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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1946-12-10 · 17 (10.12.1946) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
17 (10.12.1946)
Date
1946-12-10
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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KULTUR THEODOR WOLFF’S SCHICKSAL Wir hatten dieser Tage Gelegenheit, uns mit Herrn Renner, dem Sozialminister für Nordrhein-Westfalen,- zu unterhalten und kamen auf Theodor Wölff zu sprechen. Herr Renner ist einer der wenigen, die mit Theodor Wolff noch zusammen waren, kurz bevor er aus der Oeffentlichkeit verschwand. In der Nacht vom 1. zum 2. Juli 1943 wurde in Paris ein Sammeltransport zusammengestellt, der durch die Gestapo nach Deutschland abgeschoben wurde. Der Sozialminister Heinz Renner befand sich in demselben- Abteil mit Theodor Wolff. Theodor Wolff war damals schon , fast ganz erblindet. Auf der Fahrt von Paris nach Deutschland sprach dieser Mann, dem wir früher so' gerne Zuhörten, kaum ein Wort. Er wurde unterwegs des öfteren von der Begleitmannschaft mißhandelt. ■ < .- Der Transport kam auf dem -Bahnhof in Trier an und mußte dort den Zug verlassen. Ein mitgefangener Niehtjude wollte dem alten, beinahe blinden Theodor Wolff seinen Koffer iiMiiiiiHminmiHiiMiiiiiiniiimiiiniiiiiiHHmimiimmiiuimmiMHinnmimiHMniiHiiiiiiiimuimniHmiMiiiimiHjHuimtn Wer war in Frankreich? Leidensgenossen, die mit mir im Gefängnis Saint Pons ' (Herauld) oder in den Kompanien 311, 317, 318; 321 T.E.P. waren, oder auf ihrer Flucht zur Schweizer Grenze bei mir angelaufen sind, werden gebeten, mir ihre Anschrift ^sofort mitzuteilen. Kriminalrat. G. A. Lehnert Leiter der Kriminalpolizei R. B. Düsseldorf, Polizeipräsidium iiiiuiimiiiHniiiiiiiiiiiiiiiiiiiijiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii'miiiiuiiimiHimiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiimiiiiiiimiiriiuiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiii abnehmen, einen kleinen Koffer, in dem sich sein letztes Hab und Gut befand. Er rechnete dabei aber nicht mit der „Heldenhaften Tat” emes Trierer Bürgers, der ihm unter Mithilfe eines Transportbegleiters den Koffer aus der Hand schlug, mit der Bemerkung: „Der Jude soll seinen Koffer selbst tragen!”. . - Die Oeffentlichkeit hat über Theodor Wolff, über den Mahn, der in der ganzen Welt als d e r Journalist mit dem 6. Sinn bezeichnet wurde, nichts mehr gehört. Theodor Wolff ist den Weg gegangen, den viele Millionen gegangen sind. Der Geist Theodor Wolffs lebt, und er soll vor allen Dingen leben in dem Nachwuchs des Journalismus, der sich ein Beispiel an ihm —■ nur an ihm nehmen soll: Aufrichtigkeit — Gradheit — Voraussicht — wirkliche Intelligenz —■ gefühlsmäßiges Empfinden und starke Energie. Das waren die Dinge, die Theodor Wolff verkörpert hat,. Theodor Wolff, der größte deutsch-jüdische Journalist 'dieses Jahrhunderts. Viele hunderttausend überlebende Freunde des Berliner Tageblattes fragen seit Jahren vergebens nach dem Verbleib Theodor Wolff’s, und wir glauben, daß selbst Angehörige von ihm seine Spur nur bis Paris verfolgen konnten. Wir freuen uns, daß der Zufall es wollte, daß der Minister Heinz Renner, ein -Üeberlebender, uns von Theodor Wolff erzählen konnte, und es war uns, als wäre uns noch einmal die Freude vergönnt gewesen, uns mit ihm selbst zu unterhalten. Interessante Ausstellung jüdischer Künstler in Paris Ueber 30 jüdische Künstler stelllten im Saal der vereinigten jüdischen Gesellschaften in Frankreich ihre Werke aus. Die jüdische Künstlerfamilie in Frankreich hat bewiesen, daß ihre Tätigkeit bei weitem größer ist,, als wir es glaubten. So schildert ein Besucher der Ausstellung: Wir sehen die prächtigen Kunstwerke, von dem ein Teil uns äußerst interessante jüdische Typen zeigt. So sehen wir dort das Porträt von Afoerdam, das das ewige Suchen und Streben zum Ausdruck bringt. — Dann schreibt „Unser Wort” über Zeichnungen von Adelens, in denen viel Gefühl und richtige Farbenanwendung zu finden ist. Autscher und Arbit Blaters bringen den gesunden und angeborenen Optimismus Zum Ausdruck. Die Blumen dös Malers Blands gefallen den Kritikern sehr wegen ihres zarten un.d gefühlvollen Aussehens. Sehr interessant ist der Kinderkopf : von Dobrinski. Wie „Unser Wort” sagt, kann diesen Ausdruck der Kunst nur der verleihen, dem der Geist des Kindes nicht unbekannt ist. Auf dieser Ausstellung wurden weitere Zeichnungen von Granowski, Patinski und Fraenkel gezeigt. : ' R IIIIIIIIIUlHIIIIMIIIMIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIllllilllllllllllllilllllHIIIIIIIIIIIIIIIIIIllilllllllltlllllllllllllllllllillllllllllllllilllllllllllllllllllll Gesucht wird: Josef Oesterreich, geb. 27. 1. 76 zu Düren. Vorgenannter hat sich am 28. 6. 1939 von seinem Wohnort in Hamm-Westf. nach Köln abgemeldet, ist aber dort nie angemeldet. Da von ihm jegliche Spur und Lebenszeichen fehlen, wird angenommen, daß er auf seiner Flucht verhaftet und in ein KZ. gebracht. wurde. Etwaige Angaben sind zu richten an: Oberregierungsrat Boel Li n g, Sonderbetreuungsstelle beim Regierungspräsidenten Düsseldorf. LUDWIG MISCH: JUDISCHERANTEIL AN DEß DEUTSCHEN KULTUR Felix Mendelssohn-Bartholdy (3. 2. 1809—4. 11. 1847). „Leise zieht durch mein Gemüt liebliches Geläute . . .”, Verse von Heinrich Heine, in Musik gesetzt von Felix Mendelssohn — das war; bevor Deutschland dem Rassenwahnsinn verfiel, ein deutsches Lied, so populär, daß es in den Liederbüchern der Schulen seinen Platz hatte. Eichendorffs Gedicht „O Täler weit, o Höhen” in Mendelssohns Komposition gehörte zum festen Repertoire der Schulchnre, und mit den Strophen des Mendelssohnschen „Comitats” pflegte die Schuljugend feierlich den aus ihrer Mitte Entlassenen „auf den Abschied das Geleite” zu geben. Die deutschen Männergesangvereine wurden nicht müde, Mendelssohns Chorlied „Wer hat dich, du schöner Wald” zu üben und vorzutragen, die „Lieder ohne Worte” waren wohl in jedem Hause, in dem Klavier gespielt wurde, zu finden. Welcher Sänger hätte sich so kostbare und wirkungssichere Lieder wie „Auf Flügeln-des Gesanges” (Heine) oder „Wenn durch die Piazetta die Abendluft weht” entgehen” lassen? Und „Es ist bestimmt in Gottes Rat” vollends sprach so wehmutsvolltröstlich zu aller Herzen, daß es Leidtragenden in der bitteren Stunde des letzten Abschieds immer wieder ziim Balsam wurde. Wenn diese herausgegriffenen Beispiele Mendelssohnscher Kunst auch nur Tonsätze im Miniaturformat bezeichnen, so' genügen sie doch, die echte Popularität des Meisters zu bezeugen, die Auswirkungen seines Genies bis in die breitesten Schichten des Volkes, in dessen Mitte er lebte und schuf, ermessen zu lassen. Die Volkstümlichkeit, die der Jude Felix Mendelssohn als Tondichter in Deutschland gewann, beweist noch zwingender als sein Hamburger Geburtsschein, seine Entwicklung und Lebensarbeit im deutschen Kulturkreis" als alle stilkundlichen Untersuchungen seiner Musik es vermöchten, seine künstlerische Heimat, musikalische „Nationalität” und Muttersprache:' der Enkel Moses Mendelssohns, des Vorkämpfers der Judenemanzipation, wufchs als Sohn eines weitgehend „assimilierten”, in der deutschen Umwelt hochangesehenen Finanzmannes in weitbürgerlicher Kultur und in den großen Traditionen der deutschen Musik auf, um zu einem Meister der deutschen Musik heranzureifen und als „deutscher Romantiker” zu internationaler und übernationaler Geltung emporzusteigen. Er ist aus der Geschichte der deutschen Musik — sofern sie nicht1’eine böswillige Verfälschung erfährt — ebensowenig „wegzudenken’^ wie etwa Heinrich Heine aus der deutschen'Literatur. Selbst ein Schriftsteller, der sich in der Nazizeit liebedienerisch bemüßigt fühlte, Mendelssohn zum „fremden Hospitanten der deutschen Musikromantik” zu stempeln, mußte im gleichen Satz gewunden zugestehen, daß der Meister „auf diese einen für jene Zeit kennzeichnenden, weitgehenden Einfluß ausgeübt”, hat. Und zwar „in seinen Hauptwerken’’. Denn die Absicht, „Schule zu machen”, lag Mendelssohn fern, es sei denn in dem allgemeinen Sinne, daß er als Leiter und-Lehrer des auf seine Initiative gegründeten Leipziger Konservatoriums auf „die Erhaltung echten Kunst-

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