Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 18 (19.12.1946)
- Date
- 1946-12-19
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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K.MARXi DAS GEWISSEN DER WELT Wenn es noch eines Beweises bedurfte, daß ein Staat, der Kritik verbietet, auf schwachen Füßen steht, so wurde dieser Beweis eindeutig und klar erbrächt in Deutschländ. Kritik ist die Stärke der großen Demokratien. Kritik ist Macht, denn aus der Kritik wird eine öffentliche Meinung gebildet, und' diese öffentliche Meinung kämpft für das Recht. Kritik muß wahrhaftig sein, sie muß sachlich bleiben* und es wird keinen demokratischen Menschen, keinen demokratischen Staatsmann, geben, der für sachliche Kritik kein Gehör hat. Seit 1933 war uns Kritik untersagt, und dort, wo. diese Kritik hätte erfolgen können, wagten wir uns nicht, sie auszusprechen, weil wir befürchten mußten, daß man unserer Kritik nicht glaubte. Deutschland steht im Begriff, sich zu einem demokratischen Staat zu entwickeln. Die Führung Deutschlands liegt in den Händen der Länder* die wahrhaft demokratisch sind, und die ihren Bürgern unter vielen Rechten auch das Recht der Kritik einräumen. Und da wir wissen, daß wir von den führenden Männern dieser Staaten gehört und verstanden werden, und da wir hoffen, daß auch die Männer, die die Geschicke Deutschlands in die Hand genommen haben, uns verstehen werden, deshalb wollen wir heute Kritik üben, Kritik an den Jahren, die verflossen sind, Kritik aus einer Zeit, die tu der fürchterlichsten Zeit gehört, die jemals Menschen durchgemacht haben. Wir wollen nicht mißverstanden werden, wir wollen mit dem, was wir zu sagen haben, in keiner Weise die große, die unbeschreibliche Schuld des deutschen Volkes an dem Unglück, das uns Juden feetroffen hat, verkleinern, wir wollen aber versuchen, der Welt zu beweisen, daß nicht nur das deutsche Volk, sopdern auch die ganze Welt mitschuldig ist an dieser, beinahe vollendeten Vernichtung des europäischen Judentums. Als der Nationalsozialismus im Jahre 1933 die Geschicke Deutschlands in die Hand nahm, -da wußte die ganze Welt, daß einer der Hauptprogrammpunkte dieser Regierung die Ausrottung der Juden verlangte. Hitler hat in seinem Buch „Mein Kampf” offen und'klar seine Absichten und Ziele in Europa zum Ausdruck gebracht. Und als er Punkt für Punkt seines in „Mein Kampf”' niedergelegten Programmes zu eruummiuuMMimmiiHiiHmiiimmiiimMfimHiiiiiinniiimmiiiiiitimmimiitHnKiiimtminmttt limmmimiimmimmm , Bitte zu beachten! Der Sportclub Maccabi, Köln, teilt uns im letzten Augenblick mit, daß infolge der unerwarteten großen Nachfrage nach Eintrittskarten zu dem in dieser Nummer annoncierten CHANUKAH-BAJ.L die Verlegung dieser Veranstaltung notwendig wurde. Der Besitzer des Cafe-Restaurants „Ringhof”, Köln, Hohenzollernring, hat seinen Saal freundlicherweise zur Verfügung gestellt und es dadurch möglich gemacht, daß etwa 100 Eintrittskarten mehr verkauft werden können. iimiiiiiifHiimiiimiHimiiiiiimiiiiiiiMHiimiiiimimtiiHiiuiiimjimiiiiiiimiiiiiiiiiiiitiiimmiiiMimiiiiiiiiiimiimimiiiiim füllen begann, da mußte es jedem denkenden Menschen klar gewesen sein, daß es nicht bei der Ausrottung der deutschen Juden feleiben würde, sondern daß es gegen die Juden Europas ging. Es gab Menschen, die vom Jahre 1933 an nichts unversucht ließen, um der Welt das wahre Gesicht des Nationalsozialismus zu zeigen. Diese Menschen kämpften nicht nur für die Juden, sie zeigten nicht nur, welch großer Gefahr die Juden Deutschlands aüsgesetzt waren, sondern sie kämpften für Deutschland, sie kämpften für Europa und für die ganze Welt, denn sie sahen, was kommen würde, sie sahen klar, daß der Nationalsozialismus vor nichts zurückschrecken würde, sie waren von vornherein, überzeugt davon, daß Hitler alles, was er in seinem Buch „Mein Kampf” niedergelegt hatte, auch zur Ausführung feringen würde. , Die intellektuelle jüdische und deutsche Emigration bemühte sich vom Jahre 1933 an, der Welt Beweise für die damals schon begonnenen Greuel zu erbringen. Es erschienen in der ganzen Welt Zeitungen, zum Teil recht gute, es wurden Bücher von prominenten Emigranten veröffentlicht, die Aufsehen erregten. Es erschien ein Buch, „Braunbuch” genannt, dessen Inhalt 'sich zusammensetzte aus Nachweisen von Greuel. Es wurden von diesen Nachrichten allen ausläiidischen Stellen Dokumente und Fotografien vorgelegt, durch die bewiesen wurde, mit welchen Grausamkeiten die .Nazis damals schon begonnen hatten. Nach der Saarabstimmung, die Hitler den ersten Prestigeerfolg brachte, begann die Emigration erneut zu warnen. Die Auswirkungen begannen damals schon sichern Ausland bemerkbar zu machen: Man entführte im Jahre 1935 den deutschen Journalisten Jakob aus der Schweiz. Die Welt begann aufzuhorchen., und man machte, Anstalten, Stellung zu nehmen. Es wurde von dem Zusammentreten eings Weltgerichtshofes gesprochen; der ist nie zusammengetret^n. Es kam der Einmarsch ins Rheinland. Die Emigration Wami te immer intensiver, ohne Gehör zu finden. Das deutsche Propaganda-Ministerium sah die Gefahr, die ihm durch die Aufklärungsarbeit der Emigration im Ausland drohte. Dr. Goebfeels erfand das Wort „Greuelmärchen”. Und es dauerte nur kurze Zeit, bis dieses Wort in Deutschland und in der ganzen Welt als Schlagwort benutzt wurde. Und von diesem Augenblick an half kein Beweis mehr, kein Dokument,- keilte Fotos verstümmelter Menschen, denen es gelang, aus den KZ.s zu entkommen, nichts mehr half, alles wurde als „Greuelmärchen” bezeichnet. ' Die Emigration wurde nicht müde. Bei jedem neuen Erfolg Hitlers zeigten sie, daß er, unbehindert aller Versprechungen, rücksichtslos den Weg ging, den er in seinem Buch vorgezeichnet hatte. Die Propagandatrommel des Dr. Goebbels war lauter als die Stimme der intellektuellen Emigration. Sie übertönte alles und erreichte, daß die Welt ihr glaubte. Wir kennen Fälle aus dem Jahre 1337, in denen ausländische Juden sogar die Garantiestellung für deutsche Juden nach Beratung mit öffentlichen Stellen ablehnten, weil ihnen gesagt wurde, es läge keine Gefahr für. Juden in Deutschland vor. Noch im Jahre 1938 ereigneten sich viele hunderte von Fällen, in denen Juden laus einer Reihe von Ländern nach Deutschland zurückgeschickt wurden, weil sie keine Einreiseerlaubnis hatten. Wir .wissen, welchen Weg diese Zurückgeschickten gehen mußten. Sie gehören zu den vielen Millionen toter Juden. Am 9. November 1938 begann die Weltöffentlichkeit aufzuhorchen. Für viele 100 000 Juden war es zu spät. Yersuche, sie jetzt noch den Klauen der Gestapo und SS zu entreißen, hatten nur in den allerwenigsten Fällen Erfolg. Es kam der Krieg, und mit diesem Krieg kam die Verschärfung des Vorgehens gegen die Juden. Mit diesem Krieg war das Schicksal der Juden Europas besiegelt. Aus hunderttausenden von Opfern wurden Millionen. Wir grollen nicht verkennen, daß es- Länder gab, die schon 1933 feegriffen hatten, daß sie ihre Tore öffnen müßten, und sie. ließen diese Tore offen, solange sie noch eine Unterkunftsmöglichkeit für die vielen Obdachlosen hatten. Wir wollen aber daran erinnern* daß viele, vielg andere Länder ihre Tore entweder hermetisch verschlossen hatten, oder ihren Einreisebestimmungen eine Schärfe verliehen, die schon aus finanziellen Gründen vom größten Teil der Juden nicht erfüllt werden konnten. Wir wissen, daß die Welt vom Jahre 1944 an begann, einzusehen* daß sie eine große Schuld auf sich geladen hat, dadurch, daß sie Menschen in dieser unbeschreiblichen Gefahr nicht geholfen hat. Wir wissen, daß der Wiedergutmachungswille, soweit von einer materiellen Wiedergutmachung überhaupt gesprochen werden kann, in der Welt besteht. Wir glaubten aber, daß das Gewissen der Welt so stark sei, daß es unmittelbar nach der Niederringung des Nationalsozialismus auf die Lösung der Judenfrage drängen wird. Wir wollen nicht mißverstanden werden, — wir wissen, daß das Verhalten der Welt in der Zeit von 1933—1939 nicht auf Böswilligkeit zurückzuführen war, wir wissen, daß sie es einfach nicht für möglich gehalten hat, daß ein Land, ein Volk, derartiger Bestialitäten fähig sei. Soll das aber ein Grund dafür sein, heute einfach über die 'Judenfrage hinweg zur Tagesordnung überzugehen? Wir Juden in Deutschland erleben es immer und immer wieder, daß besonders auch von Angehörigen der großen demokratischen Völker, der Standpunkt vertreten wird, daß der Erziehung des deutschen Volkes zu einem demokratischen Volk vorausgesetzt wird, daß, getreu den Grundsätzen ihres Landes, allen Volksteileri, auch den Juden, gleiche Be-