf Kosten anderer Völker auf ein Niveau gebracht hat, das seit Menschengedenken in keinem Land der Welt je erreicht wurde. Die Welt weiß, daß den Juden alles, ihr Letztes geraubt wurde und daß sie hungerten, mehr hungerten, als heute in Deutschland gehungert wird. Kann man dann. behaupten, es gehöre zur demokratischen Erziehung der Deutschen, daß die Juden gleichgestellt werden sollen? Man sollte glauben, daß man 134 Jahre nach der Befreiung mit einer materiellen Wiedergutmachung hätte beginnen müssen, man'sollte glauben, daß das Gewissen der Welt seine, Mitwirkung an dem Kampf für diese Wiedergutmachung längst hätte zur Verfügung stellen sollen. Wir warten darauf! .... Ein Brief aus Shanghai Wir finden in der jüdischen Zeitung „Der Weg”, Berlin, nachfolgenden Brief, den wir unseren Lesern nicht vorenthalten .wollen. Auch wir betrachten es als eine unserer Aufgaben, alles daran zu setzen, um dazu beizutragen, daß diesen, unseren Menschen, so schnell wie möglich Hilfe gebracht wird. Die Redaktion. 25. September 1946. An die Schriftleitung „Der Weg”, Berlin. . Sehr geehrte Herren! Wir vertreten etwa 7000 Flüchtlinge aus Deutschland, die als Opfer des Faschismus und rassischer Verfolgung in Shanghai Zuflucht gefunden haben. Von diesen Menschen wollen etwa 2500 Flüchtlinge wieder ' zurück nach Deutschland. Bereits seit Monaten haben wir die größten Anstrengungen gemacht, um diesen Personen zu ihrem Ziel zu verhelfen. Alle UNRRA-Dienststellen in Berlin, Washington, London, Newyork, Shanghai, . die Militär-Regierungen in Deutschland, der Alliierte Kontrollrat in Berlin, die- Bürgermeister der größeren und kleineren deutschen Städte, die Länder-und Provinzial-Regierungen in Deutschland, die Vorstände der großen jüdischen Gemeinden ,in Deutschland, die Militärmissionen der alliierten Regierungen in Nanking, die chinesische Militärmission in Berlin, das Intergovernmental Committee in Londop, das War Departement in Washington, die Vorstände der politischen Parteien in Deutschland, die Freien Gewerkschaften in Deutschland, der Generaldirektor der UNRRA, Mr. La Guardia, der Joint in Berlin, sie alle wurden von uns in dringenden Appellen angerufen, aber bis heute sind wir leider noch nicht einen Schritt weitergekommen; wir werden immer wieder vertröstet, und deshalb wenden wir uns heute an die Zeitungen in Deutschland, als die Vertreter der öffentlichen Meinung, um zu unserem Recht zu kommen. Denn wir haben ein Recht darauf, als anerkannte Opfer des Faschismus wieder in unsere Heimat zurückkehren zu dürfen. Unter den Flüchtlingen befinden sich viele Menschen, die nächste Angehörige in Deutschland haben; viele haben als anerkannte Nazigegner große Erfahrungen in politischer Arbeit, viele Aerzte, Techniker, Apotheker, Lehrer, Anwälte, Handwerker, Künstler, Kaufleute, Pfleger, Verwaltungsbeamte, Chemiker Und Angehörige ariderer Berufe, sie alle warten nur darauf, am demokratischen und wirtschaftlichen Wiederaufbauwerk in Deutschland mitzuarbeiten. . Wir appellieren an Sie, in Ihren Zeitungen für uns eine Lanze zu brechen, bitte verhelfen Sie uns zu unserem Recht. Wir danken Ihnen für Ihre Mitarbeit und sehen Ihren baldigen Antworten mit Interesse entgegen. . Ergebenst Association of Refugees from Germany-Shanghai G. Gerechter, Sekretär. Eine Meldung aus Berlin] Die CDU. hat in der Fraktionssitzung vom 25. November 4 Kandidaten für die von ihr beanspruchten Magistratsdezernate bekanntgegeben. Unter diesen befindet sich für die Abteilung für Finanzen Dr. Otto Ern?stv Dr. Otto Ernst war unter dem Hitlerregime Komrriissar für das Bankwesen. Unter seiner Leitung fand die Abgabe der Aktien und Wertpapiere aus jüdischem Besitz statt; Er ist für den ungünstigen; Kurszettel verantwortlich. In' seine Amtszeit fällt auch die Entfernung der. Juden aus Bank und Börse, und die Entlassungsschreiben tragen seine Unterschrift. Herr Dr. Ernst gehört auch zu denjenigen, die im Jahre 1939 Werte aus jüdischem Besitz erworben haben; er ist also Nutznießer aus den Aktionen gegen die Juden gewesen. Wenn auch Herr Dr. Ernst später im Zusammenhang mit den Vorgängen vom 20. Juli verhaftet wurde, so bietet doch seine Vergangenheit keine Gewähr für einri objektive Stellungnahme uns gegenüber. __ Hamburg, Nicht entdeckte Vandalen zerstörten und verschleppten mehr als hundert Grabmale vom jüdischen Friedhof in Langenfeld bei Hamburg. Dies ist der dritte Fall in .der letzten Zeit, in welchem jüdische Friedhöfe in der britischen Zone zerstört werden. (Ing.) Alice Stein-^andesmann; Aus meinem Tagebuch AUS SCHWERSTER ZEIT (Schluß). Darauf jagte das Auto mit uns davon — Landstraße, die ins Nazireich führte . . . Der Wagen hielt, ein Schlagbaum sperrt den Weg! Hakenkreuzfahne -*■ deutsche Beamte — deutsche Laute; „Heil Hitler!” Ich fühle, wie mein ganzer Körper vereist Das Polizeigebäude. Es schlägt gerade acht Uhr. So empfängt mich die Heimat: Ich werde eingeliefert.. Am nächsten Tag: „Sie können heute ab reisen,” sagte mir der Beamte. „Aber man wird mich nicht wieder zurücklassen — -—” und ich' berichtete von der Aeußerung des Beamten auf dem Fremdenamt. ' „Mari muß! Sie sind ja ausgewiesen!” „Unterschreiben Sie das-aber erst durchlesen!” Es ist ein Zettel, auf dem in Schreibmaschinenschrift steht: „Ich nehme zur Kenntnis, daß ich sofort in Haft genommen 'werde, wenn ich nicht umgehend und schnellstens Schritte zu einer neuen Auswanderung unternehme.” -,-ich unterschreibe. „Können gehen. Hier ist Ihr Paß!” ..... Der Zug rast durch die Landschaft. Sollte mir das Schicksal wirklich diese Gnade gönnen? Mein Gott— ich bin in der grauenvollen Zwangslage, eine Rückkehr nach Deutschland als eine „Gnade” betrachten zu müssen? . - , -Die Türe Wird aufgestoßen: „Paßkontrolle!” . . Ich springe auf — ein großer SS-Mann steht im Türrahmen. Er mag etwa 22 Jahre alt sein. Sein Gesicht ist ganz leer. Eistreckt die Hand aus, und ich reiche ihm meinen Pal| hin. Plötzlich verändert sich -sein Ausdruck auf erschreckende Weise: Seine Augen sind vor Haß und Wut verdunkelt. „Sie sind wohl -wahnsinnig?. Jüdin!? Und zurück nach Deutschland? Wir sind froh, wenn solches Pack endlich draußen ist!” Ich versuche meiner Stimme Festigkeit zu geben: „Ich wurde zur Rückkehr gezwungen.” ' „Das interessiert uns nicht!”' Er brüllt: „Hier jedenfalls kommen Sie nicht wieder ’rein!” Ich wiederholte: „Ich bin ausgewiesen worden — ” „Das sehe ich!” Seine Augen funkeln mich an: „Da hätten Sie sich besser betragen müssen! Die wollen -eben auch keine Saujuden mehr! Und nun bilden Sie sich ein -- nein, I?rau — das gibt es nicht — solche wie Sie werden uns nicht mehr zur Last fallen!” „Aber was kann ich denn — —”: Er unterbricht mich brüsk: „Entweder Sie steigen auf der nächsten Statiori aus und fahren mit dem nächsten Zuge zurück nach . . . . oder -—” Seine Stimme wird eiskalt: „Oder-” Er genießt seine Drohung mit ganz naiver Lust: „Oder, Sie kommen ins KZ. — Haben Sie mich verstanden? Das bedeutet: Kon—zen—tra—tions—la—ger! Kapiert?” Er hat jede einzelne Silbe betont-

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